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Girls Day mit Trutsche 2006

von Angelika Petrich-Hornetz

Sumpf-DotterblumeNun hat also die beliebte Tagesschau-Sprecherin, Eva Herman, im Magazin "Cicero" ein paar erstaunliche Weisheiten zum Besten zu geben - in einem Artikel mit einem raunenden Titel, der nur Böses ahnen lässt: "Die Emanzipation - ein Irrtum?" Erstaunliches erfahren wir dort, zum Beispiel, Zitat "Es ist die Frau, die in der Wahrnehmung ihres Schöpfungsauftrages die Familie zusammenhalten kann", und die Frau sei, Zitat: "der empfindsamere, mitfühlende, reinere und mütterliche Teil" sowie, Zitat: "Es ist selbstverständlich, dass Frauen etwas lernen, dass sie sich weiterbilden und Aufgaben auch außerhalb der Familie übernehmen, wenn sie das Talent dafür haben. Doch all das sollte in Maßen geschehen."

Einmal abgesehen davon, ob es den Tatsachen entspricht, dass Männer angeblich weniger "rein" - was immer das auch bedeuten soll - und weniger mitfühlend seien, und diese Litanei in dem oben zitierten Ton endlos fortgesetzt wird, wird nun auch dem Letzten deutlich, was Günter Grass eigentlich damit meinte, als er kürzlich die Qualität des gegenwärtig vorherrschenden Journalismus anzweifelte - die Entwicklung der letzten Wochen holte ihn nur noch mehr ein. Denn eigentlich hätten wir es seit Schirrmachers Ergüssen längst ahnen müssen, das uns irgendwann auch noch die dazu passenden weiblichen Mutter-ist-die-Beste-Predigerinnen nicht erspart bleiben werden.

Und als erst vor ein paar Wochen die Gattin von Obersozi Oskar Lafontaine der überraschten Lea Rosh in einer Maischberger-Talkshow beschied, dass Frauen ohne eigene Kinder nicht glücklich sein könnten, weil das Kinder-Kriegen nun einmal in ihrer Natur läge, war das ungefähr so durchdacht, wie einem Mann, der lieber Fahrrad als ein Auto fährt, vorzuhalten, seine Fahrpraxis sei nicht männlich genug. Nur weil man Auto fahren kann, muss man es ja nicht unbedingt praktizieren. Ob Fahrradfahrer deshalb unglücklicher sind? Blödsinn. Im Ausland lacht man sich über die deutschen Belehrungen durch Laien-Mütter und -Väter bereits kringelig - immerhin können Schirrmacher, Müller und Hermann bisher jeweils nur einen Alibi-Sohn vorweisen. So etwas würde woanders wahrscheinlich nicht einmal fünf Minuten Sendezeit bekommen.

Im kinderloser werdenden Deutschland dagegen ist das Philosophieren über Mütter und Frauen zur Zeit wieder sehr stark gefragt. An Müttern und Frauen herumzudoktern ist gewöhnlich mit wenig Risiko behaftet. Das Thema bringt dafür garantierte Quoten und Auflagen, und es wird ausgerechnet bevorzugt von prominenten Ein-Kind-Eltern beackert, deren Horizont über die möglichen Familien- und Lebensformen in der Bundesrepublik Deutschland genauso weit zu gehen scheint, wie sie von sich selbst auf andere schließen können.

Die meisten normalen Eltern aus Ein-Kind-Familien, die mit etwas weniger VIP-Faktor, dafür mit gesundem Menschenverstand ausgestattet sind, kommen gar nicht erst auf die Idee, ihr einziges Kind zum Anlass zu nehmen, einen der beiden Partner vorwiegend an den Herd zu setzen oder gar gleich die Emanzipation komplett in Zweifel zu ziehen. Das "passiert" offenbar nur Menschen mit sehr großem Sendeauftrag und dafür erstaunlich kleinkarierten Sichtweisen. Die Folge: Sie bekommen einfach zuviel Sendezeit und damit eine unverhältnismäßig große Öffentlichkeit - diese kleinen, sehr persönlichen und damit eher lächerlichen Vorstellungen vom Leben.

Im Ausland belächelt man deshalb wohl auch nicht zum letzten Mal die Ideen zur hehren, deutschen Mutter am Herd, weil man dort aus bequemen Abstand beobachten kann, wie sich die deutsche Familienpolitik dank soviel edler Väter und Mütter einfach nicht von der Stelle bewegen kann. In anderen Ländern genießen Eltern und selbst Mütter wesentlich mehr Sozialprestige als hierzulande, und das obwohl, beziehungsweise gerade weil ihre Rolle dort sehr weit ausgelegt wird. Das eine Ideal gibt's nicht - außer in Deutschland.

Und dieses Ideal geht inzwischen so weit, dass junge Leute diese alten Promi-Eltern, die es zwischen 40 und 50 Jahren, mit Ach und Krach endlich auf ein Kind gebracht haben, als einen der inzwischen mannigfach vorhandenen Gründe nennen, die Lust auf eigene Kinder langsam zu verlieren, weil sie ihnen schon vorab ständig reinreden - wie sie richtig oder falsch erziehen, wie sie richtig oder falsch leben.
Denn soviel ist klar: Auch diese Promi-Einkindfamilien sorgen mit ihren unerträglicher werdenden Lebensführungs- und Erziehungs-Kochrezepten sowie Familien-Bevormundungs-Ergüssen in Dauerberieselung für zunehmende Unlustigkeit. Das kann man unschwer in vielen Blogs und Foren selbst nachlesen. Inzwischen gibt es glücklicherweise zu den üblich verdächtigen Medien für die breitere Öffentlichkeit Mittel und Wege, auch ihre Meinungen und Realitäten zu dokumentieren. Die sieht nicht selten ganz anders aus, als die romantisierte Mütter-Herrlichkeit führender Medien, an der sich, das bleibe nicht unerwähnt, glücklicherweise nicht alle im gleichen Maße beteiligen. Doch für viele ist die Aussicht auf gute Quoten eben doch zu verlockend, und so kommt man gegenwärtig nicht daran vorbei, sich mit dem dargebotenen Gesülze auseinandersetzen zu müssen. Im Ergebnis lehnt in schönster Regelmäßigkeit ein Großteil der Öffentlichkeit die Besserwisserei als solche und Bevormundung in Erziehungs- und Lebensgestaltungsfragen im Besonderen schlicht ab - trotz noch so viel Medienpräsenz.

Von einer dreifachen Mutter, die wirklich am Herd steht, ist Frau Herman indes noch ganze zwei Kinder zu wenig, einen gut dotierten Job und drei Ehen zuviel entfernt, bevor sie auf Augenhöhe mitreden kann. Das hielt sie aber nicht davon ab, in Unkenntnis sämtlicher Fakten, die Emanzipation als solche in Frage zu stellen, und das rechtzeitig zum Girls Day 2006, dem Tag im Jahr, an dem Mädchen eigentlich die technischen Berufe schmackhafter als der Herd gemacht werden sollten. Um einen Experten-Beitrag zum Event "Girls Day" kann es sich also nicht handeln.

Ausgerechnet zu diesem Datum müssen irgendwelche persönlichen Eindrücke von Kindern mit Defiziten im Vorschulalter erscheinen, die angeblich zu wenig "bemuttert" würden. Ausgerechnet heute hielt Herman es für angebracht, von Frauen zu schwafeln, die ihr berufliches Engagement bitteschön nur in Maßen betreiben sollten, deren Aufgabe im Familenzusammehalt bestünde und die alle durch die Bank weg angeblich eine starke Schulter zum Anlehnen suchten. Einen schlechteren Anlass als den Girls Day hat sie sich dafür nicht aussuchen können. Dieser hält die selbst ernannte Ehe-Expertin auch nicht davon ab, Frauen zu belehren, was „die“ Männer wünschen. Emanzen indessen, so werden wir unterrichtet, würden nach Hermann meistens keine Kinder, geschweige denn von Männern Kenntnis haben, ebenso aus Mangel an vorhandenen Exemplaren - meint sie. Fehlt eigentlich lediglich noch die Häme, die früher üblicherweise von zumeist älteren Herren über Frauenrechtlerinnen gekippt wurde: "Zu hässlich, um einen Mann abgekriegt zu haben"

Dass diese angedichteten Eigenschaften keineswegs der Realität entsprechen, kann man nicht nur an bildhübschen "Emanzen" unschwer erkennen, sondern auch dem Beitrag einer Diskussionsteilnehmerin entnehmen, die im Forum von Spiegel-Online schrieb, Zitat: "Ich lebe als "karrieregeile Emanze" in einer glücklichen Familie mit 2 kleinen Kindern und ich bereue weder, noch bin ich überfordert", Zitatende. Ohlala, gut gekontert, und selbst, was die unter der Emanzipation schwer leidende Geburtenrate betrifft, steht diese Frau auch noch wesentlich besser da als Herman. Das kann doch nicht sein, oder? Dass es nicht nur sein kann, beweist der Alltag von Familien, Frauen und Müttern, die fernab oder zum Trotz von solchen Familienpropheten wie Schirrmacher, Lafontaine-Müller und Herman stattfinden, und es sind nicht wenige.

Es scheint daher wohl nun angebracht, am Ball zu bleiben und sich von den Mütter-Verklärern nicht beirren zu lassen sondern lieber den Girls Day zu begehen: So kann man gerade in den IT-Berufen temporäre Engpässe in der Kinderbetreuung mit Laptop und Internetanschluss bewältigen, ganz im Sinne der Vereinbarkeit von Familie und Beruf - die elektrische Leitung als Gegensatz zur altbackenen "Blut-ist-dicker-als-Wasser-Hausmütterchen-These" eines Frank Schirrmachers.

Insofern hat der jüngste Familienbericht der Bundesregierung schon Recht: Familie lebt, nur ganz anders, als uns die Ergüsse sendungsbewusster Fach-Promis für Familie, Funk und Fernsehen momentan weismachen wollen. Emanzipieren wir uns am Girls Day 2006 endlich von sumpfigen Familiengrab-Vorstellungen, damit die Zukunft von Mädchen und Jungen nicht verbaut wird, die Emanzipation meistens schlicht als das begreifen was sie ist und auch immer in aller Bescheidenheit und Sachlichkeit nur sein wollte, nämlich nicht mehr, aber auch nicht weniger als die Möglichkeit selbst wählen zu können, wie sie leben, arbeiten und ihr Kinder großziehen wollen - in der Hoffnung, dass uns ein Girls Day mit Trutsche wenigstens im Jahr 2007 erspart bleibt.

2006-04-17 by Angelika Petrich-Hornetz
Text: © Angelika Petrich-Hornetz
Foto: © Cornelia Schaible

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