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Junges Gemüse

Über sinnige bis seltsame Bezeichnungen für junge Leute

von Angelika Petrich-Hornetz

DillFür Kinder und Jugendliche gibt es eine ganze Reihe Synonyme. Manche sind in Vergessenheit geraten, einige noch heute geläufig und andere klingen inzwischen eher wie ein Ulk aus längst vergangenen Zeiten. Eines der bekannteren Bezeichnungen dürfte noch Junges Gemüse sein. Der Zusammenhang ist eindeutig: Noch nicht ausgewachsene, unreife Pflanzen, in zartem Grün und auch noch nicht ganz fest verwurzelt - das passt als Bezeichnung für Halbwüchsige, auch so ein Wort, also, für Menschen, die noch nicht ganz (erwachsen) und noch nicht ganz groß geworden sind. Man muss ihnen daher Zeit zum wachsen lassen. Eine Erfordernis, die so manchem bereits Erwachsenen beim Blick auf das Benehmen des Nachwuchses manchmal zu entfallen droht.

Ich hol' noch mal' schnell die Möhren ab!, rief mir eine Freundin auf dem Fahrrad zu, mit der ich am frühen Nachmittag verabredet war. Sie meinte damit keineswegs eine leckere, vitaminreiche Beilage zum Mittagessen, sondern ihre Kinder. Möhren dürfte man direkt vom jüngen Gemüse ableiten können. Zumal die Möhren gezogen werden, was ein ganz entfernt an erziehen erinnern könnte, aber so ganz klar ist das auch nicht. Dagegen besteht ein anderer Zusammenhang, schließlich schmecken Möhren süß und sind daher als erster Gemüsebrei für ganz kleine Kinder sehr beliebt. Ähnlich, nämlich gar nicht so bekannt, verhält es sich mit dem Kosewort Mücke für Kinder, meist kleine Mädchen. Einerseits sind Kinder jung und noch unreif, andererseits sind sie leichter, in jeder Beziehung, auch ganz schlicht, was ihr Gewicht betrifft. So passt die Bezeichnung Mücke für ein Kleinstlebewesen, das manchmal äußerst lästig werden kann - gerade, wenn es ständig (um einen herum-)summt - ganz vorzüglich, denn auch das (veraltete) Püppchen sabbelt gern unstet und ohne Unterbrechung in seine Umgebung hinein. Das weitesgehend geschlechtsneutrale Früchtchen impliziert ebenfalls eine gewisse vorlaute Frechheit, gepaart mit einer sichtbar noch grünen und damit vorhandener Unreife.

Der Backfisch für einen weiblichen Teenager geriet dagegen etwas in Vergessenheit. Wobei mit dem ebenso wie Backfisch (backfish) aus dem Englischen stammenden Teenager wortwörtlich jemand im Alter zwischen 13 und 19 gemeint ist, weil die Zahlen auf - teen (zehn) enden. Dagegen ist alles ab zwanzig Jahren dann ein Twen - abgekürzt für twenty-something. Man verbindet mit Backfisch das letzte Jahrhundert und damit die älteren unter uns wohl eher die Erinnerung an eine Jungend in den die fünfziger oder sechziger Jahren mit Petticoats, den Beatles oder Hanni und Nanni und Nesthäkchen. Der berühmteste Backfisch-Roman war jedoch der Trotzkopf von Emmy von Rhoden, 1885 erschienen. Ersetzt wurde der Backfisch nach dem Milleniumswechsel durch das Girlie. Auch so eine Bezeichnung für das noch mehr veraltetere Fräulein, das (auch nur) eine unverheiratete junge Frau unter oder über 21 Jahren meinen konnte, denn bis 1974 wurde man in Deutschland erst mit 21 Jahren volljährig. Der Anglizismus Girlie klingt in unseren Ohren weniger altbacken. Und was altbacken bedeutet, kann sich jeder denken, der schon einmal ein Brötchen vom Vortag gegessen hat. Aber was bedeutet Backfisch? Damit waren junge, zu kleine Fische gemeint, die den Fischern ins Netz gerieten und die wieder - über die Backbordseite - ins Wasser gesetzt wurden. Ging das nicht, wurden sie (in Teig) gebacken - zum Braten waren sie zu klein.

Dagegen ist der Pimpf männlich - aber jünger. In der Regel ist damit ein kleiner Junge, ein Knabe gemeint, noch lange vor dem Stimmwechsel. Die Bedeutung der Bezeichnung ist ernüchternd, wurde jedoch zügig verniedlicht und dann eher scherzthaft gebraucht: Etmymologisch soll Pimpf kleiner Furz oder Fürzchen heißen, was von der Verniedlichung Pümpflein abstammt. Gleichzeitig wird der Zwirbel am Ende der Gitarrensaiten als Pimpf bezeichnet, manchmal auch als Knopf und Knöpfchen - ebenfalls eine Bezeichnung für kleine Kinder, das Knöpfchen auch für Mädchen. Seitdem der kleine Furz einst in der Hierachie der Hitlerjugend verankert wurde, wird er in Deutschland kaum noch verwendet. Wenn kleine Jungen heute überhaupt noch besondere Bezeichnungen erhalten, dann eher als der Knirps, der Milchbubi, der Dreikäsehoch, der Bengel, das Freundchen, der Frechdachs und die Rotznase - die alle etwas unterschiedliche Eigenschaften der so Bezeichneten hervorheben. Wird mit dem Naseweis und mit dem Frechdachs eine - vor allem die Erwachsenenwelt - störende neugierige Frechheit kleiner Jungen verbunden, wirkt der Rotzlöffel durchaus älter, altklug und noch respektloser, fast wie eine Steigerungsform der Vorangegangenen störend auf die ihn umgebenden Erwachsenen - bis hin zu einer unbelehrbaren, arroganten Dreistigkeit.

Auch der Schlauberger dürfte schon ein wenig älter als der kleinere Naseweis sein. Beide sind jedoch - ähnlich dem Rotzlöffel - kindliche bis jugendliche Besserwisser - denen natürlicherweise die Erfahrung ganz bis teilweise fehlt, die deshalb gar nicht mitreden könn(t)en, und es zum Ärger der Erwachsenen dennoch tun. Der Besserwisser ist also eher negativ besetzt - ein Schimpfwort, das als Naseweise und Schlauberger oder auch als Grünschnabel schon etwas positiver klingt. Letzterer schwätzt auch viel, ohne die entsprechende Erfahrung vorweisen zu können. Die Göre ist mindestens genauso frech wie alle anderen, häufig weiblich, bezeichnet aber auch schon im Singular und besonders im Plural geschlechtsneutral vorlaute, kleine Kinder. Berühmt wurden die Gören des Berliner Milieus durch den Zeichner Heinrich Zille. Im Rheinischen heißen die Gören dagegen Pänz oder Blagen, was dem Wort Plage sehr nahe zu kommen scheint, auch wenn es für die Herkunft viele unterschiedlichen Erklärungen gibt. Sicher ist, dass auch mit Blagen und Pänz vor allem das freche und (vor-)laute, junge Gemüse der jeweiligen Region gemeint ist.

Die Zimperliese ist dagegen inzwischen ähnlich veraltet wie der Backfisch und ist ein junges oder älteres Mädchen, das sich ziert, ständig Umstände bis hin zu notorischen Schwierigkeiten macht, ganz ähnlich der (Zimt-)Zicke. Wobei aus kleinen Zicken durchaus auch notorisch übellaunige Frauen erwachsen können, glücklicherweise ist das jedoch nicht die Regel.
Regulär zicken Mädchen und Jungen ab einem gewissen Alter sowieso gleichermaßen - was die Logik von Erwachsenen sehr strapazieren kann. Die chronologische Forsetzung eines Lebens als kleiner Schlauberger und Rotzlöffel ist nämlich der Flegel - ein pubertärer, meist männlicher Jugendlicher, der seine respektlose, ungehobelte Art, also, sein schlechts Benehmen mit nicht bis wenig vorhandenen Manieren erfolgreich durch die Kindheit rettete, was zweifelsohne vor allem für ihn selbst von Nachteil sein dürfte. Besonders dann, wenn es später darum geht, die Gunst der ehemaligen kleinen und nun etwas älteren Zicken zu erlangen. Denn die für beide Geschlechter gültigen Flegeljahre - die Pubertät - setzen bei Mädchen früher ein und hören auch eher wieder auf als bei den Jungen, was für weiteres Konfkliktpotenzial sorgt.

MöhrenUnd da sind wir schon am Ende der Kindheit und den Wortschöpfungen für ganz kleine Menschen angelangt - und damit in der Pubertät angekommen, mit all ihren Unwägbarkeiten und unberechenbaren Stimmungschwankungen, unter denen auch die Umwelt zu leiden hat und gegen die selbst die betroffenen, jungen Leute nicht immer Wesentliches ausrichten können - dazu an anderer Stelle mehr. Zunächst an alle Erwachsenen, die mit Gören, Dreikäsehochs, Girlies und Teenies gesegnet sind: Solange ihre Blagen erkennbar keine Anzeichen von echten Ganoven und penetranten Zimtzicken aufweisen, vertrauen Sie darauf, dass eines Tages aus allen, auch ihren Rotznasen gestandene Männer und aus den kapriziösesten Girlies kluge Frauen werden - auch wenn Sie sich das beim Anblick ihrer Ablegerinnen und Ableger derzeit noch überhaupt nicht vorstellen können. Und allen sei das tiefere Studium der Bezeichnungen für Kinder und Jugendliche empfohlen, denn es lehrt in amüsanter Weise zum Beispiel zwischen Laus- und Spitzbuben zu unterscheiden.


2010-01-01 Angelika Petrich-Hornetz
Text: © Angelika Petrich-Hornetz
Illustrationen: ©aph
Fotos Themenbanner: ©Cornelia Schaible, aph, Ines Kistenbrügger

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