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Frühlingsaussichten 2011

Wegweiser durch den Modedschungel der nächsten Saison

von Angelika Petrich-Hornetz

Der Schock saß: stilisierte Tigermuster in Rostrot auf Kamelbeige. Dazu ein roter gekrinkelter Rock bis übers Knie, eine Länge, die einen leichten Ansatz von Fußballwaden des sonst sehr schlanken Models unvorteilhaft zur Geltung brachte.

Der nächste Bekleidungsvorschlag auf dem Laufsteg betonte ein so genanntes gebärfreudiges Becken, das niemandem aufgefallen wäre, hätte der Designer das Model nicht in eine enganliegende, olivgrüne Shorts aus transparentem Stoff gepresst, in der sie wirkte, als hätte sie sich notdürftig mit einem Stück dünnen Karoffelsacks umwickelt, weil es nichts anderes gab. Darüber trug sie ein seltsames Top in angsteinflößenden dunkelblauen und weißen, wilden Streifen, das dem Gesamtbild tatsächlich sogar nicht einmal abträglich war: Es ist schon ein Kunststück, ein 50-Kilogramm-Model konsequent in ein schweres Pferd zu verwandeln.

Die Presse nannte die gedeckten Farben der New York Fashion Week "überraschend". Andere drückten sich weniger zurückhaltend aus. Es wirkt zumindest ein wenig unfreiwillig komisch, wenn sich gerade diejenigen, die es sich leisten können (sollten) herumlaufen, als hätten sie sich halbherzig aus dem Fundus einer Altkleidersammlung bedient.

Selbst im Ansatz als interessant zu erkennende Muster sahen lieblos zusammengeschustert aus - oder einfach gesagt: altbacken, zumal überall gemustert wurde. In der Kombination mit entsetzlichen Farben mag der Gesamteindruck wohl gedeckt sein. Auf dem Laufsteg wirkten die vorgeführten Modelle eher, als hätte jemand sämtliche Farben gemischt und wunderte sich anschließend, dass dabei immer wieder Braun herauskam.

Es folgten nude-farbene Rüschenblusen, schlecht siztende, weite Hosen, Achtziger-Jahre-Kleider in Olivgrün (schon wieder!), schlabbernde Minikleider, in dem die Models wie Mulche in Stofftüten aussahen. Überhaupt, ein guter Schnitt ließ sich kaum finden. Losgelöst vom Körper wurden Stoffe gewickelt, gerafft und gerüscht - an irgendwelchen Stellen. Der Gegentrend versprach indes klare Linien, wenig Schnickschnack, schlichte, komfortable Schnitte, leichte Stoffe, leuchtende Farben, grafische Muster, einen Retro-Hauch aus den 20er, 30er oder späten 70er Jahren.

Der Eindruck zusammengewürfelter Farben und Formen setzte sich fort. Auch in London und Mailand konnte man sich nicht entscheiden, ob man es nun körperbetont haben wollte oder sich doch lieber hinter irgendetwas verstecken mochte. Soll dieses unentschlossene, herbstliche Einerlei etwa dem Lebensgefühl des Frühlings und Sommers 2011 Flügel verleihen? Das kann ja heiter werden. In London tanzte wenigstens Holly Fulton aus der Herbstfarben-Reihe. Schulterfreie, lange Kleider und Ethnomuster in Knallfarben setzten sich kreativ von der Masse ab. Maria Grachvogel und Mulberry blieben meist bei eher gedeckten Farben, aber punkteten mit perfekten Schnitten.

Glücklicherweise bestätigen also Ausnahmen die Regel. Im breiten Modeeinerlei, gab es auf der anderen Seite daher schon fast unglaubliche Lichtblicke, was daran lag, dass diese nun besonders stark hervortraten. So fanden sich im braun gemusterten Mus doch noch stylische Hingucker sowie farbenfrohe Lichter, die aus der nächsten Saison glücklicherweise etwas anderes als eine schnöde Forsetzung vom Herbst 2010 machen werden.

In New York leuchteten die Farben von Rachel Coney, Vera Cava und Peter Som, Boss Black passte sich ebenfalls nicht dem allgemeinen Drappier-Schnippel-Mix an, sondern präsentierte klassisch auf Kante. Mit viel Applaus wurde auch Viktoria Beckham versehen, die sich wie leider nur wenige dem Einerlei ebenfalls schön und erfolgreich widersetzte und zeigte, dass sie selbst Trends setzten kann.

Die Abräumer in New York waren Diane von Furstenberg und ihr neuer Creative Director Yvan Mispeleare, die ihre Frühjahrskollektion "Goddess" nannten. Klingt zunächst ein bisschen abgedroschen, doch wer die textilen Traumwerke sieht, wird sich vorstellen können, warum man sich wahrscheinlich genauso darin fühlen wird: Frühlingsmode 2011 nichts zwickt in diesem Formen- , Farben- und Muster-Rausch, der sich gar nicht erst entscheidet, ob nun körperbetont oder nicht, sondern die Trägerin umschmeichelt ins Spotlight setzt. Diesen Widerspruch nennt man dann wohl Schneiderkunst.

In Mailand setzte sich die verrutschte und verhuschte Monotonie nur zum Teil fort. Dank bereits heruntergeschraubeter Erwartungen hätte man auch nichts anderes erwartet.
Doch auch hier gab es erfrischend eigensinnige Highlights, vor allem mehr Farbe. Prada sorgte für Furore, ein barocker Überschwang in scharfen Schnitten. Bei Marni liefen Fliegerinnen in Sandalen, kurzen Kleidern und Shorts über den Laufsteg. Fendi schaffte eine so frühlingshafte wie gewagte, zarte Flatterkollektion in gekonnten Farbkombinationen und mit wunderschönen Ärmeln. Akzente setzende Details wie Café-au-Lait-Flecken auf flotten Kleidern lassen die Vorfreude auf die nächste Saison deutlich wachsen.

In Paris verließ Sonia Rykiel so deutlich wie sonst kaum jemand in der Modehauptstadt den Herbstfarbentrampfelpfad und zeigte ersehnte Frische und, dass trendiges Over-Sized sehr wohl gut sitzen kann. In gewagten Farben, Schnitten und Details glänzte Louis Vuitton. Es besteht also doch wieder Anlass zur Hoffnung auf einen fröhlich-leichten Mode-Frühling und -Sommer 2011, auch wenn die Einkäufer mehr als sonst ins Grübeln geraten, was wirklich gekauft werden wird.


2010-10-01 Angelika Petrich-Hornetz
Text: © Angelika Petrich-Hornetz
Fotos Themenbanner: ©aph
Illustrationen: ©Angelika Petrich-Hornetz

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