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Bücher (nicht nur unterm Weihnachtsbaum)

gute-freunde-boese-freunde - leben im web

Ein Buch wider der wachsenden Kluft zwischen den Digital Natives und ihren Erwachsenen
Herausgegeben und geschrieben von Elke Reichart und weiteren Autoren
Buchbesprechung von Angelika Petrich-Hornetz u.a.

Im Klappentext von "gute-freunde-boese-freunde" ist das Ziel klar formuliert: Es geht dem Buch von Elke Reichart darum, die wachsende Kluft zwischen den so genannten "Digital Natives", den gegenwärtigen Kindern und Jugendlichen, die zu neunzig Prozent der Online-Community angehören, und "ihren" Erwachsenen zu verringern, also in der Regel Eltern und Lehrern, die dem Treiben dieser "Generation Internet" oft verständnislos gegenüberstehen. Und das, sei schon einmal vorweggenommen, dürfte diesem an und für sich leicht lesbaren und äußerst informativen, 2011 im Deutschen Taschenbuch Verlag (DTV) erschienen Ratgeber auch gelungen sein.

Das Buch erweist sich als wahre Fundgrube unterschiedlichster, aber gleichzeitig interessanter Beiträge mehrerer Autoren - i.d.R. entweder der Kategorie "Digital Native" oder "Internet-Experte" angehörend - , die ihre Sicht der Dinge, die da im Netz geschehen, schildern, von denen manche Eltern und Lehrer wenig bis gar keine Ahnung haben. Deshalb stehen "die Erwachsenen" dementsprechend häufig ratlos vor dem Jugendzimmer, in dem heutzutage stundenlang online gespielt oder "gechattet" wird. Sie fragen sich - eine legitime Frage, wie dieses Buch bestätigt - was dort eigentlich genau stattfindet oder stattfinden könnte und ihrem Nachwuchs möglicherweise sogar schadete.

Auf den ersten Blick könnte man denken, es handelte sich um eine wahllose Aneinanderreihung von Beiträgen. Dem ist aber nicht so, sondern klug ausgewählt wird auch der ahnungsloseste Erwachsene geradezu sanft an die Netz-Welt, insbesondere in die der so genannten sozialen Netzwerke herangeführt und erhält durch die fortlaufende Lektüre einen informativen, genauso notwendigen wie aufschlussreichen Ein- und Überblick ins Geschehen, in das die Töchter und Söhne der digitalen Generation immer zeit-intensiver versinken.

Wir haben das Buch in zwei Generationen gelesen: Erwachsene zwischen 40 und 50 Jahren und Teenies zwischen elf bis zwölf Jahren, und das mit Absicht: Es melden sich inzwischen auch schon Zwölfjährige in Online-Communitys an. Also wollten wir wissen, was das Buch gerade diesen jungen Netz-Einsteigern und ihren Eltern bieten kann. Das ist - mit ein paar wenigen Abstrichen - doch eine ganze Menge guter Information und erhellender Aufklärung.

Das Buch beginnt mit einer Autorin, die in ihrem erfrischenden Beitrag mit Netz-Erfahrung und gelassener Distanz zum Geschehen in sozialen Netzwerken einen vernunftsbegabten Blickwinkel vermittelt, der vor allem den in diesen Dingen unerfahrenen (erwachsenen) Leser schon einmal im Vorwege beruhigt, aber genauso dazu ermuntert, sowohl die eigene kritische Distanz als auch die Gelassenheit zu bewahren. Dieser wirklich gute Rat setzt sich in den weiteren Beiträgen fort, wobei fortlaufend immer mehr wichtige Details geliefert werden, zum Beispiel, dass ein Großteil der Zeit in dem bekanntesten sozialen Netzwerk dafür aufgewendet wird, um zu sehen und zu lesen, was die anderen dort treiben, also schreiben, berichten, erzählen, tratschen, posten, hochladen. Das war zwar auch schon zu Zeiten von Newsgroups oder E-Mail ähnlich, jedoch der Grad der Selbstdarstellung über den reinen Informationswert hinaus, ist, seitdem zum Beispiel eigene Videos ins Netz geladen oder ständig Rankings erstellt werden können, inzwischen immens gestiegen. Und, so erfährt der Leser, in einer schlecht umgesetzten Imagepflege lauere u.a. auch eine der Gefahren.

Dass soziale Netzwerke zweifelsfrei nicht ausschließlich Nachteile haben, sondern, ganz im Gegenteil, auch einen Nutzen oder persönlichen Gewinn bringen können, jedenfalls für diejenigen, die klug, das heißt auch mit der gegebenen Vorsicht, mit diesen umzugehen wissen - darauf weist u.a der zweite Beitrag hin, nicht ohne auch auf die knallharten Themen wie Datenschutz hinzuweisen. Außerdem erteilt der Autor, wie auch die anderen, noch mehr netz-alltagstauglichen Rat und listet auf, was man im Netz tun sollte, kann und was man tunlichst unterlassen sollte, wenn man innerhalb und außerhalb von Online-Communitys seines Lebens froh werden möchte. Keinen Zweifel lässt der Autor jedoch daran, dass komplette Netz-Abstinenz inzwischen keine Lösung mehr ist, weil derjenige, der sich nicht selbst aktiv ins Netz stellt, schlicht von anderen dort (dar-) gestellt wird, womöglich mit unangenehmen Folgen.

Nicht nur überaus wichtige, die "unerfahrene Eltern und Lehrer" der jugendlichen Netzgeneration aufklärende, sondern auch erheiternde Details lockern das Buch auf. So erfährt auch der weniger netzaffine Leser, das der frühere Google-Manager Eric Schmidt im August 2010 in einem Interview allen Ernstes vorschlug, man sollte Jugendlichen mit Erreichen der Volljährigkeit die Möglichkeit eines Identitätswechsels unter einem ganz neuen Namen geben, damit nicht gleich ihr ganzes Leben durch den Imageschaden ihrer bis dato im Internet begangenen Missetaten gänzlich ruiniert werde.

Zur Vermeidung eines solchen Imageschadens, gibt das Buch, im Vorwege gelesen, in seinen vielen Beiträgen durchgehend praktikable Hinweise und deshalb sollte es auch komplett gelesen werden. Am Ende hat man ein rundes Bild, eine fundierte Ahnung davon, wie man einigermaßen gut davon- und recht gut durchkommt und wie man es detailliert anstellt, dass die Vorteile des Netz-Lebens überwiegen. Damit vermittelt das Buch Medienkompetenz, die auch im Buch, immer wieder an unterschiedlichen Stellen als in der Gegenwart unvermeidliches Pflichtfach eingefordert wird, von den (jungen) Nutzern selbst, von Eltern und Lehrern, als Unterrichtsfach in Schulen und anderswo. Genauso werden die Folgen mangelnder Medienkompetenz dem Leser immer wieder vor Augen geführt, sowohl durch Betroffene als auch von Experten.

Dafür wird zum Beispiel die Geschichte eines Zwillings-Brüderpaares erzählt, das durch die ganze Pubertät hindurch gleich jahrelang im Netz verschwand und es bei Online-Spiel-Wettkämpfen im Mehrspielermodus, so genanntem E-Sport, zu beachtenswertem Erfolg brachte. Nur litt infolgedessen das ganz normale, analoge Leben ungemein. Offen berichten beide Brüder über diese Zeit, die eine Phase blieb - und was aus ihnen danach geworden ist, nämlich angehende Lehrer. Aber auch das Umfeld und Experten melden sich zu den Ereignissen dieses "Aufgesogenseins im Netz" zu Wort, so dass der Leser die Hintergründe und Folgen für alle Beteiligten leicht nachvollziehen - sowie eigene Schlüsse daraus ziehen kann.

Erwähnenswert wichtig sind in diesem Buch auch durchwegs alle Texte über Freundschaft, sowohl für den erwachsenen als auch den jugendlichen Leser, außerdem wird eine so erhellende wie unterhaltsame Studie mit Probanden geboten, die wochenlang auf Facebook verzichten mussten. Es folgen kluge Beiträge von Betroffenen und Experten zu den Themen Cybermobbing und Mediennutzung bis zur Mediensucht - inklusive Informationen für Eltern mit konkreten Hilfen, die durch eine nützliche Linkliste am Ende des Buches, nach den Kurzportraits der Autoren, abgerundet wird.

Die unterschiedlichen Schreibstile und Ansichten stören dabei überhaupt nicht, sondern geben das Bild eines "schreibenden Netzwerks"ab, das sich eigens zu diesem Thema zusammengefunden hat. Das Buch wirkt bis hierhin wie ein komplettes Info-Paket, eine Fundgrube des Wissens voller guter Hinweise und Anregungen zum Nachdenken. Dieses Netzwerk von Autoren bezweckt offensichtlich, mit den bereitgestellten Informationen, dass seine Leser mit Köpfchen und bewusst virtuell tätig werden. Diese Fortbildung in Buchformat ist für den erwachsenen Leser leicht lesbar und verständlich . Damit wird die angekündigte Zielgruppe bestens bedient.

Jedoch sind einige mit vielen Fremdwörter durchsetzten Texte für sehr junge Leser nicht ohne erwachsene Übersetzungshilfe zu verstehen. Aber gerade weil Zwölfjährige - häufig ahnungslos und damit wörtlich - ins Netz gehen, wäre es wünschenswert, der Verlag überlegte noch eine zweite Ausgabe dieses umfangreichen Wissensschatzes, umgeschrieben auf diese junge Zielgruppe. Die so genannten jungen Erwachsenen ab zwanzig aufwärts brauchen es dagegen wohl eher nicht mehr, fungieren sie doch gewöhnlich als die erfahrenste Nutzer-Gruppe sozialer Netzwerke. Aber für die nicht so Erfahrenen in allen Altersgruppen ist es eine wertvolle Informationssammlung, die ihnen nicht vorenthalten und möglichst schon vor dem Betreten einer Online-Community gelesen werden sollte. Deshalb unser Vorschlag, auch noch eine Ausgabe für 12-Jährige herauszubringen, damit diese auch ohne erwachsene Übersetzungs-Hilfe auf den Nutzen und auf die Gefahren des Lebens im Netz vorbereitet werden, denn dazu ist diese Buch wirklich gut geeignet.

Schnell wird dem Leser zum Beispiel deutlich, warum Online-Spiele so eine große Sogwirkung haben. Das hängt, so wird er aufgeklärt, u.a. mit dem Belohnungssystem dieser Spiele zusammen - für jeden, aber auch noch so kleinen Erfolg wird der Spieler belohnt. Ähnlich ist es mit der Aufmerksamkeit, die man in sozialen Netzwerken erfährt: Eine Reaktion gibt es immer. Im richtigen Leben gibt es weder ständige Belohnungen noch jedesmal eine Reaktion darauf, was zuvor gesagt bzw. geschrieben wurde. Auch "der nächste Level" lässt im echten Leben auf sich warten, ist nur mit Durchhaltevermögen und Geduld zu erreichen, frustrierende Rückschläge inklusive.

Die letzten Kapitel des Buches empfanden die Buchbesprecher als deutlich weniger interessant, vor allem der jüngere Teil der Rezensions-Gruppe. Der Einzug der digitalen Welt in das analoge Arbeitsleben in den Kapiteln über Coworking im Betahaus sowie über die Teehändlerin sind für jüngere Schüler vielleicht einfach noch zu weit weg, weil der Beruf an sich noch weit weg ist. Aber auch der Digital-Guide erntete wenig Interesse, und das am Ende ausgerufene "Mach dich unverzichtbar" überzeugte nicht. Auch die Älteren fragten nach dem Lesen dieser Beiträgen nach dem Bezug zum Titel, Thema und Ziel des Buches. Deutlich positiver wurde dann wieder das Kapitel "Freunde in der Not - Blogger berichten" bewertet, weil jeder Leser einen Bezug zu den Geschehnissen hatte, von denen man zumindest durch die Presse gehört hatte. Die darauf folgenden nicht authentischen Aussagen von - wohl ebenfalls nicht echten - Jugendlichen des Münchner Instituts für Medienpädagogik (JFF) sorgten dann für überraschend große Diskussionen unter den Lesenden über das Thema "Fake". Auch wenn die älteren den jüngeren Lesern die pädagogische Idee dahinter versuchten zu erläutern, empfanden die Jüngeren die Beiträge der "Jugendlichen" als zu "aufgesetzt" und hatten erst Recht kein Verständnis dafür, dass diese zudem noch mit "Lars (15)" oder "Laura (14)" überschrieben worden waren. Immerhin, das könnte Stoff für ein neues Buch über "Authentizität (im Internet)" abgeben. Der anschließende und letzte Teil über die Lehrerin in "Schulfreunde" bot dann einen versöhnlichen Abschluss.

Trotz dieser wenigen Abstriche, ist das Buch insgesamt ein wirklich gutes und praktisch anwendbares Lese-Buch sowie kluger Ratgeber, der die Leser für das Netzleben ein gutes Stück fitter macht, weil es definitiv Unsicherheiten beseitigt, gerade indem es ungeschönt alle Seiten - die guten wie die bösen - benennt. Darüber hinaus beschäftigt es sich ernsthaft mit dem für Jugendliche wichtigen Thema Freundschaft sowohl im echten als auch im virtuellen Zusammen-Leben. Und darüber sollten auch die jeweiligen Erwachsenen informiert sein - sie sollten außerdem in der Lage sein, zu unterstützen und zu helfen. Vor allem die Leser, die sich eben noch nicht so sehr gut in sozialen Netzwerken auskennen, sind nach der Lektüre definitiv schlauer als vorher, werden umfassend informiert, werden damit durch die Lektüre handlungsfähiger, aber auch gleichzeitig zum weiteren Nachdenken angeregt. Und das ist auch gut so. Während des Lesens tauchten bei allen Rezensenten fortlaufend weitere Fragen auf, die nicht selten sogar gleich im darauf folgenden Kapitel beantwortet wurden - oder als Anregung, sich weiter zu informieren und auszutauschen, wohlwollend aufgenommen wurden. Ein Buch wie ein kommunikatives Netzwerk - für ein kommunikatives Netzwerk.

Zum Buch

Elke Reichart (Hrsg.), gute-freunde-boese-freunde - leben im web
Texte von Elke Reichart u.a.
Fotos von Doris Katharina Künster
In der Reihe Hanser
Deutscher Taschenbuch Verlag (dtv), 2011
ISBN 978-3-423-62496-1

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2011-12-10, Angelika Petrich-Hornetz
Text: © Angelika Petrich-Hornetz
Fotos Banner: ©Cornelia Schaible

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