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Neujahrsansprache

Frohes, neues Jahr - mit Entschuldigungen im Nebensatz

Ein Kommentar von Angelika Petrich-Hornetz

Die Frage an uns Bürger muss erlaubt sein: Haben Sie etwa etwas anderes erwartet, als der Christdemokrat und frühere Ministerpräsident Niedersachsens Christian Wulff zum Bundespräsidenten gewählt wurde? Wie wirkte dann gestern diese Entschuldigung im Nebensatz auf Sie, die "man" nun in der dritten Person, am Mittwoch im öffentlich-rechtlichen Fernsehen gegeben hat?

Ein weiteres Ärgernis dürfte sein, dass die Kanzlerin nun schon den zweiten Problem-Kandidaten hat und das ist nicht mehr zu ändern. Spätestens ab dem Zweiten dürfte es auffällig werden. Dabei hatte Merkel in ihrer Neujahrsansprache nun wirklich eine gute Figur gemacht.
Wie ein Geschenk in Gold gewickelt und mit einem Lächeln, dass ihr, so viel Anerkennung muss sein, so schnell keine und keiner wird nachmachen können, versprühte sie viel Zuversicht - fürs neue Jahr. Aber wie zweitrangig wird dieser Firlefanz vor der Tatsache, dass die Personalauswahl offenbar immer wieder daneben geht?

Und es ging eben nicht um die Besetzung eines Landrates (schon das wär' schlimm genug, oder etwa nicht?), wie die Süddeutsche treffend formulierte. Es gibt Bürger, die halten diese Fehlgriffe in Reihe schon für eine Regel oder eine Art Strategie, die unter Merkel zur Meisterschaft gebracht worden ist. Zwar könnten und können auch andere das ganz bestimmt auch "genauso gut", nur leider bleibt es durch ständige Wiederholungen auch langsam hängen.

Gibt es in diesem Land überhaupt noch Gespräche oder Beratungen vor wichtigen Personalentscheidungen, die Vor- und Nachteile geeigneter Kandidaten glasklar formulieren können, fragt sich da so mancher Bürger. Oder wird eh niemand mehr gefragt und nur noch aus dem Bauch heraus entschieden? Schließlich stehen nun auch all jene, die die Bundesversammlung stellen, jetzt schon wieder, zum zweiten Mal, wie die Dummen da. Damit sind alle Ämter beschädigt: das des Präsidenten, die Bundesversammlung und die Bundeskanzlerin.

Das dritte Ärgernis: Alles das, was im vergangenen Jahr noch so alles schief lief, und zwar gewaltig, nämlich wenig staatsmännisch und staatsfraulich geäußert wurde, kommt dem Bürger damit im neuen Jahr gleich wieder hoch. Fast hätten wir es schon vergessen, dass ausgerechent der Chef des Kanzleramtes einem Parteikollegen beschied, er könne dessen "Fresse" nicht mehr sehen, wenn uns jetzt nicht schon wieder jemand daran erinnert hätte, wer angeblich alles die Fresse zu halten habe und wer nicht. Auch 2011 gab es schon Entschuldigungen am laufenden Band - ebenfalls in Nebensätzen, versteht sich. Wird es jetzt noch weitere zahllose geben, zum Beispiel für die angebliche "Handschlagqualität" bei Kreditverträgen? Wer alles an Bundestags- und Europa-Abgeordneten inzwischen seiner Doktortitel verlustigt wurde, darüber wird auf diversen Webseiten Buch geführt, sonst käme eh niemand mehr hinterher. Es handelt sich bei der derzeitigen Bundesregierung doch nicht etwa um die Besetzungsliste für das nächste Dschungelcamp? Da könnte man wenigstens umschalten.

Und damit wieder zu den Medien. Zwar war die vergangene italienische Regierung noch eine Kategorie offensichtlicher angesiedelt, aber es gibt auch hier immer mehr Parallelen zu einer höchstens noch boulevard-tauglichen Bunga-Bunga-Regierung eines Silvio Berlusconis, in der es eben niemand mehr so genau nimmt. Andererseits: Im Ausland fragt man sich auch nicht immer zu Unrecht, warum die Deutschen eigentlich immer so pingelig sind, wenn es um Politik und Ämter geht. Silvio pflegte schließlich vorrangig sein eigenes Selbst in den besten Jahren und war dabei von so einigen, relativ austauschbaren Jungpolikerinnen umgeben, die sich leicht dirigieren ließen. Geht es uns wirklich noch so viel anders - mit den Jungs aus Union und FDP? Eine Peinlichkeit jagd die nächste, hier wie dort.

Wozu also noch neue Jahre feiern, wenn doch die gleiche Stillosigkeit, mit der das alte Jahr endete, im neuen Jahr gleich wieder an der politischen Tagesordnung ist? Immerhin: Es kann also im laufenden Jahr tatsächlich nur noch besser werden. Wobei wir, alt oder neu, hin oder her, aber eines doch deutlich festhalten wollen, auch wenn uns die europäischen Nachbarn dafür vielleicht auslachen werden, nämlich an dieser deutschen Pingeligkeit. Man kann diese, ohne Übertreibung, auch schlicht Genauigkeit nennen.


2012-01-05 Angelika Petrich-Hornetz
Text: © Angelika Petrich-Hornetz
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