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Flamme der Freiheit

Historischer Roman, erschienen bei Droemer Knaur
von Birgid Hanke

Prolog

Ausgelassen hüpfte Rieke den Feldweg entlang. Ob die Weidenkätzchen schon so weit waren? Ein paar Zweige mit zartem Grün dazu würden sich in der hohen, schlanken Vase bestimmt gut machen. Ein kostbares Stück aus der Königlich Preußischen Manufaktur und Großvaters ganzer Stolz, ein Erbstück, das nur an ganz besonderen Feiertagen aus der Glasvitrine in der Wohnstube geholt wurde. Großvater hatte ihr noch niemals erlaubt, sie überhaupt anzufassen. Irgendein Geheimnis umgab diese Vase. Dieser Verdacht war Rieke letzte Weihnachten gekommen, als sie mit dem Ärmel ihres Kleids an einem Tannenzweig hängengeblieben war und die Vase beinahe umgestoßen hätte. Fuchsteufelswild war der Großvater geworden, so, wie sie ihn nur ganz selten erlebte.
Dann hatte er die Vase oben auf den Schrank gestellt, außer Reichweite seiner Enkelin. Rieke kam es vor, als wollte er das kostbare Stück vor ihr schützen. Nun jedoch stand Ostern vor der Tür.

Viel zu lang war dieser Winter gewesen, aber heute schien zum ersten Mal die Märzsonne mit ihrer ganzen Kraft. Endlich. Ein kristallklarer Himmel wölbte sich über dem Havelland. In der Feldmark tirilierten bereits die ersten Lerchen hoch oben in der Luft.
Es war für Friederike Ulrika gar nicht einfach gewesen, Großvater am frühen Morgen die Erlaubnis für diesen Ausflug abzuringen.
»So ganz alleine, Riekekind?« Bedenklich zog er die Augenbrauen zusammen.

»Aber Großvater, ich bin doch schon ein großes Mädchen und komme bald in die Schule«, hatte Rieke versucht ihn zu überzeugen. Nur widerwillig erteilte der »olle Prohaska« schließlich seine Genehmigung. Andererseits hatte er volles Verständnis, wenn es das Kind jetzt mit aller Macht nach draußen zog.
Am liebsten hätte er seine Enkelin ja begleitet, aber in einer halben Stunde erwartete er seinen nächsten Schüler. Emil war der Sohn des Schusters vom Ende der Straße, der nun schon das zweite Jahr dreimal die Woche zum Musikunterricht erschien. Bis zu dessen Ankunft konnte er ja noch ein bisschen vor der Tür stehen bleiben und die ersten Sonnenstrahlen genießen. Hinter dem Gartenzaun entdeckte Prohaska seinen Nachbarn, der bereits den Pflug angespannt hatte. Langsam zog sein schweres Kaltblut die ersten Furchen durch den sandigen Acker.

»Frühling«, sagte der Großvater und sog die frische Luft tief in sich ein. Schon fast außer Sichtweite entdeckte er seine fröhlich hüpfende Enkelin. »Zum Mittagessen bist du pünktlich zurück«, rief er ihr hinterher. »Hör auf den Glockenschlag der Turmuhr.« Rieke nickte und versetzte damit ihre blonden Locken in einen wilden Tanz. Es war ihr wieder einmalgelungen, sich vor dem obligatorischen morgendlichen Flechten zu drücken. Friederike Ulrika war ein kleiner Wildfang mit großem Freiheitsdrang und einem eisernen Willen.
Wie Eleonora.
Prohaska durchzuckte es wie ein Schlag. Da waren sie wieder, der Schmerz, die immer noch unbewältigte Trauer um seine Tochter, die sich bei ihm sogar körperlich bemerkbar machten. Mit beiden Händen fuhr er sich ins Kreuz. Heute war es wieder besonders schlimm. »Verfluchtes Zipperlein«, schimpfte er. Tief gebeugt, mit zusammengepressten Lippen schlurfte er zurück in die bescheidene Wohnstube seines winzigen Häuschens. Das Alter machte ihm mittlerweile doch ganz schön zu schaffen.

Fast ein Vierteljahrhundert war es her, dass er schwer verwundet aus dem Krieg zurückkehrte. Als ein junger unternehmungslustiger Mann war er damals gen Frankreich gezogen, hatte fest daran geglaubt, dass es Preußen und Österreich gelingen würde, der jakobinischen Blutherrschaft jenseits des Rheins ein Ende zu setzen. Als Invalide kehrte er zurück, dennoch weiterhin gezwungen, seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Auf seine Gesine konnte er nicht bauen. Sie liebte den Branntwein mehr als den ihr angetrauten Mann und ihre leiblichen Kinder. Kaum war der Vater im Felde eingerückt, hatte sie sie in das Potsdamer Militärwaisenhaus abgeschoben. Ein Jahr nach seiner Rückkehr verstarb sie im Delirium tremens. Niemand weinte ihr eine Träne nach.

Lang, lang war all das her. Nun lebte er schon über zwanzig Jahre am Rande der preußischen Garnisonsstadt, städtisch genug, um aus den umliegenden Kasernen noch seine Schüler zu rekrutieren, nah genug, sich zum Unterrichten persönlich in eine der Villen des preußischen Adels zu begeben, dabei immer noch so ländlich, seiner geliebten Enkelin eine unbeschwerte Kindheit in freier Natur zu ermöglichen. Der Sacrower See lag nicht fern, aber Rieke hatte striktes Verbot, sich seinem Ufer zu nähern.

Beim Gedanken an seine Enkelin stieß Prohaska einen tiefen Seufzer aus. Sieben Jahre alt war sie im Januar geworden. In wenigen Wochen sollte sie eingeschult werden. Rieke konnte es kaum mehr abwarten. Lesen und Schreiben hatte er ihr schon beigebracht. Besser gesagt, sie hatte es sich selbst beigebracht, indem sie ihm bei der Bibel- oder Zeitungslektüre immer über die Schulter geschaut und nach den einzelnen Buchstaben gefragt hatte. Sie war ein aufgewecktes kleines Mädchen, sehr hübsch dazu, mit glänzend blonden Haaren und riesigen strahlend blauen Augen. Hübsch und klug zugleich war seine Rieke.

»Zu hübsch, zu klug, gar nicht gut für ein Mädchen dieser Herkunft«, murmelte Prohaska missgelaunt. Nein, er war weniger missgelaunt als besorgt. Was für eine Zukunft konnte er seiner Enkelin bieten? Wie lange würde er noch leben, um für sie zu sorgen und sie beschützen zu können? Was kam nach der Schule auf sie zu? Sollte er sie in Stellung geben?
Kein Problem, bei ihrer Flinkheit und Geschicklichkeit würde sie ganz schnell etwas finden. Die alte von Zedlitz stellte ihre Dienstmädchen bereits im Kindesalter ein. »Damit ich sie nach meinem Willen erziehen, nach meinen Vorstellungen prägen und so anständige Zofen aus ihnen machen kann«, hatte sie ihm einmal erklärt. Sein Befremden beim Anblick eines kleinen Mädchens, das ihm beflissen eine Tasse Tee einschenkte, war wohl zu offenkundig gewesen. Als ehemaliger Unteroffizier der Preußischen Armee hatte Prohaska begrenzten Zutritt beim höheren Adel. Die unkonventionelle von Zedlitz trank nach dem Musikunterricht gerne einmal eine Tasse Tee mit dem Trompetenlehrer ihres jüngsten Sohnes. Insofern wäre es Prohaska auch ein Leichtes gewesen, seine Enkelin entsprechend zu protegieren und ihr eine gute Stellung in einem angesehenen Hause zu verschaffen. Allein, schon der Gedanke an eine Trennung machte ihm das Herz schwer.

»Sie ist doch erst sieben geworden und kommt zunächst einmal in die Schule«, versuchte Prohaska sich selbst zu beschwichtigen. Er griff nach der Pfeife und dem Tabaksbeutel, die stets griffbereit neben dem Notenstapel auf dem hölzernen Tisch in der kleinen Wohnstube bereitlagen. Er stopfte den weißen Tonkopf und zündete sie an. Im Nu war er von dichten Tabakwolken umhüllt. Die würden Emil wieder zum Husten bringen. Egal, wenn er ein richtiger Soldat werden wollte, musste er noch Schlimmeres ertragen.

Ob er mal ein ernsthaftes Wort mit Heinrich redete, überlegte Prohaska. Emils Vater war wie er ein Kriegsveteran, aber glücklich verheiratet mit seiner Marie. Zehn Kinder hatte sie ihm geboren. Drei von ihnen waren früh verstorben, die anderen mittlerweile alle schon groß und aus dem Haus, bis auf den Jüngsten, Emil, der seine Musterung kaum erwarten konnte. Ziemliche Flausen hatte der Junge im Kopf.
Bei einigen Gläsern Branntwein im Dorfkrug hatten Prohaska und Emils Vater Enkelin und jüngsten Sohn im Geiste schon einmal miteinander verkuppelt. Ob Heinrich sich daran noch erinnerte? Marie hätte bestimmt nichts dagegen, die kleine Rieke unter ihre Fittiche zu nehmen, wenn er einmal nicht mehr war. Ärgerlich wischte sich Prohaska über die Stirn, um seine trüben Gedanken zu verscheuchen. Was war heute nur los mit ihm? Er neigte doch sonst nicht dazu, Trübsal zu blasen, und nun gerade heute, am ersten richtigen Frühlingstag des Jahres. Warum war er nur so bedrückt?
Todesahnungen?
»Quatsch!«, sagte er laut und vernehmlich. Seine Kriegsverletzung war längst verheilt. An den Phantomschmerz seines amputierten rechten Fußes hatte er sich seit Jahren gewöhnt, und mit der Gicht musste er leben wie alle anderen Menschen seines Alters auch.

War es Riekes bevorstehende Einschulung, die ihn so belastete? Dabei freute sie sich so sehr, endlich häufiger mit anderen, mit gleichaltrigen Kindern zusammenzukommen. Bislang hatte er es geschickt verstanden, sie von jeglichen Außenkontakten abzuschirmen. Wenn sie jetzt zur Schule kam, war es damit vorbei. Dann würde ihr auch bewusst werden, dass sie bislang noch nie eine gleichaltrige Freundin gehabt hatte. Ihre ersten sieben Lebensjahre hatte Rieke fast ausschließlich zwischen Erwachsenen verbracht. Doch weil sie es nicht anders kannte, war sie sich dessen gar nicht bewusst.
Bislang. Aber wenn sie sich bald mit ihren Klassenkameraden verglich, würde ihr rasch auffallen, dass diese ein ganz anderes Leben führten, in einer Familie mit Mutter, Vater, Brüdern und Schwestern, alle viel jünger als ihr Großvater, der »olle Prohaska«. So nannte ihn das ganze Viertel. Rieke kannte es nicht anders, hatte keine Ahnung, dass ihr Familienleben sich von dem der anderen unterschied, wusste nicht, was es hieß, richtige Eltern zu haben. Sie vermisste diese auch nicht, denn sie wurde geliebt, aus tiefstem Herzen geliebt von ihrem Großvater, einem Invaliden des Koalitionskrieges. Wie ein undurchdringlicher schützender Kokon hatte diese fürsorgliche Liebe Rieke seit ihrer Geburt umgeben und sie zu einem selbstbewussten, glücklichen kleinen Mädchen heranwachsen lassen.

Ja, Rieke war glücklich, an diesem Tag besonders glücklich. Nicht einen Gedanken verschwendete sie an Großvater, hatte keine Ahnung, dass dieser zu Hause im Lehnstuhl saß und sich ganz schrecklich grämte. Rieke sang und hopste fröhlich den Feldweg entlang, immer weiter, immer weiter. Die Häuser ihrer Straße waren schon lange hinter der letzten Biegung des Wegs verschwunden. Sie war allein auf weiter Flur, doch das machte ihr überhaupt nichts aus. Im Gegenteil, sie genoss es, endlich einmal dem stets gegenwärtigen Großvater entronnen zu sein. War dieser erste Ausflug nicht ein Zeichen dafür, was für ein großes Mädchen sie mittlerweile war? Fast ein Schulmädchen.

»Ich freu mich so, ich freu mich so, ich freu mich auf die Schule«, sang Rieke und hopste weiter. »Lesen lernen, schreiben lernen und das Rechnen auch dazu, juhu, juhu!«
Stolz auf ihren selbst erfundenen Reim, machte Rieke einen besonders hohen Luftsprung und quietschte vor Vergnügen. Das Leben war doch einfach schön, wunderschön. In einer Woche war Ostern. Großvater hatte versprochen, am Wochenende mit ihr Eier auszublasen und zu bemalen. Das hieß jede Menge Pfannkuchen und Rührei für alle beide, endlich Abwechslung auf dem eintönigen Speisezettel. Dazu der Spaß am Bemalen der Eier, die Freude an den Farben und den Mustern. Wäre es nicht schön, jetzt ein paar Frühlingszweige zu finden, an denen sie ihre Kunstwerke aufhängen konnten?
Rieke wünschte sich für ihren Strauß Weidenkätzchen und Haselnusszweige, deren gelbe Puschelschwänzchen sie so lustig fand. Bei einem ihrer Winterspaziergänge im knirschenden Schnee hatte Großvater sie auf die Kopfweiden am Wegrand aufmerksam gemacht.

»Die halten jetzt ihren Winterschlaf, und wenn es Frühling wird, stecken die kleinen Weidenkätzchen an den dünnen Zweigen ihre weißen Köpfchen hinaus, um ihn zu begrüßen.« Nun war es endlich so weit. Aber wo standen die Weiden? Im gleißenden Sonnenlicht sah die Landschaft so anders aus als in den langen grauen Wintertagen. Schützend legte Rieke ihre Hand über die Augen und ließ den Blick über Felder und Wiesen schweifen. War da soeben nicht ein Rebhuhn vorbeigehuscht oder ein Fasan oder gar eine der seltenen Trappen?
Dank Großvater kannte sie sich gut in der freien Natur aus und wusste allerlei Pflanzen und Getier zu benennen. So erkannte sie die kleinen blassgelben Blumen, die sich büschelweise im Winde wiegten, auf der Stelle.

»Schlüsselblumen«, jauchzte Rieke. Mit einem Sprung war sie mitten auf der Wiese gelandet. Sie stolperte und verlor das Gleichgewicht. »Parbleu, jetzt ist mon arrière nass geworden«, stellte sie sachlich fest und beließ es dabei. Sie kniete nieder und begann die Schlüsselblumen zu pflücken. Sie vergaß Ort und Zeit um sich her, sah immer nur den nächsten Blütenstengel, den sie pflücken musste. Es war wie ein Rausch.
Längst reichten ihre kleinen Hände nicht mehr aus, um die vielen Blumen zusammenzuhalten. Den ersten Bund legte sie auf die Wiese beiseite, um den nächsten zu pflücken und noch einen und noch einen. Aus der Ferne schlug die Turmuhr zwölf Uhr Mittag. Rieke hörte es nicht. Bestürzt stellte sie fest, dass sie außer ihren zwei Händen nichts dabeihatte, womit sie ihre überreiche Ernte nach Hause bringen konnte. Das war ja ganz schön dumm. Ratlos steckte sie den Finger in den Mund und überlegte. Ob sie ihren Rock einfach schürzte?

Sie kam nicht dazu, ihren Gedanken zu Ende zu denken, hatte sich aber so auf diesen konzentriert, dass sie das sich nähernde Geräusch galoppierender Pferdehufe nicht wahrnahm. Auch das helle Klirren, das erklang, wenn Metall auf Stein traf, überhörte sie. Erst als der riesige schwarze Hengst wiehernd querfeldein auf sie zugaloppierte, schreckte Rieke aus ihren verträumten Überlegungen hoch. Sie schrie vor Entsetzen angesichts des durchgegangenen Pferds. So schnell sie konnte, rannte sie davon. Ein unscheinbarer Feldstein wurde ihr zum Verhängnis. Sie stolperte, knickte mit dem Knöchel um und schlug der Länge nach hin. Glück im Unglück, denn das wild schnaubende Pferd sprang einfach über sie hinweg, ohne sie mit den gefährlichen Hufen zu berühren, und raste blindlings weiter über die Flur.

Benommen starrte Rieke in den blauen Himmel. Sie stand unter Schock. Oder bin ich ohnmächtig? Eine feine Dame würde jetzt in Ohnmacht fallen, dachte sie. Feine Damen fallen nämlich andauernd in Ohnmacht.
»Das tun sie meistens, wenn ihnen was nicht passt«, hatte Großvater erzählt. »Wenn sie anders ihren Willen nicht durchsetzen können, fallen sie eben in Ohnmacht. Die Kaiserin Joséphine, die erste Frau von Napoleon, war eine wahre Künstlerin in der Beherrschung dieser Kunst.«
»Nee, Prohaska, die Frauenzimmer sind immer viel zu fest geschnürt«, hatte Nachbarin Marie ihm widersprochen. »Denen fehlt einfach die Luft zum Atmen, und dann kippen sie eben um.«

Ich bin weder zu fest geschnürt noch eine feine Dame, also bin ich auch nicht ohnmächtig, sagte sich Rieke und richtete sich auf. Sie wollte aufstehen, aber das rechte Bein knickte einfach unter ihr weg. Der Knöchel tat höllisch weh. Mit einem lauten Schrei sank sie in sich zusammen. Jetzt setzte der Schmerz erst richtig ein. Und was für ein Schmerz! Das war ja kaum zum Aushalten. Sie begann zu weinen. Weit und breit war kein Mensch zu sehen, nirgendwo Hilfe in Sicht.
»Hilfe!«, rief Rieke. »Hilfe!« Ihr Ruf verhallte. Sie versuchte noch mal sich aufzurichten. Sie musste probieren, auf einem Bein vorwärtszukommen. Oder besser auf allen vieren? »Großvater, Großvater, so hilf mir doch!«, schluchzte sie und kroch unbeholfen auf dem Boden.

»Nicht bewegen, nicht weiter bewegen. Um Himmels willen, Kind, bitte halt still!«, vernahm Rieke plötzlich eine fremde Männerstimme. Sie wischte sich die Tränen aus den Augen, um besser sehen zu können. Vor ihr stand ein hochgewachsener, schlanker Mann, der jetzt neben ihr niederkniete. Behutsam betastete er ihren Knöchel.
»Aua«, schrie Rieke, »das tut weh, das tut so weh!« Sie begann erneut zu schluchzen.
»Bitte halt still, du musst jetzt stillhalten«, beschwor sie der Fremde. »Du hast wahrscheinlich den Knöchel gebrochen. Es ist meine Schuld, dass Sultan dich überrannt hat. Er ist mir einfach durchgegangen. Aber der kann was erleben, wenn mein Bursche ihn wieder eingefangen und in den Stall zurückgebracht hat.«

Suchend schaute er um sich. Direkt an der Böschung fand er einen passenden Stock. Mit einigen geschickten Schnitten eines aus der Hosentasche hervorgezauberten Messers hatte er ihn blitzschnell auf passende Länge gebracht.
Rieke stöhnte vor Schmerz.
»Bitte halt still, du darfst dich jetzt nicht bewegen, sonst wird es nur noch schlimmer. Ich werde dir das Bein bandagieren, damit es fixiert ist«, beschwor er das verletzte Kind. Dabei wickelte er sich seinen langen Schal, den er mehrfach um den Hals geschlungen trug, hastig ab und über der eigenen Hand wieder auf. Er legte den Stock an Riekes Bein und wand in Windeseile mit geschickten Fingern den weichen Stoff um Stock und Bein. Mit den Zähnen riss er das letzte Stück in der Mitte durch, so dass er mit den beiden Stoffstreifen eine Schleife binden konnte.
»Sieht jetzt aus wie ein richtiger Verband«, sagte Rieke und wischte sich mit dem Handrücken die Tränen von den Wangen.
»Na ja, mein Feldscher wäre nicht zufrieden«, meinte der Fremde, »aber zur Not muss es eben gehen.« Er lächelte. Es war ein sehr nettes Lächeln. Rieke konnte gar nicht anders, als es zu erwidern.
»Danke«, krächzte sie.
»Hast du schlimme Schmerzen?«, erkundigte sich der Fremde.
»Es geht«, log Rieke unter Tränen.
»Du hast höllische Schmerzen«, stellte der Fremde fest, »aber willst es nicht zugeben. Bist ein tapferer kleiner Kerl.«
»Ich bin ein Mädchen«, begehrte Rieke auf.
»Bei der Blumenpracht, die du um dich herum drapiert hast, wäre ich darauf niemals gekommen«, erwiderte der Fremde lachend und betrachtete sie eingehend. »Wie alt bist du?«, wollte er wissen.
»Sieben geworden, im Januar«, sagte Rieke.
»Du kommst mir irgendwie bekannt vor. Haben wir uns schon irgendwo mal gesehen?«
»Ich habe Sie in meinem ganzen Leben noch niemals gesehen«, verkündete Rieke.
»Wie heißt du?«, fragte der Fremde.
»Friederike Ulrika«, sagte Rieke stolz.
»Oh, was für ein schöner Name. Du machst den preußischen Prinzessinnen mit deiner Tapferkeit tatsächlich auch Ehre«, lobte der Fremde sie lächelnd.
»Das sagt Großvater auch immer, ich muss meinem Namen Ehre machen«, erzählte Rieke.
»Du scheinst einen sehr klugen Großvater zu haben«, stellte Riekes barmherziger Samariter immer noch lächelnd fest.
»Und wo wohnst du?«
»Dahinten, am Ortsrand.« Rieke deutete vage in die Richtung, aus der sie gekommen war.
»Dann werde ich dich nach Hause bringen«, sagte der Fremde, hob sie einfach hoch und stieg über die morastige Wiese zu dem Feldweg, der zurück nach Potsdam führte.
»Wollen Sie mich wirklich den ganzen Weg bis nach Hause tragen?«, erkundigte sich Rieke neugierig und ignorierte ihren puckernden Knöchel.
»Was bleibt mir denn anderes übrig?«, fragte der Fremde zurück. »Oder sollte ich dich auf der grünen Wiese einfach deinem Schicksal überlassen?«
»Neeee«, erwiderte Rieke gedehnt. »Das wäre nicht nett gewesen, überhaupt nicht comme il faut.«
»Absolument überhaupt nicht comme il faut«, bestätigte der Fremde überrascht. »Du sprichst auch Französisch?«
»Mon grand-père était dans la guerre«, plapperte Rieke auswendig, genauso, wie es ihr der Großvater beigebracht hatte.
»Oh hoooo, o, là, là«, machte der Fremde beeindruckt. »Et quelle guerre?«, wollte er dann wissen.
Das verstand Rieke nun nicht mehr.
»Touché«, sagte der Fremde lachend. Trotz seiner Last, die er nun schon fast zwei Kilometer durch die Gegend schleppte, schien er sich köstlich zu amüsieren. Oder lachte er Rieke aus? Das hätte sie wiederum nicht ertragen können.
»Mein Großvater kann Napoleon nicht leiden«, erzählte Rieke weiter, um die Scharte von eben auszuwetzen.
»Damit ist er nicht alleine«, entgegnete der Fremde kurz.
»Mittlerweile ist der alte Wolf jedoch auf St. Helena längst zahnlos geworden«, setzte er geistesabwesend hinzu. Er schien mit seinen Gedanken irgendwo ganz anders. Grübelnd starrte er Rieke ins Gesicht. »Ich kenne dich von irgendwoher. Wenn ich nur wüsste, woher. Du kommst mir so bekannt vor.«
»Ich habe Sie noch niemals in meinem Leben gesehen«, wiederholte Rieke.

Fast zwei Stunden lang dauerte es, bis der hilfsbereite Fremde Rieke über Felder, Wiesen und holprige Feldwege getragen hatte. Endlich stand er mit seiner Last auf der Schwelle von Prohaskas bescheidenem Häuschen, aus dem heller Trompetenklang schmetterte.
»Oh, hier wird musiziert«, stellte Riekes Retter erfreut fest und ließ sie vorsichtig zu Boden gleiten, hielt sie aber immer noch am Ellbogen fest.
»Mein Großvater unterrichtet Trompete, Posaune und manchmal auch Flöte«, erzählte Rieke stolz.
»Querflöte?«, fragte der Fremde.
»Nein, Piccolo, die passt besser in einen Soldatentornister«, antwortete Rieke.
»Da hast du völlig recht, mein Kind, und wie recht du hast«, pfl ichtete er ihr bei. Er lachte schallend. Und wieder wusste Rieke nicht, ob er sich amüsierte oder sie auslachte, und wieder nicht, ob sie mitlachen oder sich ärgern sollte.
Dieser Mann war so anders als all die Männer, die sie bislang kennengelernt hatte. Vielleicht, weil er ein vornehmer Herr war? Ein richtiger Monsieur? Ein vornehmer älterer Monsieur? Nein, so alt war er gar nicht, er war viel jünger als Großvater und auch viel größer.

Nun zog er die Klingel an der Tür. Ihr Klang schepperte durch das ganze Haus. Das Trompetengeschmetter verstummte. Im Flur war Großvaters schlurfender Schritt zu hören, dann öffnete er. Beim Anblick seiner Enkelin riss er die Haustür sperrangelweit auf.
»Rieke, na endlich, wo bleibst du denn?«, rief er empört. »Du solltest doch mit dem Zwölfuhrläuten zu Hause sein. Jetzt haben wir fast schon vier Uhr Nachmittag. Wo treibst du dich denn so lang herum? Und wer sind Sie?«, wandte er sich an Riekes Begleiter.
»Darf ich eintreten? Ich möchte Ihnen alles in aller Ruhe erklären«, bat dieser. Prohaska nickte unwillig.
Der Fremde hob Rieke kurzerhand wieder hoch und trug sie auf beiden Armen in die Wohnstube, wo er sie vorsichtig auf das an der Stirnwand stehende kleine Sofa gleiten ließ. Mit offenem Mund beobachtete Großvaters Schüler dieses Manöver.
»Die Stunde ist für heute beendet, Emil«, sagte Prohaska und entließ diesen mit einer befehlenden Kopfbewegung Richtung Tür. Immer noch staunend, räumte Emil das Feld. »Wer sind Sie, was ist passiert?«, wollte Prohaska nun wissen.

»Darf ich mich vorstellen, mein Name ist Alexander August von Prewitz zu Kirchhagen«, sagte der Fremde, legte seine Hand an das Revers, schlug leicht die Hacken zusammen und verbeugte sich formvollendet.
Prohaska wurde kreidebleich. »Ich hätte Sie erkennen müssen«, sagte er tonlos. Mit beiden Händen umklammerte er die Rückenlehne eines Stuhls. Es schien, als müsste er sich daran festhalten. Weiß traten die Knöchel an seinen Handgelenken hervor. »Herr Graf, ich muss Sie ersuchen, mein Haus auf der Stelle zu verlassen.«
»Graf, wieso denn Graf?« Rieke hob erstaunt den Kopf. Der schmerzende Knöchel war vergessen. Fragend schaute sie von einem zum anderen. Nicht minder überrascht schien der fremde Herr zu sein.
»Sie kennen mich? Woher kennen Sie mich?«, erkundigte er sich verblüfft.
Prohaska antwortete nicht, sondern schaute ihn nur zornig an.
»Seltsamerweise kommt mir Ihre Enkelin irgendwie bekannt vor«, sagte der Graf nach einigen Sekunden unbehaglichen Schweigens. »Könnten Sie mir denn nicht ein bisschen auf die Sprünge helfen?« Er lächelte Prohaska an. Es war ein sehr charmantes, dennoch von Herzen kommendes Lächeln. Trotz ihrer Schmerzen und obwohl es ihr gar nicht galt, musste Rieke es spontan erwidern, im Gegensatz zu ihrem Großvater, dessen Miene sich jetzt noch mehr verdüsterte.
»Ich möchte Sie bitten zu gehen, Herr Graf von Prewitz zu Kirchhagen«, wiederholte er unerbittlich. Noch niemals hatte Großvater so schmale Lippen gehabt. Wie blass er war. Und warum zitterte er so?
»Großvater!«, rief Rieke erschrocken und machte Anstalten, vom Sofa zu rutschen.

»Du bleibst sitzen«, befahl der Fremde streng. Unwillkürlich gehorchte Rieke.
Mit einem ächzenden Laut griff sich Prohaska an die Brust und ließ sich schwer auf den hölzernen Stuhl fallen. »Bitte gehen Sie, tun Sie mir einen Gefallen und verlassen Sie mein Haus«, keuchte er.
Der Graf trat einen Schritt zurück, ratlos, leicht verwirrt.
»Brauchen Sie Hilfe?«, fragte er.
»Nein«, stöhnte Prohaska. »Tun Sie mir nur diesen einen Gefallen und verlassen Sie mein Haus. Dann wird es mir von ganz alleine wieder bessergehen.« Er richtete sich mühsam auf, lehnte sich auf seinem Stuhl zurück, legte den Kopf in den Nacken, schloss die Augen und atmete tief durch. »Bitte gehen Sie«, wiederholte er mit seiner tiefen, normalen Stimme.

Fragend schaute der Graf nun auf Rieke.
»Ja, bitte gehen Sie«, schloss sich diese nun der Bitte ihres Großvaters an.
Graf Alexander von Prewitz zu Kirchhagen trat noch einen weiteren Schritt zurück, legte die Rechte auf die Brust und verneigte sich. »Ihrer beider Wunsch sei mir Befehl«, sagte er in einer Mischung aus Ironie, bemühter Belustigung, aber auch leichter Verärgerung. »Ich weiß leider nicht, womit ich Ihren heiligen Zorn und Ihre Abneigung hervorgerufen habe, aber ich werde mich um Ihrer Gesundheit und Ihrer Enkeltochter willen fügen.« Er verneigte sich elegant, schenkte Rieke noch ein ganz bezauberndes Lächeln, drehte sich um und schritt davon.
Wenige Sekunden später war zu hören, wie die Haustür hinter ihm ins Schloss fiel.

»Endlich!« Prohaska stieß einen tiefen Seufzer der Erleichterung aus. Er rieb sich die schmerzende Brust. »Parbleu, wirst du nun endlich aufhören zu klabastern«, schimpfte er mit seinem Herzen. »Hast die vergangenen Jahre doch stets ruhig und regelmäßig deinen Dienst getan.«

»Großvater, war das ein richtiger Graf?«, wollte Rieke wissen.
»Das war er wohl«, knurrte er.
»Woher weißt du das, woher kennst du ihn? Warum warst du so unfreundlich zu ihm?«
»Sind das nicht ein bisschen viele Fragen auf einmal?«, wich Prohaska aus.
»Du bist doch sonst nicht so unhöfl ich, Großvater. Dieser Mann hat mich gerettet. Er hat mich den ganzen weiten Weg aus der Feldmark bis hierher nach Hause geschleppt, und anstatt dich bei ihm zu bedanken, weist du ihm die Tür. Das war überhaupt nicht comme il faut, überhaupt nicht.« Rieke hatte sich richtig in Rage geredet, begann mit den Händen zu fuchteln und erregt auf dem Sofa hin und her zu hopsen.
Ja, sie wollte sogar aufspringen, um Großvater in aufrechter Haltung ihre Meinung zu sagen. Aber plötzlich schrie sie »Autsch, aua, aua!« und rieb sich über den schmerzenden Knöchel. Wie weich sich das Tuch des provisorischen Verbands anfühlte. Es musste aus reiner Seide sein.
»Du sollst sitzen bleiben. Hast doch gehört, was der Graf gesagt hat, du hast einen verletzten Knöchel«, donnerte der Großvater prompt. Wie rasch er zur gewohnten Energie und Stärke zurückgefunden hatte. »Ich werde gleich mal nach Marie schicken, die kennt sich mit so was aus. Sie wird dir das rechte Kraut auf den Knöchel legen, sie hat bestimmt die richtige Medizin.«
»Erst wirfst du ihn raus, dann soll ich tun, was er gesagt hat. Du bist komisch, Großvater.« So schnell war Rieke nicht der Mund zu stopfen.

»Du bist wirklich ein Fräulein Naseweis.« Unwillkürlich musste er lachen. »Willst immer alles wissen und meinst schon klüger als dein oller Opa zu sein.«
»Das stimmt doch gar nicht, Großvater«, erwiderte Rieke gekränkt. »Ich möchte nur wissen, warum du so unhöfl ich zu dem Grafen warst und ihn sogar weggeschickt hast.«
»Jetzt zeig mir erst mal deinen Knöchel«, versuchte Prohaska seine Enkelin abzulenken. Schwerfällig erhob er sich von seinem Stuhl und beugte sich über das bandagierte Bein. »Sieht wirklich gar nicht so schlecht aus. Vom Bandagieren scheint er ja was zu verstehen«, musste er zugeben. »Sollte er ja aber mittlerweile auch, nach all diesen Feldzügen, die er in den vergangenen Jahren mitgemacht hat«, murmelte er in sich hinein. Gespannt hatte Rieke ihren Großvater beobachtet und noch aufmerksamer zugehört.
»Du bist gar nicht mehr so blass wie eben. Was hattest du überhaupt?«, wollte sie nun wissen. »So aufgeregt habe ich dich noch niemals vorher gesehen. Und wie du gezittert hast.«
Prohaska brummelte unwillig.
»Warum weißt du so viel über den Grafen?«, setzte Rieke nach. »Warum weiß er nichts über dich?« Ihr kam das alles sehr merkwürdig vor. Nachdenklich runzelte sie die Stirn. Genau wie Eleonora. Es war schon verblüffend, wie sie ihrer Mutter in manchen Momenten ähnelte. Aber heute hatte Prohaska eine weitere Ähnlichkeit feststellen müssen, die ihn zutiefst bestürzte.
»Ach, Riekekind!«, seufzte Prohaska. Schwerfällig ließ er sich neben ihr auf dem Sofa nieder, legte den Arm um ihre Schultern und zog sie an sich. Ermattet kuschelte Rieke sich an ihn. Sie war auf einmal unheimlich müde. Es war wirklich ein aufregender, anstrengender Tag gewesen. Mittlerweile begann es draußen schon zu dämmern. Im kahlen Birnbaum hinten auf der Wiese stimmte eine Amsel ihr Abendlied an. Sie schien mit aller Kraft gegen den Einbruch der Dunkelheit tirilieren zu wollen.

Riekes Augenlider wurden schwerer und schwerer. Ihr Kopf fiel an die Brust des Großvaters. Hinter dem rauhen Zwirn seiner Weste klopfte es stet und zuverlässig, so wie sie es ihr Leben lang gewohnt war. Wie oft war sie auf Großvaters Schoß eingeschlafen, den Kopf an seine Brust gelehnt, umhüllt vom Tabakdunst seiner kleinen Pfeife, eingelullt von seinem Räuspern, dem Rascheln der Zeitung oder dem feinen Geräusch beim Blättern der Seiten, wenn er in der alten Bibel las.
»Warum komme ich ihm so bekannt vor?«, murmelte Rieke schläfrig. Großvaters tiefen Seufzer hörte sie schon nicht mehr.

Die Amsel, die Rieke am Abend zuvor in den Schlaf geflötet hatte, begleitete am nächsten Morgen ihr Erwachen. Die Sonne schien sich heute selbst übertreffen zu wollen und tauchte ihre kleine Kammer in ein goldenes Licht. Eigentlich war es ja mehr ein Alkoven als ein richtiges Zimmer. Großvater hatte ihr selbst ein passendes Bett gezimmert. Ursprünglich hatte Rieke gar nicht verstanden, warum sie nun auf einmal nicht mehr bei Großvater im selben Zimmer schlafen sollte.
»Aber Riekekind, siehst du nicht selbst, dass das alte Kinderbett mittlerweile viel zu klein für dich geworden ist. Wie oft hast du dich schon oben mit dem Kopf angestoßen oder deine langen Beine zwischen den Gittern rausgestreckt.«
»Das macht doch nichts, ich kann mich doch auch einrollen und habe dann wieder genug Platz«, wehrte sich Rieke gegen den Auszug aus dem vertrauten Raum.
»Wie oft hast du dich in den letzten Monaten beschwert, dass ich zu laut schnarche und du davon wach geworden bist. Wenn du jetzt bald ein Schulkind sein wirst, brauchst du deinen ungestörten Schlaf, damit du in der Schule aufpassen kannst und richtig was lernst.« Prohaska wusste schon, wie er seine Enkelin überzeugen konnte. Rieke war von einer schon fast beängstigenden Lernbegierde. Wie ein Schwamm sog sie alle Neuigkeiten und Informationen in sich auf, um sie für sich zu verarbeiten und die Erwachsenen irgendwann mit ihren eigenen Erkenntnissen und Schlussfolgerungen nicht nur zu überraschen, sondern geradezu zu verblüffen.

Der Pfarrer im Kindergottesdienst hatte es schon längst mitbekommen und setzte Rieke nur zu gerne bei Krippenspielen und sonstigen Aufführungen ein. Dabei musste er sich fast mit Gewalt gegen ihren Großvater durchsetzen, bis dieser endlich seine Erlaubnis erteilte, dass Rieke eine wichtige Rolle übernahm.
»Ich habe meine Gründe, ich habe schwerwiegende Gründe, ich will nicht, dass sich das Kind so in die Öffentlichkeit stellt«, sagte er immer nur wieder.
»Herrgott, Prohaska, was ist das denn für eine Öffentlichkeit, wenn Rieke im Weihnachtsgottesdienst den Verkündigungsengel und einen Hirten spielt? Unsere kleine Kirche fasst gerade einmal zweihundert Besucher, das ist doch keine große Öffentlichkeit. Etwas anderes wäre, wenn sie in der Potsdamer Nikolaikirche aufträte«, versuchte Pfarrer Gramkow ihn zu überzeugen. Prohaska war bei seinen letzten Worten zusammengefahren. »Was haben Sie denn plötzlich?«, erkundigte er sich verdutzt. »Womit habe ich Sie so erschreckt, Prohaska, habe ich etwas Falsches gesagt?«
»Schon gut, schon gut, denn lassen Sie meine Rieke mal den Hirten und den Erzengel Michael spielen«, murmelte Prohaska. Mit fahrigen Händen glitt er sich durch die Haare, strich eine graue Strähne aus der Stirn und wich dem forschenden Blick des Pfarrers aus. Dieser ließ ihn jedoch nicht aus den Augen.

»Ich ahne schon lange, dass es um Ihre Enkelin ein Geheimnis gibt«, sagte er zögernd. »Ihre Rieke ist etwas Besonderes. Sie ist nicht wie die anderen Kinder. Das habe ich von der ersten Sekunde an gespürt. Mit drei Jahren saß sie schon hellwach bei meiner Frau im Kindergottesdienst. Sie hat sie sehr ins Herz geschlossen. Auch unser Kantor freut sich schon richtig darauf, Rieke zum neuen Schuljahr in der Bank der ersten Klasse sitzen zu haben.«
Prohaska staunte. Wohlweislich versuchte er doch seit Jahr und Tag seine Enkelin von der Außenwelt abzuschotten. Aber als tiefgläubiger Christ war es ihm wiederum ein Herzensanliegen, seiner Enkelin den Weg zu Religion und Glauben aufzuzeigen. Dazu gehörte nun einmal der regelmäßige Besuch des Gottesdienstes. Er selbst saß doch auch jeden Sonntagmorgen pünktlich um zehn Uhr auf der harten Kirchenbank, sang mit brummendem Bass die ihm vertrauten Lieder und lauschte aufmerksam der Predigt seines Pfarrers.
Wie sehr hatte er sich gewünscht, Eleonora eines Tages in dieser Kirche einmal vor dem Traualtar zu sehen. Wie gerne hätte er den Brautführer gespielt und sie im weißen Brautkleid ihrem künftigen Ehemann zugeführt.
Aber Eleonora war ihm niemals so richtig nahe gewesen. Damals, als er 1792 in den Krieg zog, war sie noch ein kleines Kind gewesen. Als er zurückkehrte und sie samt ihrem Bruder sofort aus dem Potsdamer Waisenhaus geholt hatte, war Eleonora ein verschlossenes, fast verstörtes Kind gewesen. Sie schien zwar froh, dem Drill und der Lieblosigkeit des Heims entronnen zu sein, war aber nicht fähig, dem Vater ihre Dankbarkeit zu zeigen. Richtig kennengelernt hatten sie einander eigentlich nie.

Ihre eigene Mutter hatte Eleonora gehasst. Die hatte sich nie um die Kinder gekümmert, sondern verbrachte die meiste Zeit des Tages am Tresen des Dorfkrugs, wo sie als Kellnerin arbeitete. Fast jeden Abend oder spät in der Nacht kam sie angetrunken nach Hause, häufig in Begleitung eines genauso betrunkenen Soldaten. Beide nahmen keinerlei Rücksicht auf die in der Stube schlafenden Kinder. Wie oft hielt sich Eleonora die Ohren zu, kniff die Augen ganz fest zusammen und zog sich Kissen und Bettdecke über den Kopf. Aber das abstoßende Stöhnen, Wimmern und Ächzen des betrunkenen Paars war nicht zu überhören.
Eleonora fand das, was sich zwischen Mann und Frau abspielte, widerlich und abstoßend. So war sie zunächst mehr erleichtert, von ihrer Mutter mit ihrer jüngeren Schwester und dem älteren Bruder in das Potsdamer Waisenhaus abgeschoben zu werden.
Dabei war sie vom Regen in die Traufe gekommen. Schwestern und Bruder wurden getrennt. Die Schlafsäle waren riesig und kalt, die Betten hart und unbequem, das Essen karg, wenig abwechslungsreich und manchmal kaum genießbar. Aber was auf den Teller kam, musste auch aufgegessen werden, sonst setzte es etwas.
Es setzte häufig etwas. Der Rohrstock war ein höchst gebräuchliches Erziehungsmittel, auch im Unterricht. Die Lehrer bestanden zum größten Teil aus ehemaligen Soldaten.
Diese Kriegsveteranen, kaum selbst des Schreibens und Lesens richtig kundig, waren mehr darauf bedacht, ihre Schüler zu drillen, als ihnen Wissen zu vermitteln. Manchmal schien es, als wollten sie sich für all die Demütigungen und die Schmach, die sie während ihrer Dienstzeit erlitten hatten, an ihren Schützlingen rächen. Am berüchtigtsten war der einbeinige Otto, dem es ein sadistisches Vergnügen bereitete, die demütigende Zeremonie des Spießrutenlaufs mit seinen Schülern nachzuexerzieren. Sie hassten ihn dafür aus tiefstem Herzen.

Bei den drakonischen Strafen kamen die Mädchen kaum glimpflicher weg als die Jungen. So machte auch die kleine Eleonora einige Male Bekanntschaft mit dem gefürchteten Rohrstock. Einziges Zugeständnis war, dass die Schülerinnen nicht ihr Hinterteil entblößen mussten. Sehr schnell schaute sich Eleonora den Trick ihrer älteren Mitschülerinnen ab und polsterte sich unter dem knöchellangen Rock vorsorglich schon immer mit einem kleinen Kissen aus.
Aber wie hatte sie mit ihrem Bruder Johannes gelitten, als dieser tagelang nicht hatte sitzen können. Mit zusammengebissenen Zähnen hatte er seinem Peiniger Rache geschworen, und seine jüngere Schwester hatte ihm aus tiefstem Herzen zugestimmt.
Einzige Abwechslung von der schulischen Pein boten die Stunden der religiösen Unterweisung bei Pfarrer Ackermann, die einmal wöchentlich in der Sakristei der in unmittelbarer Nähe gelegenen Nikolaikirche stattfand.
Anschließend mussten die Jungen auf dem Kirchhof oder im Garten des Pfarrers arbeiten, während die Mädchen von Madame Blanche in Handarbeiten unterwiesen wurden. Madame Blanche hielt sich sehr viel ob ihrer hugenottischen Herkunft zugute und lehrte die Mädchen nicht nur die Kunst der Petit-Point-Stickerei, sondern weihte sie auch in die Anfangsgründe der französischen Sprache ein. So brachte sie ihnen unter anderem einige französische Kinderlieder bei. Acht Jahre war Eleonora, als erstmals ihr glockenklarer Sopran erklang. Madame Blanche war so begeistert, dass sie nicht umhinkam, der befreundeten Pfarrersfrau Mitteilung zu machen. Die stahlsich eines Nachmittags in den Handarbeitsunterricht, um sich selbst einen Eindruck zu verschaffen, und schickte ihrerseits sofort nach ihrem Gatten, damit er sich den von Madame Blanche eingeübten Kanon der kleinen Waisenmädchen anhörte.

Der Pfarrer setzte sich mit dem Kantor in Verbindung, damit Eleonora ihm vorsänge. In Sekundenschnelle konnte sie ihn von ihrer außerordentlichen Begabung überzeugen. »Sie muss unbedingt regelmäßig geschult werden«, sagte Kantor Braun. Spontan bot er an, das arme Waisenkind sogar umsonst zu unterrichten. Innerhalb kurzer Zeit gelang es ihm, Eleonora mit seiner Musikbegeisterung anzustecken und mit seinem Enthusiasmus mitzureißen.
Nachdem sie ihre Scheu gegenüber dem jungen Musikus verloren hatte, freute sie sich sogar auf ihre Gesangstunden, die zweimal in der Woche stattfanden. Das war doch tausendmal schöner als die stupide Stickerei bei Madame Blanche oder gar das Fußbodenschrubben im Waisenhaus.
Dessen Leitung, insbesondere die Oberin, sah es gar nicht gerne, dass Eleonora eine Sonderrolle zukam. Aber nachdem sich Pfarrer und Kantor für sie starkgemacht hatten, blieb Schwester Sybilla nichts anderes übrig, als sich deren Verdikt zu fügen.
»Wie soll das Kind jemals wieder zurück in seine ihm gebührende Stellung finden, wenn es zuvor bereits vor Fürsten, Grafen und sogar dem König gesungen hat«, murmelte die Oberin nur noch missmutig vor sich hin. Sie wagte jedoch keine Widerrede mehr.

»Großvater, Großvater, bist du zu Hause?«, riss eine helle Stimme Prohaska aus seinen Erinnerungen. Er zuckte zusammen und fuhr sich mit der Rechten über die Stirn.
»Ja, ich bin da, mein Kind, ich mache dir gerade einen frischen Kräutertee«, rief er in Richtung von Riekes Zimmer und nahm den pfeifenden Wasserkessel vom Küchenherd.
In der Frühe hatte er ihn wie üblich entfacht. Er war mit der Wohnstube verbunden, wo er den dort stehenden kleinen Kachelofen mit beheizte. Wenn auch draußen die Märzsonne mit all ihrer Kraft schien, war es noch nicht an der Zeit, auf die heimelige Wärme des häuslichen Herds zu verzichten.
Prohaska goss das kochende Wasser in die alte, abgesplitterte Emaillekanne, in die er zuvor getrocknete Kräuter geworfen hatte. Marie hatte ihm noch am Vorabend ein wohlriechendes Bündel vorbeigebracht.
»Alles selbst bei Vollmond gesammelt und bis zum Neumond in unserer Räucherkammer getrocknet«, hatte sie ihm erklärt.
Wie ein Lauffeuer musste sich die Kunde von Riekes Unfall inzwischen im Dorf herumgesprochen haben. Mittelpunkt der brodelnden Gerüchteküche bildete Emil, der mit Wonne immer wieder und wieder den Auftritt des Unbekannten mit der verletzten Rieke auf dem Arm beschrieb. So war es auch gar nicht notwendig gewesen, nach Marie zu schicken, denn die Neugierde hatte sie von selbst zum Haus des Nachbarn und alten Freundes getrieben. Gemeinsam verfrachteten sie die tief schlummernde Rieke in ihr Bett. Eigenhändig wickelte Marie ihr den provisorischen Verband vom Knöchel und legte eine frische Kräuterkompresse auf. Rieke bekam von alldem nichts mit. Sie schlief den Schlaf der Gerechten und Erschöpften.
»Ein feines Stöffchen, echte Seide«, bewunderte Marie den Schal von Riekes edlem Retter.
»Gib her, ich schmeiß ihn gleich ins Feuer«, fuhr Prohaska auf und wollte ihr das Tuch entreißen.
»Du bist wohl verrückt geworden, so einen Schal verbrennt man doch nicht. Ich werde ihn mit nach Hause nehmen, ihn mit der Hand vorsichtig waschen und noch vorsichtiger mit dem Plätteisen glätten, nur lauwarm, damit die Falten rausgehen«, wehrte Marie ihn ab. Mit einer flinken Bewegung ließ sie das kostbare Stück in den Tiefen ihrer Schürzentasche verschwinden. »Stell dir vor, der Graf kommt wieder und möchte seinen Schal zurückhaben. Was willst du ihm dann sagen? Dass du ihn verbrannt hast?« Herausfordernd schaute sie ihn an.
»Den habe ich doch hochkantig rausgeschmissen, der kommt bestimmt nicht wieder«, behauptete Prohaska im Brustton der Überzeugung.
Marie schaute ihn an und lächelte. Es war ein mitleidiges und zugleich belustigtes Lächeln. »Da bin ich mir längst nicht so sicher wie du, Prohaska«, erwiderte sie.
»Ich bin mir da ganz sicher«, beharrte Prohaska störrisch.
»Ach, ihr Männer«, sagte Marie nur wissend und lachte.
Nachdem sie ihm noch einige Ratschläge bezüglich der Versorgung der kleinen Patientin gegeben hatte, war sie im Dunkel der Vorfrühlingsnacht verschwunden.

Ludwig Prohaska hatte in seiner Küche noch eine Pfeife geraucht, ehe er sich zur Nachtruhe begab. In seinem Alter benötigte er nicht mehr viel Schlaf. Mit den allerersten Flötentönen der Amsel erhob er sich schon wieder. Während er sich in der Küche rasierte, fiel ihm die Begegnung vom Vortag wieder ein.
»Großvater, ich habe Hunger!«, kam es kläglich aus Riekes Schlafkammer.
»Warte einen Moment, ich gieß dir nur rasch einen Tee auf und mache dir einen Haferbrei fertig«, beschwichtigte er Rieke.
Aufmerksam schaute sie ihm entgegen.
»Hast du gut geschlafen?«, erkundigte er sich. Er stellte den alten Emaillebecher zum Abkühlen auf das Fensterbrett und drückte ihr die Haferbreischüssel in die ausgestreckten Hände.
»Danke, Großvater, ich habe so einen Hunger«, sagte Rieke und begann zu löffeln.
Prohaska holte sich einen Stuhl aus der Stube, stellte ihn neben das Bett und nahm darauf Platz. Minutenlang sah er ihr beim Essen zu und erfreute sich ihres guten Appetits. Zeitweilig hatte er sogar vergessen, was er sich in dieser schlaflosen Nacht vorgenommen hatte. Er wollte endlich mit ihr reden. Ehe sie eingeschult wurde, wollte er sie über ihre Herkunft aufklären.
Zumindest, was ihre Mutter anbelangte, Eleonora Prohaska.
»Was ist eigentlich ein Bastard?«, unterbrach Rieke seine Gedanken.
Prohaska verschluckte sich fast. »Wie kommst du denn darauf?«, fragte er erschrocken. »Wo hast du dieses Wort denn aufgeschnappt.«
»Ein paar ältere Jungs haben es mir neulich nach dem Gottesdienst hinterhergerufen«, erzählte Rieke. »Bin ich denn ein Bastard?«
»Nein!« Prohaska schrie es fast. Erstaunt schaute Rieke ihn an.
»Die sagen, ich wäre ein Bastard, weil ich weder Mutter noch Vater habe«, fuhr sie fort.
»Du hast eine Mutter!«, widersprach Prohaska heftig.
»Und wo ist die?«, wollte Rieke wissen.
Prohaska seufzte abgrundtief. »Genau darüber wollte ich heute mit dir sprechen«, sagte er. »Du kommst jetzt in die Schule und bist auch alt genug, dass ich dir die Geschichte deiner Mutter erzählen kann.«
»O ja, Großvater, erzähl sie mir«, rief Rieke begeistert. »Ist es eine schöne Geschichte?« Erwartungsvoll schaute sie zu ihrem Großvater empor. Der räusperte sich.

»Es ist eine lange Geschichte«, erwiderte er mit belegter Stimme. »Ich werde einige Tage benötigen, um sie dir ganz zu erzählen.«
»Wir haben ja bis Ostern Zeit, so lange muss ich im Bett liegen, hat Marie gestern gesagt«, erklärte Rieke eifrig. Sie klopfte auf ihre Bettkante. »Komm, setz dich richtig nah zu mir, damit ich dir besser zuhören kann.«
»Einen Augenblick, ich bin gleich wieder da«, entgegnete er.
»Ich muss nur noch etwas holen.«
Er erhob sich, ging in die Stube und zog die unterste Schublade der dort stehenden Kommode auf. Ganz tief unten hatte er den Brief versteckt. Er hatte ihn bisher nur ein einziges Mal gelesen.

Prohaska hatte Graf Alexander sofort wiedererkannt, auch wenn mittlerweile schon etliche Jahre zwischen ihrer letzten und der gestrigen Begegnung lagen. Er rechnete nach. Sechzehn Jahre war es her, dass er ihn am Hofe seiner Großmutter gesehen hatte, Seite an Seite mit seiner geliebten Tochter. Nebeneinander standen Eleonora und Alexander auf der Bühne, sangen mit Inbrunst von Liebe und Leid, stellten die perfekte Verkörperung des Liebespaars Orpheus und Eurydike dar.
Fast geplatzt wäre er damals vor Stolz und Freude ob der herausragenden gesanglichen Leistung seiner blutjungen Eleonora. Natürlich klatschte er wie alle anderen Zuschauer begeistert Beifall. Er war noch am Applaudieren, als wie aus dem Nichts ein Diener des Hauses vor ihm stand und sich vor ihm verneigte.
»Frau Gräfin lassen zu sich bitten«, sagte er gemessen und bedeutete, ihm zu folgen. Unter den verstohlenen, teilweise aber wohlwollenden und anerkennenden Blicken der adeligen Gesellschaft durchschritt Prohaska den Gartensaal von Schloss Sophienhof.

»Nun, mein lieber Prohaska, ist das nicht ein unglaublicher Triumph für Sie?«, empfing ihn die Gräfin. »Nun werden Sie es bestimmt nicht mehr bereuen, Ihre Tochter vor fünf Jahren meiner Obhut überlassen zu haben.«
»Nein, Erlaucht, wie könnte ich dies jemals bereuen«, erwiderte Prohaska höflich und verneigte sich formvollendet.
Er wusste schon, wie man sich in höchsten Kreisen bewegte und ausdrückte. Mit dem Schliff beim Militär hatte man ihm auch Manieren eingebleut.
»Nehmen Sie Platz, mein Lieber«, lud ihn Gräfin Dorothea ein und wies mit ihrem Fächer auf einen neben ihr stehenden leeren Stuhl. Prohaska gehorchte. »Sind Sie denn wenigstens stolz auf Ihre Tochter?«, wollte sie wissen.
»So stolz, dass es mir fast das Herz zu sprengen drohte«, gestand Prohaska aufrichtig.
»Nicht nur Ihnen, Prohaska, nicht nur Ihnen«, pflichtete ihm die Gräfin bei. Sie klappte ihren Fächer auf und begann zu fächeln. »Ich muss Ihnen gestehen, ich habe bei dem großen Duett sogar geweint.« Über den Rand des Fächers warf sie ihm einen koketten Blick zu. Sie mochte Anfang siebzig sein, aber sie wusste noch ganz genau, wie ein Mann in Wallung zu bringen war.
Prohaska stieg das Blut zu Kopfe. Diese spontane Reaktion überraschte ihn selbst. Bisher hatte er in Gräfin Dorothea immer nur die Gräfin, eine hohe preußische Adlige, aber niemals eine Frau gesehen. Sie musste einmal eine sehr schöne Frau gewesen sein. Aber war sie es nicht immer noch? Mit ihren feinen Zügen, der glatten Haut und einer mädchenhaft schmalen Taille. Das Alter war bislang sehr gnädig mit ihr umgesprungen. Wenn sie wollte, konnte sie immer noch einen unwiderstehlichen Charme entfalten. Neben ihr wirkte Schwiegertochter Gräfin Elisabeth stets wie eine unförmige Matrone, die mit ihrem Gatten die Neigung zur Korpulenz teilte. Darin kam Wilhelm wiederum nach seinem Vater, den man auch leicht mit Friedrich Wilhelm II. hätte verwechseln können, von seinen Untertanen liebevoll spöttisch auch »dicker Willem« oder »dicker Lüderjahn« genannt.
Die Gräfin und der ehemalige Feldwebel schwiegen. Sie beobachteten die Tanzenden, die sich im Takt der Musik wiegten. Eleonora und Alexander waren beide nicht zwischen ihnen zu entdecken.

»Großvater, wo bleibst du denn?«, rief es ungeduldig aus dem Nebenzimmer.
»Ich komme ja schon«, rief er zurück. Er hatte den Brief aus der Schublade genommen. Beim Aufrichten fiel sein Blick auf die hohe Vase, in der schon ein österlicher Strauß aus Haselnuss- und Forsythienzweigen steckte. Kurz entschlossen nahm er die Vase mit. Ganz vorsichtig stellte er sie auf die Fensterbank von Riekes winzigem Zimmer. Verwundert beobachtete sie ihn dabei.
»Warum stellst du die Vase da hin, ist sie nicht viel zu wertvoll, um bei mir auf der Fensterbank zu stehen?«, fragte sie.
»Sie ist wertvoll, sogar sehr wertvoll, aber sie hat auch etwas mit deiner Mutter zu tun. Diese Vase hat mir Gräfin Dorothea zur Erinnerung an den ersten großen Auftritt deiner Mutter geschenkt.«
Prohaska zog einen Schemel heran und setzte sich neben das Bett seiner Enkelin.
»Meine Mutter war eine Sängerin?«, staunte Rieke. »Und wer war Gräfin Dorothea?«
»Das sollst du jetzt endlich erfahren, mein Kind«, versprach Prohaska.

Infos zum Buch:
Flamme der Freiheit
von Birgid Hanke
Erschienen am 1. Juli 2013:
bei Droemer Knaur
ISBN: 978-3-426-41291-6

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2013-07-03, Birgid Hanke, Angelika Petrich-Hornetz
Text: © Birgid Hanke + Droemer Knaur
Foto Banner: ©aph

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