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Wirtschaftswetter-Mann des Jahres 2017

Seit 2013 erlaubt sich die vierteljährlich erscheinende Onlinezeitschrift "Wirtschaftswetter" die undotierte Auszeichnung 'Wirtschaftswetter-Mann des Jahres' bekannt zu geben. Damit wird einmal im Jahr ein Mann ausgezeichnet, der aus unserer Sicht Mut und Klasse bewiesen hat, indem er sich einer herausragenden, unbezahlbaren (Lebens-)Leistung im Sinne von Freiheit und Demokratie rühmen kann, die unabdingbar mit dem Fortschritt der Menschheit verbunden ist.

Im Jahr 2013 kürten wir deshalb den darum verdienten Edward Snowden zum ersten Wirtschaftswetter-Mann des Jahres. In diesem Jahr werden wir alle bisherigen Jahre toppen, in denen wir bereits jeweils zwei Wirtschaftswetter-Männer gefunden hatten. Darum kann man ruhigen gewissens sagen: Das Jahr 2017, dass sich mit vielen Problemen herumschlagen musste, von denen die meisten auch noch bis ins Jahr 2018 und darüber hinaus wirken werden, kann so schlecht nicht gewesen sein, denn so viele Titelträger wie dieses Jahr hatten wir noch nie.

Emmanuel Macron, Präsident

, französischer Präsident. Gut, er war schon einmal Wirtschaftsminister und ein Minister, der eines Tages auch Staatsoberhaupt wird, ist an und für sich nichts Ungewöhnliches. Aber den Parcour de Force, den Macron, der am 21. Dezember 40 Jahre alt wird, hinelegt hat, ist bislang einmalig. In solch einer rasanten Geschwindigkeit ganz neue Strukturen im ähnlich wie Deutschland überregulierten Frankreich zu errichten, hat es vorher - zumindest in Europa - nicht gegeben. Das soll ihm erst einmal jemand nachmachen, auch wenn der Abgang als Minister zumindest ein bisschen unschön war. Zuerst eine Bewegung gegründet, tatsächlich die Präsidentschaft mit europafreundlichen Tönen gewonnen, zu dem Zeitpunkt ein Unding für etablierte Parteien, aus der Bewegung eine Partei geformt - und prompt ist er schon mittdrin, will nicht nur Frankreich, sondern auch Europa reformieren. Einzig die langwierige Regierungsbildung in Deutschland haben den Schwung Macrons derzeit etwas ausgebremst. An Macron kommt jedenfalls gegenwärtig keiner vorbei, der als neues Role Model einer neuen Generation und Politik gilt, u.a. weil er längst überholte Tradtionen einfach über Bord wirft. An dieser Stelle alles aufzuzählen, wäre zu viel, und genauso wie alle Wirtschaftswetter-Männer des Jahres, haben inbesondere Traditionalisten aus dem linken und rechten Spektrum ihre Schwierigkeiten mit so viel Mut und Klasse. Und die Vetreter einer von Ängsten geplagten, männlichen Mittelschicht sogar auch immer noch damit: In Europa war es allein auf weiter Flur der französiche Präsident Macron, der anlässlich des 25. Novembers eine sehr ausführliche Rede hielt (Man könnte auch einfach sagen: Er hat auf den Tisch gehauen), in der er einen Aktionsplan ankündigte, unterfüttert mit Gesetzesvorhaben und mehr Geld, um die Gewalt gegen Frauen abzuschaffen. Grund. Der Präsident Frankreichs findet es von Amtswegen her, aber auch ganz pesönlich einfach unterträglich, dass Frauen im Frankreich des 21. Jahrhundert Gewalt erleben müssen, nur weil sie Frauen sind. Und Macron beschränkt sich nie nur auf Worte. Auch so viel Verve stößt einige Zeitgenossen natürlicherweise vor den Kopf und andere Staatsoberhäupter haben offenbar weniger Probleme mit Gewalt gegen Frauen, als dieser mutige, angriffslustige Präsident, der es sich zur Lebensaufgabe gemacht hat, Verantwortung zu übernehmen - und genau damit Frankreich und Europa wieder Hoffnung auf eine Zukunft macht - Wirtschaftswettermann des Jahres 2017.

Frans Timmermans, EU-Kommissar

. Der EU-Kommissar, Stellvertreter von EU-Kommissions-Präsident Juncker und frühere Außenminister der Niederlande hat bereits viele Auszeichnungen erhalten. Das Wirtschaftswetter zeichnet Timmermans stellvertretend für alle Männer aus, die den Mut hatten, sich den Frauen anzuschließen, die durch die #metoo-Kampagne ihren Unmut über sexistische Gewalt Ausdruck verliehen. Timmermans, der in der Medienöffentlichkeit aktuell damit beschäftigt ist, die Klagen der EU-Kommission gegen Polen, Ungarn und Tschechien vor dem EU-Gerichtshof zu verteidigen sowie zum Tag der Menschenrechte (10. Dezember) seine ernsthafte Besorgnis über deren Lage in in Europa äußerte, gab dazu im November lediglich ein kurzes, aber bestimmtes Statement in einem Interview mit der italienischen La Stampa ab: Auch er wurde als Kind missbraucht. Er verstehe deshalb sehr gut, dass es nicht einfach sei, darüber zu sprechen, setzte er fort und sprach allen Opfern Mut zu, genau das zu tun. Vielleicht war es Zufall, dass dieses Statement genau in dem Moment kam, als schon wieder Überlegungen und Äußerungen die mediale Runde machten, ob sich Frauen etwa unpassend kleideten, schminkten - und dergleichen mehr - also genau im richtigen Moment. Viele weitere Männer äußerten sich längst, aber wie viele Frauen auch, oft erst Jahre später, weil es so schwer ist. Das Tabu brechen und sich äußern, ist eines der großen Themen 2017 gewesen und Frans Timmermans wird Wirtschaftswetter-Mann des Jahres 2017, stellvertretend für alle Männer, die den Mut und die Klasse dazu aufbrachten.

Colin Kaepernick, Football-Spieler

Der Quarterback, der für einige Football-Rekorde sorgte und sechs Jahre für die San Francisco 49ers in der NFL spielte, bevor er im März 2017 entlassen wurde, riskierte nicht weniger als seinen Job, seine Lebensgrundlage, als er 2016 bei einem Trainingsspiel beim Abspielen der Nationalhymne das erste Mal kniete - und nicht wie üblich bei der Hymne stand. Der 30-Jährige wollte damit seiner Kritik am alltäglichen Rassismus in den USA öffentlich Ausdruck sowie den damit zusammenhängenden Ereignissen öffentliche Aufmerksamkeit verleihen. Ein Zusammenhang mit seiner politischen Geste und der Tatsache, dass er seit Anfang des Jahres keinen Vertrag mehr hat, obwohl divese Möglichkeiten vorhanden sind, wird beflissentlich geleugnet, aber wenn selbst schon Kollegen lautstark fordern, Kaepernick endlich wieder in der NFL spielen zu lassen, ist das "Geschmäckle" schon ziemlich groß. Viele Spieler schlossen sich Kaepernicks Kniefall an, der inzwischen mehrere Preise für sein Engagement einsammelte. Und es gibt zahllose Solidartitätsbekundungen, weil Sportsgeist eben immer auch außerhalb des Spielfelds ein Thema ist und der besteht ebenfalls aus Mut und Klasse - beides hat Kaepernick, ein Wirtschaftswetter-Mann des Jahres 2017.

Vladimir Ledecky, Bürgermeister

. Im mehr oder weniger reichen Europa hat man überall Probleme mit Armut und Verelendung, von der inbesondere Minderheiten betroffen sind, die neben der Not nicht selten noch von der Mehrheitsgesellschaft nicht selte stigmatisiert werden. U.a. betrifft dies auch immer wieder die Roma. Dass ihnen sogar in einer an sich von hoher Arbeitslosigkeit und Armut betroffenen Gegend, mit guten Ideen, gepaart mit Tatkraft - und damit im Endergebnis allen geholfen werden kann, zeigte nicht erst seit diesem Jahr der slowakische, langjährige Bürgermeister von Spišský Hrhov, Vladimir Ledecky in eindrucksvoller Art und Weise.
Ihm gelang das Kunstststück, das manche für unmöglich hielten: Ledecki verbesserte mit seinem nicht nachlassendem Engagement nämlich nichts Geringeres als die Lebensqualität des ganzen Ortes. Mit verschiedene Maßnahmen (die wir hier an dieser Stelle leider nicht alle aufzählen können) sorgte er dafür, dass die Roma im Ort nicht mehr länger ausgegrenzt am Ortsrand in Arbeitslosikgiet und Elend leben, sondern Einsatz gefördert und Ressentiments ganz bewusst abgebaut werden. Ledecki gründete u.a. eine Gemeindefirma, in denen Menschen des Dorfes, die keinen Job fanden u.a. Bauarbeiten durchführen. Aufträge und Arbeitsstellen werden nach Leistung vergeben, nicht mehr nach Volkszugehörigkeit, wie es in vielen Gegenden inzwischen wieder üblich zu sein scheint. Menschen in verwahrlosten Behausungen bekommen Hilfe zur Selbsthilfe, sich Häuser zu bauen, die sie aus den Elendsvierteln holen, aber sie bekommen sie auch nicht geschenkt. Das Programm verlangt, das alle mitanpacken. Die zwischenmenschlichen Kontakte nehmen durch die so mobilisierte Gemeinde zu - erst am Arbeitsplatz und später am Feierabend. Dadurch werden Vorurteile im alltäglichen Miteinander, in dem man sich gegenseitig zuarbeitert, abgebaut und wächst die Toleranz im Ort, man beginnt sich zu vestehen und wortwörtlich gemeinsam für das Gemeinwohl zu arbeiten. Die Folge: Der Ort mausert sich, überall wird gebaut, gewerkelt, immer wieder neue Ideen umgesetzt - bereits vor zwei Jahren hatte sich die Einwohnerzahl verdoppelt. Ledecky ist in Europa ein Vorbild eines Bürgermeisters, der seine Innovationen mit Hartnäckigkeit und einem unglaublichen Durchhaltevermögen zum Wohler aller umsetzt - und damit hochverdienter Wirtschaftswetttermann des Jahres 2017.

Jens Söring, Häftling

. Uns ist bewusst, dass die Wahl zum Wirtschaftswettermann des Jahres auf Kritik stoßen wird. Das ist bereits in den vergangenen Jahren so gewesen, wird genauso bei den oben Genannten geschehen sowie auch bei dem Folgendem. Wir sind keine Juristen und können keinen einzigen Fall juristisch beurteilen. Aber wenn wir immer wieder veröffentlichen, dass in Gefängnissen weltweit rund 90 Prozent Männer einsitzen, darf auch nicht unerwähnt bleiben, dass hiervon ein nicht unerheblicher Teil unschuldig inhaftiert worden ist. Jens Söring, der vor mehr als 30 Jahren anhand von Zeugenaussagen und zweifelhaften Indizen wegen Doppel-Mordes zu zweimal lebenslänglich verurteilt worden war, könnte möglicherweise unschuldig sein. Voraugesetzt, es ist so, hat er vermutlich nur eines verbrochen, nämlich an der falschen Stelle Solidarität gezeigt. Söring hat im Jahr 2017 auch keine große Tat vorzuweisen, außer derjenigen, über drei Jahrzehnte konsequent und komplett gescheitert zu sein - allerdings auch: bis jetzt durchgehalten zu haben. Wir möchten Jens Söring dieses Jahr ausdrücklich stellvertretend für alle Männer weltweit, die vor Gerichten gescheitert sind und die möglicherweise unschuldig in Gefängnissen einsitzen als Wirtschaftswettermann des Jahres 2017 auszeichnen. Untersuchungsmethoden sind inzwischen genauer als vor 30 Jahren und manche Zeugen, die zeitlichen Abstand zur eigentlichen Tat haben, erinnern sich plötzlich - oder werden erst Jahre oder Jahrzehnte später überhaupt erst gehört. Wir hoffen, dass die Unschuldigen freigelassen und die zweifelhaften Fälle noch einmal neu verhandelt werden, um endlich die Wahrheit herauszufinden.

Das Wirtschaftswetter verneigt sich im Jahr 2017 vor: Emannuel Macron, Frans Timmermanns, Colin Kaepernick, Vladimir Ledecky und Jens Söring.


Alle bisherigen Titelträger:
2016 - Erdem Gül und Can Dündar , die Kämpfer für Presse- und Meinungsfreiheit

2015 - Helmut Schmidt und Joachim Löw, die German Gentlemen in schwierigen Zeiten

2014 - König Juan Carlos I. von Spanien für die wiederholte Rettung der Demokratie in Spanien und Europa

2013 - Edward Snowden - Artikel mit Bezug zum Preisträger: Der Sommer der Überwachung - für die Durchsetzung eines der wichtigsten der einst von US-Präsident John F. Kennedy formulierten, universellen Verbraucherrechte: Das Recht, informiert zu sein - The right to be informed


2017-12-15, Update 2018-05-27, Angelika Petrich-Hornetz
Text: ©E-Mail Wirtschaftswetter
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