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TV-Unterhaltung

Fernsehen ohne Innovationen

von Angelika Petrich-Hornetz

Das klassische Fernsehen verliert seine Zuschauer, schon seit Jahren. Zuerst wurden es nur langsam und kontinuierlich weniger, bei den jüngeren Zuschauern drohen die ersten Einbrüche, wie u.a. kürzlich Media Control ermittelte. Die vielen Konkurrenten in Form von Internet-Videos, Bezahl-Streaming und -Fernsehen ziehen dem klassischen TV das Publikum ab. Dabei würde das nach wie vor gern ganz gemütlich vor der Glotze sitzen und sich unterhalten lassen. Doch was ist gute Unterhaltung?.

Die nächste Generation verabschiedet sich vom Fernsehen

Das Fernsehen, insbesondere das öffentlich-rechtliche, musste schon viel Kritik einstecken, nicht nur sachlich begründete, sitzt es doch auf dem Rundfunk-Gebühren-Privileg, welches nur wenigen Medien zuteil, indes in vielen Staaten ebenso wie hierzulande praktiziert wird. Jeder Haushalt in Deutschland ist dazu verpflichtet, eine Rundfunkgebühr, richtig heißt es seit 2013 "Rundfunkbeitrag", zu entrichten, unabhängig davon, ob dort der öffentlich-rechtliche Rundfunk tatsächlich genutzt wird oder nicht. Allein diese Regel, erst 2013 eingeführt, war eine halbe Revolution: Davor musste sogar jedes Gerät angemeldet und dafür auch bezahlt werden - eine bereits technisch veraltete Vorschrift, die allein schon wegen der mit vielen Gerätschaften aufgerüsteten Privathaushalte bereits zu diesem Zeitpunkt gar nicht mehr durchzusetzen gewesen wäre. Dabei waren öffentlich-rechtliche Sender einst kurz davor, vom Smartphone bis zum internetfähigen Kühlschrank bald alles zum "neuartigen Rundfunkempfangsgerät" zu erklären und dafür Gebühren, pardon, Beiträge einzuziehen. Inzwischen ließen sich solche Pläne auch wegen der vielfältigen, kostenpflichtigen oder kostenlosen Konkurrenz, die immer größer wird, nicht mehr durchsetzen.

Neben viel sachlicher und unsachlicher Kritik hängen auch noch unzählige Klagen gegen den Rundfunkbeitrag an, darunter auch Verfassungsschutzklagen, über die das Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe im Jahr 2018 entscheiden wird. Ein Ärgernis für viele Gebührenzahler (bis 2013) und jetzt (seit 2013) Beitragszahler war und ist nicht selten der Umgang mit der Beitrags-Eintreiber-Gesellschafft, die im Gegensatz zu ihrem Auftraggeber zumindest bis 2013 oftmals nicht unbedingt immer feine Kommunikations-Formen pflegte. Dass sinnlosen Auseinandersetzungen mit der GEZ einigen potenziellen oder tatsächlichen Rundfunknutzern den letzten Nerv raubten, neben druchaus mess- damit in Euro bezifferbarer Arbeits- und Lebenszeit, muss man wissen, wenn man die große Verärgerung einiger Beitragszahler verstehen will - und schien die mit hehren Ansprüchen argumentierenden Sender lange Zeit überhaupt nicht zu interessieren - geschweige denn, dass das Thema einmal in guter journalistischer Arbeitstradition überhaupt einmal ein Thema in ihren eigenen Sendern wurde. Durch solche und andere schlechte Erfahrungen nahm das Verständnis für das Gebühren- bzw. Beitragsprivileg für bestimmte Sender deutlich ab, zumal sich die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten inhaltlich immer mehr privaten Sendern angleichen.

Wo ist der Unterschied?

Von der vertraglich geregelten Grundversorgung bis zum Bildungsauftrag scheinen sich die Programme der Öffentlich-Rechtlichen immer weiter zu entfernen oder sie werden zum Randprogramm für die Spartensender, wie etwa die fortlaufenden Nachrichten, die im Sender Tagesschau 24 geparkt worden sind, während im Hauptprogamm zur besten Sendezeit überlicherweise seichte Unterhaltungsshows, Krimis oder Schmonzetten gezeigt werden - Letztere inklusive zweifelhaften Frauenbildern, die regelmäßig den Negativpreis "Saure Gurke" für fortgesetzte Rückständigkeit gewinnen, und zwar nicht von notorischen Querulanten von außen, sondern von den hauseigenen Medienfrauen verliehen.

Schaute man sich das Weihnachtsprogramm über die Feiertage 2017 an, zeigten private wie öffentlich Sender den üblichen, kaum noch unterscheidbaren Einheitsbrei, und zwar parallel zueinander. So etwas hochmodernes wie etwa eine rudimentäre Vernetzung, d.h. irgendeine Absprache unter den Sendern, welche Zielgruppe wohl was gerne sieht, und zwar hinteinander - und nicht gleichzeitig - scheint in der zunehmend digital, vernetzten Welt, die solche Absprachen inzwischen auch von kleinen und mittelständischen Unternehmen radikal verlangt, um überhaupt überleben zu können, ausgerechnet am Fernsehen komplett vorbeizugehen.
Beim Lokalsender NDR lief Weihnachten ununterbrochen, bis inklusive Neujahr die rührige Serie "Büttenwader". Sicher, die hat durchaus einen sehr großen und eingeschworenen Fankreis, aber meinen die Intendanten wirklich, dass Büttenwarder-Fans die einzigen Zuschauer auf norddeuschen Erden sind? Oder haben sie längst aufgegeben, gehen davon aus, dass zu Weihnachten eh niemand mehr Fernsehen guckt, so dass es dann auch einfach egal sei, was gesendet wird? Es käme einer kompletten Selbstaufgabe gleich.
Auf anderen Sendern wechselten sich dementsprechend Folgen des inflationär ausgeschlachteten "Tatort" ab, unterbrochen von Konzerten mit "Andre Rieu", Wiederholungen vom "Traumschiff" oder ähnlichen Eigenproduktionen, so wie Verfilmungen der auch stets bemühten Rosamunde Pilcher, als gäbe es weit und breit wirklich keine andere Schnulzen-fähige Autorin, die allesamt sicher ihre Zuschauerinnen und Zuschauer finden, während andere Zielgruppen komplett in die Röhre gucken. Der einzige Unterschied zwischen ARD und ZDF zu den privaten Sendern über die Weihnachtsfeiertage 2017 bestand darin, dass in den öffenlich-rechtlichen Sendern, Sendungen und Spielfilme nicht ständig durch ellenlange Werbeblöcke unterbrochen wurden.

Unter den Möglichkeiten - Das Privileg wird einfach nicht genutzt

Wir schreiben hier bewusst "nicht genutzt", weil es offenbar heutzutag nicht mehr ausreicht - zumindest laut den aktuellen Zahlen der gerade nachwachsenden Zuschauergeneration - , dass irgendetwas im Hauptprogramm gezeigt wird, das nicht durch Werbung unterbrochen wird. Dabei hat das öffentliche TV jetzt noch viel Spielraum, inklusive der noch nicht vollkommen bettlägerigen Baby-Boomer-Generation, die noch stundenlang TV glotzt. Diesen bald zu Ende gehenden Zeitraum sollte das öffentlich-rechtliche Fernsehen jetzt lieber tunlichst nutzen, statt vergeuden, bevor ihnen die nächste Generation einen großen Strich durch die Beitragserhebung machen wird: Keine Werbung in einem Spielffilm ist angesichts der Werbe-Unterbrechungflut der Privaten eine absolute Erholung fürs Auge und fürs Ohr der Zuschauer. Deshalb sieht es ja bei den Privaten auch nicht viel besser aus, und immer mehr jüngere Zuschauer schalten auch dort weg - und nutzen lieber kostenpflichtige Streaming-Angebote oder die kostenlosen - oder unterhalten sich lieber miteinander.

Besonders die Jüngeren verabschieden sich vom klassischen TV, aber mehr als nur offensichtlich ausdrücklich nicht von Gebühren als solchen. Die Generation Y hat schließlich bereits ein eigenes Einkommen und die ist auch bald soweit. Beide sind mit einer nie dagegewesen Geräte- und Medienvielfalt aufgewachsen. Das mag ein Grund für die wachsende Abstinenz von klassischen TV-Programmen sein, aber Gebühren als solche sind es nicht. Damit sollte den Entscheidern der Fernsehsender überfälligerweise endlich dämmern, was inzwischen auch für andere Altersgruppen der Zuschauer gilt: Das vorhandende TV-Angebot ist einfach zu schlecht und zu ähnlich, im Vergleich zum immer größer werdenden Konkurrenzangebot.
Vielleicht wird zu wenig Marktforschung betrieben oder werden ständig die falschen Teilnehmer gefragt, wenn daraus nichts anderes herausgkommt, als dass alle angeblich zufrieden sind - und dann doch alle absschalten. Es mag zwar sein, dass eine große Zahl von Zuschauern unbedingt in ständiger Wiederholung sich ähnelnde Schmonzetten, Shows mit Florian Silbereisen oder "Wer hat's gewusst" sowie "Tatort" am laufenden Band sehen möchten. Doch, dass u.a. 20,5 Millionen Rentner ausschließlich vier Formate sehen wollen, glauben auch wir nicht. Und selbst wenn es so wäre: Was macht das deutche Fernsehen, wenn wir eines Tages ausgestorben sind?

Die öffentliche Finanzierung ist viel zu schade, um immer nur sich ähnelnde "Erfolgsrezepte" zu senden. Auch ein Fundus ungeklärter Größenordnung an raren und wahren Filmschätzen wartet immer noch auf seine digitale Erweckung, ähnlich wie Dornröschen, aber bisher ohne Aussicht auf ein gutes Ende. Vor diesem Hintergrund und angesichts der für kleine Medien geradezu unverstellbar guten Möglichkeiten der Informationsbeschaffung ist das abgelieferte Ergebnis, Ausnahmen bestätigen die Regel, einfach viel zu mager. Wenn man ein bestehendes Interesse des Publikums am öffentlich-rechtlichen Fernsehen und ein zart steigendes an einigen Sparten-Sendern unterstellt, könnte man doch Rückschlüsse ziehen und sich etwas einfallen lassen. Es hat ja schon ein paar Veränderungen gegeben, z.B. die Übertragung von Live-Konzerten, zeigt, dass so mancher doch begriffen hat, dass auch, aber nicht nur Fußball echte TV-Unterhaltung sein kann.

Mehr Musik!

Manches andere andere grenzt an eine Farce, wie der Riesenwirbel um den Eurovision Song Contest, dem angeblich die halbe Welt zuschaut. Kunststück: Die Schlagerfans und Zuschauer in Deutschland haben ja auch nichts anderes. Das - einst den ESC inspirierende - Sanremo Schlagerfestival, immer noch ein Straßenfeger in Italien, wird hierzulande schließlich nicht einmal *erwähnt, geschweige denn übertragen, und andere , durchaus in Europa vorhandene, respekttable ähnliche Formate: nicht vorhanden. Ist schon einmal jemand auf den Chefsesseln von ARD und ZDF auf die Idee gekommen, dass genau ihr eigenes mangenlndes Musik-Angebot den Hype des ESC befördert haben könnte, weil es wie zu Zeiten von lediglich drei Progammen vor vierzig Jahren, einfach nichts anderes gibt?

Musik- und Kultursendungen sind ähnlich wie Dokumentationen zu wichtigen Themen bei ARD und ZDF eine, im Verlgeich zur großzügigen Sendezeit für vermeintliche Unterhaltungssendungen, Angelegenheit für unter Schlafstörungen Leidende, nämlich mitten in der Nacht. Wie viele, in einer nicht mehr wiederholbaren Qualität vorhandene Konzerte und andere Musik-Sendungen horten die Öffentlich-Rechtlichen in ihren Sender-Kellern eigentlich - und zeigen sie einfach nicht? Auch das ist ein Punkt für mangelndes jugendliches Interesse, das nach wie vor stark Musik-affin ist.
Am 30.12. lieferte der WDR tatsächlich mitten in der Nacht einen Zusammenschnitt aus den Rockpalast-Highlights, als alle, die am nächsten Tag Silvester feiern wollten, längst fest schliefen. Das "neue Jugendangebot" von ARD und ZDF, nur im Internet, namens, "funk.net" kann wegen mangeldner Gelegenheit, sich stundenlang durchzuklicken an dieser Stelle nicht bewertet werden, aber wirkt auf den ersten Blick nicht gerade so, als würde es die angepeilte Zielgruppe zwischen 14 und 29 Jahren regelrecht vom Hocker reißen, sondern ein wenig bemüht. In den zahlreichen Selbstdarstellungen auf der smartphone- und tablet-kompatiblen Seite findet man dementsprechend Beteuerungen, sich selbst verbessern zu wollen. Das ist wohl auch dringend nötig. Musik? Fehlanzeige. Mode? - immer ein Thema für die Jugend: Fehlanzeige. Technik, It, KI und Digitalisierung? - diese ganz große und so lebenswichtige Themenpalette der nächsten beiden Generationen: Fehlanzeige.

Die Digitalisierung ist im deutschen Fernsehen gar kein Thema

Zwar haben die Öffentlich-Rechtlichen es immerhin geschafft, wenigstens in einigen Nachrichten-Sendungen u.a. vom Kongress des Chaos-Computer-Clubs, jeweils Ende Dezember, zu berichten, von den heißen Themen, die die jugendliche Netzgemeinde umtreibt, ist aber ansonsten so wenig bis gar nichts zu sehen, als herrschte weltweit angeblich eine absolute Digitalisierungs-Flaute. Das ganze Thema, das, wie wir alle merken, immerhin immer mehr unseren Alltag bestimmt, zahlreiche andere Themen nach sich zieht - und damit ein großes Verbraucher-Thema als solches ist, um das niemand mehr herumkommt, scheint in allen deutschen Fernsehsendern so gut wie gar nicht stattzufinden. Und damit zurück zum Bildungsauftrag der Öffentlich-Rechtlichen. Hat schon einmal jemand in diesen vielen Sendern mitbekommen, wie sehr das Thema Netzneutralität die Jugend weltweit - und darunter auch die deutsche - umtreibt?
Das diese Jugend untereinander seit Jahrzehnten auch in Englisch und in weiteren Sprachen zu kommunizieren versteht, muss für eine einzige englischsprachige US-Show auf 3Sat reichen. Dabei verträgt das junge Publikum schon lange ein mehrsprachiges TV-Programm, etwas, das deutschen TV-Sendeanstalten aber bisher noch niemanden aufgefallen ist oder nie interessiert hat. Und somit wandert diese Jugend dorthin ab, wo sie das findet, was sie sucht - eine vermeintlich grenzenlose Vielfalt - und mehr oder (leider auch) weniger gut recherchierte Antworten auf ihre vielen Fragen und Interessen findet.

Für mehr Innovationen konnten offenbar auch keine teuren Rundfunk- und Fernsehratsversammlungen in mehren Jahrzehnten sorgen. Neue Möglichkeiten, das Publikum z.B. übers Internet an der Auswahl von Programmen, Formaten, Inhalten und Protagonisten zu beteiligen, bleiben die Öffentlichen-Rechtlichen ebenfalls schuldig. Wenn eine solche, großzügig geschätzte 60- bis 80-Prozent-Minderleistung einfach weiter so fortgesetzt wird, wird es die öffentlich-rechtlichen Sender eines Tages nicht mehr geben - und das wäre vor der Aussicht auf noch mehr dumpfe Kommerzialisierung und damit immer mehr Werbung an Stelle von Inhalten in der Tat ein wirklich herber Verlust. Die Leute verlangen inzwischen etwas für ihr sauer verdientes Geld und sie haben damit quasi als Mit-Eigentümer ihrer öffentlich-rechtlichen Fernsehsender auch ein Recht darauf, beteiligtzu werden. So, wie die Zuschauer selbst mit immer mehr Arbeitsverdichtung und Leistungsanspruch in ihrem eigenen Arbeitsleben fertig werdens müssen, sind auch die Ansprüche an Arbeitshaltung, Kostenentwicklung, Leistung und vor allem an den Ergebnissen des öffentlichen Fernsehens gestiegen, das gerade in Deutschland mit mehr als 3 Stunden täglich im Durchschitt (die Jugend schon eine Stunde weniger) immer noch eine beliebte Freizeitbeschäftigung ist - allerdings mit deutlich sinkender Tendenz. Und das zu ignorieren, ist nicht nur schade. Es könnte tatsächlich etwas Unwiederbringliches kaputt gemacht werden, das viel zu wertvoll ist, um sich nicht richtig dafür anzustrengen.


2018-01-01, Angelika Petrich-Hornetz
Text: © Wirtschaftswetter
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