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Notizen aus den USA

38. Folge

So können Sie sich Ihren Bankrott leisten

von Ines Kistenbrügger

Bild Pleitegeier, Link Wirtschaftswetter Eben bin ich an einem Werbeplakat vorbeigefahren: Affordable Bankruptcy. Dort warb eine finanzielle Einrichtung, die Privatmenschen helfen will mit dem persönlichen Konkurs umzugehen. Ganz davon abgesehen, dass die Idee Konkurs, den man sich leisten kann ein gutes Beispiel für den ultimativen Widerspruch ist, hat mich dieses Plakat nachdenklich gestimmt. Wie wird heutzutage der Wert des Geldes bewertet? Offensichtlich anders als ich es in der Schule und von meinen Eltern gelernt habe.

Das Phänomen Konkurs ist wohl weit genug verbreitet, dass es sich lohnt aus dem Leid anderer ein Gewinnpotenzial zu schöpfen und Kunden per Autobahnplakat anzuwerben. Und es ist wirklich erstaunlich, wie selbstverständlich das Wort Bankruptcy im täglichen Sprachgebrauch auftaucht. Nicht nur seit die großen amerikanischen Fluggesellschaften versuchen, ihre Kostenstruktur und Abhängigkeit von den Gewerkschaften mit Hilfe des Chapters 11 des Insolvenz- und Konkursverfahrens zu verbessern, scheinen Insolvenz und Konkurs nicht das Ende eines Geschäftes oder einer Firma, sondern nunmehr eine Wirtschaftsstrategie geworden zu sein.

Als privater Mensch hat man da ja leider weitaus weniger Möglichkeiten die gesamte Bandbreite auszuschöpfen, aber als große Firma? Hey, entweder wir bleiben in business und der Staat unterstützt uns, damit wir aus all den schönen Versprechungen wie Altersvorsorge und Gewerkschaftsvereinbarungen herauskommen, um uns finanziell aus einer katastrophalen Lage, in die wir uns wohlgemerkt selbst reingeritten haben, heraus zu helfen. Oder wir machen den Laden zu und sorgen für eine nicht unerhebliche wirtschaftliche Katastrophe, weil wir ein paar tausend Leute entlassen müssten. Und an unseren bald ehemaligen Vorstand zahlen wir noch einmal eine Abfindung in Millionenhöhe. Schließlich hat der uns ja in die Misere schlittern lassen.

Doch dieses Plakat hat mir tatsächlich eine etwas andere Zukunft gezeigt. Auch für den Privatmenschen scheint es mittlerweile möglich zu sein, einen Konkurs strategisch zu nutzen. Da hat man dann mal eben zu viel Geld ausgegeben, wohlgemerkt Geld, dass man nicht hatte, und einen Haufen Schulden akkumuliert, und schwups, kommt die Bankrottfee und eliminiert die Schulden. Ein Neustart, juchhu.

Ich habe mitgezählt. In der Woche flattern mir bestimmt sieben Angebote für eine Kreditkarte ins Haus. Das erste Jahr gibt’s ohne Zinsen und ohne Gebühr. Nur den beiliegenden Zettel ausgefüllt, zurückgeschickt und ein paar Tage später liegt dann die Kreditkarte im Briefkasten. Meistens steht noch in großen Buchstaben dabei, dass meine eventuelle Anmeldung selbstverständlich schon genehmigt sei. Es ist also so einfach Geld auszugeben, denn die Kreditkarten stellen sich quasi selbst aus.

Die Krönung war neulich erreicht, als meiner Katze eine Kreditkartenanmeldung zugeschickt wurde. Mann, war ich glücklich, dass meine Katze weder lesen noch schreiben kann. Es hätte beinahe fatale Folgen für die finanzielle Situation von Miez gehabt. Wo doch jeder, Werbung sei dank, weiß, was Katzen kaufen würden.

Einst wurde mir beigebracht, dass man sich Geld verdienen muss. Meine Eltern sorgten dafür, dass ich früh mein eigenes Taschengeld verdiente, indem ich Nachhilfeunterricht gab, Zeitungen austrug und auch sonst in den Ferien jobbte. Aber das Selbstverständnis hat sich geändert. Wichtiger als das, was man verdient, scheint der mögliche Verdienst geworden zu sein. In einem Land, in dem die Schuldenberge sich schon allein wegen der hohen Studiengebühren türmen, ist es normal kein Geld zu haben.

Und wenn dann zusätzlich die Lebenshaltungskosten hoch sind, dann interessiert es bald auch kaum jemanden mehr, ob er nun 70.000 oder 75.000 oder gar 100.000 Dollar Schulden hat. Oben drauf leistet man sich eben auch noch ein Paar Schuhe für 150 Dollar, denn es macht einfach mehr her. Der US Bürger wird irgendwann immer gleichgültiger gegenüber dem Detail, wie viele Schulden er nun hat. Schulden zu haben ist Standard, jeder hat sie schließlich. Schuldenfrei ist hier eigentlich niemand. Und wenn, dann sind es die Besserverdienenden, vormals die Reichen genannt. Doch auch die leisten sich dann eher noch ein Millionenhaus, als tatsächlich ihrem Einkommen gerecht zu einzukaufen.

Hauptsache die Möglichkeit besteht, dass die Schulden irgendwann abbezahlbar sind, zunächst rein theoretisch, versteht sich. Ein guter Ausbildungsabschluss, ein gut bezahlter Job und schon erhöht sich die Kreditkapazität. Eine nur allzu bekannte und häufig kritisierte Wirtschaftsideologie glaubt, dass geliehenes Geld in die Wirtschaft zurückfließt und dort zu Wachstum führt. Letztendlich wird mit Geldausgaben und Investitionen spekuliert und mit Geld gerechnet, das wahrscheinlich erst in zwanzig oder sogar dreißig Jahren verdient wird. Nur, welchen Wert kann unverdientes Geld eigentlich kreieren? Und woher kommt dieses Geld?

Schwarzer FreitagDies sind die Fragen, die wir uns alle stellen müssen. Und vor allem die folgende: Woher kommt das Geld, dass wir noch nicht verdient haben, aber heute schon ausgeben?

Was tun die Menschen, die feststellen, dass sie doch weniger verdienen als gedacht und nun ihre Schulden nicht mehr begleichen können? Warum schafft es keiner eine sinnvolle Kontrolle von Verdienst und Ausgaben einzuführen, zum Beispiel: Ich verdiene 2000 Dollar pro Monat und darf wie viel davon ausgeben? Richtig: 2000 Dollar maximal. So schwer kann es doch nicht sein.

Na ja, dann kann ja immer noch die gute Fee auftauchen, die Konkursfee. Darauf sollten wir auch in Zukunft noch vertrauen können, oder? Es soll ihn ja geben, den Konkurs, den man sich leisten kann. Und den haben wir uns verdient.


Detroit, 2007-01-29 copyright by Ines Kistenbrügger
Text: © Ines Kistenbrügger
Illustration: © Angelika Petrich-Hornetz
Schlussredaktion: Ellen Heidböhmer, im Web: www.ellenheidboehmer.de
Foto Themenbanner: © Angelika Petrich-Hornetz

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