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Didgeridoo

Interview mit dem Didgeridoo-Musiker und -Lehrer Marc Miethe

Die Fragen stellte Angelika Petrich-Hornetz

Marc Miethe: Im ersten Semester meines Psychologiestudiums, lernte ich 1992 Marcel Mock kennen, der im Rahmen eines Streikes ständig Didgeridoo spielte. Als vom Jazz inspirierter E-Bassist hatte ich eh einen Faible für tiefe Töne und meine ersten Versuche gestalteten sich derart erfolgreich, dass wir ein halbes Jahr darauf mit Jörg Wendland das Didgeridoo-Trio Circular Breathing gründeten. Damals gab es nicht viele Spieler, die öffentlich auftraten und auch keine Lehrer. Wir zeigten uns gegenseitig unsere neuen Sounds. Ich finanzierte mein Studium mit der Musik und beschloss im Jahr 2000, mich dem Didgeridoo ganz zu widmen. Einige CD´s, unzählige Konzerte und drei Bands später entdecke ich immer noch neue Seiten an diesem alten Instrument.

Wirtschaftswetter: Werden Didgeridoos immer noch aus von Termiten ausgehöhlten Eukalyptusstämmen gebaut, oder gibt es auch andere Materialien, die Sie empfehlen würden?

Marc Miethe: Original-Didgeridoos sind von Termiten ausgehöhlt. Deren individuelle Behandlung lässt die Instrumente im Obertonbereich einmalig klingen und sorgt für ganz eigene Druckverhältnisse beim Spielen.
Es werden aber aus den unterschiedlichsten Hölzern Didgeridoos nachgebaut. Vor allem im Vergleich zu den günstigen Touristen-Exporten schneiden die in Europa gebauten Instrumente sehr gut ab. Von den meisten Nachbauten aus Indonesien und einem Blindkauf im Internet möchte ich abraten. Hier finden lediglich Kenner die eine oder andere Perle.
Das Spektrum reicht von den Einstiegsmodellen aus Bambus oder dem Abflußrohr aus dem Baumarkt über ordentliche Didges aus einheimischen Hölzern für 150, 200 Euro bis zu High-Tech Edelholz-Didgeridoos mit Aluminium-Einschüben, die aus dem Didge eine sound-gewaltige Bass-Posaune werden lassen.
Ich persönlich benutze auch gerne wohlklingende Instrumente aus hundert Prozent Hanf oder stimmbare Didgeridoos aus PVC. Es lassen sich Rohre aus Glas, Ton, gehärtetem Leder, Knete, Fieberglas und vielem mehr verwenden, sofern sie von den Maßen geeignet und hart genug sind. Letztendlich entscheidet das Können des Spielers über den Klang.

Wirtschaftswetter: Was hat es mit Blechblasinstrumenten gemeinsam und was ist unterschiedlich?

Marc Miethe: Auf beiden wird der resonierende Ton durch die vibrierenden Lippen erzeugt. Das Didgeridoo wird jedoch als einziges fast ausschließlich auf der tiefsten spielbaren Eigenschwingungsfrequenz des Rohres gespielt. Dieser so genannte Grundton ist auf dem Didgeridoo enorm klangvielfältig. Weil die Lippen nicht durch einen Trichter-Mundstück beengt sind machen sich alle Bewegungen der Zunge, der Lippen, des Halses, des Kiefers, der Wangen, des Zwerchfells oder der Bauchmuskeln sofort als Sound oder Rhythmus bemerkbar.
Auf Blechblasinstrumenten wird der Grundton dagegen durch die Obertonreihe mehrfach überblasen oder wie bei der Tuba auch durch Ventile in der Tonhöhe verändert. Es gibt allerdings auch einige wenige Didge-Spieler, die alleine mit dem Überblasen Alphorn-ähnliche Melodien erzeugen.

Wirtschaftswetter: Das Didgeridoo ist ja nicht ganz einfach zu spielen. Wie erklären Sie sich dessen wachsende Beliebtheit unter Musikern?

Marc Miethe: Vor allem Sänger und Blasmusiker sind von den Techniken der Permanent-Atmung fasziniert, die sich auf dem Didgeridoo leichter lernen lassen, als zum Beispiel auf einem Saxofon. Wenn man den Dreh erst einmal raus hat, ist das Didgeridoo gar nicht so schwer zu spielen. Es lassen sich, wenn man nur die wichtigsten Grundtechniken beherrscht, sehr viele Ideen spontan umsetzen. Darüber hinaus lässt es sich als exotisches oder treibendes Feature leicht in einen bestehenden Bandkontext einbinden und mit allen erdenklichen Stilen kombinieren.
Aber vor Allem ist es auch bei absoluten Musik-Laien sehr beliebt, weil sich ohne musikalische Vorbildung ungewöhnliche Klänge produzieren lassen und selbst ein ganz schräg gesungener Rhythmus am unteren Ende zumindest irgendwie exotisch klingt. Das Didgeridoo regt dazu an in den immerwährenden Ton regelrecht einzutauchen und die Atmung kann dem Spieler dabei helfen.

Wirtschaftswetter: Und was fasziniert Sie ganz persönlich am Spiel mit diesem Instrument?

Marc Miethe: Vom ersten Augenblick hat mich fasziniert, dass ein so einfaches Instrument wie das Didgeridoo eine so unglaubliche Klang- und Rhythmusvielfalt erzeugen kann. Gerade weil es so schlicht ist, ist es auch ein sehr unmittelbares, ein sehr direktes Instrument.
Das Spielen des Didgeridoos gleicht dem Singen mit einem natürlichen Effektgerät davor. Der Clou ist für mich, dass sich dessen Effekte von mir ebenso flexibel bedienen lassen, wie die Stimme selbst.

Wirtschaftswetter: Stimmt es, dass Frauen traditionell kein Didgeridoo spielen? Hält sich heute noch jemand daran?

Marc Miethe: Meinem Wissen nach erleben verschiedene Aborigine-Clans spielende Frauen sehr unterschiedlich. Im traditionellen, zeremoniellen Zusammenhang spielen in aller Regel nur sehr wenige, ausgewählte Männer.
Spielende Aborigine-Frauen und vor allem Mädchen gibt und gab es, jedoch hören die meisten in einem bestimmten Alter damit auf. Die Gründe dafür sind vielfältig: Mythologisch ist das Didge eindeutig dem Männlichen zugeordnet. Die Zeremonien fordern vom Spieler einen ziemlich sportlichen Einsatz, wenn die Tänzer in fünfzig Meter Entfernung und nach etlichen Stunden noch etwas hören wollen. Vielleicht sind es ähnliche Gründe, weshalb die Männer in fast allen Kulturen die Jäger sind. Schwangere sollten dass Didgeridoo übrigens tatsächlich besser nicht spielen.
Selbst meisterliche Zeremoniespieler im traditionsreichen Arnhemland unterrichten Nicht-Aborigine Frauen. Wahrscheinlich sollten sich interessierte Frauen wie Männer in gleichem Maße die Frage nach der Anerkennung der Wurzeln, sowie der Bedeutung des Didgeridoos in der Kultur der Aborigines stellen. In jedem Fall sollten die Aborigines vor Spielbeginn gefragt werden, ob es sie stört bzw. ob es für sie in Ordnung ist. Weiter Infos zu dieser Frage finden Sie unter www.didgeridoo-lexikon.de oder aus erster Hand: www.yirrkala.com

Wirtschaftswetter: Interessant ist das Didgeridoo auch als Therapie-Werkzeug. Wo wird es eingesetzt?

Marc Miethe: Mit dem Didgeridoo lassen sich sicher, gerade in der Arbeit mit Autisten oder Taub-Stummen wertvolle Erfahrungen machen. Auch von einem Didgeridoo angespielt zu werden ist äußerst angenehm.
Es ist dabei allerdings wichtig zu wissen, dass bei den Aborigines nicht nur der Klang des Didgeridoos, sondern der ganze Zusammenhang einer Zeremonie, die Vorbereitungen, die Malereien, der Gesang und der Tanz an einem heilenden Prozess beteiligt sind. Wohl kein Weißer wird wohl je völlig in die mit ihrem Land eng verbundene Lebensweise eines Yolngu eintauchen können und ich bezweifle die Ehrlichkeit manch eines selbst ernannten, “von den Aborigines im Traum auserwählten Heilers”. Am heilsamsten ist das Didgeridoo doch wohl für den Spieler selbst.

Wirtschaftswetter: Und kann man mit dem Spielen des Didgeridoos tatsächlich Schnarchen behandeln?

Marc Miethe: Ein paar Studien sprechen dafür. Ich selbst schnarche nicht, aber ich kann mir vorstellen, wie die innere Muskulatur, die beim Schnarcher oder bei nächtlichen Atemaussetzern erschlafft ist, durch die Kompression der Luft auf einmalige Weise trainiert wird, wenn sie gegen diesen Druck arbeitet.
Dass es auch gegen Asthma und chronische Bronchitis helfen kann ist nicht belegt, aber viele Erfahrungen befragter Spieler deuten darauf hin.

Wirtschaftswetter: Sie haben gleich zwei Bands, in denen Sie das Didgeridoo spielen. Mögen Sie uns ein wenig über Stilrichtung, Gemeinsamkeiten und Unterschiede sowie Ihre Konzerte erzählen?

Marc Miethe: Mit meiner Berliner Band Didges Brew spiele ich tanzbaren Tribal-Electro-Ethno-Funk-House auf Festivals, in Clubs, auf Messen und Firmenveranstaltungen. In der kleineren Trio-Besetzung mit dem Keyboarder Matthias Millhoff und meinem alten Freund Tayfun Schulzke an der Percussion kommen auch loungigere Klänge zum Einsatz.
Mit dem unglaublichen Bassisten Armin Metz aus Hildesheim verbindet mich seit mehr als zehn Jahren das Duo Boobinga. Wir spielen fast nur eigene Kompositionen, irgendwo zwischen Ambient, Worldmusic, Jazz, Funk und Reggae. Seit Kurzem gesellt sich immer mal ein Percussionist dazu.
Beiden Bands gemeinsam ist die gleichberechtigte musikalische Funktion des Didgeridoos in den Stücken. Ich fungiere mal als Rhythmus-Geber, mal als Sänger oder als Didgridoo-Posaunist, als Bassist, als Solist, elektronische Groovebox oder als Schlagzeug-Ersatz. Kein Konzert gleicht dem anderen, weil wir uns immer den Gegebenheiten und der Stimmung im Publikum anpassen.

Wirtschaftswetter: Was machen Sie mit dem Instrument noch, außer selbst zu musizieren?

Marc Miethe: Ich unterrichte schon sehr lange und auch gerne. Anfängern und etwas Fortgeschrittenen biete ich Wochenendworkshops, angehenden Profis empfehle ich Einzelunterricht. Darüber hinaus stelle ich das Didgeridoo und die Kultur der Aborigines in Schulen vor und führe Weiterbildungs-Seminare für Lehrer durch. Mehr über meinen Unterricht ist auf der Seite www.didgeridoo-berlin.de zu erfahren. Aus dem Instrumenten-Bau oder Handel halte ich mich raus und leite Anfragen gerne an Freunde weiter, die sich darauf spezialisiert haben.

Wirtschaftswetter: Beschränkt sich Ihre Beziehung zum australischen Kontinent auf Ihr Instrument oder gibt es weitere Anknüpfungspunkte?

Marc Miethe: Auf meinen Konzerten habe ich zahlreiche erfahrene australische Didgeridoo-Spieler und auch Aborigines kennen und schätzen gelernt und mich mit manch einem angefreundet. Da ich seit ein paar Jahren eine kleine Tochter habe, warte ich noch ein wenig, bis ich den gehäuften Einladungen nach Australien folgen werde. Alleine das Spielen des Didgeridoos legt aber schon eine intensive Beschäftigung mit dessen authentischen Kulturkreis nahe. Schließlich haben manche Familien eine tausende Jahre währende Tradition, das Yidaki (wie die Yolngu es nennen), zu spielen. Das lockt mich mit meinen lachhaften fünfzehn Jahren Didgeridoo-Erfahrung natürlich sehr.

Wirtschaftswetter: Über die Faszination des Spielens sprachen wir schon, aber noch nicht über das Publikum: Was fasziniert Ihrer Meinung nach die Zuhörer am Didgeridoo?

Marc Miete: Ich denke, die Zuhörer und Spieler fasziniert dasselbe: Dass aus einem so einfachen Holzrohr und aus nur einem Menschen ganze Landschaften aus Rhythmen und Klängen herauskommen können. Jeder und jede fortgeschrittene SpielerIn und jedes Didgeridoo klingt tatsächlich anders. Es ist ein ebenso individuelles Instrument, wie die Stimme. Und einer schönen Stimme vertrauen wir uns doch alle gerne an, oder?

Kontaktdaten und Informationen:
Marc Miethe
www.didgeridoo-berlin.de

Email: info@didgesbrew.de

Musik: Didges Brew - Boobinga


2008-01-01 Angelika Petrich-Hornetz
Text: © Angelika Petrich-Hornetz und Gesprächspartner Marc Miethe
Foto Marc Miethe: ©Milena Schloesser

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