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Teddy Killy und der Butterkeks

von Juliane Beer

Als Frau Kr.s Hündchen noch lebte – eines dieser zweigeschlechtlichen, sich offenbar durch Zellteilung vermehrenden Geschöpfe, die in nie endender Verwirrung und mit vibrierendem Hinterteil jeden knöchelhohen Gegenstand bespringen und vergeblich zu bespritzen suchen –, habe ich auch das hier über mich ergehen lassen:
An diesem Nachmittag – es muss zwei Jahre her sein – traf ich Frau Kr. ebenfalls im Hausflur. Damals führte sie noch das hundverwandte Geschöpf – winzig, zitternd, bezopft – mit sich.
Wie üblich schoss es schrill kläffend auf mich los, bis das alte Mannequin einmal kurz und heftig an der Leine zog und: »Nun lass ihn schon in Ruhe!« zischte. Das Hündchen, Teddy Killy genannt, gab daraufhin einen leisen Würgelaut von sich und ließ von mir ab.
An dem betreffenden Tag verschwanden Herrin und Hund allerdings nicht in ihrer Wohnung, nachdem Teddy Killy sich beruhigt hatte – vielmehr versperrte Frau Kr. mir den Weg ins Treppenhaus.
»Was lungern Sie hier herum? Haben Sie denn nichts zu tun? Na, dann hätte ich eine sinnvolle Aufgabe für Sie, Ostrowska!«
Eigentlich war kaum zu übersehen, dass ich gerade von einer achtstündigen Schicht zurückgekehrt war.
»Später gern, Frau Kr., ich habe gerade Feierabend und möchte erst …«
»Die paar Minuten, halb so wild! Kommen Sie!« Frau Kr. zog mich am dreckverkrusteten Ärmel in ihre Wohnung.
»Ich möchte anlässlich meines fünfzigsten Geburtstages verreisen. Mit Teddy Killy. Und der neigt dazu, Unsinn anzustellen. Er läuft weg, versteckt sich und findet dann nicht mehr zurück! Da wir eine Bahn-Reise gebucht haben, dachte ich: Donna, du führst Teddy Killy in einer Tasche mit! Doch mein Teddy weigert sich, freiwillig in die Tasche zu steigen. Ich habe ihn gebeten: sanft und auch schon mit Nachdruck. Was soll ich Ihnen sagen? Er will nicht. Also müssen wir üben. Sie werden mir bitte dabei helfen!«
Ich schnappte nach Luft.
Das alte Mannequin zog sich den Mantel aus und warf ihn auf einen Pulk Kleider, der sich unter dem leeren Garderobenständer türmte. »Fangen wir gleich an!«
»Womit?«
»Mit dem Täscheln, Sie Dummkopf!«

Klingt harmlos?
War es aber nicht.
Frau Kr. nahm ihre Schlangenlederhandtasche aus; auf dem Küchentisch stapelten sich angegilbte Kassenbons, Papiertaschentücher mit Lippenstiftabdruck, Vitaminbonbons und noch mehr Vitaminbonbons, Zigaretten, Präservative sowie Unmengen verschiedener Münzen – Reichsmark, amerikanische Centstücke, Pfennige.
»Komisch, was du so alles hast, Donna!« Kopfschüttelnd stülpte sie das Kunstseidenfutter hervor und schlug die Tasche gegen die Küchenwand, bis auch die feinsten Schmutzpartikelchen zu Boden gerürselt waren.
Sie legte die Tasche auf den Boden; dort herum tanzte sie, ohne jede Vorankündigung, in die Hände klatschend, mit wehendem Haar, wie ein Indianer. »Komm, Killy, jetzt wird getäschelt!« Mit beiden Händen formte sie den springenden Wolf. »So, Teddy Killy, jetzt du!« Mit einem Kopfnicken gab sie mir zu verstehen, dass dies mein Einsatz sei; dass ich das Hündchen hochzunehmen und mit einem Schwung in die Tasche zu setzen hätte.
Wie Frau Kr. wahrscheinlich bereits geahnt hatte, war Teddy Killy zu alldem nicht bereit, oder aber er hatte schlichtweg nicht begriffen, was von ihm verlangt wurde, was ich offen gestanden eher vermutete.
Jedenfalls schnappte er nach meiner rechten Hand, die ich im letzten Moment wegziehen konnte.
Also führte Frau Kr. nochmals den Wolfssprung aus. Dann ein drittes Mal.
Das Hündchen legte nur den Kopf schief und winselte vergnügt.
»Killy!?« Frau Kr. zog die Augenbrauen hoch. Vorsorglich für eben diesen Fall war noch eine simplere Lehrvariante im Angebot. Frau Kr. hielt Teddy Killy die Schnauze zu und gab abermals das Zeichen für meinen Einsatz.
Ich zögerte.
»Haben Sie sich doch nicht so. Hier sitzt eine Bestie, wie?« Sie gab Teddy Killy schnell ein Küsschen.
Wohl oder übel nahm ich den Hund wieder auf und setzte ihn mit dem gleichen schönen Schwung des Wolfs in die Tasche. Killys Stummelschwänzchen schlug wie wild; noch böser als für gewöhnlich knurrte er mich an, und als er mir gerade mit einem Satz ins Gesicht springen wollte, holte Frau Kr. ihn wieder aus der Tasche hervor.
»So, Killy, jetzt du allein!«

Der Hund begriff noch immer nicht. Wieder gab die alte Dame den Wolf. »Killy, in die Tasche!« Plötzlich hielt sie inne. Ein listiger Zug umspielte ihren Mund. Sie stürzte zum Küchenschrank, klaubte eine Blechdose aus dem obersten Fach, öffnete sie; Killy winselte in froher Erwartung – zum Vorschein kam ein Butterkeks.
»Täscheln!«, rief Frau Kr. und platzierte das Plätzchen in der Tasche.
Killy legte den Kopf schräg, dann, und zwar blitzschnell, sprang er mit beiden Vordertatzen auf den Schlangen-Zierrand, stahl den Keks – und hockte sich wieder artig neben die Tasche.
»So doch nicht!«, tadelte das alte Mannequin und nestelte einen weiteren Keks hervor, den sie in gleicher Position platzierte. Wo nehmen die Leute nur ihre Maßstäbe und Ansprüche her? Schon mal gelebt? Oder lebt nichts und niemand, und das alles ist nur animierter Hokuspokus, erdacht von einer amorphen Intelligenz ohne Anfang und Ende? Wie auch immer – als Killy abermals nach dem Keks schnappen wollte, und zwar dieses Mal gleich von seinem Platz aus, ergriff Frau Kr. meine Hand, die sie an des Hündchens Nacken führte und auch noch schüttelte. Der Keks fiel zurück, es fehlte nicht viel und Killy hätte mir zwei Finger abgebissen.
»Genug für heute! Aber bis hierher schon gut!« Frau Kr. schnappte sich den Keks, zögerte einen Augenblick, aber nein, Killy hatte nun wirklich keine weitere Belohnung verdient. »Seien Sie morgen um die gleiche Zeit wieder hier!« Sie drückte mir den Keks in die Hand, den ich in einem verzweifelten Bestechungsversuch beim Rausgehen heimlich an Killy weiterschenkte.

Am nächsten Tag war der Hund schlauer. Gegen Ende der zweiten Übungsrunde hatte er offenbar begriffen, dass er den Keks nur dann fressen durfte, wenn er ganz und gar in die Tasche sprang. Also sprang er.
Da saß er nun. Ganz still. Minutenlang.
»Und jetzt: die Hauptsache!« Langsam und ohne den Blick von Killy zu lassen, zog das alte Mannequin den Reißverschluss der Tasche zu. Nur ein winziges Luftloch ließ sie, in dem sogleich Teddys nervös vibrierende Nase erschien. Frau Kr. hielt einen Augenblick inne, ich fühlte das Hündchen in Todesangst erbeben, dann hob es in höchsten Tönen zu jaulen an und strampelte wie toll in der Tasche umher.
»Feiner Killy!«, besänftigte Frau Kr. und ging einige behutsame Schritte mit ihm auf und ab. Killy fiepte erstickt. Frau Kr. ließ ihn zu Boden und zog den Reißverschluss auf. Das Hündchen taumelte hervor. Zurück blieb ein erbrochener Keks.
Tasche mit Keks»Aber Killy …« Hier verstummte das alte Mannequin. Offenbar plagte sie nun doch ihr Gewissen. Teddy Killy kam ungestraft davon.
Mit scheeler Miene stülpte sie das besudelte Taschenfutter hervor; die gröbsten Keksfragmente landeten in der Küchenspüle; hingebungsvoll bearbeitete die alte Dame den krümelgespickten Hundemagensaft mit Geschirrbürste und Spülmittel.
»Was stehen Sie noch herum? Sie können gehen!« Sie drückte mir einen Zehn-Euro-Schein in die Hand, den ich ihr beim Rausgehen wie üblich wieder auf ihr Trinkgeldtellerchen im Flur legte.

Auszug aus dem Buch Eines Nachts habe ich einen Ausflug gemacht von Juliane Beer, 2007 im Verlag zeter & mordio erschienen und dort sowie im Buchhandel erhältlich. ISBN 978-3-9809552-6-3, 212 Seiten


2009-01-01 Juliane Beer
Text: © Juliane Beer
Fotos Themenbanner: ©Cornelia Schaible
Illustrationen: ©Angelika Petrich-Hornetz

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