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Knigge-Interview mit Barbara Danowski

Interview mit Barbara Danowski, Fachfrau für Umgangsformen und gutes Benehmen, zertifizierte Kniggetrainerin der Knigge-Akademie und Mitglied des Vorstands der Deutschen Knigge Gesellschaft
Die Fragen stellte Angelika Petrich-Hornetz

Wirtschaftswetter: Darf man sich bei Tisch die Nase putzen?
Barbara Danowski: Ja, in Deutschland ist es erlaubt, sich dezent und abgewandt, bei Tisch die Nase zu putzen. Im Gegensatz zu Japan, dort ist das ein absolutes No Go! Dort bevorzugt man aus hygienischen Gründen das Hochziehen oder in China gar das Ausspucken, was - wie Sie sich denken können - etwas gewöhnungsbedürftig ist.

Wirtschaftswetter: Ab wieviel Uhr gehören sich private Anrufe an Feiertagen und Wochenenden?
Barbara Danowski: Aus Höflichkeit und Rücksicht sollten Sie niemanden vor neun Uhr privat anrufen. Dies gilt auch für Anrufe nach einundzwanzig Uhr. Auch um zwanzig Uhr, dann, wenn viele Nachrichtensendungen gesendet werden, sollten Sie niemanden stören. Zwischen dreizehn und fünfzehn Uhr ist es ratsam eine Mittagspause einzuhalten. An Sonn- und Feiertagen können Sie Ihre Glückwünsche gerne zwischen elf Uhr und zwölf Uhr übermitteln. Am Heiligen Abend, doch das versteht sich ja von selbst, sollten Sie nicht anfrufen!

Wirtschaftswetter: Darf man Anrufbeanworter anschweigen und auflegen?
Barbara Danowski: Nun, es ist nicht verboten und glücklicherweise nicht unter Strafe gestellt, wenn Sie dem Telefonknecht Ihre Nachricht nicht anvertrauen, erleichterte aber die Kommunikation. Derjenige, der einen Anrufbeantworter einsetzt, sollte sich immer auch fragen, wie er dem Anrufer die Hemmung nehmen kann, auf Band zu sprechen.

Wirtschaftswetter: Welche Anrede in E-Mails halten Sie für die angenehmste?
Barbara Danowski: Die informelle Anrede Hallo ist in E-Mails weit verbreitet. Selbst bei E-Mails unter Geschäftsleuten, die sich siezen, ist sie - anders als bei Briefen - weithin akzeptiert, sofern der gegenseitige Umgang nicht ganz so förmlich ist. Der Trend aber geht auch hier hin zu mehr Förmlichkeit: Sehr geehrter Herr... beziehungsweise Sehr geehrte Frau... und Lieber Herr... beziehungsweise Liebe Frau... sind mittlerweile die beliebteren Anredeformen.

Wirtschaftswetter: Gibt es Anlässe, für die ein Brief immer noch besser als andere Kommunikationsformen geeignet ist?
Barbara Danowski: Die Antwort auf die Frage, ob eine Gratulation zum Beispiel auch per E-Mail oder SMS gesendet werden darf, kann, soll, hängt vom jeweiligen Anlass, vom persönlichen Stil des Absenders und des Empfängers, aber auch von ihrem Umgang miteinander ab. Je wichtiger der Anlass, desto weniger ist eine E-Mail-Gratulation angebracht. Bei Feiern, Festen und Jubiläen ist es stilvoller und persönlicher per Brief oder Karte zu gratulieren. Kondolieren per E-Mail oder SMS aber, so meine ich, verstößt gegen das Stilempfinden der meisten Menschen.

Wirtschaftswetter: Ist es noch üblich, zu privaten Einladungen Blumen und ein Präsent mitzubringen oder kommen die Gäste der Gegenwart nur noch pur?
Barbara Danowski: Es ist durchaus noch üblich, kleine Aufmerksamkeiten mitzubringen. Klassiker sind hierfür nach wie vor Blumen, Wein und Pralinen. Sie zeigen damit Ihren Dank für die freundliche Einladung und Ihre Wertschätzung dem Gastgeber gegenüber. Bei einem größeren Fest, von dem Sie wissen, dass viele Gäste kommen werden, ist es ratsam, sich bezüglich eines Mitbringsels abzustimmen, um zu vermeiden, dass der Gastgeber den siebzehnten Blumenstrauß bekommt.

Wirtschaftswetter: Wer grüßt im Herbst und Winter 2009 wen zuerst?
Barbara Danowski: Ja, das ist eine interessante Frage. Im Modekatalog des Grüßens, hat sich da gegenüber dem letzten Jahr auch nichts geändert. Normalerweise grüßt der Herr die Dame, der/die Jüngere die/den Ältere(n), der Niedrigrangiger den Höherrangigen. Sollten Sie aber das Gefühl haben, Ihr Gegenüber möchte, dass Sie die Initiative ergreifen, so sollten Sie sich über diese Regeln hinwegsetzen und die Hand reichen. Auch derjenige, der einen Raum betritt, grüßt zuerst, auch dann, wenn Sie der Chef im Hause sind.

Wirtschaftswetter: Wie begrüßt und verabschiedet man sich in der Grippesaison höflich - auch ohne die Hand zu geben?
Barbara Danowski: Wenn Sie tatsächlich ganz schrecklich verschnupft sind, sollten Sie besser zu Hause bleiben. Ansonsten bitten Sie Ihr Gegenüber um Verständnis für Ihre Zurückhaltung.

Wirtschaftwetter: Für wen hält die Dame eine Tür auf?
Barbara Danowski: Aus Respekt und Höflichkeit tut sie das bei ältern Herrschaften, bei Menschen mit Handicap und auch bei Kindern, denen dies schwer fallen könnte. Im Business ist die Dame dem Herrn gleichgestellt und wird somit auch dem Herrn, der dann Gast oder Kunde ist, die Türe aufhalten.

Wirtschaftwetter: Sind Floskeln im modernen Umgang überhaupt noch ein Thema?
Barbara Danowski: Nun, Floskeln vermögen den Kopf zu entlasten und ein Gespräch zu harmonisieren. Dennoch klingen viele Floskeln platt und abgedroschen. Dazu gehören sicher auch die Ehrenbezeugungen in der Anrede und die Grußformel, doch sie lassen sich nur in begrenztem Rahmen ändern und können nur sehr selten weggelassen werden. Ein ehrlich gemeintes: Ich freue mich sehr, Sie endlich kennen zu lernen... ist und bleibt jedoch etwas Schönes.

Wirtschaftwetter: Gibt es so etwas wie ein natürliches Talent für gutes Benehmen?
Barbara Danowski: Ja, ich denke schon. Wenn Sie das griechische Wort Talent mit Fähigkeit oder Begabung übersetzen, so ist es genau das, was Menschen als Rüstzeug von zu Hause mitbekommen, was durch Vorbild und Erziehung angeregt und gefördert wird. Dann sind die Menschen authentisch und gutes Benehmen kommt erkennbar von innen heraus.

Wirtschaftwetter: Und woran erkennt man sofort, dass es jemand mit der Etikette übertreibt?
Barbara Danowski: Das erkennen Sie daran, dass derjenige wohl die Regeln alle kennt, diese jedoch ohne Stil, ohne Herz und Einfühlungsvermögen umsetzt, was dann eher steif und zuweilen auch lächerlich wirkt, einem Dressurakt gleicht.

Wirtschaftwetter: Wie verhält man sich auf Partys mit internationalen Gästen möglichst unauffällig, wenn man einige Länder-Gepflogenheiten noch gar nicht kennt?
Barbara Danowski: Dann rate ich Ihnen, sich möglichst als stiller Beobachter zu verdingen, sich zurückzuhalten und bescheiden aufzutreten. Sollten Sie häufiger solche Gelegenheiten haben, empfehle ich Ihnen, sich vorab zum Beispiel im Rahmen eines Seminars Internationaler Knigge bei der Knigge-Akademie über No Goes und Goes, über Sitten und Gebräuche der Gäste aus fremden Ländern zu informieren. Sonst nämlich tappen Sie ungewollt von einem Fettnapf zum anderen.

Wirtschaftwetter: Gibt es berühmte Fettnäpfchentreter, über die Knigge-Experten lächeln müssen?
Barbara Danowski: Ja, wenn zum Beispiel ein Boris Becker beim Handkuss bei einem Empfang der englischen Königin, die ja nicht so sehr groß gewachsen ist, deren Hand nimmt und nach oben zerrt, anstatt sich zu ihr hinab zu beugen.

Wirtschaftwetter: Wirken Ihrer Erfahrung nach Umgangsformen nun verbindend oder eher unterscheidend?
Barbara Danowski: Meiner Erfahrung nach wirken Umgangsformen unbedingt verbindend, und ermöglichen so ein angenehmes, friedvolles und respektvolles Miteinander. Sie signalisieren die Bereitschaft zu zivilisiertem Umgang und bezeugen Respekt und Achtung vor der Person des Anderen.

Wirtschaftwetter: Wie würden Sie Anstand definieren?
Barbara Danowski: Mit dem Begriff Anstand verbinde ich Worte wie Höflichkeit, Respekt, Wertschätzung dem Anderen gegenüber, Manieren, Toleranz, Rücksichtnahme, Werte, Tugenden, gesellschaftsverträgliches und gesellschaftsförderliches Verhalten.

Wirtschaftwetter: Unsere letzte Frage: Welche Geste vermissen Sie in der Gegenwart oder würden Sie persönlich einfach gern noch öfter sehen?
Barbara Danowski: Im Umgang mit Menschen wünschte ich mir mehr Fröhlichkeit, Freundlichkeit, einen offeneren Blick, ein Lächeln, mit dem Sie doch so einfach Menschen gewinnen können.

Weitere Informationen:
Barbara Danowski - Persönlichkeits- und Kniggetraining
Knigge Akademie
Deutsche Knigge Gesellschaft


2009-10-08 Angelika Petrich-Hornetz
Text: © Angelika Petrich-Hornetz und Gesprächspartnerin Barbara Danowski
Fotos Themenbanner: ©Cornelia Schaible

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