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Wechselwillig

Die Bindung an Branchen im Umbruch nimmt ab

von Angelika Petrich-Hornetz

Mit dem Herbst drohe der Stellenabbau heißt es derzeit überall unisono. Wurden die Auswirkungen der Wirtschaftkrise auf Arbeitnehmer bislang noch einigermaßen abgewendet und Kündigungswellen durch Maßnahmen wie die Kurzarbeit verhindert, drohe nun das dicke Ende - massive strukturelle Veränderungen der Märkte inklusive. Nach der Bundestagswahl werden außerdem die ersten Forderungen von Arbeitgebern nach Erleichterungen bei Kündigungen laut. Da kommt es gelegen, dass immer mehr Arbeitnehmer längst bereit sind, nicht nur den Arbeitsplatz, sondern gleich die ganze Branche zu wechseln.

Wie das Online-Karriereportal Monsters erst kürzlich aus einer seiner Umfragen meldete, würden 89 Prozent von weltweit 22.444 befragten Arbeitnehmern für einen neuen Job die Branche wechseln. Auch Monsters führt die gestiegene Wechselwilligkeit direkt auf das Wirtschaftsklima zurück, das weltweit ganze Branchen in die Krise stürzte.

49 Prozent gaben an, sich derzeit auch unabhängig von der Krise beruflich verändern zu wollen, 18 Prozent verrieten, dass ihre Umorientierung daran liege, dass ihr derzeitige Branche unter der Krise leide. Und satte 22 Prozent würden den ersten Job annehmen, den sie kriegen können, egal in welcher Branche. Nur elf Prozent wollten auf keinen Fall die Branche wechseln. Es gab auch regionale Unterschiede, so sollen sich die Spanier wechselfreudiger als die Deutschen zeigen: 92 Prozent der Spanier gaben an, über einen Branchenwechsel nachzudenken. In Deutschland waren es 54 Prozent, die sich ohnehin beruflich verändern wollen, in Österreich und in der Schweiz meinten dies 69 und 67 Prozent der Befragten - in allen Fällen nicht gerade wenig.

Die steigender Wechselbereitschaft der Arbeitnehmer passt damit zum wirtschaftlichen Umfeld und wird auch weiterhin strapaziert. Der Wechsel kann die Arbeitnehmer bekanntlich auch ohne eigenes Zutun ereignen, wenn die Krise eine ganze Branche erschüttert - wie die Krise im Container-Schiffsbau, die mit dem weltweit abnehmendem Handel zusammenhängt, aktuell nur allzu deutlich offenlegt. Zum Beispiel will die Thyssen-Krupp Marine Systems (TKMS) den Container-Schiffsbau ganz aufgeben und mit dem Anfang der Woche beschlossenen Verkauf ihrer Emden-Werft an die Siag Schaaf Industrie AG möglichst viele Arbeitsplätze am Standort retten. So sollen auf der ehemaligen Thyssen--Werft künftig Komponenten für die Offshore-Windparks des Windanlagenherstellers gebaut werden. Dafür will der neue Arbeitgeber das Knowhow der Werftmitarbeiter nutzen. So wechseln demnächst rund 700 Schiffsbauer die Branche und werden zu Windradbauern.

ContainerschiffEs sind bestimmt nicht die Letzten, die sich schon bald ganz woanders wiederfinden werden, was auch von jedem Einzelnen ein enormes Maß an Umdenken erfordert. Auch Unternehmen sollten sich darauf einstellen, dass in einer Zeit des Umbruchs Branchenbindung weder bei Mitarbeitern noch bei Kunden oder Lieferanten groß gefragt sein wird. Nicht zuletzt wird sich auch die Politik noch weniger auf einzelne Branchen festlegen können, wie noch vor der Bundestagswahl üblich. Trauern muss man trotzdem, schließlich geht mit dem Einstellen des Handelsschiffsbaus in Emden nicht weniger als eine über hundertjährige Schiffsbautradition zu Ende.


2009-10-01 Angelika Petrich-Hornetz
Text: © Wirtschaftswetter
Illustration: ©aph
Fotos Themenbanner: ©Cornelia Schaible

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