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Fed-Cup Halbfinale 2014

Ohne Wimbledon-Finalistin Sabine Lisicki - Deutsche vor Fed-Cup-Semi

Nach fast zwei Jahrzehnten – Federal Republic of Germany zurück im Fed-Cup-Halbfinale

Angie, Petko und Co. feierten mit den Toten Hosen und sind jetzt heiß auf Duelle mit den australischen Tennis-Stars

von Annegret Handel-Kempf

Alles Käse war nur die immer gleiche Werbeunterbrechung beim 3. Fed Cup-Spiel eines unübersehbar aufstiegsfokussierten deutschen Damen-Teams während seines Einzugs ins Halbfinale: In 3:0 Spielen siegten Angelique Kerber und Andrea Petkovic, unterstützt von Anna-Lena Grönefeld und Julia Görges. Anschließend feierten sie mit „An Tagen wie diesen“, ihrer persönlichen Fed-Cup-Hymne, in der Kabine die erste Semifinal-Teilnahme einer deutschen Mannschaft seit 1995.

Drei Härten stellen sich allerdings vor dem Duell um den Einzug ins Finale am 19. und 20. April:

Problem Heimrecht: Teamchefin Barbara Rittner ist mit ihrem Wunsch unterlegen, das Turnier von Brisbane nach Stuttgart zu verlegen. Jetzt müssen Kerber und Co. den Stress aushalten, nach dem Semi einmal um die Welt zu fliegen, um tags darauf beim hochkarätig besetzten WTA-Sandplatz-Turnier in der Schwaben-Metropole anzutreten.

Problem Lisicki: Seit ihrem Wimbledon-Finale vor fast einem Jahr läuft bei Sabine fast nichts mehr rund. Mittlerweile schindet sie sich schon fast zu viel im Training, hat Martina Hingis als Coach und erntet doch nur Verletzungen. Jetzt hat Rittner ihr eine Auszeit empfohlen und sie nicht fürs Fed-Cup-Halbfinale nominiert.

Problem Stosur: Die australische Nummer eins und ehemalige US-Open-Siegerin Samantha Stosur bringt immer noch ihre Gegnerinnen mächtig ins Schwitzen, auch wenn sie derzeit nicht unter den Top Ten der Welt rangiert. Das Glück der Deutschen: Diesmal wird auf Hartplatz gespielt. Denn eine winzige Sorgenfalte hatte sich bei Petko beim Blick nach vorne zur Vorschlussrunde gegen Australien, kurz nach dem gewonnenen Viertelfinale gezeigt: „Zu dieser Zeit sind wir mitten in der Sandplatz-Saison. Auf Sand ist Samantha Stosur praktisch nicht zu schlagen.“

Doch die deutsche Damenriege ist guter Dinge. Schließlich hatten sie als hochmotiviertes Team auch im Viertelfinale in Bratislava einige Hürden überwunden. Ein packendes Szenario:

Fröhlich wirbelte und hüpfte die sympathische, slowakische Nummer Eins, Dominika Cibulkova, vor einer rosa-klappernden Brandmauer aus patriotischer Unterstützung bei ihrem Heimspiel und demonstrierte immer wieder stark, warum sie es bei den Australian Open bis ins Finale gebracht hatte, und warum sie so wahnsinnig populär ist.

Um einiges ernster, vor lauter Konzentration, wirkte Kerber, die seit zwei Jahren in den Top Ten agiert und die konstanteste deutsche Spielerin ist. Ihre absolute Zielorientierung ist wohl nicht nur die Basis für ihre Zuverlässigkeit, sondern auch der Grund, warum sie kein so großer Publikumsliebling ist, wie die stets herzerfrischend lächelnde Sabine Lisicki. Diese war zwar Wimbledon-Finalistin 2013, ist aber sonst alles andere als ein Garant für regelmäßige Erfolge.

Die verletzungsbedingte Absage von Lisicki beim Fedcup-Viertelfinale in der Slowakei hatte Petko die Chance beschert, bei ihrem ersten Einsatz in der Nationalmannschaft seit zwei Jahren gleich im Einzel zum Zug zu kommen. Dabei pushte die 26-Jährige ihre Mannschaft mächtig voran: Eine Woche lang beim gemeinsamen Training und Teamgeist-Bilden. Danach beim Auftaktspiel am Samstag gegen „die kleine Zwiebel“ aus Bratislava, bei dem sie nach einem missglückten ersten Satz gegen eine brillante Cibulkova die Nerven behielt und mit unglaublicher Kraft den Ball traktierte, um sich wieder nach vorne zu katapultieren.

Petko wieder mit Top-Ten-Qualitäten

Spannung pur bot die Darmstädterin im zweiten Satz, wo sie als die Nummer 32 der Welt gegen die Nummer 13 zunächst eine 6:1-Führung im Tiebreak herausfocht und dann wieder verspielte. Beim Stand von 6:7 wehrte sie sogar einen Matchball ab, was ihr erst im Nachhinein so richtig bewusst wurde. „So einen verrückten Satz noch zu gewinnen, hat mir Selbstvertrauen gegeben“, analysierte Petko ihr ungewohnt stabiles Durchhaltevermögen in der absolut hochklassigen Partie. Gut zweieinhalb Stunden blieb die einstige Top-Ten-Spielerin in ihrem lange ersehnten, echten Comeback am Ball, bevor sie zum zweiten Match an Angie abgab. Die Weltranglisten-Neunte, deren Mutter und Großeltern im Publikum saßen, zauderte unter dem Druck, gleich zum 2:0 zu erhöhen, erstmal etwas.

Dennoch ließ sich auch die Kielerin gegen die elegant und flink tänzelnde Daniela Hantuchova letztlich nicht unterkriegen. Der großen Erfahrung der 30-Jährigen konnte die 26-Jährige ihren unbedingten Willen und ihre große Fitness entgegensetzen. Die Fehler, die sie in dieser Partie machte, wandelte sie am nächsten Tag beim dritten und entscheidenden Fed-Cup-Match gegen die 1,61 Meter kleine Cibulkova in zusätzliche Nervenstärke um und ging mit lockeren Armen ins Turnier. Von der Seite wurde sie fast ständig durch Blickkontakt zu Petko unterstützt, die nur kurz hinausging, um Kraft für ihr eigenes Match zu sammeln. Das hätte sie im Falle einer Niederlage Kerbers im Anschluss spielen müssen.

Doch dazu kam es nicht mehr. Beim Stand von 6:3, 7:6 (7:5) war der entscheidende Punkt für den ersten Halbfinaleinzug eines deutschen Teams seit fast 20 Jahren geholt und auch bei Angie ein nicht mehr enden wollendes Lächeln auf dem Gesicht gelandet. Freudentänze, sowie Umarmungen mit den Mannschaftskolleginnen und Teamchefin, folgten: Die Trainerin war auch in kritischen Situationen ruhig geblieben und hatte ihren Mädels von der Bank aus die notwendige Gelassenheit und Zuversicht vermittelt.

Nur beim bedeutungslos gewordenen, abschließenden Doppel des Duos Anna-Lena Grönefeld/Julia Görges verließ sie ihre Bank für acht Minuten. Das gut harmonierende deutsche Duo unterlag gegen Cepelova/Rybarikova mit 6:4, 3:6 und 7:10 – die Konzentration fehlte, weil auf der Bank Partystimmung herrschte. Egal.

An Tagen wie diesen wusste sich vor allem die trotz allen Pechs unverwüstliche Petko vor Freude nicht mehr zu halten und sprang förmlich zu ihren Interviews. Die Comeback-Künstlerin, die gerade in Charleston gegen Jana Cepelova ihr bislang höchst dotiertes und schwierigstes Turnier gewonnen hat, ist überzeugt: „Wir sind so ein tolles Team. Wir können alle schlagen, auf der ganzen Welt.“ Einzige Sorge von Teamchefin Rittner: Dass zu viel Druck auf Petkovic lastet, die mit ihrem souveränen Power-Tennis zur Favoritenrolle Deutschlands in Brisbane beiträgt. Doch da ist ja auch noch die Nummer 7 der WTA-Liste, Angie Kerber, die ihre Freundin im Wettbewerb massiv entlastet. Vielleicht gibt es als Osterüberraschung den Einzug ins Finale und einen Petko-Dance, den alle deutschen Damen mittanzen!


2014-04-18, Annegret Handel-Kempf

Text: © Annegret Handel-Kempf
Foto Banner: aph

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