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Wirtschaftswetter    Wirtschaftswetter-Schwerpunktthema - in Windeseile

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Editorial im Winter-Frühjahr 2022


Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Leserinnen und Leser,

das neue Jahr 2022 beginnt ähnlich wie das alte: Mit der Forderung nach dem ebenso alten "normal". Dazu dienlich sein sollen regelmäßige Aktionen, oberflächlich betrachtet gegen Corona-Maßnahmen, vorwiegend abends und als "Lichtspaziergänge" deklariert, die über Messengerdienste und Online-Netzwerke gut organisiert, den Feierabendverkehr, diverse deutsche Schlager und "Wir sind das Volk" für sich vereinnahmen.

Einige der so Beseelten äußern sich in ihren Kommentaren seit zwei Jahren durchgehend offen als Coronleugner mit immer denselben Argumenten. So würde an Corona angeblich niemand sterben, höchsten die über 80-Jährigen, die, so heißt es zum Beispiel lapidar, schließlich auch "die Grippe", wahlweise andere, geläufigere Erkrankungen, ebenfalls nicht überleben würden.

Das stimmt so nicht. Die über 80-Jährigen überleben nämlich doch und genau deshalb, weil sich eine große Mehrheit von ihnen regelmäßig gegen Grippe impfen lässt, und zwar klaglos, jedes Jahr aufs Neue. Das ist zugegeben lästig, vor allem, mindestens einmal im Jahr überhaupt mit dem Thema Krankheit und Tod überhaupt konfrontiert zu werden, aber so ist nunmal die Neuzeit, die dafür mit anderen Bequemlichkeiten aufwartet.
Das Argument wirft aber ein interessantes Licht auf die Ansichten von denjenigen, die von sich selbst behaupten, vermeintlich "für die Freiheit aller" auf die Straße zu gehen, angeblich Normalität anzustreben und im gleichen Atemzug allen über 80-Jährigen bereits die persönliche Freiheit zu leben, und damit ein Grundrecht, rigoros abspricht.

Wer folgt als Nächstes auf dieser politischen Agenda oder besser gesagt Abschussliste? Die chronisch Kranken, die ebenfalls nicht allein an, sondern "nur" mit einer Chorona-Infektion sterben müssen, wenn die Spaziergänger alle Corona-Maßnahmen erfolgreich abgeschafft haben, wie sie schließlich lauthals fordern?

Kommen erst danach oder schon parallel dazu die akut Erkrankten, darunter die Krebskranken, von denen ebenfalls viele mit und nicht allein an einer Covid-19-Infektion sterben, an die Reihe? Folgen darauf dann die Risikoschwangeren, danach chronisch und akute kranke Kinder wie Frühgeborene? Und was ist mit den Rauchern (vorbelastet), Sportlern (gemeingefährlich, diese Freizeitbeschäftigung), Autofahrern (ein Polytrauma nach einem Verkehrsunfall hat durchaus Chancen mit Corona zu sterben) und so weiter und so fort?

Wer bleibt in diesem Menschenbild am Ende überhaupt noch übrig? Angeblich ausschließlich gesunde Männer und Frauen und Kinder? Ist es etwa das, was uns allen als das angeblich neue "Normal" und neue "Freiheit" verkauft werden soll?

Mitnichten. Viele dieser angeblich "Gesunden" schleppen bis dato ein unbekanntes Aneurysma, einen unentdeckten Tumor, einen unerkannten Herzfehler, oder lediglich zuviel Stress alltäglich mit sich herum, der zu ebensolchem führen kann, zum Beispiel - und klappen dann eines Tages genauso unerwartet um, wie erzgesunde über 80-Jährige, chronisch kranke, junge Menschen oder werdende Zwillings-Mütter, die von oder mit Corona dahingerafft werden, zum Beispiel.

Am Ende sind noch 10 Prozent übrig, die meinen auf 90 Prozent ihrer angeblich nicht volksgesunden Mitbrüger locker verzichten und 16 Bundesländer ganz allein wuppen zu können, was für ein Größenwahn. Das ist keine Freiheit für alle, das ist auch keine Lösung für das teure Rentenproblem, wie sich manche Corona-Leugner allen Erntes einbilden. Es ist eine eiskalte Dystophie, die mit Gemeinwohl nicht mehr das Geringste gemein hat.

Die Pandemie wird langsam verschwinden, so viel ist sicher. Wir sind gespannt, gegen was und wen von selben Organisatoren danach wieder aufmarschiert wird und welche Gruppe danach wieder verzichtbar sein - bis ausradiert werden sollen, anstelle der aktuell offenbar so angeblich verzichtbaren über 80-Jährigen. Wird dann wieder gegen den Euro oder wieder gegen Ausländer oder - naheliegender - etwa gegen die ungeliebten Maßnahmen zum Klimawandel aufmarschiert, den man, weil so propagandistisch passend, dann genauso wenig wahrhaben will, wie gegenwärtig die Pandemie?

Wir wiederholen sinngemäß aus dem Frühjahr 2021: In diesem Sinne, tauschen Sie sich lieber mit anderen aus, solange es noch geht, als ausschließlich mit nur vermeintlich Gleichgesinnten zu marschieren, allein schon, um sich selbst weitere persönliche Enttäuschungen zu ersparen, wenn Sie eines Tages entdecken, wie wenig diesen an Meinungsfreiheit und an Ihrer persönlichen Meinung wirklich liegt. Suchen Sie sich lieber echte an Stelle von vermeintlichen Freunden. Wenn ihre Freunde nicht immer ihrer Meinung sind, aber Sie und ihre (eigen-sinnige) Meinung trotzdem zu schätzen wissen - das ist normal und bedeutet: Freiheit.

Die Geschwindigkeit steigt, das nächste Jahr ist angelaufen. Ob es gut oder schlecht ausfallen wird, wissen wir nicht, weil es ganz an uns liegt, es zu gestalten, wie wir handeln und reagieren. Bleiben Sie uns gewogen, wir veröffentlichen laufend bis zum 31. März.

Angelika Petrich-Hornetz

Lübeck, im Januar 2022

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