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Meckertanten

Bild Engel

Nie wieder predigen müssen?

Ein modernes Märchen von Birgid Hanke

Ein Baby ist ein Engel, dessen Flügel schrumpfen, je länger die Beine werden. Französisches Sprichwort

Niemals wollte ich so eine Meckertante werden, schwor ich mir einst. Aber wie lässt sich das vermeiden. Ein schieres Ding der Unmöglichkeit. Oder ?
„Mama, immer bist du nur mit mir am Meckern“, maulte mich meine Große neulich an. Ertappt zuckte ich zusammen. Ich selbst hatte in den letzten Monaten immer wieder mit Unbehagen festgestellt, dass sich der Klang meiner eigenen Stimme in manchen Situationen in unangenehm schrille Höhen schraubte. Aber ich kann reden, bitten, flehen, befehlen, schimpfen, diskutieren, argumentieren. Am Verhalten meiner beiden Töchter ändert sich einfach nichts. Und irgendwann fange ich an zu schreien. Auch eine tibetanische Gebetsmühle ist irgendwann einmal ausgeleiert und beginnt zu quietschen. Kinder brauchen Regeln und Grenzen. Ihnen diese beizupuhlen und zu setzen, geht manchmal an die Grenzen der mütterlichen Belastbarkeit. Gibt es denn keine Möglichkeit, Erziehungsarbeit mit den Mitteln der modernen Technik zu erleichtern ? Ich habe nämlich keine Lust mehr, mir den Mund fusselig zu reden.

Das könnte ja vielleicht so aussehen: Große Tochter kommt aus der Schule zurück, schleudert wie üblich den Ranzen mitten in den Flur, wo er bis zum nächsten Morgen liegen bliebe, wenn nicht: „Bitte bring mich hinunter in dein Zimmer. Soll denn jeder hier drüber stolpern ?“ Sagt der Ranzen. „Ja, gleich“, lautet die übliche Antwort. Kind lümmelt bereits auf der Couch und greift zur Fernbedienung. „Du sollst um diese Zeit doch gar nicht fernsehen. Ich mache sowieso erst an, wenn du den Ranzen in dein Zimmer gebracht hast. Und überhaupt, hast du deine Hausaufgaben schon gemacht ?“ erkundigt sich die Fernbedienung. „Manno !“ Entnervt erhebt sich das große Kind und schlurft in den Flur. “Zieh deine schmutzigen Schuhe aus“, ermahnen die in den Fußboden eingelassenen Sensoren. Stöhnend werden die Schuhe von den Füßen gerissen und in die Ecke gefeuert. „Stell uns ordentlich in den Schrank zurück“, flehen diese. „Manno !“ Aber das Kind gehorcht. Schleift anschließend den Ranzen über den Boden Richtung Kinderzimmer. „Zieh dir was an die Füße, zieh dir Hausschuhe an“, rufen die Sensoren. „Willst du schon wieder krank werden ?“ „Mir ist nicht kalt“, behauptet das Kind, inzwischen in seinem Zimmer angelangt. Es setzt sich vor seinen Computer und schaltet ihn ein.
„Willst du lernen oder spielen ?“ fragt der. „Blöde Frage !“ erwidert das Kind. „Deine Mutter hat das ganze Programm deinstalliert und die CD mit deinem Lieblingsspiel versteckt“, petzt der Computer. „Mama, du bist gemein !“ schreit das Kind.

„Wir wollen gemacht werden. Wir müssen gemacht werden“, rufen die Hausaufgaben aus dem Ranzen. „Bitte tu uns doch in die Schmutzwäsche, wir frieren hier draußen auf dem kalten Boden“, flehen die kreuz und quer über den Fußboden verstreuten Kleidungsstücke vom Vortag. „Ich krieg’ hier noch `ne Stauballergie“, schnieft eine Stinkesocke unter dem Bett hervor. „Ich muss auch mal wieder gereinigt werden, unbedingt“, mahnt das Katzenklo. „Seit Tagen hast du mich nicht sauber gemacht. Ich stinke schon ganz fürchterlich.“ Maunzend streicht die Katze um die Beine ihres jungen Frauchens. Sie will gefüttert werden. Das geschieht auf der Stelle.

Aber dann muss die moderne Technik wieder eingreifen. „Wenn du mich nicht deckst, kann es nichts zu essen geben“, erinnert der Tisch, während Mama das Essen vorbereitet. Murrend gehorcht die Tochter. Plärrend kommt ihre kleine Schwester aus dem Wohnzimmer angerannt. „Der Videorecorder hat sich selber ausgeschaltet und gesagt, er zeigt mir nur noch eine Lars-Eisbärgeschichte am Tag. Und an deinen Schreibtisch darf ich auch nicht“, beschwert sie sich schluchzend. „Der hat gesagt, ich habe nichts daran verloren. Die Schere hat mit mir gemeckert. Ich soll nicht immer das Papier aus dem Drucker nehmen und zerschnibbeln.“ „Das ist auch richtig so. Du darfst aber die Salatsauce rühren.“ „Auja !“ freut sich die Jüngste, denn mit drei Jahren überschlagen sich Kinder ja ab und zu noch vor Hilfsbereitschaft. „Ganz toll machst du das“, loben Salatschüssel und Mama unisono. Der Tisch ist gedeckt.

„Hol uns aus dem Keller !“ rufen Apfelsaft und Mineralwasser von unten. Die Kleine rast davon, um den Auftrag zu erledigen. Er galt eigentlich ihrer Schwester. Ächzend schleppt sie die viel zu schweren Flaschen die Treppe hoch. Die Große hat sich bereits wieder vor den Fernseher plaziert. „Mach die Glotze aus“, befiehlt das Sofa. „Jetzt wird gegessen.“ „Hör auf, so herum zu kleenen“, murrt der massive Esstisch aus Kirschbaum. „Ich bin schon wieder ganz nass. Du versaust mit meine ganze Oberfläche.“ Ungerührt wird weiter herumgeschmiert.“Bitte schlürft nicht so und lümmelt beim Essen nicht so herum“, mahnen die rings umher angebrachten Sensoren für Tischmanieren “Legt die Arme neben den Teller und nicht unter den Tisch. Müsst ihr denn so schmatzen ? Pass auf deine Haare auf ! Sie hängen in der Sauce. Jetzt bist du schon wieder mit deinem Ärmel durch den Spinat gefahren. Wisch dir den Mund ab, aber doch nicht mit dem schmutzigen Ärmel. Herrgott noch mal !“ Auch Sensoren scheint manchmal der Geduldsfaden zu reißen.„Wir sind hier nicht im Restaurant“, patzt die Große. „Mama, können wir nach dem Essen nicht was spielen ?“ fragt sie unmittelbar und rutscht vom Stuhl. „Erst wenn du mich abgeräumt habt“, sagt das schmutzige Geschirr. „...und mich eingeräumt und angestellt“, fällt die Spülmaschine ihm ins Wort. Sie hat ihr Maul schon erwartungsvoll aufgesperrt.

An diesem Abend funktioniert alles reibungslos, wie die virtuellen Erziehungshelfer fordern und befehlen. Warum nicht genauso bei den realen Erziehungsberechtigten ? „Wir haben jetzt keine Lust mehr“, sagen die Männchen des Menschärgeredichnicht-Spiels nach einer entspannten Spielrunde. „Tut uns doch zurück in unsere Schachtel.“ Es geschieht.“Du musst jetzt ins Heiabett. Du hast ja schon ganz kleine Augen“, sagt der wirkliche Vater und leibliche Erzieher. Auch kein Widerspruch bei der Jüngsten. Sie gähnt nur ausgiebig und hustet.„Nimm die Hand vor den Mund !“ Der zuständige Sensor klingt schon ziemlich matt. tanzende Kinder„Wir wollen putzen, wir wollen putzen, ganz, ganz lange !“ schreien die Zahnbürsten aus dem Badezimmer. „Mindestens fünf Minuten wollen wir zwischen euren Zähnen gegen Karius und Baktus kämpfen.“ Sie dürfen.

Erschöpft krabbeln die Kinder eine Viertelstunde später in ihre Betten. „Wie schön, dass ihr endlich da seid“, freuen sich Daunendecke und Kopfkissen. „Jetzt können wir schön miteinander kuscheln und träumen.“ Eine entspannte Mutter umarmt ihre beiden Engelein liebevoll, gibt ihnen einen Gutenachtkuss und schleicht auf Zehenspitzen aus den Kinderzimmern. Die Kinder schlafen bereits.
„Du wolltest doch schon seit Wochen deine Freundin in Hamburg anrufen“, mahnt das Telefon die vorübergehende Mama.Bereitwillig greift sie zum Hörer. Heute hat sie sich den Mund nicht fusselig geredet. Sie ist daher in richtiger Quatschlaune.

2003 Birgid Hanke
Text + Foto: © Birgid Hanke
Illustration: ©aph

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