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Notizen aus den USA

Eindrücke einer MBA-Studentin aus Detroit 2.Teil

Ökonomie der Fortbewegung

von Ines Kistenbruegger

2003-10-10, Detroit
Gestern Abend bin ich mit meinem Ford Taurus einmal wieder an der
wöchentlichen Anti-Busch Demonstration vorbeigefahren. Vier Männer mit Schildern. Sonst waren es doch immer fünf? Wo ist der fünfte Mann geblieben? Jedenfalls haben die Protestler ihre Schilder nicht geändert: Immer noch hält ein älterer Herr mir die Worte „Bush lied, troops died!“ entgegen,
und von einem anderen Schild erfahren ich: „Occupation is no liberalization. Freedom for Iraq!”
Aufmunternd hupen die vorbeifahrenden Autofahrer, was die Demonstranten veranlasst, kleine Freudentänze aufzuführen. Somit ist die Theorie widerlegt, dass sich Amerikaner nur halbherzig mit Weltpolitik beschäftigen. Einmal die Woche, montags oder mittwochs stehen die fünf Herren an der Ecke Woodward Avenue, Nine Mile, manchmal auch noch eine Frau und ein Kind.

9 Mile! Wer den Eminem-Film, 8-Mile-Road, gesehen hat, wird wahrscheinlich hellhörig. 8 Mile ist die Parallelstraße von 9 Mile. Es gibt dann noch 10 bis 18 Mile Roads, vielleicht auch noch bis zu 25 Mile. Ich bin aber nur bis 18 Mile gefahren. 8 Mile ist acht Meilen von Detroit entfernt, vom Norden her gerechnet. Je mehr Geld man hat, desto weiter zieht man von Detroit weg. Im Moment ist der “Place to live” Birmingham. Wenn ich mich richtig erinnere in der Nähe von 14 Mile, kann jedoch auch 16 Mile sein.

Detroit selbst ist als Ghetto verschrien. Denke ich an gestern, muss ich es glauben. Dreimal in der Woche fahre ich abends zur Universität nach Down Town Detroit, durch das sogenannte Ghetto. Leerstehende oder abgebrannte Häuser sind zwar zu sehen, sonst wirkt alles allerdings nur ärmlich, aber nicht gefährlich. Bis auf den Umstand, dass Verkehrsregeln auf einmal kaum noch eine Rolle spielen und auf der Straße das Recht des Stärkeren gilt. Ich habe mittlerweile festgestellt, dass ich mit meinem Taurus als stark genug gelte.

Als ich gestern Abend, gegen 22:00 Uhr, aus meinem Economics Kurs gekommen bin, geriet ich mit meinem Ford Taurus direkt in eine Polizeiverfolgung, mitten im Ghetto. Mit umgerechnet 150 km/h die Woodward Avenue entlang, ein goldener Dodge, verfolgt von zwei Einsatzwagen. Leider hatte ich nicht mitbekommen, dass ALLE Autofahrer anhalten müssen, kommen offizielle Fahrzeuge wie die Polizei, die Feuerwehr oder ein Krankenwagen im Einsatz vorbei. Von einem wütend winkenden Polizisten wurde mir beschieden anzuhalten. Um mehr konnte er sich nicht kümmern, der zu verfolgende Wagen gewann an Vorsprung. Wie im Fernsehen.
Trotzdem schenke ich der Aussage meiner Nachbarin hier in Ferndale keinen Glauben: „I would never drive through the Ghetto, that is way too dangerous.“

Ich habe nur Abendkurse. Das ist ganz angenehm, weil ich somit den Tag für mich habe. Bei den ganzen Aufsätzen und Texten, die ich lesen muss, ist es gar nicht so schlecht. Außerdem hoffe ich auch immer noch auf den einen oder anderen Nebenjob. Gerade habe ich erfahren, dass ich als Interne Praktikantin auch interessante Jobs außerhalb der Uni annehmen kann.

Economics ist bei weitem der beste Kurs. Er bringt Spaß, u. a. weil wir so ein interessanter Menschenmix sind. Es gib StudentInnen aus dem Libanon, Polen, China, Russland, Kanada, Deutschland und natürlich den USA. Gestern hatten wir unsere üblichen fünf Minuten „Wir-machen-uns-über-die-USA-lustig“ auf fast dreißig Minuten ausgedehnt.
Jessie, eine etwas übergewichtige Amerikanerin, die ständig betont abnehmen zu wollen, sagte ohne Zusammenhang mitten im Unterricht:
„Ich habe gestern bei Kroegers keinen Parkplatz am Eingang gefunden und musste fast eine Meile laufen. Dabei wolle ich nur eine Skim Milk (Milch ohne jeden Fettanteil) kaufen. Und diese war dann auch noch ausgegangen.“
Magda und ich konnten uns nicht halten vor Lachen. Bis schließlich unser Professor, ein Libanese, fragte, was denn los sei. Wir antworteten nur:
„Amerikaner sind verrückt, essen fettfreie Produkte, um abzunehmen, scheuen sich aber davor mal eine Meile zu Fuß zu gehen“.

Als Trost werden Magda, Jessie und ich nächste Woche ein alternatives Theaterstück, „Marisol,“ ansehen, welches von Amy, einer Graduate Studentin der Campus-Theatergruppe, produziert wurde. Der Untertitel klingt vielversprechend: “The Angels declared war to God, leaving us with only our faith to cling to”. Auch Amy besucht den Economics Kurs. Wie sagte sie gestern:
„Es ist wichtig, sich ein bisschen Realität zu bewahren.“

2003-10-10 Ines Kistenbruegger
Text: © Ines Kistenbruegger
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