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Gentechnik - Segen oder Fluch?

von Adelheid Salitz-Schatten

Gentechnik

Bei diesem Wort ziehen vor unserem geistigen Auge wahre Horrorszenarien vorbei: schreckenerregende Gestalten mit zwei Köpfen, Riesenspinnen von gigantischen Ausmaßen, denen die Mordlust schon ins Gesicht geschrieben ist, Piranhas mit rasiermesserscharfen Säbelzähnen, die scharenweise harmlose Touristen von den Ausflugsbooten pflücken. Armeen geklonter Mutanten, die als Mordmaschinen durch die Lande ziehen, lebende Roboter ohne Verstand und Moral entwerfen ein Bild von einer Zukunft, von der wir alle nur hoffen können, dass sie in dieser Form nie anbrechen wird.
Genährt werden solche Vorstellungen von den Fantasien diverser Spielfilmautoren und Regisseure, die vor allem in der „Traumfabrik“ Hollywood Jahr für Jahr mehr als genug Gelegenheit bekommen, sich auszutoben.
Was ist dran an solchen Vorstellungen, an diesen Ängsten, die uns beschleichen, wenn wir etwas von Gentechnik - oder noch schlimmer: von Genmanipulation - hören oder lesen?

Nur ein verschwindend kleiner Teil der Wissenschaftler plant Schreckliches

Einen solchen Albtraum mit gezüchteten Kampfmaschinen plant kein Wissenschaftler, der seine zehn Sinne beieinander hat und seinen Beruf verantwortungsbewusst und ernsthaft ausübt. Verschrobene Ingenieure, Techniker, Biologen und Mediziner mit fehlgeleiteter Intelligenz hat es schon immer gegeben, die nicht so genau danach fragten, was gut ist für die Menschheit, denen der Blick und das normale Empfinden für die Realität und die Moral völlig abhanden gekommen sind. Ein Ausflug in die mitunter sehr betrübliche Menschheitsgeschichte konfrontiert uns gleich mit einigen solcher „Erfinder“. Zu allem Überfluss und zum großen Pech der Menschheit fanden sie leider mehr als einen reichen und einflussreichen „Gönner“ mit genug Geld, der die Forschungen ohne Wenn und Aber, ohne Einschränkungen ermöglichte.

Die Unwissenheit der Bevölkerung nährt die Ängste vor schlimmen Folgen der Gentechnik

Schlagworte wie „Genfood“, „genetisch manipulierte Nahrungsmittel“, „Gentherapie“ finden sich seit einigen Jahren immer wieder in der Presse. Aber wer kann mit solchen Begriffen tatsächlich etwas anfangen? Wer nicht weiß, was es mit den Genen auf sich hat, wird auch nie begreifen können, was die Genforscher vorhaben.

Dass auch Menschen Gene haben, ist in den letzten Jahren zunehmend ins Blickfeld der Öffentlichkeit gerückt. Bei Vaterschaftstests sowie bei anderen ungeklärten Fragen nach der Abstammung – wie bei Kaspar Hauser oder im Falle der angeblichen russischen Prinzessin Anastasia – wird die Bausubstanz der Gene, die sogenannte DNA (die Abkürzung DNS bedeutet das Gleiche) untersucht. Mit dem genetischen Fingerabdruck, der Abbildung des individuellen DNA-Musters Verdächtiger und dem Vergleich mit winzigsten Täterspuren, können Straftaten aufgeklärt werden. Weil in den letzten Jahren mehrere Kapitalverbrecher nur mit Hilfe dieser Technik gefasst werden konnten, gilt sie als eine der ganz großen Erfindungen der Kriminalistik.

Ein kleiner Ausflug ins Innere unseres Körpers enthüllt das Geheimnis der Gene: Sie sind die Erbanlagen, die unseren genauen äußeren und inneren Bauplan enthalten. Sie bestimmen nicht nur unser Aussehen, sondern steuern auch sämtliche Stoffwechselleistungen unseres Körpers. Sie werden von Eltern an ihre Kinder vererbt: wir haben sie bei unserer Zeugung von unseren Eltern bekommen und geben sie an unsere Nachkommen, von Generation zu Generation, weiter.

Zu vergleichen ist die Vielfalt der Gene mit einer großen Bibliothek, voll mit unterschiedlichsten Büchern. Die deutsche Sprache kennt 26 Buchstaben; werden diese Buchstaben in immer neuen Kombinationen zusammengesetzt, ergibt sich daraus eine schier unüberschaubare Anzahl verschiedener Wörter. Diese Wörter in unterschiedlicher Reihenfolge kombiniert, bilden Sätze, diese wiederum Bücher oder Zeitschriften mit unterschiedlicher Ausstattung und abweichendem Inhalt.

Bei unseren Genen gibt es sogar nur vier Buchstaben, die in einer wechselnden Reihenfolge aneinandergereiht eine „Gebrauchsanleitung“, einen Bauplan unseres Körpers ergeben. Jede unserer Eigenschaften und äußeren Merkmale wird durch mindestens ein Gen, häufig sogar durch das Zusammenspiel mehrerer Gene bestimmt.

Veränderungen im menschlichen Erbgut können schlimme Auswirkungen haben

Individuelle Unterschiede der Gene verschiedener Menschen entscheiden darüber, welche Haarfarbe wir haben oder wie groß wir werden. Die Gene können jedoch vom Bauplan „Mensch“ so stark abweichen, dass der Organismus nicht mehr richtig funktionieren kann: Krankheiten oder Behinderungen sind die Folge. Einige dieser Krankheiten machen sich erst im Erwachsenenalter oder sogar nie bemerkbar, andere dagegen können so schwerwiegend sein, dass der Träger der Gene nicht lebensfähig ist und bereits während der Schwangerschaft oder kurz nach der Geburt stirbt. Viele Genveränderungen sind für Stoffwechselerkrankungen verantwortlich, treten aber beispielsweise auch bei Tumoren und Autoimmunkrankheiten auf.

Wie alle anderen Merkmale unseres Körpers können auch krankhafte Abweichungen in den Genen vererbt werden; in diesem Fall sprechen die Mediziner von Erbkrankheiten. Genveränderungen treten jedoch auch spontan auf; Auslöser für solche Ereignisse sind beispielsweise Röntgenstrahlen, Radioaktivität oder verschiedene Chemikalien aus Umwelt und Nahrung. Sie machen sich normalerweise nur beim Träger bemerkbar und werden nur dann an die Nachkommen weitergegeben, wenn sie in den Fortpflanzungszellen auftreten.

Die Möglichkeiten herkömmlicher Behandlungsmethoden sind zwar vielfältig, aber es gibt viele Krankheiten, die sich (noch) nicht heilen lassen. Bestenfalls ist eine Linderung oder Unterdrückung der Symptome möglich. Das liegt daran, dass die herkömmlichen Therapieformen nicht in der Lage sind, die genetische Information im Körper zu verändern.

Zu den sogenannten „Volkskrankheiten“ gehören Krebs und Herz-Kreislauferkrankungen. Unser Gesundheitssystem wendet Jahr für Jahr riesige Summen für Vorbeugung und Behandlung auf. Erfreulichen Heilungserfolgen auf der einen Seite stehen eine Menge Rückfälle und nicht angeschlagene Therapien auf der anderen Seite gegenüber. Mittlerweile ist zweifelsfrei bewiesen, dass ein großer Teil dieser Erkrankungen genetische Ursachen hat. Einige Tumorformen wie beispielweise Brustkrebs treten in familiärer Häufung auf, so dass von einer Vererbung der entsprechenden Gene ausgegangen werden kann.

Möglicherweise gibt es bald eine Wunderwaffe gegen solche Geißeln der Menschheit. Um genetisch verursachte Krankheiten zu heilen, bietet sich die sogenannte Gentherapie an, eine Methode, bei der – wie der Name schon andeutet – am Gen selbst eine Therapie durchgeführt wird. Man versucht, das defekte Gen durch ein funktionsfähiges zu ersetzen oder ein fehlendes Gen an die richtige Stelle zu platzieren.

Erste ermutigende Therapieversuche sind mit dieser Methode bereits durchgeführt worden, obschon es auch etliche Rückschläge gegeben hat.
Die Gründe für Misserfolge sind vor allem die Schwierigkeiten, die Gene in einer Form zu verabreichen, die zum einen sehr wirkungsvoll ist, zum anderen aber den Patienten nicht gefährdet. Zu den erfolgversprechenden Ansätzen gehören Versuche, die therapeutischen Gene über eine Art Impfung in den erkrankten Körper zu bringen: die Patienten werden gezielt mit Viren infiziert, denen zuvor die benötigten Gene eingepflanzt wurden. Die Viren müssen in sehr hoher Konzentration verabreicht werden, damit genügend Gene an die richtige Stelle gelangen. Das setzt voraus, dass die eingesetzten Viren absolut harmlos sind, damit sie keinesfalls eine gefährliche Infektion des Patienten hervorrufen. Diese Anforderungen sind nicht einfach umzusetzen – weitere intensive Forschungen sind nötig, damit die Methode für die behandelten Patienten hundertprozentig sicher wird.

Gentherapeuten – die Wunderheiler des neuen Jahrtausends?

Möglicherweise! Nicht nur Krebs und Herz-Kreislauferkrankungen werden durch eine bestimmte Konstellation der Gene ausgelöst: immer mehr, bisher als unheilbar eingestufte Krankheiten können mittlerweile auf eine genetische Ursache zurückgeführt werden.

Und nicht nur das: feine genetische Abweichungen zwischen den Menschen, auch geschlechtsspezifische Unterschiede zwischen Frauen und Männern, scheinen dafür verantwortlich zu sein, dass Medikamente bei dem einen Patienten „anschlagen“, bei einem anderen Patienten dagegen völlig wirkungslos sind. Die individuelle Ausstattung mit Genen bewirkt, dass Medikamente nicht immer gleich vom Körper umgesetzt und aufgenommen werden.

Auch hier sind die Genforscher am Zuge: durch Erstellung umfangreicher Genkarteien hoffen sie, dem Geheimnis unterschiedlicher Medikamentenwirkungen auf die Spur zu kommen.
Pharmakogenetik ist das Zauberwort der Zukunft. Die Pharmakogenetik ist ein verhältnismäßig neuer Zweig der Pharmaindustrie. Ziel der Forschungen ist es, in hoffentlich naher Zukunft für jeden Menschen maßgeschneiderte Arzneimittel herstellen zu können, die der unterschiedlichen genetischen Ausstattung Rechnung tragen. Sollte es gelingen, würden fortan falsche Medikation und langwieriges Austesten der geeigneten Dosis bald der Vergangenheit angehören.

Die Auswirkungen auf unser Gesundheitssystem können wir nur erahnen: horrende Kosten, die heutzutage noch allzu häufig in wirkungslose Arzneimittel gesteckt werden, könnten dann eingespart werden. Bis es aber so weit ist, werden sicher noch Jahre intensiver Forschungen und große Etats an Forschungsgeldern nötig sein.

Andere Gebiete der Pharmaindustrie hat die Genetik schon längst erobert

Gute Mutanten werden bereits seit etlichen Jahren eingesetzt, um Medikamente herzustellen. In vielen Fällen handelt es sich um Bakterien, deren Gene durch die sogenannte Genmanipulation so verändert wurden, dass sie in größeren Mengen Arzneimittel herstellen können. Zu solchen bakteriell produzierten Medikamenten gehören beispielsweise das Insulin, verschiedene Antibiotika, Blutgerinnungsfaktoren und viele mehr, die aus der modernen Medizin mittlerweile nicht mehr wegzudenken sind.

Landwirtschaft und Pharmaindustrie

Landwirtschaft und Pharmaindustrie vermischen sich zusehends. Pflanzen, die Antibiotika zur Abwehr bestimmter Krankheitserreger enthalten, Kühe, die mit ihrer Milch ein Medikament zur Behandlung von Erbkrankheiten beim Menschen ausscheiden, sind längst keine Zukunftsmusik mehr.
So vielfältig und faszinierend auch die Möglichkeiten der modernen Gentechnik sind: groß ist die Angst vor negativen Auswirkungen durch den Verzehr der veränderten Pflanzen und Tierprodukte – die schädlichen Folgen des Hormonskandals in der Tierhaltung beispielsweise haben uns deutlich vor Augen geführt, was eine zwanghafte Manipulation zur „Verbesserung“ von Lebewesen anrichten kann.

Seit die rasante Entwicklung der Gentechnik und die Anwendung auf den Menschen publik geworden ist, melden sich zu Recht die Ethiker zu Wort. Sie sehen nicht nur die faszinierenden Aspekte der neuen Möglichkeiten, sondern auch die Schwierigkeiten und moralischen Probleme. Sie werden von verschiedenen Bedenken bewegt: sie fragen beispielsweise, ob es ethisch vertretbar ist, an Menschen in dieser Art und Weise „herumzubasteln“ und der Natur ins Handwerk zu pfuschen.

Sie lehnen die Gentechnik im allgemeinen und die Gentherapie im besonderen nicht in Bausch und Bogen ab, aber sie plädieren dafür, dass die eigentlichen Ziele nicht aus den Augen verloren werden. Nicht die Frage, was alles möglich ist, in wieweit die Natur ummoduliert werden kann, soll im Vordergrund stehen, sondern die Überlegung, ob und wie sich die neuen Methoden zum Wohle der Menschheit einsetzen lassen.

Über die Mittel ist man sich allerdings noch uneins, und es darf bezweifelt werden, ob sich hier überhaupt ein gemeinsamer Konsens finden lässt. Der Einsatz adulter Stammzellen, die sich in verschiedenste Zellen mit unterschiedlichen Aufgaben entwickeln können, bereitet keine Probleme. Die medizinische Forschung mit embryonalen Stammzellen, die eine besonders große Entwicklungsspannbreite haben, aber nur aus Embryos in einem Stadium kurz nach der Befruchtung gewonnen werden, findet dagegen viele Gegner.

Klonen

Das Klonen höherer Lebewesen, zum ersten Mal in Gestalt des Klonschafes „Dolly“ publik geworden, hat gerade in den letzten Monaten zunehmend für Wirbel in den Medien gesorgt. Seitdem es angeblich möglich geworden ist, Menschen zu klonen, sind die eingangs erwähnten Horrorszenarien wieder ein ganzes Stück näher gerückt. Viele Menschen, darunter auch Politiker, Verbände verschiedenster Ausrichtung und Religionsführer warnen eindringlich vor den möglichen Folgen des Menschenklonens.

Die Erschaffung eines „Menschen nach Maß“, jeweils angepasst an die aktuellen Bedürfnisse oder Modetrends, ausgestattet mit außergewöhnlichen Fähigkeiten wie überdurchschnittlicher Intelligenz, körperlicher und psychischer Ausdauer auch unter widrigsten Lebensbedingungen, womöglich ohne ein hemmendes und bremsendes Gewissen, lässt ganz neue Fragen aufkommen. Bleiben all jene Menschen, die nicht optimal die Anforderungen des menschlichen „Non plus ultra“ erfüllen, auf der Strecke? Explodierende Kosten im Gesundheitssystem rechtfertigen scheinbar eine Entwicklung, in der immer öfter ungeborenen Menschen, deren genetische Ausstattung nicht dem „Standard“ entspricht, das Lebensrecht verweigert wird.

Es muss in den nächsten Jahren neben der unvermeidlichen (und sicher begrüßenswerten) Weiterentwicklung medizinischer Kenntnisse und Fähigkeiten vor allem auch darum gehen, einen ausgewogenen Mittelweg zu finden zwischen der Vermehrung medizinischer Machbarkeiten und der Auslotung dessen, was tatsächlich sinnvoll und ethisch-moralisch zu vertreten ist. Die eingebundenen Wissenschaftler, Ethiker und Politiker haben damit in den nächsten Jahren eine schwere Aufgabe, die sie hoffentlich verantwortungsvoll und zum Wohle der Menschheit und der gesamten Welt lösen werden.

2004-02-29 von Adelheid Salitz-Schatten
Text: ©Adelheid Salitz-Schatten
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