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Kinder, Kinder

Warum sich Amerika fröhlich weiter vermehrt

von Cornelia Schaible

Erst fiel es mir gar nicht so auf. In den USA geht die Schule bis nachmittags. Und wenn die altmodischen gelben Schulbusse die Kids endlich wieder zu Hause abgesetzt haben, kutschiert sie Mama gleich weiter zum Soccer oder in die Ballettstunde. Nach dem Dinner sitzen die lieben Kleinen am Computer und anschließend vor der Glotze. Vielleicht machen sie auch Hausaufgaben. Jedenfalls: Frei laufende Kinder gibt es in Amerika ebenso wenig wie in Deutschland. Die adrett gepflegten Vorgärten in den Suburbs laden auch nicht gerade zum Spielen ein – die Basketballkörbe an den Doppelgaragen sind meistens verwaist.

Aber dann wurde es Sommer, und am Wochenende fuhren wir zum Baden an einen See. Man hat da reichlich Auswahl in Michigan: Außer den Großen Seen finden sich noch unzählige kleine. Oft liegen die in einem öffentlichen Park, und wenn es dazu eine schöne Liegewiese mit fest installierten Picknickgarnituren plus Grill gibt, wird man sich an einem solchen Ort kaum einsam fühlen. Die Familien rücken schon am Morgen an, mit Kind und Kegel und riesigen Kühlboxen. Mutti packt die Steaks aus, Vati wirft den Grill an und spielt nebenher den Coach. Ob Football oder Federball, egal, Hauptsache ist, die Nachwuchs-Mannschaft steht. Und überall wuselt es nur so.

Genau wie an einem verregneten Samstag in der Mall. Oder kürzlich am Flughafen von San Francisco, am Ende der Osterferien. Kinder, Kinder. So viel Jungvolk auf einem Haufen, das hatte ich früher allenfalls bei einem Termin im Klassenzimmer – Schule war mein Ressort als Lokalredakteurin. Abgesehen davon lebte ich in einer weitgehend kinderfreien Umgebung. Und das fällt mir nicht erst auf, seit ich in den USA bin.

Einige Wochen vor meiner Abreise war ich bei einer Bekannten zum Geburtstag eingeladen. Tina wurde 40. Wie sich herausstellte, war unter ihren Gästen außerdem eine Freundin, die den gleichen Anlass zum Feiern hatte. Was mich damals frappierte: Die beiden Frauen waren ungefähr im gleichen Alter wie ich. Und alle drei hatten wir keine Kinder. Übrigens nicht nur wir: Von den Partygästen, das waren rund 20 an der Zahl, fast alle verheiratet oder in einer festen Beziehung lebend, hatte die überwiegende Mehrheit keinen Nachwuchs in die Welt gesetzt. In einer süddeutschen Kleinstadt mit ausreichend Kindergartenplätzen, Schulen und durchaus bezahlbarem Wohnraum. Für viele Leute sind Kinder einfach kein Thema – will heißen, sie kommen in der deutschen Alltagswirklichkeit schon gar nicht mehr vor.

Meine amerikanischen Freundinnen schütteln verständnislos den Kopf, wenn ich ihnen das erkläre. Klar, auch in den USA wird nicht jede Vierziger-Party von fröhlichem Kinderlachen aufgemischt. Statistisch gesehen passiert das allerdings viel häufiger: Nach Angaben des Berliner Institutes für Weltbevölkerung und globale Entwicklung bringen Frauen in Deutschland derzeit durchschnittlich 1,3 Kinder zur Welt. In den meisten Industrieländern erreicht die Gesamtfruchtbarkeitsrate – ein grässliches Wort – bei weitem nicht mehr das so genannte Ersatzniveau von 2,1 Kindern pro Frau, mit dem sich jede Generation quasi selbst ersetzt. Rühmliche Ausnahme: die USA mit ungefähr zwei Kindern pro Frau.

Einige amerikanische Politiker finden auch das schon Besorgnis erregend – die US-Bevölkerung altert, die Baby-Boomer kommen in die Jahre. Bis heute gibt es jedoch immer noch mehr Geburten als Sterbefälle; im Jargon der Statistiker heißt das „natürliches Bevölkerungswachstum“, also ohne Berücksichtigung von Zuwanderung. Und warum ist das auf der anderen Seite des Atlantiks so ganz anders? Warum stirbt Deutschland langsam aus? „Die Leute denken zu egoistisch“, meint eine Bekannte, die seit vielen Jahren in den USA lebt, „sie wollen ihre Freiheit behalten. Und die Frauen wollen sich vielleicht auch nicht ihre Figur verderben.“

Unsinn. Ich meine, das mit dem Egoismus. Kein Mensch kriegt doch Kinder, damit die Rentenversicherung nicht so alt aussieht. Monatelang Babygeschrei und chronischen Schlafmangel sowie die Verantwortung für ein Menschenkind in den nächsten 20 Jahren – darauf lässt sich niemand ein, um der Gesellschaft ein Opfer zu bringen. Sehen Eltern im neuen Erdenbürger etwa den künftigen Beitragszahler? Nie und nimmer. Schon gar nicht in Amerika, wo die Vorsorge sowieso mehr dem Einzelnen überlassen bleibt. Paare bekommen Nachwuchs, weil sie sich davon etwas Entscheidendes erhoffen. Weil sie eine richtige Familie sein wollen, eine kleine Einheit, gelegentlich auch eine Mini-Footballmannschaft. Weil es das gute Gefühl gibt, von jemandem gebraucht zu werden. Und weil Kinder haben eine zutiefst menschliche Erfahrung ist. Trotz aller Nachteile, die damit verbunden sein mögen.

Und jeder – oder vielmehr jede, die freiwillig auf diese Erfahrung verzichtet, wird sich in diesem Land permanent dafür rechtfertigen müssen. Erstaunlich, wie wenig persönliche Vertrautheit es braucht für eine Frage, die mir zu Hause nicht einmal von den engsten Verwandten gestellt wurde. Hier reicht eine lockere Bekanntschaft, und bald schon kommt das Gespräch auf die Kids. Und wenn man dann nicht gerade als praktizierender Kinderschreck entlarvt wird, ist er wieder fällig, dieser Satz, der so sicher kommt wie das Amen in der Kirche: „Und du – warum hast du keine?“
Ich hielt das eigentlich immer für meine persönliche Angelegenheit. Aber wenn eine Antwort nun wirklich nicht zu umgehen ist: Ja, schade. Ich bedaure das, aber es hat sich nicht ergeben. Eine jahrelange Interkontinentalbeziehung fördert vielleicht den internationalen Flugverkehr, aber nicht die Familie. Bitte? Warum ich nicht adoptiere? Tschuldigung, aber ich bin kein Hollywoodstar, der die Mutterfreuden als Rolle der reifen Jahre propagiert, und wenn ich irgendwas ticken höre, ist das bestimmt nicht meine biologische Uhr.

Nein, das ist jetzt kein bisschen übertrieben: Wenn’s in Hollywood mit der Karriere klappt, aber nicht mit der Familie, ist eine Erklärung fällig. Um beim Publikum nicht in Ungnade zu fallen. Beispiel Jennifer Garner, derzeit mit der Komödie „13 going to 30“ – „30 über Nacht“ auf der Kinoleinwand zu sehen: „Ich hatte nie den Drang, ein Star zu werden“, erklärte die frisch geschiedene 31-Jährige kürzlich in der Wochenendbeilage des Francisco Chronicle. „Ich wollte Schauspielerin sein, um meinen Lebensunterhalt zu verdienen, dann heimgehen, Dinner machen und bei den Kids sein.“ Weil sie nun offenbar die Schwelle zum gefeierten Filmstar überschritten hat, lächelt sie von den Titelseiten vieler Hochglanzmagazine. Und immer sieht sie ein bisschen aus, als wolle sie sich für ihren Ruhm entschuldigen.
Denn gleich daneben im Zeitschriftenstand hält Gwyneth Paltrow stolz ihren Babybauch. Und das Frauenmagazin Redbook hat auf den Muttertag hin gleich mehrere prominente Moms auf dem ausklappbaren Titelblatt versammelt, darunter Céline Dion, Cyndi Lauper und Melissa Etheridge. „Bevor ich Kinder hatte, war ich so irre einsam“, wird Cyndi zitiert.

Für Susan J. Douglas und Meredith W. Michaels dienen solche „Celebrity moms“, also Promi-Mütter, schon seit den 80er-Jahren als Rollenmodelle. „Promi-Mamis waren Frauen, die es geschafft hatten, eine anspruchsvolle Karriere mit Mutterschaft zu vereinbaren“, schreiben die beiden Autorinnen in ihrem Buch „The Mommy Myth“, das erst kürzlich herausgekommen ist. „Und die Promi-Mami nährte die Vorstellung, die viele von uns gerne glauben wollten: Mutter zu werden, das hieß nun nicht automatisch, dass du jetzt eine unattraktive, asexuelle "War-mal-eine-Frau" bist.“
Letztendlich führte das zu einem neuen Mütterlichkeitswahn, einem Mama-Mythos, der bis heute dazu benutzt wird, die Frauen wieder an Haus und Herd zu binden, so die These beiden Autorinnen. Das mag sein, aber das erklärt gewiss nicht, was es auch für die Durchschnittsfrau so erstrebenswert macht, Kinder zu bekommen – ohne bezahlten Mutterschaftsurlaub und ohne staatlich organisierte Kindertagesstätten. Es gibt zwar Daycare, aber die Kleinen dort ganztägig unterzubringen, wird richtig teuer. Für Mütter mit einem kleinen Kind rentiert es sich daher oft nicht, arbeiten zu gehen, bis das Kind in den „Kindergarten“ kommt – in Amerika entspricht das der Vorschule.

Dafür kann sie die Kleinen wenigstens problemlos zum Einkaufen mitnehmen. „Die Kassiererinnen sind so freundlich“, staunte eine Sindelfingerin, die vorübergehend im Raum Detroit lebte. Zu Hause in Deutschland habe sie sich im Supermarkt einmal anhören müssen: „Was fällt Ihnen eigentlich ein, mit zwei Kindern einkaufen zu gehen!“ In meinem Nachbarschafts-Supermarkt quietschen die Kids manchmal vor Vergnügen, wenn sie im Spielauto-Einkaufswagen fahren dürfen. Gern zu zweit.

US-GirlÜberhaupt sind eigentlich alle Geschäfte in den USA auf ihre kleinsten Kunden eingestellt. Im Restaurant gibt’s Hochstühle und Malstifte und Papier, und die Läden haben Familientoiletten. Nach Wickeltischen wird man selten vergeblich suchen. „Kinder werden hier auch überall mit hin geschleppt“, sagt Anja Rothbart-Geyer, 38, die aus Niedersachsen stammt und seit 1997 im südöstlichen Michigan lebt. „Und es wird den Eltern leicht gemacht, die Kinder mitzunehmen.“

Vielleicht ist überhaupt das der entscheidende Punkt. Das Land ist sicher kinderfreundlich, aber das trifft es noch nicht ganz, meint Rothbart-Geyer, die ihren Sohn in den USA bekommen hat. „Ich würde sogar eher sagen, dass die Amerikaner sehr elternfreundlich sind. Als junge Eltern wird man überschüttet mit Coupons und Proben, man wird mit Kind oft vorgelassen, die Leute gucken das Kind an und reden oder scherzen oft mit ihm. Und den Eltern.“ Und das sei nicht bloß so, weil ihr Sohn so schnuckelig aussehe. Ich denke, Amerikaner wollen nicht nur Kinder haben – sie wollen vor allem Eltern sein. Das hat enormes Sozialprestige. Und das sieht man in Deutschland wohl anders.

2004-05-07 Cornelia Schaible
Text: ©Cornelia Schaible
Foto: ©Cornelia Schaible

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