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Interview

Dr. Harald Ringstorff, Ministerpräsident von Mecklenburg Vorpommern

Das Interview führte Birgid Hanke

Seegras Wirtschaftswetter:Herr Ministerpräsident, die Saison klopft an die Tür. Was wünschen Sie sich im Sommer 2004 für Ihre Küste?
Dr. Harald Ringstorff: Einen Sommer, wie wir ihn im letzten Jahr gehabt haben. Aber auch ohne Mallorca-Wetter habe ich die Hoffnung, dass Mecklenburg-Vorpommern in Sachen Tourismus seinen Spitzenplatz in Deutschland nicht nur behalten, sondern sogar weiter ausbauen kann. Natürlich wird es immer schwerer, die Besucherzahlen weiter zu steigern. Aber bereits über Ostern waren die Hotels, Jugendherbergen und andere Einrichtungen sehr gut ausgelastet. Das lässt im Hinblick auf den Sommer berechtigte Hoffnungen zu.
Mecklenburg-Vorpommern ist längst kein Geheimtipp mehr und der Tourismus, ob nun an der Ostsee oder im Binnenland, mit dem Fahrrad oder auf dem Wasser, verknüpft mit vielen neuen Wellness- und Gesundheitsangeboten und einer reichen Kulturlandschaft, gewinnt als Wirtschaftfaktor eine immer größere Bedeutung für unser Land. Hier entstehen zahlreiche neue und interessante Arbeitsplätze, nicht nur für die Saison.
In den nächsten Wochen wird sich außerdem entscheiden, ob ein weiterer großer Wunsch von mir in Erfüllung gehen kann: Die Hansestadt Rostock ist deutsche Bewerberstadt für die Ausrichtung der Olympischen Segelwettbewerbe 2012. Es wäre großartig, wenn wir im Mai zu denjenigen gehören, die zum engen Bewerberkreis gekürt werden. Nicht nur Rostock, ganz Mecklenburg-Vorpommern fiebert dieser Entscheidung entgegen.

Wirtschaftswetter: Die Küste ist ein Faustpfand. Wie nutzen Sie ihn, damit auch das Hinterland etwas von ihm hat?
Dr. Harald Ringstorff: Mecklenburg-Vorpommern nur mit seiner wunderschönen Küste gleichzusetzen wäre zu kurz gesprungen, obwohl die Ostseeküste mit ihren Inseln und Halbinseln, mit ihren herrlichen alten Hansestädten, von denen Wismar und Stralsund sogar zum Weltkulturerbe zählen, natürlich der Urlauber-Magnet ist. Lassen Sie aber niemanden in Schwerin, an der Mecklenburgischen Seenplatte oder in der Schaalsee-Region, um nur einige attraktive Gegenden zu nennen, hören, dass sie „Hinterland“ der Küste wären! Schlösser und Herrenhäuser, einige von ihnen liebevoll zu hochklassigen Hotels umgebaut,Museen, Theater, die Musikfestspiele Mecklenburg-Vorpommern, der Wassertourismus auf den großen Seen wie der Müritz oder dem Schweriner See und auf unseren romantischen Flüssen – das alles bietet das Landesinnere.

Wirtschaftswetter: Die Arbeitslosigkeit betrug im Oktober 2003 18,4 Prozent. Wie arbeiten Sie dagegen an, welche Möglichkeiten haben Sie, wo sehen Sie die größten Hindernisse?
Dr. Harald Ringstorff: Die Bekämpfung der Arbeitslosigkeit ist unsere wichtigste Aufgabe. Der Staat kann aber keine Arbeitsplätze schaffen. Das können nur die Unternehmen. Deshalb versuchen wir als Landesregierung die Rahmenbedingungen für die Wirtschaft in unserem Land kontinuierlich zu verbessern: etwa durch den Ausbau der Verkehrsinfrastruktur, durch die gezielte Förderung von Innovation und Technologie oder durch den Abbau von Bürokratie. Wir kommen auf diese Weise auch voran.
Zwei Beispiele: In Rostock baut derzeit der Kranbauer Liebherr ein neues Werk. Edeka investiert im Kreis Ludwigslust. Das bringt Arbeitsplätze. Insgesamt hatten wir im März 2004 immerhin über 5.000 Arbeitslose weniger, als noch ein Jahr zuvor. Wir haben aber seit der Wende mit einem großen Problem zu kämpfen. Mecklenburg-Vorpommern ist traditionell eine Region mit sehr wenig Industrie. Die in der DDR künstlich angesiedelten Industriebetriebe haben unter den Bedingungen der Marktwirtschaft nicht überleben können oder mussten die zahl der Arbeitsplätze drastisch reduzieren. Das sind die Arbeitsplätze, die uns fehlen. Hinzu kommt, dass der große Bauboom nach der Wende leider vorbei ist, so dass der Baubereich große Probleme hat. Um so wichtiger ist es, neue Investoren ins Land zu holen. Daran arbeiten wir.

Wirtschaftswetter: Wie sieht die Lage bei Ihnen bei den Ausbildungsstellen aus und was halten Sie von der Ausbildungsplatzabgabe?
Dr. Harald Ringstorff: Die Betriebe in Mecklenburg-Vorpommern bilden mehr als anderswo aus. Das ist vorbildlich. Gleichwohl fehlen auch bei uns Ausbildungsplätze. Wir haben einfach zu wenig Betriebe. Und es drängen derzeit die geburtenstarken Jahrgänge aus den letzten DDR-Jahren auf den Arbeitsmarkt. Es kostet uns deshalb große Anstrengungen, allen Jugendlichen ein Ausbildungsplatzangebot zu machen - vorzugsweise im Betrieb, zur Not auch außerbetrieblich. In den letzten Jahren ist uns das gelungen. Für mich ist eins entscheidend: Jeder junge Mensch, der kann und will, muss ein Ausbildungsplatzangebot erhalten. Denn es geht hier um die Zukunft der jungen Menschen in unserem Land. Wenn das auf freiwilliger Basis funktioniert, um so besser. Wenn das aber nicht klappt, muss man nach anderen Lösungen suchen.

Wirtschaftswetter: Neben der Arbeitslosigkeit, mit welchen Problemen haben Sie in Mecklenburg-Vorpommern hauptsächlich zu kämpfen?
Dr. Harald Ringstorff: In engem Zusammenhang mit der Lage auf dem Arbeitsmarkt steht die Abwanderung aus unserem Bundesland in die benachbarten alten Bundesländer oder nach Süddeutschland. Ein Problem, mit dem alle neuen Bundesländer gleichermaßen zu kämpfen haben. Die Abwanderung im Verhältnis zur Bevölkerung ist in Mecklenburg-Vorpommern aber nicht höher als beispielsweise in Sachsen. Dennoch nehmen wir das Problem ernst, denn junge und ambitionierte Menschen fehlen uns schon in wenigen Jahren auf dem heimischen Arbeitsmarkt. Unsere sogenannte Rückholagentur „MV for you“ hat es sich auf die Fahnen geschrieben, ehemalige Mecklenburger und Vorpommern, die zurück kommen wollen, dabei zu unterstützen. Natürlich ist es gut, wenn junge Leute sich nach der Ausbildung erst einmal den Wind um die Nase wehen lassen, aber unser Ziel muss es sein, attraktive Lebensbedingungen hier im Land zu haben. Dazu zählen entsprechende Jobangebote und eine gute Entlohnung.

Wirtschaftswetter: Standortpolitik. Mit welchen Standortvorteilen kann Mecklenburg-Vorpommern aufwarten, um Unternehmen anzusiedeln, und wie vermarkten Sie Ihren Standort?
Dr. Harald Ringstorff: Ein Blick auf die geografische Karte zeigt: Mecklenburg-Vorpommern ist ein attraktiver Standort für Investoren: Mitten in Europa gelegen, mit traditionellen Brücken nach Nord- und Osteuropa. Ein Alleinstellungsmerkmal Mecklenburg-Vorpommerns sind neben der hohen Wirtschaftsförderung, die in allen neuen Bundesländern gewährt wird, Hafenstandorte mit entsprechenden Gewerbeflächen. Nirgendwo in der Welt ist eine Region so massiv in so kurzer Zeit komplett modernisiert worden wie dieser Teil Deutschlands. Neben der idealen Lage zählen neue Verkehrswege wie die Ostseeautobahn A 20, eine moderne Telekommunikation, ein gutes Investitionsklima und günstige Immobilienpreise zu unseren Pluspunkten. Nicht zu vergessen unsere unbezahlbaren Schätze wie engagierte Menschen, die reiche Erfahrungen mitbringen, und unsere einmalig schöne Natur. Natürlich sind wir auch auf zahlreichen nationalen und internationalen Messen vertreten, um auf unser Land und seine Vorzüge aufmerksam zu machen.

Wirtschaftswetter: Wie schätzen Sie Chancen und Risiken der europäischen Osterweiterung für Mecklenburg-Vorpommern ein?
Dr. Harald Ringstorff: Mecklenburg-Vorpommern grenzt im Osten an die polnische Wojewodschaft Westpommern. Vom 30. April auf den 1. Mai werden wir auf Usedom gemeinsam den Beitritt Polens zur Europäischen Union feiern. Den Menschen beiderseits der Grenze eröffnen sich durch den Beitritt neue Möglichkeiten, in Kontakt zu treten, und das nicht nur auf wirtschaftlichem Gebiet. Unsere Unternehmen im grenznahen Raum müssen sich natürlich aktiv in diesem Geschehen engagieren, um die Chancen auch im Osten zu sehen und zu nutzen.
Die von vielen befürchtetet Verdrängung deutscher Arbeitnehmer durch Polen wird es so sicherlich nicht geben. Bis zur vollen Arbeitnehmerfreizügigkeit gibt es lange Übergangsfristen ( 7 Jahre).
Die Erweiterung der EU darf allerdings nicht dazu führen, dass unser Land allein durch den sogenannten statistischen Effekt nicht mehr Ziel- 1 Fördergebiet bleibt, denn der Aufbau ist längst noch nicht abgeschlossen, und wir sind auf die Fördermittel noch über einen längeren Zeitraum angewiesen.

Wirtschaftswetter: Was erwarten Sie am dringlichsten von Berlin, und was würden Sie in Ihrer Funktion als Ministerpräsident dafür anbieten?
Dr. Harald Ringstorff: Das klingt mir ein bisschen zu sehr nach orientalischem Basar. Für Mecklenburg-Vorpommern ist, wie für alle ostdeutschen Länder, eins entscheidend: Wir bauen auch weiterhin auf die Solidarität und die finanzielle Unterstützung des Bundes beim Aufbau Ost. Diese Unterstützung muss ich aber nicht einfordern. Der Bundeskanzler hat sich bei seinem Besuch in Mecklenburg-Vorpommern im April klar dazu bekannt, dass der Solidarpakt II weiter gilt. Dieser sichert uns bis zum Jahr 2019 finanzielle Unterstützung beim Aufbau Ost. Die „Gegenleistung“ dafür ist aber auch klar: Wir müssen alles tun, dass wir bis dahin auf eigenen Beinen stehen.

Wirtschaftswetter: Frauen in Mecklenburg-Vorpommern. Welche Entwicklungen waren die dramatischsten für sie seit der Wende, welche machen Ihnen Sorge, wo fördern sie, und wer kann in Mecklenburg-Vorpommern zufrieden sein?
Dr. Harald Ringstorff: Die Frauen in Mecklenburg-Vorpommern sind mit einem großen Potenzial in das vereinigte Deutschland gekommen. Sie haben ein hohes Bildungsniveau, durchgängige Berufserfahrungen sowie das Selbstverständnis, dass Familie und Beruf miteinander vereinbar sind. 1989 waren 91 Prozent aller Frauen im erwerbsfähigen Alter berufstätig bzw. in der Ausbildung. 90 Prozent aller Frauen hatten mindestens ein Kind geboren. Und an diesem Lebensentwurf messen die Frauen die heutige Gesellschaft. Erwerbstätig zu sein und ein eigenes Einkommen zu haben, ist die Voraussetzung dafür, ein selbstbestimmtes Leben zu führen.
Mecklenburg-Vorpommern ist ein Bundesland, das mit hoher finanzieller Beteiligung die Betreuung, Bildung und Erziehung von Kindern in Kindertagesstätten ermöglicht. Wir schaffen damit wichtige Rahmenbedingungen für die Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Mit ca. 80 Mio. € finanziert das Land 2004 die Kindertagesstätten. Darin sind zusätzlich 2,3 Mio. € für die Vorschulbildung enthalten. 2005 finanziert das Land die Kitas mit 86 Mio. €, darunter 7 Mio. für die Vorschulbildung.
Ein weiterer Schwerpunkt ist die Berufsorientierung. Mädchen beschränken sich bei der Berufswahl überwiegend auf zehn traditionelle Berufe. Mit Projekten wie „Berufe haben (k)ein Geschlecht“ oder dem Girl’s Day kann auf das traditionelle Berufswahlverhalten Einfluss genommen werden, damit die Mädchen auch die naturwissenschaftlich-technischen Bereiche für sich erkennen.
Einen hohen Stellenwert hat in Mecklenburg-Vorpommern die Bekämpfung von Gewalt im häuslichen Bereich. Wir haben ein flächendeckendes Hilfsangebot, bestehend aus Frauenhäusern , Beratungsstellen und Interventionsstellen. Letztere sind ein wichtiges Bindeglied zwischen Polizei und Opfern.

Wirtschaftswetter: Gibt es bei Ihnen Programme speziell für Unternehmerinnen und Gründerinnen ?
Dr. Harald Ringstorff: Seit 1996 fördert das Land Mecklenburg-Vorpommern Existenzgründer/innen, insbesondere Frauen, in den Bereichen Handwerk, Handel, Dienstleistungen, Freie Berufe einschließlich Fremdenverkehr aus dem Existenzgründerinnendarlehensprogramm. Dieses spezielle Programm ist 2003 ausgelaufen. Derzeit wird eine neue Richtlinie erarbeitet, wonach die Förderung insbesondere auf die Sicherung bestehender Unternehmen und die Förderung von Unternehmensübernahmen verlagert wird.
Existenzgründungen insgesamt werden aber weiterhin gefördert.

Mare BalticumWirtschaftswetter: Beschreiben Sie uns bitte in kurzen Worten die Mentalität Ihrer Landsleute, was lieben Sie an ihnen und wo würden Sie ihnen am liebsten an den Ohren zupfen?
Dr. Harald Ringstorff: Menschen sind so verschieden wie Steine am Strand. DIE Mentalität gibt es nicht. Das gilt auch für Mecklenburger und Vorpommern. Dennoch kenne ich Eigenschaften, die zu meinen Landsleuten besonders gut passen: Heimatverbundenheit, Zuverlässigkeit, Gründlichkeit. Wer Plattdeutsch, unsere Regionalsprache, versteht, kennt auch ihren hintergründigen Witz. „Hei räd’ dree Würd’ Stillschwiegens“. Gemeint ist: er ist nicht ganz so redselig wie ein Berliner oder Sachse. Übrigens: ein waschechter Mecklenburger zupft nicht an den Ohren. Er schimpft drastisch auf platt: „Wenn du oll’ Heini noch lang rümmersteihst un Löcker in de Luft kiekst, krichst du von mi’n Tritt in’n Mors.“ Ich mag Menschen, die sich bewegen und was tun.

Wirtschaftswetter: Verraten Sie uns Ihre landestypische Lieblingsspeise?
Dr. Harald Ringstorff: Ich sammle gern Pilze und bereite sie selbst zu, mit Speck und Zwiebeln und krossen Bratkartoffeln. Eine schöne Scholle aus der Ostsee oder einen Zander aus unseren Mecklenburgischen Seen lasse ich nicht gerne stehen.

2004-04-29 Birgid Hanke
Text: ©Birgid Hanke
Fotos: ©Ines Kistenbrügger und Birgid Hanke

Mecklenburg Vorpommer im Web: www.mecklenburgvorpommern.de

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