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Notizen aus den USA

13.Teil

Endlich elitär !

von Ines Kistenbruegger

Irgendwann im Februar fand ich neben der üblichen Werbung und den Rechnungen für David auch einen Brief an mich im Briefkasten. Der Brief stammte von meiner Universität und enthielt ausnahmsweise keine Spendenaufforderung und informierte mich auch nicht über freie Zimmer auf dem Campus. Dieser Brief enthielt eine Einladung für eine Mitgliedschaft in der Gesellschaft "Beta Gamma Sigma". Die Einladung fing mit den Worten „Congratulations! Du warst im letzten Semester sehr erfolgreich, und wir möchten Dich einladen, Mitglied bei Beta Gamma Sigma zu werden“ an. Da ich gerade schlechte Laune hatte, nach dem ich ein paar wenig erfolgreiche Versuche unternommen hatte, einen Praktikumplatz genehmigt zu bekommen, fand ich diesen mit Lob überhäufenden Brief, sehr nett zu lesen.

Ein Praktikum in den USA als Studentin im F1 Status durchzuführen, das ist alles andere als einfach. Beim Durchblick meines Studienplanes mit den dazugehörigen Wahlfächern war mir aufgefallen, dass auch Studienarbeiten dazu gehören. In Kombination mit einem Praktikum in der Industrie ist es möglich eine Semesterarbeit zu schreiben, die dann von einem Professor der Universität betreut und benotet wird. Relativ schnell hatte ich einen Praktikumplatz mit einem sehr interessanten Projekt gefunden und wollte dieses dann anmelden. Mein betreuender Professor hat sofort zugesagt und ein entsprechendes Formular unterschrieben. Mein akademischer Betreuer, nach dem ich endlich nach einer drei Tage Wartezeit einen Termin mit ihm bekam, hatte keine Einwände und ein weiteres notwendiges Formular ausgefüllt. Dieses Formular sollte mir dann zum Verhängnis werden.

Leider braucht ein Student im F1 Status eine zusätzliche Erlaubnis auch vom Internationalem StudentInnen Büro der Universität, damit keine Einwanderungsgesetze verletzt werden. Dieses Büro an meiner Universität arbeitet ohne persönliche Termine, d.h. im Bedarfsfall darf ein Student zu den Öffnungszeiten persönlich dort ein „Antragsformular für ein Beratungsgespräch“ ausfüllen und kann warten, bis sich ein Betreuer Zeit nimmt. Ich dachte immer, ich sei gut organisiert und in der Lage ein Formular auszufüllen. Leider bin ich an dem oben genannten Formular nicht nur einmal, sondern gleich dreimal gescheitert. Der erste Grund, für die Ablehnung meines Formulars war: Das Formular entsprach nicht dem neusten Stand. Ich hatte dieses aber gerade am selben Tag aus dem Internet ausgedruckt. Also durfte ich mit dem neuesten Formular wieder einen Termin bei meinem akademischen Betreuer beantragen. Wieder drei Tage plus ein Wochenende warten und zurück zum Internationalem StudentInnen Büro. Der zweite Grund für die Ablehnung war: das Formular darf nur von meinem akademischen Tutor ausgefüllt werden. Ich hatte aber leider meinen Namen und persönlichen Daten selbst eingetragen. Nun konnte das Formular nicht akzeptiert werden, weil zwei verschiedene Handschriften auftauchten. Die dritte Ablehnung war dann, dass mein akademischer Betreuer, einen nicht akzeptablen Grund für meine Durchführung der Semesterarbeit angegeben hatte. Auf meine Frage, was denn ein akzeptabler Grund sei, wurde mir folgende Antwort gegeben: „Wenn wir Dir sagten, wie das Formular auszufüllen sei, können wir nicht garantieren, dass Dein Grund für die Durchführung eines Praktikums im Rahmen der Einwanderungsgesetze liegt. Wir müssten dann Dein Anliegen ablehnen.“

Ein viertes Mal habe ich dann nicht versucht, das Formular auszufüllen, bzw. ausfüllen zu lassen. Die Firma hatte sich leider zwischenzeitlich für einen anderen Praktikanten entschieden, der sofort einsatzbereit war. Das Projekt, für das ich vorgesehen war, hatte nämlich einen gewissen Dringlichkeitsgrad und konnte nicht mehr aufgeschoben werden.
Und ich dachte immer, dass nur wir Deutschen sehr bürokratisch seien.

Verständlicherweise kam der oben genannte Brief nach so viel Frust und Selbstzweifel sehr willkommen. Doch sollte ich einer derartigen Gesellschaft beitreten? Hatte ich nicht im Fernsehen von den amerikanischen Bruderschaften gehört, den Aufnahmeritualen, heimlichen Treffen und versteckten Tattoos?

Neugierig forschte ich im Internet nach und fand folgendes: Beta Gamma Sigma ist eine nationale Ehrengesellschaft für die besten StudentInnen akkreditierter Wirtschaftsschulen. Die Zielsetzung ist, Talente zu fördern und bei der Jobsuche zu unterstützen. Und das Beste für mich war, keine Einschränkungen für internationale StudentInnen. „Nun gut“, dachte ich, „das ist doch schon einmal etwas, dann nehme ich teil“. Ich füllte das beiliegende Formular aus und schickte dies zurück an die Universität.

Drei Wochen später saß ich dann zwischen etwa 30 weiteren Neulingen bei der Einführungszeremonie. Alle im Kostüm oder Anzug – mit einer Ausnahme: ICH. Warum hat mir keiner gesagt, dass es einen Dress Code gibt? Zum Glück hatte ich keine Jeans sondern eine sehr neutrale schwarze Hose an. Unsere Namen wurden verlesen, uns eine Urkunde und eine Anstecknadel überreicht und wir durften dem Dean unserer Wirtschaftsschule persönlich die Hand schütteln. Das war’s. Keine Einführungsrituale, noch viel weniger geheime Tattoos. Es gab noch nicht einmal ein geheimes Erkennungszeichen, wie einen Händedruck.
Dafür gehöre ich jetzt zur amerikanischen Business School Elite. Und als Beweis besitze ich eine Anstecknadel. Hah!

Fazit: Bürokratie ist überall gleich umständlich und wenn schon elitär, dann aber bitte im Anzug!

2004-02-20 copyright by Ines Kistenbruegger
Text ©by Ines Kistenbruegger
fotos: ©aph

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