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Notizen aus den USA

14.Teil

Bill Gates, die ultimative Waffe gegen moderne Versklavung

von Ines Kistenbruegger

Amerika ist das Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Das Symbol dieser Möglichkeiten manifestiert sich in Form einer 46 Meter hohen Frau, die auf Liberty Island den vielen Besuchern mit ihrer Fackel entgegen winkt. Und tatsächlich ist Freiheit das erste, was die USA zu bieten hat. Die Freiheit alles zu werden und sein zu können, was man will.

Und doch fehlt der Dame etwas. Ich denke, ein paar Scheuklappen würden ihr gut stehen. Denn letztendlich ist auch die Freiheit in den USA nicht bedingungslos. Zwar besagt the 13th Amendment of the American Constitution, dass Sklaverei verboten ist, aber letztendlich erlaubt unsere moderne Gesellschaft andere Formen der Abhängigkeit.
Eine Zahl beschreibt die Abhängigkeit ganz besonders: Am 25. März 2004 um 6:48 p.m. lautete die Zahl: $ 7.136.680.628.064,27. Das ist nicht das Vermögen von Bill Gates. Er ist nicht ganz so reich. Noch nicht. Basierend auf dem derzeitigen Aktienpreis errechnet sich sein Vermögen auf mehr als $30 Milliarden. Die oben genannte dreizehnstellige Zahl ist die öffentliche Verschuldung der Amerikaner.

Ein Durchschnittsamerikaner hat demzufolge $24.305,13 Schulden. Die einfachste Möglichkeit diesen Schuldenberg abzubauen wäre wahrscheinlich, ein neues Gesetz zur Vaterlandsliebe in die Verfassung aufzunehmen und damit Bill Gates zu bewegen, diese Schulden zu bezahlen. Nach Schätzungen ist Bill Gates bei einem gleichbleibenden Wachstum von jährlich 30.95% in der Lage diesen gesamten Schuldenberg in 2024 abzubezahlen (www.quuxuum.org).

Die moderne Versklavung in den USA sieht vor, dass ein Mensch, um in der Gesellschaft bestehen und sich entwickeln zu können, einen College-Abschluss braucht. Diese sind leider nicht ganz billig, und kaum einer hat das Geld zu Hause herumliegen. Es sei denn, man ist Bill Gates. Gemäß einer Berechnung ist es für Bill Gates billiger, einen $100 Schein, den er verloren hat, nicht aufzuheben. Denn der Zeitverlust für das Aufheben wäre teurer, als einfach das Geld liegen zu lassen.

Der amerikanische Durchschnittstudent sollte sich jedoch tunlichst bücken und wahrscheinlich viele andere Menschen auch. Gemäß des 2002 National Student Loan Survey von der Nellie Mae Corporation sieht die studentische Verschuldung nach Erhalt des Abschlussdiploms folgendermaßen:
Durchschnittliche Verschuldung für alle Undergraduate Students:
1997: $11,400
2002: $18,900
Durchschnittliche Verschuldung für alle Graduate Students:
1997: $21,000
2002: $31,700
Durchschnittliche Verschuldung nach Studiengang, 2002:
Law and medical: $91,700
MBAs: $39,500
Education: $32,200

Bill Gates hat übrigens nicht einmal einen College-Abschluss. So gesehen ist eine gute Idee wichtiger als ein Abschluss. Leider sind gute Ideen sehr begrenzt und die meisten Menschen haben einfach keine, jedenfalls der Sorte, mit der auch Geld verdient werden kann. Ich habe sehr viele gute Ideen. Heute morgen habe ich viel Zeit gespart, indem ich mit dem Auto zur Post gefahren bin, anstatt zu Fuß zu gehen. Das hat mir Zeit gegeben, diesen Artikel zu schreiben. Eine weitere gute Idee von heute morgen war, nicht Müsli, sondern einfach nur einen Muffin zu essen. Dadurch habe ich so wohl einen Abwasch als auch Zeit gespart, leider kein Geld gewonnen. Und sehr wahrscheinlich habe ich zugenommen, weil ich einen Spaziergang vernachlässigt und dann auch noch kalorienreich gegessen hatte. Das ist wohl ein sehr deutliches Zeichen für meine Amerikanisierung.

Die Versklavung des Amerikaners geht nach dem College weiter. Im ersten Jahr in einem Job erhält man keinen Urlaub und wenn, nur eine Woche. Das ist zumindest nicht unüblich. Beschäftigt sind die meisten „at will“. Eine schöne Formulierung dafür, dass der Beschäftigte kein Recht auf den Job hat, nur auf „at will“ seines Arbeitgebers eingestellt ist und jederzeit ohne Nennung von Gründen entlassen werden kann. Natürlich ohne Kündigungsfrist.
Sehr amüsant finde ich deshalb, dass in meinem Lehrbuch zum Thema Beruf und Ethik, Deutschland immer als positives Beispiel für die besten Arbeitsbedingungen erwähnt wird. Das ist doch ein Grund zur Freude! Die Amerikaner arbeiten rund ums Jahr, während wir Deutschen bis zu 6 Wochen Urlaub haben, z.T. nur eine 35 Std. Woche, die als Vollzeit gilt, eine akzeptable Kündigungsfrist, eine gesetzliche Krankenversicherung, und im Krankheitsfall auch noch vom Arbeitgeber bezahlt werden.
Warum jammern die Deutschen eigentlich so viel? Wenn man dazu eine meiner MitstudentInnen fragt, antwortet sie: „Was macht man bloß mit so viel Urlaub?“ Dabei stelle ich mir eigentlich eher die Frage, was macht man ohne Urlaub? Gut, die Antwort kam prompt: „Wir kümmern uns darum, dass die Wirtschaft läuft und wir müssen ja auch noch unsere Schulden abbezahlen.“

Sollen wir an Bill Gates‘ soziale Ader und Gutmütigkeit appellieren? Er hat die Fähigkeit, den Durchschnittsamerikaner zu retten. Aber dann darf es auch keine Monopol-Klagen mehr geben. Nieder mit der Versklavung, kauft bei Microsoft - wäre aber wahrscheinlich kein guter Werbeslogan.

Detroit, 2004-04-08 copyright by Ines Kistenbruegger
Text: ©Ines Kistenbruegger
Banner: © Cornelia Schaible, aph

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