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Familienfeste

Das nächste Familienfest ist immer das schwerste

von Susanne Hagedorn

TöpfeImmer dasselbe: Ein großes Familienfest steht an, und wieder bricht bei mir die Panik aus: Bis wann schaffe ich es, die Wohnung komplett auf den Kopf zu stellen und jede Ecke auf Hochglanz zu bringen? Die Fenster hätten es auch nötig und da meine Freundin an diesem Tag zu Hilfe eilen und in der Küche wirken wird, muss der ganze Raum inklusive Schubladen und Schränke vorher in einen Topzustand versetzt werden.

Außerdem habe ich sowieso immer (!) den Eindruck, dass es im Gegensatz zu mir alle anderen Hausfrauen in unserer Familie spielend schaffen, ihre Wohnung auf Hochglanzformat zu trimmen: Da liegen keine Zeitschriften und keine Buntstifte der Kinder auf dem Wohnzimmertisch herum. Die Küche sieht aus wie aus einem Prospekt. Mich befallen dann immer Minderwertigkeitskomplexe. Bin ich denn wirklich so eine schlechte Hausfrau?
Seit Wochen schon schaue ich informationsbedürftig in jede Frauenzeitschrift, in der es nur einen Hauch von Dekorations-Ideen geben könnte: Die Etagere aus Tellern mit Ranunkeln und Schleierkraut gefällt mir ausnehmend gut. Dazu könnte man dann an jeden Platz noch ein kleines Väschen stellen ...
Außerdem wäre es dieses Mal die Gelegenheit, endlich einmal einen vernünftigen Plan aufzustellen, was ich wann machen möchte bzw. machen muss. Ein paar Tage sind es ja noch hin.

Wie gewonnen, so zeronnen: Als erstes macht mir meine Tochter in Sachen Tischdeko schon einmal einen Strich durch die Rechnung. „Diese Blumen will ich nicht. Die sehen gar nicht schön aus. Ich möchte rote und weiße Rosen und nicht so viel auf dem Tisch. Wir müssen ja auch noch essen können.“ Meine Güte, das Mädchen hat ja Recht! Wir „müssen“ auch noch essen ...

Putzen ist das nächste Must. Da führt kein Weg dran vorbei. Außerdem sehen die Gardinen plötzlich so trübe aus. Also, alles abnehmen, ab in die Waschmaschine und direkt die Fenster putzen. Beim Wienern und notorischen Starren durch Glas, fällt mir plötzlich siedend heiß ein: „Haben wir eigentlich genug Gläser?“ Wie kommt man beim Fensterputzen eigentlich auf Trinkgläser??? Egal, keine Zeit, der Punkt gehört auch noch auf die Liste. Ansonsten muss ich meine Freundin beknieen, dass sie noch Gläser mitbringt.

Abends bin ich mit mir und dem Ergebnis eigentlich ganz zufrieden. Ich habe mehr geschafft, als mein „Plan“ vorsah, aber ich bin auch ganz schön geschlaucht.
Morgen, das ist klar, schaffe ich dann nicht ganz so viel, weil das Büro wartet, aber dann muss es am Nachmittag eben ein bisschen schneller gehen. Dann sind nämlich sämtliche Fliesen dran. Als ich mir am Abend mein zuvor gemütliches, jetzt blitzsauberes Haus anschaue, erinnert es mich auch schon ein bisschen an die Tempel meiner Verwandtschaft und den Küchenprospekt. Wenn nur meine liebe Familie nicht immer alles liegen lassen würde! Hier ein Schlüsselbund, da ein Schulheft... Merken die eigentlich nicht, dass wenigstens ich versuche, Ordnung in unsere „Festhalle“ zu bringen?

Deutlich angesäuert sitze ich auf der Chaiselongue und überlege angestrengt, welche Rede ich schwingen werde, um zur Räson zu rufen, wenn meine Lieben nach Hause kommen.

Into Kind im WaldMeine Tochter stürmt die Treppen herauf und gleich weiter, an mir vorbei: Jetzt müsse sie erst einmal ihre Sachen wegräumen! Anscheinend geht meine Arbeit an allen vorbei? Ich will gerade ansetzen und ein paar strenge Worte loswerden, da steht dieses Mädchen vor mir, einen Strauß selbstgepflückter Blumen in der Hand. „Mama, die sind für dich. Weil du dir so viel Arbeit für mich machst. Und das Heft räume ich auch sofort weg.“

Da muss ich schlucken und statt meiner „Rede“ nehme ich mein Kind einfach in den Arm. Was soll man denn dazu auch noch sagen, geschweige denn beanstanden? . Abends fällt mir dann wieder ein Satz ein, den ich einmal irgendwo gelesen hatte: „Wohnung kommt von 'Wohnen' und da; wo man wohnt, sollte man sich vor allem wohlfühlen.“

Fühle ich mich wirklich wohl in dieser Wohnung, die im Moment aussieht wie der Showroom eines Einrichters, die nach Putzmitteln „duftet“ und deren ehemals wunderschönen und leger drapierte Gardinen nun schneeweiß und militärisch gebügelt an den Fenstern hängen?? Muss es in meiner Wohnung wirklich so aussehen, wie in irgendwelchen x-beliebigen Empfangshallen? Eins wurde mir klar: Man macht diesen ganzen Aufwand doch nur für die Gäste und nicht für sich selbst, weil in so einer Wohnung kann man sich nicht wohlfühlen. Und noch etwas: Das nächste Mal feiern wir auswärts.

2004-05-18 Susanne Hagedorn
Text ©Susanne Hagedorn
Fotos ©Birgid Hanke

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