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Kolumne - Schon vergessen?

Die unheimliche Ruhe an der Konsumenten-Front

von Birgid Hanke

Der Cityroller ist schon seit einigen Wochen kaputt. Nur einmal musste das Vehikel von Papa fluchend repariert werden. Es reichte gerade für einen Kurzausflug zur besten Freundin. Seit dem ist er verschwunden. "Das Hinterrad schleift wieder", lautet die gleichgültige Erklärung meiner Tochter. Vor wenigen Monaten noch hätte es ein Weh- und Achgeschrei gegeben. Nun ruht der Cityroller im elterlichen Keller der besten Freundin und droht dem allgemeinen Vergessen anheim zu fallen.

Stichwort "Vergessen" - Diddl-Maus - was ist das überhaupt? Verständnislos schaut mich meine achtjährige Tochter an. Sie scheint sich wirklich nicht mehr zu erinnern, wie sie vor gerade mal einem Jahr von Diddl wie besessen war. Jeden Tag musste der unhandliche, fast zwei Kilo schwere Diddl-Ordner neben dem Ranzen mit in die Schule geschleppt werden.
"Können Sie es ihren Schülern denn nicht verbieten, diesen Mist auch noch mit in die Schule zu bringen?" hatte ich an die Lehrerin appelliert.
"Wir kommen dagegen einfach nicht an", lautete die resignierte Antwort.
Zähneknirschend habe ich monatelang zu den diversen Freundinnengeburtstagen diverse Diddl-Devotionalien verschenkt. Die jungen Damen hatten nichts anderes auf ihrem Wunschzettel stehen. Diddl-Bleistifte, Diddl-becher, Diddl-Tablett, Diddl-Kalender, Diddl-Radiergummi, Diddlmäuse in allen Größen und Verkleidungen. Alles zu weit überhöhten Preisen und von gediegener Hässlichkeit. Eines Tages hatte es sich ausgediddelt. Der überlebenswichtige Ordner mit den ertauschten Blättern fliegt irgendwo im Regal herum. Die frei umherschwirrenden Diddl-Blätter werden von mir als Einkaufszettel benutzt, ein unverzeihliches Sakrileg noch vor wenigen Monaten. Tschüß, Diddlmaus ! ich habe dich sowieso nie gemocht.

Aber noch weniger mochte ich Pokémons. Was es mit diesen Monstern und Monstren überhaupt auf sich hatte, habe ich nie begriffen. Auch die zahllosen Erklärungsversuche meiner Tochter, was die verschiedenen Symbole und Eigenschaften auf den bunten Sammelkarten für eine Bewandtnis hatten, fruchteten bei mir absolut nichts. "Hach, Mama, du kapierst es einfach nicht", beendete Katharina stets entnervt das Gespräch. Ich war wirklich zu doof.

Nur den Aufsatz eines jungen Pädagogen über die Unschädlichkeit dieser Pokémons, ja dass die Beschäftigung mit ihnen, das Sammeln, das Tauschen, das Kräftemessen, das Wasweissich der Pokémons für die kindliche Entwicklung weniger schädlich als nützlich sei, den verstand ich. In dieser unserer hektischen, sich ständig wandelnden Gesellschaft würden sich die Kinder eben eine andere, ihre eigene Welt schaffen, in denen feste Regeln gelten. Ein Parallelkosmos sozusagen zur profanen Realität. Hörte sich doch gar nicht so schlecht, vor allen Dingen nicht unvertraut an. War doch alles sehr einleuchtend. Hanni und Nanni, fünf Freunde, Emil und die Detektive oder Pippi Langstrumpf hießen unsere Pokémons. So anders haben wir es damals doch gar nicht gemacht. Ich atmete also erleichtert auf. Da flogen die Pokémonkarten schon längst wieder unbeachtet durch die Gegend. Das Pokémon-Buch, das sich Katharina als die ultimative Urlaubslektüre ausbedungen hatte, wurde nicht einmal fertig gelesen. Also liegt es tief vergraben irgendwo ungeliebt im Bücherregal.

Wurden die Pokémons und Diddlmaus überhaupt jemals geliebt? Oder waren sie nur vorübergehende Objekte der Begehrlichkeit, deren Besitz einen gesicherten Platz in der Hierarchie der jeweiligen "Peer-Group" garantierte?

Es war die Beliebigkeit, Austauschbarkeit und der rasante Wechsel, der uns engagierte Mütter so beunruhigte. Mitmachen hieß, sich dem Konsumterror zu unterwerfen. Unseren Kindern das Mitmachen zu verbieten, bedeutete, diese auszugrenzen. Wir fügten uns in faule Kompromisse.
Muss ich mir darüber aber wirklich so viele Gedanken machen ?
Wer redete heute noch von Tamagotchi, das kleine elektronische Küken, das mit seinem klagenden Piepton seine menschlichen Frauchen und Herrchen bis in die tiefste Nacht tyrannisierte?

Was sind Gogos? Auch diesen, in Kunststoff erstarrten, deformierten Gummibärchen habe ich nicht sonderlich viel abgewinnen können. Eine Zeitlang schmückten fast jedes Wochenende zwei glänzende Gogotüten den Frühstücksplatz unserer beiden Töchter. Selbst der leibliche Vater konnte sich beim samstäglichen Brötchenkauf dem Sog dieses Konsumzwangs nicht entziehen. In allen Farben und Formen traten diese Minimonstren auf, mutierten eines Tages vom Gogo zum unproportionierten Mega-Gogo. Davon gab es dafür nur zwei Exemplare in der Tüte. Eine Unverschämtheit ! Geschlossen trat die Familie in den Kaufstreik.

Bis auf über hundert solcher Plastikbärchen hatten es unsere beiden Töchter zeitweilig gebracht, sorgfältig gesammelt und in prallen Tüten gehortet. Draußen vor der Tür wurde nach mir nicht nachvollziehbaren Regeln auf dem Bürgersteig mit ihnen geschnippt, geschnappt, geworfen und geschnickt und sehr viel um sie gestritten. Ganze Spielzüge würden widerrufen "das war doch noch gar nicht in echt!". Meiner Tochter abgewonnene Gogos von Nachbarmädchen bei mir eingeklagt. Aber wer redet inzwischen noch von Gogos?

Ich!!! Ganz alleine ich, die ich alle naslang beim Aufräumen, Staubsaugen und Fegen auf sie stoße....und trete. Ihr Vorteil: Sie tun längst nicht so weh wie ein Duplostein. Erfahrene Eltern wissen, wovon ich rede: Bloße Fußsohle auf massivem Duplo entspricht maximalem Härtefall.

Aber was kommt nun ? Nach Diddl, Gogo, Pokémon und dergleichen. Ach ja, Harry Potter. Das ist etwas gaaaanz anderes. Dazu kommen wir ein andermal. Ich rede jetzt von der erzkommerziellen Produzentenecke, über sinnlose Produkte. Billig hergestellt, von keinerlei Spielsinn und Lernzweck, lediglich dazu dienend, deren Herstellern Geld zu bringen, das Kindern und Eltern skrupellos aus der Tasche gezogen wird.
Da herrscht zur Zeit eine seltsame Ruhe. Es tut sich einfach nichts. Das macht mich langsam nervös ...
Digimons?
"Ach, neeee! Die sind doch langweilig, fast das gleiche wie die Pokémons."
Anstatt erleichtert aufzuatmen, werde ich noch ein bisschen unruhiger.
"Sag mal, was ist denn im Augenblick so Mode bei euch? Was steht denn als nächstes an?"
Wiederholt habe ich mich in den letzten Wochen in meinem kindlichen Umfeld erkundigt. Als Antwort erhalte ich stets Kopfschütteln und Achselzucken.
Es muss doch eine neue Welle auf uns zukommen! Was dräut sich da in der Ferne für uns zusammen? Mir schwant Übles, mangelt es jedoch an hellseherischen Kräften, Näheres auszumachen. Was mag es nur sein?

"Sag mal, was macht ihr denn jetzt immer auf dem Schulhof, wenn ihr nicht mehr tauscht? Was spielt ihr denn so draußen?" insistiere ich erneut. Ich will es nun einmal wissen.
"Völkerball, echt geil, bringt total Spaß, kennst du das?"
Echte Begeisterung leuchtet aus kindlichem Auge.
Und ob ich Völkerball kenne! So eine Frage!

Aber Mamas Erinnerungen, dass sie einst wie ein Floh immer als letzte im Feld herumhüpfte und kaum abgeworfen wurde, weil sie nicht nur gut ausweichen, sondern auch hervorragend fangen konnte, erregen ungläubiges Kopfschütteln.
Jetzt bin ich nur unheimlich gespannt, ob sich dieses uralte Ballspiel als ultimativer Hype aufblasen und vermarkten lässt ...

2004-08-27 by Birgid Hanke
Text: © © Birgid Hanke,

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