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Sprachexpertin und Kummertante

Dr. Ruth Geier hilft bei (fast) allen sprachlichen Zweifelsfällen

Dr. Ruth Geier, Lehrkraft für besondere Aufgaben am Lehrstuhl Medienkommunikation der TU Chemnitz, gibt seit 1996 am Sprachberatungstelefon Ratsuchenden Auskunft zum Thema Sprache. Bis 2002 war es in Leipzig angesiedelt und zog dann nach Chemnitz um. Christian Pentzold, Redakteur bei LEO* fragte Ruth Geier nach ihren Erfahrungen.

LEO: Frau Dr. Geier, seit mehreren Jahren beraten sie Menschen an einem Sprachberatungstelefon. Was ist das eigentlich?
Dr. Ruth Geier:Sprachberatungstelefone haben in Deutschland eine lange Tradition. Es existiert ein Sprachberatungstelefon bei der Gesellschaft für deutsche Sprache in Wiesbaden, bei der Duden-Redaktion in Mannheim, und verschiedene Universitäten haben auch solche Einrichtungen. Sprachberatungstelefone sind Institutionen, die jeder, der Fragen zur deutschen Sprache hat, anrufen und Fragen stellen kann. Unser Sprachberatungstelefon in Leipzig konnte man zum normalen Telefontarif erreichen, so ist es auch in Chemnitz. Es gibt dagegen auch Telefone, die über eine 0180-Nummer zu erreichen sind. Dort müssen sie entsprechend mehr bezahlen.

LEO: Mit welchen Anliegen wenden sich die Menschen im Allgemeinen an das Sprachberatungstelefon?
Dr. Ruth Geier: Die Anliegen sind äußerst unterschiedlich. Das kann zum einen die Sekretärin sein, die gerade einen Brief schreibt und bei einem Wort nicht weiß, wie es geschrieben wird und es auch im Duden nicht findet. Zum anderen können das Kinder sein, die eine Wette abgeschlossen haben, ob es nun das oder die Nutella heißt. Das können ältere Leute sein, die Probleme mit Anglizismen haben. Das sind aber auch Menschen, die ihren Frust über den Zustand der Sprache rauslassen wollen. So ist das Sprachberatungstelefon auf der einen Seite eine wirkliche Auskunftsstelle, auf der anderen eine Art Sprachkummerkasten.

LEO: Lässt sich unter den Anrufern eine Gruppe ausmachen, welche bevorzugt die Möglichkeit nutzt?
Dr. Ruth Geier: Nein, es ist ganz unterschiedlich. Menschen jeden Alters und auch jeder sozialen Schicht rufen an. Wirklich querbeet. Es kann jeder anrufen und es ruft auch jeder an. Wobei sich bei fünf Jahren Sprachberatungstelefon doch schon eine gewisse "Stammkundschaft" herausbildet.

LEO: Gibt es immer wiederkehrende Anliegen?
Dr. Ruth Geier:Ja. Immer wieder ist zum Beispiel die Frage, warum dieses oder jenes Fremdwort verwendet würde. Häufig ist diese Frage verbunden mit der Aufforderung: "Tun se doch mal was!" Als könnte ich irgendwelche Punkte à la Flensburg verteilen, jemandem die gelbe oder rote Karte zeigen.
Dr. Ruth Geier: Wenn man die Anfragen differenziert, so sind es zum einen Wissensfragen, auf welche man relativ schnell Antwort geben kann, zum Beispiel die Frage, wie ein bestimmtes Wort geschrieben wird. Doch zum anderen sind es Anfragen, welche man nicht eindeutig entscheiden kann, zum Beispiel wenn jemand fragt, ob er jenes Wort verwenden könne. Da kann ich keine Antwort geben. Dann muss ich sagen, dass man beides verwenden könne. In diesen Situationen entsteht bei den Anrufern häufig Frust: "Na, wenn Sie das noch nicht mal wissen!" Am liebsten haben es die Anrufer, wenn man ihnen klipp und klar sagt, dass es so und nur so ist.

LEO: Haben die Anrufer eher Probleme mit der Grammatik oder mit dem Wortschatz?
Dr. Ruth Geier: Das lässt sich nicht eindeutig sagen. Es kommt eine ganze Menge Grammatik, so Fragen zur Zeichensetzung, wenn man das der Grammatik zuordnen will. Es kommen zudem Fragen, ob es nun 'an einem schönem Tag' oder 'an einem schönen Tag' heißt. Diese Art von Anfragen sind häufig.
Bei der Lexik sind es vor allem Fragen nach der Bedeutung von Wörtern, ihrer Herkunft, insbesondere bei Redewendungen wie 'Ach du grüne Neune' oder die Frage, warum es heißt, man habe eine Meise, und nicht, man habe einen Kuckuck oder ähnliches.
Nach Bedeutungsunterschieden wird gefragt und ob man bestimmte Wörter synonym verwenden könne. Interessant ist, dass häufig nach dem Fugenelement gefragt wird. So gibt es eine 'Terminsbestimmung' und eine 'Terminbestimmung". In zwei Leipziger Zeitungen tauchten diese Wörter auf. In der ersten 'Terminsbestimmung', in der zweiten 'Terminbestimmung'. Das hat natürlich für etwas Aufregung gesorgt.

LEO: Haben sich die Anfragen mit der Einführung der neuen Rechtschreibung vermehrt?
Dr. Ruth Geier: Erstaunlich für mich war, dass die neue Rechtschreibung kaum eine Rolle spielt. Ich dachte, sie steht im Mittelpunkt. Es kamen teilweise Anfragen, besonders zur Getrennt- und Zusammenschreibung, zur Groß- und Kleinschreibung, aber ansonsten bereitet die neue Rechtschreibung den Leuten erstaunlich wenige Probleme, das merkt man wirklich am Sprachberatungstelefon.

LEO: Und haben die Menschen Probleme mit Anglizismen?
Dr. Ruth Geier: Ja, größte. Aber diese Probleme mit Fremdwörtern sind ja schon uralt und werden unterschiedlich aufgenommen. Es sind vor allem ältere Menschen, die Probleme mit Anglizismen haben. Man muss in diesem Fall wahrscheinlich wirklich sehen, wie die durchschnittlichen Englischkenntnisse bei "gelernten" DDR-Bürgern sind. Diese sind sehr gering. Und bei älteren Leuten ist noch teilweise die Tendenz vorhanden, den Verfall der Sprache zu beklagen. Dies ist verbunden mit der Aufforderung, es zu verhindern, staatlich zu lenken. Ja, mit Anglizismen gibt es Probleme.

LEO: Und gibt es Probleme, die auch ein Sprachberatungstelefon nicht lösen kann?
Dr. Ruth Geier: Ja, wir können manches nicht lösen. Wir können versuchen zu erklären, warum etwas nun einmal so ist. Wir können erklären, dass Sprache nichts Statisches ist, dass Sprache sich wandelt. Man kann vermitteln, dass Sprache auch kein logisches System besitzt wie andere Wissenschaften, in welchen es nur ein richtig oder falsch gibt. Man kann die Menschen ein wenig für Entwicklungstendenzen sensibilisieren und auf Probleme der Sprache aufmerksam machen.

LEO: Zum Schluss: Was war ihre bisher kurioseste Anfrage?
Dr. Ruth Geier: Die kurioseste Anfrage war eigentlich etwas, das überhaupt nichts mit Sprache zu tun hatte. Einmal rief mich eine Agentur an, die Haushaltshilfen vermittelt. Kurz vorher hatte etwas in der Leipziger Zeitung über das Sprachberatungstelefon gestanden und auch, dass ich dies ehrenamtlich mache. Diese Agentur rief mich an und sagte, ich hätte doch so wahnsinnig viel zu tun und man könne doch mir ein bisschen mit meinem Haushalt helfen, man könne doch für mich einkaufen, wenn ich dies wolle. Leider war ich in diesem Moment nicht so schlagfertig zu sagen: "Ja, wenn Sie es auch ehrenamtlich machen, gerne." Also das war schon kurios. Natürlich sind darüber hinaus auch Wetten interessant. Zum Beispiel, wenn Menschen beim Scrabbel Wetten abschließen, ob es ein bestimmtes Wort gäbe. Auch, wenn Kinder gewettet haben, ob es die oder das Nutella heiße.

LEO: Und?
Dr. Ruth Geier: Es ist beides möglich. Die Nutella und das Nutella.

Zur Person:
Dr. Ruth Geier studierte von 1964 – 1969 Germanistik und Altphilologie an der Universität Leipzig und promovierte 1975. Bis 1999 war sie wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Leipzig, bevor sie zwei Jahre freiberuflich tätig war (Seminare zur neuen Orthografie, zur Kommunikationsberatung, zum Bewerbungstraining). Seit 2001 ist sie Lehrkraft mit besonderen Aufgaben an der Professur Medienkommunikation der TU Chemnitz. Von 1996 – 2001 leitete sie im Auftrag der Gesellschaft für deutsche Sprache das "Sprachberatungstelefon" in Leipzig. Veröffentlichungen vor allem zur politischen Sprache und Rhetorik sowie zur politischen Werbung. Weitere Informationen: Dr. Ruth Geier

2002-12-18 Christian Pentzold

Text ©Prof. Dr. Christian Pentzold
*Anm. der Redaktion: Die studentische Zeitschrift LEO (Lingua et Opinio), die 10 Jahre lang veröffentlichte, wurde offenbar eingestellt.

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