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Notizen aus den USA

16.Teil

Meine amerikanische Hochzeit

von Ines Kistenbruegger

Der Sommer ist in Michigan eingekehrt - ein warmer und feuchter Sommer, der besonders den Schnecken und den Mücken gefällt. Mir weniger. Meine Arme und Beine sind zerstochen und von meinen liebevoll gepflanzten Blumen ist leider nur noch die Hälfte vorhanden. Der Rest wurde schlicht gefressen. Doch wer wird sich an solchen Kleinigkeiten aufhalten, wenn sich die letzten Tage doch nur um eines gedreht haben: meine Hochzeit. Nun liegt das schwere elfenbeinfarbene Kleid verschmutzt neben mir und wartet nur darauf, in die Reinigung gebracht zu werden. Damit hätte ich dann den vorerst letzten Beweis einer lustigen Feier vernichtet. Solange bis die Fotos endlich da sind.

Die Feier war lustig und besinnlich zugleich. Natürlich viel zu teuer und so richtig genossen habe ich vor allem die Tage danach. Alles andere ist irgendwie an mir vorbeigegangen. Ich hatte es tatsächlich geschafft, in den letzten drei Tagen vor meiner Hochzeit abzunehmen, so dass mir mein trägerloses Kleid trotz Maßschneiderung leider nicht mehr so richtig passte und ständig zu rutschen drohte. Ein sehr schönes Gefühl, wenn Braut vor dem Altar steht. Auch habe ich es geschafft, mein Kleid, bevor es überhaupt einer meiner Gäste gesehen hatte, im Vorbeigehen an einem Auto dreckig zu machen. Von mir wurden mindestens 100.000 Fotos gemacht und das obwohl ich mich sonst nie freiwillig vor eine Kamera begebe. Aber das sind nur „Peanuts“.

Sehr witzig war die internationale Schar unserer Gäste. Nicht nur aus allen möglichen Teilen der Welt kommend, nein auch deren Charaktere und Persönlichkeiten hätten nicht unterschiedlicher sein können. Da war der so langsam in die Midlife Crisis (oder noch Quarterlife Crisis?) kommende Tänzer aus New York, der mit Davids schön-operierter Cousine aus Texas anbandelte. Dann hatten wir den Altruisten und Entwicklungshelfer von der mexikanischen Grenze, der sich besonders gut mit dem Mehrfach-Immobilienbesitzer aus Colorado verstand. Es gab dann noch den Leistungssportler aus Ohio, der den ganzen Abend nicht von einer Unterhaltung mit der Kunsthistorikerin aus New Mexico abwich. Der Software Ingenieur aus Florida freundete sich besonders schnell mit den liberalen Michiganern an. Das Paar aus North Carolina redete fast ausschließlich nur mit dem Paar aus Polen. Und dann gab es noch die extrovertierte, schwarze Hausfrau und Innenarchitektin aus Michigan, die sich mit der noch extrovertierteren, lesbischen und ehrgeizigen Marketing-Expertin irischer Abstammung verschwesterte - und das alles innerhalb von Sekunden.

Amerikanern macht es nicht wirklich viel aus, weit zu reisen. Was sind schon zwölf Stunden Autofahrt oder ein mehrstündiger Flug, wenn man dafür einen lieben Freund bei dessen Hochzeit unterstützt?

Für mich selbst war der Abend mit all dem Hin- und Her, den vielen Gästen, Gesprächen, Spielen, Begrüßungen und Gratulationen einfach sehr kurz. Kaum fand ich die Gelegenheit, mich mit den Gästen zu unterhalten, tauchte schon wieder jemand anderes auf, der gern seine Aufwartung machen wollte. Letztendlich werde ich mir dann wohl auf den Fotos anschauen müssen, wie der Abend wirklich war. Und dafür sind Fotos ja auch da. Und ich bin froh, dass ich nun alles hinter mir liegt. Leider nahm ich mittlerweile auch schon wieder genau die Pfunde zu, die mir auf der Hochzeit in meinem Kleid gefehlt hatten. Der Hochzeitskuchen, den nur wenige Gäste nach dem ausufernden 4-Gänge-Menü noch kosten konnten, so dass ich ihn mit nach Hause nehmen musste, ist mit Sicherheit als Schuldiger identifiziert.

Detroit, 2004-08-17 copyright by Ines Kistenbruegger
Text: ©Ines Kistenbrügger
Fotos: ©Ines Kistenbrügger

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