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Kolumne - Schon vergessen?

Die Toten von Erfurt

von Birgid Hanke

Die Toten von Erfurt ruhen mittlerweile über zwei Jahr unter Erde, geziemend öffentlich betrauert und nunmehr nur noch in familiären Umfeld beweint.

Zahllose Fragen wurden gestellt, nur wenige beantwortet. Die Frage, die in den Tagen nach dem Attentat endlos in meinen Kopf kreiste, war nicht nach dem Warum. Es war das Wie, das endlos und bis heute meine Gedanken nicht loslässt. Wie konnte es geschehen, dass ein Junge von achtzehn Jahren mit einer solch unbeschreiblichen Tat seine eigenen inneren Verletzungen und Kränkungen zu bewältigen sucht ? Zu bewältigen ? Um sich mit seinem eigenen Tod von ihnen zu befreien. Befreien ?
Robert war eine tickende Zeitbombe. Aber niemand hat ihr Ticken gehört.
Es war kein blindwütiger Amoklauf, es war ein zielgerichtetes, sorgfältig vorbereites Attentat. Das haben die bisherigen kriminologischen Untersuchungen ergeben. Es gab im Nachhinein erkennbare Alarmzeichen, die die Eltern hätten stutzig machen können. Können! Nicht müssen! Wenn eine Mutter an der Sporttasche ihres volljährigen Sohnes ein Vorhängeschloss entdeckt, wird sie dieses Zeichen verstehen und sie nicht indiskreterweise öffnen. Hätte Roberts Mutter es getan, hätte sie die Waffen entdeckt ...

Es ist müßig über dergleichen jetzt noch zu spekulieren. Wann hat es angefangen? Wann haben sich Eltern und Sohn verloren, verloren in der Sprachlosigkeit und dem Schweigen, Vater und Mutter aufgerieben an der Mauer, die Robert um sich herumgezogen hatte. Unüberbrückbares Schweigen zwischen Eltern und Kind.

Aber auch das Schweigen zwischen Eltern und Erziehern. Warum hat Robert fünf Monate lang seinen Schulrausschmiss vertuschen können? Warum haben die Eltern davon nicht erfahren? Warum hat kein Lehrer einmal versucht, sich mit ihnen in Verbindung zu setzen? Weil er volljährig war. Ja und? Endet die pädagogische Verantwortung für einen Schüler, die auch den Austausch mit den Eltern beinhaltet, schlagartig mit einem Glockenschlag um Mitternacht?

Laut SPIEGEL-Umfrage von Anfang Mai 2002 sind 70 % der Befragten dafür, dass trotz Volljährigkeit der Schüler Lehrer weiterhin den Kontakt mit den Eltern pflegen sollten. Wie hätte das Ergebnis dieser Befragung vor dem 26. April ausgesehen?

Wollen Kinder nicht mehr reden, schon gar nicht mit ihren Eltern ? Leben in ihrer eigenen Welt, zu der Erwachsenen keinen Zutritt haben ? Auch ich habe schon häufiger hilflos vor dem eisernen Vorhang gestanden, der vor dem Gesicht meiner neunjährigen Tochter niederratterte.

Ihre Klassenkameradin weigert sich strikt, auch nur ein Wort darüber zu verlieren, dass sich ihre Eltern getrennt haben. Reinfressen, in sich reinfressen und schweigen. Eine Gefahr, die allen Familien droht, denn wo stets das Radio läuft, der Fernseher dröhnt, der Gameboy piept, der Computer ballert, Telefon und Handy unaufhörlich klingeln, ist das Erliegen der menschlichen Kommunikation nicht mehr wahrnehmbar. Ob das Schockerlebnis in Erfurt daran etwas geändert hat? Nein! Aus der jetzigen Retrospektive betrachtet.

2004-08-30 by Birgid Hanke
Text: © Birgid Hanke
Fotos : © Sabine Neureiter

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