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Notizen aus den USA

Eindrücke einer MBA-Studentin aus Detroit 18.Teil

Wirtschaftlich

von Ines Kistenbruegger

Geldscheine und MünzenIch habe mich gestern geweigert, den Fernseher anzuschalten. Zu viele Katastrophenmeldungen. Ist das in Deutschland auch so, oder reagiere ich einfach zur Zeit ein wenig empfindlicher? Terrorwarnungen kannte ich ja schon. Hurrikane-Warnungen. New Orleans in Angst und Schrecken. Hat sich das Weltklima bereits verändert, oder sind diese Katastrophen noch normale Schwankungen im Kreislauf der Natur? Jedenfalls wollte ich gestern nicht darüber nachdenken, schnappte mir ein Buch – nein, kein Buch passend zu meinem Studium – schmiss mich auf das Sofa und las. Das tat gut. Einfach mal das Gehirn abschalten. Ich denke, dass sollte jeder tun, ab und zu mal: abschalten.

Was habe ich gestern in meinem Organizational Behavior Kurs gelernt? Zur Zeit ist es politische Taktik, mit der Angst der Menschen zu spielen, um bestimmte Reaktionen, sprich Wahlergebnisse, zu provozieren. An sich nichts Neues. Und doch fällt es mir auf, dass die Menschen gegenwärtig wirklich ängstlicher zu werden scheinen.

Menschen hier in den USA haben Angst, ihre soziale Sicherheit zu verlieren. Die Motivation am Arbeitsplatz scheint generell zu sinken. Alles jammert darüber, dass die soziale Sicherung durch den Arbeitgeber abnimmt, Krankenversicherungsbeiträge durch den Arbeitgeber gestrichen oder reduziert werden. Der lang versprochene Bonus zum Jahresende wurde gerade einmal wieder gekürzt, wenn nicht sogar ganz gestrichen. Die erwartete Gehaltserhöhung kommt auch dieses Jahr nicht. Und zu allem Überfluss werden auch noch allgemein Jobs abgebaut. Wer soll da noch motiviert arbeiten? Es sind keine Einzelfälle mehr, sondern passiert flächendeckend. Doch gucke ich auf die wirtschaftliche Entwicklung, so geht es der amerikanischen Wirtschaft doch gar nicht so schlecht. Wo kommt diese allgemein verbreitete Low Cost Strategy her? Ist der Wettbewerb auf dem Internationalem Markt tatsächlich so stark, dass sich alle Firmen benehmen wie in Krisenzeiten? Bloß nichts investieren?

Ich lerne in meinem MBA Studium immer wieder, dass motivierte Mitarbeiter das A und O einer leistungsorientierten Firma sind. Es steht in jedem Lehrbuch, in jedem. Modelle wie Victor Vroom’s Expectancy Theory, Robert Houses Path Goal Theory, und Fiedler‘s Leadership Contingency Theory sollen helfen, Mitarbeitermotivation und Führungsrolle zu vereinen. Mitarbeiter sollen wie Investitionsgüter behandelt werden, und nicht wie Lasten. Langfristig sollen sich so die Leistungsfähigkeit und auch der Profit einer Firma verbessern. Nur: Leider halten sich kaum Firmen an diese theoretischen Modelle. Ausnahmen bestätigen die Regeln. Kurzfristige Ziele werden langfristigen Strategien vorangestellt. Warum scheinen Manager heutzutage keine Bücher mehr zu lesen und ignorieren diese Basismodelle? Haben die Praktiker es tatsächlich nicht mehr nötig, sich mit der Theorie zu befassen?

Das verriet doch kürzlich mein Schwiegerpapa, dass er damals bei seinen Dienstreisen nach Europa zusätzliche Wochenendflüge nach Israel finanziert bekam, um dort seine Familie zu besuchen. Und natürlich flog er erster Klasse. Das Geld saß vor fünfzehn Jahren noch viel lockerer, wenn es galt, in die Mitarbeiter zu investieren. Mein Mann kämpft in der Gegenwart damit, dass er doch lieber zwölf Stunden(!) mit dem Auto fahren soll, anstatt 1,5 Stunden zu fliegen, weil die Autofahrt letztendlich ganze 78 Dollar weniger kostet.

Da werden aus Halogenleuchtern die dritten Glühbirnen herausgeschraubt, um Energiekosten zu sparen. Ja, und von einigen Mitarbeitern wird verlangt, ihre Mülleimer im Hof selbst zu entleeren, um Kosten für eine Reinigungskraft zu sparen. Ist dies etwa eine weitere Maßnahme, um die Mitarbeiter körperlich fit zu halten? Denn körperlich fitte Mitarbeiter werden seltener krank. Und dann könnte ja der Arbeitgeber auch an der Krankenversicherung sparen. Denn in den USA gibt es keine gesetzliche Pflicht, diese anzubieten ...

Ich frage mich, ob die heutigen CEOs wirklich mit einer kommenden Krise rechnen oder ob der moderne Führungsstil krampfhaft versucht, künstliche Krisenzeiten herauszubringen. Vielleicht ist auch im modernen Geschäftsalltag das Spiel mit der Angst nur ein Mittel, in der heutigen internationalen Geschäftswelt zu agieren.

Oder wurden einfach die Menschen durch den vergangenen Aktienboom so sehr verwöhnt, dass diese einfach nicht mehr in normalen Dimensionen rechnen können? Das hieße, dass unsere lieben Aktienhalter einfach erwarten, dass deren Return on Investment überdimensional sein muss?
GoldsackIch habe im Studium ebenfalls gelernt, dass das Ziel einer Firma definiert ist als das Vermögen der Aktienhalter zu vergrößern. Increase shareholder‘s wealth. Daher werden in diesen nicht ganz so rosigen Zeiten, lieber Firmen gemolken, als dass auf langfristige Wirtschaftsstrategien gesetzt wird und womöglich noch in diese Firmen investiert wird.

Wir werden im Oktober Daimler Chrysler’s CEO Dieter Zetsche in einer kleinen Gesprächsrunde meiner Business School treffen. Diese wird sogar im Fernsehen übertragen. Vielleicht habe ich endlich die Gelegenheit einmal zu fragen, was sich die Firmenbosse heutzutage denken. Vorrausgesetzt ich traue mich, vor die Kamera zu treten. Vielleicht lerne ich dann nur, dass einfach alle meine Lehrbücher veraltet sind? Ich werde berichten.

Detroit, 2004-09-16 copyright by Ines Kistenbruegger
Text: © all rights reserved by Ines Kistenbrügger
Illus: © all rights reserved by aph, Wirtschaftswetter

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