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Dicke Kinder

von Susanne Hagedorn

Kinderwagen am Strand Zur Anregung der Allgemeinheit sich bewusster zu ernähren, wolle Verbraucherministerin Frau Renate Künast die Werbung für Süßigkeiten einschränken - so lauteten die Schlagzeilen letztes Jahr. Ein (ge-)wichtiger Grund dafür sei die drastische Zunahme von Übergewicht und Fettleibigkeit - vor allem bei Kindern und Jugendlichen.
Seit einiger Zeit ist bekannt, dass jedes fünfte Kind und jeder dritte Jugendliche in Deutschland als übergewichtig und jedes 13. Kind als sogar stark übergewichtig, d.h. fettleibig gilt. Kinder „fliegen“ auf die poppige und bunte Werbung für "Kinderlebensmittel". Was will man dem Sprössling dann noch entgegen setzen ,wenn die Kinder gegenüber ihren Eltern argumentieren, wie sie es in der Werbung gehört oder gelesen haben: "Mama, da sind aber gaaanz viele Vitamine drin." Sprechen die betroffenen Eltern dann über die Vitamine in Obst und Gemüse, reden sie gegen eine Wand – das Kind ist längst vom Unternehmens-PR-Text überzeugt worden.

Zu 95 % sind zu viele Süßigkeiten schuld am Übergewicht von Kindern. Die gleiche Prozentzahl gilt für mangelnde Bewegung. Gleichzeitig muss man sich aber vor Augen führen, das Kinder sich in Sachen "Ernährung" anders verhalten als Erwachsene. In meinem Elternhaus waren geregelte Mahlzeiten eine Alltäglichkeit und das versuche ich zumindest auch in unserer Familie zu praktizieren. Doch in wie vielen Familien findet das noch statt? In wie vielen Familien ist das Wissen um die Wichtigkeit von gesunder Ernährung überhaupt noch vorhanden? Und wie viele Familien sind zur o.g. Argumentation der Lebensmittel-Industrie übergelaufen, so dass sie wirklich annehmen, das, was sie täglich fettfrei und vitaminreich konsumieren, sei tatsächlich gesund? Die Elterngeneration von heute ist zudem die erste Generation, die zu einem großen Teil mit Gläschenkost im Kleinkindalter gefüttert wurde, Vanillearoma und Werbung inklusive. So etwas prägt.

Die gern zitierte Weisheit, die Ernährungsgewohnheiten der Kinder werden vor allem durch das Elternhaus geprägt, ist durchaus richtig, wenn auch nicht ganz vollständig, denn Kinder ahmen, besonders im Kleinkind- und Grundschulalter, ihre Eltern nach, auch was die Essensgewohnheiten betrifft. Wenn Mama oder Papa nicht frühstücken, warum sollte es das Kind dann tun? Wenn es sich Eltern abends, nach einem anstrengenden Arbeitstag, vor dem Fernseher mit Süßigkeiten oder Salzgebäck gemütlich machen, warum soll sich das Kind nach einem anstrengenden Kindergarten- oder Schultag nicht ebenso mit Süßigkeiten belohnen dürfen?

Die Industrie macht es Eltern und Kindern oft zu leicht oder zu schwer – wie man es nimmt -, weil fast jedes Getränk mit Vitaminen und Spurenelementen angereichert ist, eine Tafel Schokolade das Beste aus einem Glas Milch enthält und schon allein der Begriff "Kinder" auf Schokoriegeln den Konsumenten unterschwellig immer wieder suggeriert, dem Nachwuchs werde etwas Gutes getan, obwohl die Mehrzahl weiß, dass Süßigkeiten nicht nur den Zahnschmelz angreifen. Die Macht des Unbewussten leistet der Verdrängung Vorschub.
Wie oft bleibt beim Einkaufen einfach nicht die Zeit, einem kleineren Kind zu erklären, dass dieses oder jenes Lebensmittel überhaupt nicht gesund ist, sondern ein Apfel oder eine Banane viel besser wäre. Aus Zeitmangel und aus Angst, dass unser kleines "Monster" einen Aufstand im Supermarkt veranstalten könnte (ein ernstgemeinter Hinweis auf eine kinder-unverständige Umwelt!), wandert der gewünschte Artikel eben in den Einkaufskorb oder gleich in den Kindermund, meist mit der Bemerkung:" Aber nur dieses eine Mal!" Und es dauert sehr viele „Male“ bis ein Kind dick wird.

Als wäre das alles nicht schon schlimm genug, haben Kinder in Deutschland immer weniger Bewegungsfreiheit. Sie wachsen in Wohungen, Kinderzimmern, Vorgärten und auf Spielplätzen auf und selbst die müssen sie sich mit Hunden teilen, früher waren es die Schilder "Betreten verboten", die heute angesichts von liegengelassenen Hundehaufen gar nicht mehr notwendig sind. Mangelnde Bewegungsfreiheit bedeutet mangelnde Bewegung.
In welcher Schule ist es möglich, den geplanten Sportunterricht das ganze Schuljahr hindurch tatsächlich zu erteilen? Häufig ist der Lehrermangel so groß, dass bei Erkrankung der Unterricht komplett ausfallen muss. Und sind wir immer ein leuchtendes Beispiel? Siehe o.g. Eltern nach einem anstrengenden Arbeitsalltag, möglichst noch mit einem langen Arbeitsweg, sind entsprechend bewegungsunfreudig an Feierabenden und Wochenenden. Und es ist bedeutend leichter, die Einkäufe mal eben schnell mit dem Auto zu erledigen, als das Fahrrad aus dem Keller zu holen und dann loszutrampeln. Doch die Eltern müssten vorlegen und vortrampeln, damit die Kinder nachahmen und ebenfalls in die Pedale treten oder zu Fuß (durch die frische Luft) marschieren, anstatt den Bus zu nehmen.

Vielen ist auch Dank der Warnungen der Gesundheitsorganisationen bewusst geworden, dass Handlungsbedarf besteht, denn aus jedem 3. von fünf übergewichtigen Kinder wird, laut Statistik, ein übergewichtiger Erwachsener. Das kann weder im Interesse der Eltern liegen noch dem der ganzen Gesellschaft, denn die Kostenwelle, die Dank der epidemischen Zunahme von Diabetes mellitus Typ 2 auf uns zurast, wird in naher Zukunft niemand mehr in den Griff bekommen.

Ausgerechnet in der heutigen Zeit, in der wir so gut über alle Gefahren informiert sind, ist eine vernünftige und breit angelegte Erziehung zur gesunden Ernährung nicht mehr zu bewerkstelligen. Hier sind auch die Kultusministerien gefragt, ob es nicht Möglichkeiten gibt, Sport mit einem anderen Schwerpunkt zu unterrichten, zumindest als freiwilliges Angebot: Wenn Bewegung und Ernährung so wichtig sind, dann heißt das „Sport und Ernährung“ für die Schulen.

Wenn dies dann noch durch die Krankenkassen gefördert würde, wäre es optimal. Denn es sollte auch im Interesse der Krankenkassen sein, dass nicht nur Ältere und Erwachsene, sondern auch Kinder auf dem Gebiet gesunde Ernährung so früh wie möglich geschult werden, und zwar nicht nur ein Mal sondern als Dauereinrichtung. Nur so bleibt das Gelernte auch "hängen“ und wird in alltägliches Handeln umgesetzt.

Lehrer, Schulen, Krankenkassen, Kultusminister u.v.a. werden aufstöhnen: Noch ein Fach, noch mehr Stoff, noch mehr Unterricht, noch mehr Prävention? Es gibt auch andere, die sich mit dem Thema Ernährung auskennen und in der Lage sind vernünftige Verhaltensweisen zu vermitteln. Kinder sind wissbegierig auf jedem Gebiet, wenn das Thema kind- bzw. jugendgerecht aufgemacht ist. Nur muss man mit dem Thema endlich in die Schulen gehen und es ist die Frage, wer die Kosten trägt.

Vor dem Hintergrund der Kosten sollte man nie vergessen, dass eine versäumte Vorbeugung eine teure Behandlung erzwingt. Teuer wird eine fehlgeleitete Ernährung auf jeden Fall. Wenn die Zahlen der Diabetiker in den nächsten Jahren in die Höhe schnellen werden, erinnert man sich vielleicht irgendwann daran, wieviel „billiger“ man es hätte haben können? Schon kleine Änderungen reichen oft, um Anregungen für dauerhafte Veränderungen zu finden. Die Eltern die frühstücken, die Schule, die Süßigkeiten aus ihren Automaten verband und dafür Pausenbrote und Obst anbietet, sind solche unspektakulären "Kleinigkeiten" – ein kleiner Schritt für eine Schule und deren Elternschaft, ein großer Schritt für die Gesellschaft - auf dem Weg zu einer fitten und damit leistungsfähigen Gesellschaft.

2004-12-28 von Susanne Hagedorn
Text: © Susanne Hagedorn
Foto: © Peter Hölscher

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