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Die schlechten Horoskope hängen im Gebüsch

Japan ändert sein Gesicht - je nach Jahreszeit

von Cornelia Schaible

Fuji-Wanderstäbe Eine endlose Lichterkette schlängelt sich den Berg hinauf. Es ist stockdunkel, und der Weg ist kaum zu erkennen, aber wer unvorsichtigerweise ohne Taschenlampe losgezogen ist, stolpert einfach seinem Vordermann hinterher – etwas anderes bleibt einem auch gar nicht übrig. Manche scheren kurz aus, um in der dünnen Luft zu verschnaufen. Das Lavageröll knirscht unter den Wanderstiefeln; sonst hört man nur noch die Schellen an den Pilgerstäben, deren heller Klang den Rhythmus der Schritte angibt.

Es fängt an zu tröpfeln, was nicht weiter schlimm ist, denn die Wanderer in traditioneller weißer Pilgerkleidung – es gibt einige in dieser langen Prozession – haben vorsichtshalber einen Regenschutz aus durchsichtigem Plastik übergezogen. Und die anderen tragen fast alle Anoraks. Nicht auszuschließen, dass auch die Berggänger in funktioneller Sportkleidung auf einer Art Pilgerreise sind. Jedenfalls, soweit es sich um Japaner handelt. Ein paar ausländische Touristen sind auch unter denen, die da mitten in einer regnerischen Nacht auf Japans höchsten Berg kraxeln, um den Sonnenaufgang zu bewundern. Spätestens am Torii in Gipfelnähe des Fuji, das den Eingang zum Shinto-Schrein markiert, dämmert es ihnen, dass sie soeben Japans Nationalheiligtum erklommen haben.

Dann reißen im richtigen Moment die Wolken auf, die ersten Sonnenstrahlen treffen auf die andächtig Wartenden – und die japanische Nationalhymne ertönt aus einem Lautsprecher. Sehr feierlich. Wenn nur das Frösteln nicht wäre. Die feuchte Kälte kriecht langsam unter die Kleidung, das verhindert selbst die lange Unterhose nicht. Die Nacht war einfach zu kurz im „Fuji-san Hotel“ auf der achten Station in 3360 Meter Höhe, und als ich nach drei Stunden Schlaf in einem klammen Futon wieder aufwachte, hatte ich Kopfschmerzen.

Eine dampfend heiße Suppe in einem der rustikalen Restaurants weckt die Lebensgeister. Herrlich. Sportlicher wäre es, ein Elektrolytgetränk mit dem seltsamen Namen „Pocari Sweat“ aus dem Automaten zu ziehen. Im Freien aufgestellte Verkaufsautomaten gibt es überall in Japan, folglich auch auf dem Fuji.

Vor dem Abstieg geht es noch schnell aufs Postamt, um eine Ansichtskarte dekorativ abstempeln zu lassen. Zu allem Überfluss setzt wieder Regen ein, und diesmal richtig. Mangels Aussicht lohnt es sich nicht, länger auf dem Gipfel zu verweilen. Im Krater, um den ein Pfad herumführt, hängen dichte Nebelschwaden. Die Abstiegsroute: eine Rutschpartie durch den schwarzen vulkanischen Sand. Bei trockenem Wetter soll es überaus lustig sein, die Hänge hinunterzugleiten. Wegen der Nässe funktioniert das nicht so gut, dafür staubt es wenigstens nicht. Und die Talfahrt geht trotzdem rasant, so schnell bin ich noch nie von einem Berg herunter gekommen. Aus meinen Siebenmeilenstiefeln rieselt noch Jahre später feiner schwarzer Sand.

3776 Meter hoch ist der Fuji, aber es hilft alles nichts – von der Talstation in Gotenba aus ist der majestätische Kegel nur schemenhaft zu erkennen; bald verschwindet er gänzlich in den Wolken. Wenigstens sind die Temperaturen hier unten richtig sommerlich. Und als wir in Tokyo aus dem Zug steigen, sind sogar die Schuhe wieder trocken. Auf dem Fuji gewesen zu sein ist im Übrigen ein gutes Gefühl. Man versteht nun, warum die Japaner sagen: Nur ein Dummkopf besteigt ihn zweimal.

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Wer Schönheit erkennen will, muss Abstand wahren. Der Holzschnitt-Künstler Hokusai wusste das, die „36 Ansichten des Bergs Fuji“ gehen durchweg respektvoll auf Distanz. Nur aus der Ferne erscheint Fuji-san vollkommen – die viel gerühmte Kegelform, die gerade so viel Asymmetrie aufweist, dass dem ästhetischen Empfinden der Japaner Genüge getan ist. Sie mögen auch lieber krumme Kiefern als gerade.

Aus der Nähe betrachtet gleicht der Berg einer trostlosen Mondlandschaft. So ist es mit vielen Dingen in Japan: Der erste Blick wirkt häufig ernüchternd. Gleichzeitig verwirrt die Vielfalt der Eindrücke. Tokyo etwa ist eine visuelle Zumutung. Zu bunt, zu grell, zu unübersichtlich. Wer mit dem Zug anreist und versucht, sich im unterirdischen Labyrinth der Bahnhöfe zurechtzufinden, verliert ohne kundige Führung leicht den Verstand. Kommt der Tourist glücklich irgendwo wieder ans Tageslicht, wie im quirligen Shibuya, wird er sofort von Menschenmassen verschluckt. Als ich einmal von einer Japan-Reise zurück war in der süddeutschen Kleinstadt, in der ich damals lebte, kam mir alles unwirklich klein und putzig vor. Es dauerte ein Weile, bis ich mich wieder an die veränderten Maßstäbe gewöhnt hatte. Ich lief dann zweimal um den Marktbrunnen – das half.

Jedenfalls war ich noch selten in meinem Leben so erschöpft wie nach einem Tag Sightseeing in Tokyo. Daran war nicht zuletzt die feuchte Hitze schuld. Meine Haare wurden überhaupt nicht mehr richtig trocken. Ich befürchtete, sie würden irgendwann schimmeln. Bei Schuhen und Lederjacken soll das schon vorgekommen sein. Japan im August, das ist wie Fieber. An Schlaf ist nur zu denken, wenn die Klimaanlage die ganze Nacht läuft. Sitzt man in einem Restaurant am Tisch und stützt sich mit den Ellbogen auf, stehen die im Nu in einer Pfütze.

Bei einem Besuch im Kabuki-Theater von Tokyo, wo es besonders stickig war, machte mein Kreislauf schlapp. Zum Glück war es bis zum nächsten Burger-Restaurant nicht sehr weit – dort gibt es auch Cola, und ein großer Becher davon brachte mich wieder auf die Beine. Ich war in diesem Moment sehr dankbar für die Tatsache, das es die US-Fastfood-Ketten allesamt über den Pazifik geschafft haben.

Überhaupt haben Japaner eine Vorliebe für alles, was dem Rest der Welt besonders amerikanisch vorkommt. Baseball etwa. Was aber nicht heißen soll, dass Sumo seine Bedeutung als Nationalsportart verloren hätte. Und dass japanische Großstädter mit Vorliebe in einen Big Mäc beißen, schließt nicht aus, dass sie auch zu jeder Tages- und Nachtszeit gerne eine Nudelsuppe schlürfen. Man kann mit dem Shinkansen in Windeseile von Tokyo nach Kyoto reisen, und in der alten Kaiserstadt eine Zeitreise ins Shogunat unternahmen. Oder sich, auf Tatamimatten sitzend, ein vielgängiges Kaiseki-Menü servieren lassen – die Bedienung rutscht auf Knien. Ich habe nie ein ansprechender präsentiertes Mahl genossen.

AmuletteJapaner lieben aber auch alles, was pink und aus Plastik ist; gleichzeitig steht das einheimische Kunsthandwerk hoch im Kurs. Japanische Keramik soll eine vieltausendjährige Tradition haben, dafür ist neumodischer elektronischer Schnickschnack oft ähnlich kurzlebig wie das Tamagotchi. Wenn der weißgekleidete Shinto-Priester eine Reinigungszeremonie an einem neuen Auto vornimmt, stoßen diese beiden Welten aufeinander. Beim Katastrophenschutz verlassen sich Japaner nicht nur auf eine möglichst erdbebensichere Bauweise oder hochmoderne Tsunami-Warnsysteme – man kann in allen Schreinen auch Amulette kaufen, die vor Erdbeben schützen sollen. Den Fernseher wackelsicher anzugurten kann darüber hinaus nicht schaden.

Auf Besucher wirkt dieses Nebeneinander von Alt und Neu, von Schlichtheit im Sinne der Zen-Philosophie und westlicher Dekadenz oft höchst befremdlich; die Japaner denken sich nicht viel dabei. Der Kulturschock, den westliche Besucher in Nippon erleben, hat nicht zuletzt damit zu tun. Ich weiß noch, dass ich bei meiner ersten Begegnung mit Japan sehr wenig Aufnahmen machte. Ich kann nicht fotografieren, was ich nicht wirklich sehe.

Als ich zum dritten Mal nach Japan reiste, änderte sich das. Es war Winter, und ich kam in ein völlig anderes Land. Die Tage waren kurz, aber hell und klar; die kühle Luft prickelte auf der Haut. Im Licht der tiefstehenden Sonne warfen die Laternen an den Tempeln seltsame Schatten. Das sibirische Hoch sorgte dafür, dass Wolken nur in der Erinnerung vorkamen. Die üppig grünende subtropische Vegetation des Sommers schien wie ausgelöscht; das Gras war braun und verdorrt. Eine Gingko-Allee in Toyko verstreute noch die letzten gelben Blätter. Andere Bäume standen bereits schüchtern wieder in Blüte.

Das Japan zur Zeit der Jahreswende, das ich erlebte, war deutlich umrissen, und in seiner Rätselhaftigkeit klar zu erkennen. Was vorher gegensätzlich schien, gehörte nun untrennbar zusammen. Abends konnte man von der Wissenschaftsstadt Tsukuba aus deutlich die Umrisse des Fuji erkennen – in 150 Kilometer Entfernung.

Die kleine Vitrine vor der Suppenküche steht leer: Die Plastikmodelle der Speisen, ausgesprochene Staubfänger, sind frisch gewaschen und stehen nun zum Trocknen in der Sonne. Daneben hocken vier junge Mädchen auf dem Boden und schälen unter viel Geschnatter und Gelächter dicke Gemüsezwiebeln, einen ganzen Haufen. Noch drei Tage bis Neujahr, seit heute sind Schulferien. Auch in den anderen Imbissbuden auf dem Gelände des Shinjo-ji, das ist der Tempel von Narita, sind die Vorbereitungen fürs Neujahrsfest in vollem Gange: Am 1. Januar pilgert man in Japan traditionell zu buddhistischen Tempeln und Shinto-Schreinen, um für Gesundheit und Glück im kommenden Jahr zu beten. Hatsumode nennt sich dieser überaus populäre Brauch, der die ganze Bevölkerung in Bewegung setzt. Und die Neujahrspilger wollen alle verköstigt sein.

Noch sind die Sitzkissen in den Suppenküchen leer, in einer der halboffenen Buden tafelt gerade die Familie. Ob man etwas zu essen bekommen kann? Kommen Sie herein, sagt die gepflegte ältere Dame mit Schürze, wahrscheinlich die Chefin des Etablissements, und schon bringt sie unaufgefordert grünen Tee, wie es üblich ist. Die Suppenschalen mit dicken Udon-Nudeln und Bergkräutern stehen wenig später auf dem Tisch. Es schmeckt vorzüglich, sehr würzig. Drüben am Tisch ist die Mahlzeit inzwischen beendet; die halbwüchsigen Töchter machen sich ans Gemüseschnippeln. Berge von Lauch liegen bereit, Basis für eine gute Brühe.

Neujahrs-SträußeDraußen bricht sich das Licht in der Fontäne des Springbrunnens. Die Buden und Kioske rund um den Platz sind mit dem bunten Plastikglitter geschmückt, der in Japan alle Feste ankündigt. Die riesigen Schilder am Tempel-Gebäude, die zum Ausgang weisen, wirken seltsam überdimensioniert. Nebenan werden gerade Megaphone aus einem Fahrzeug geladen, von irgendwoher hört man Lautsprecherdurchsagen – ein Testdurchlauf für Neujahr. Die Wahrsagerin in ihrer Bude wartet noch auf Kunden.

In der Ginza, Tokyos Prachtmeile, tritt man sich so kurz vor der Jahreswende auf die Füße. Hoch über dem Häusermeer ist es ein weniger ruhiger: Viele Kaufhäuser haben einen Dachgarten, wo bevorzugt der Bonsai-Laden untergebracht ist sowie die Goldfischabteilung. Bei Seibu in Ikebukuro, dem einstmals größten Kaufhaus des Planeten, steht ein komplettes Bonsai-Wäldchen zum Verkauf bereit. Perfekt geformte japanische Ideallandschaften mit Kiefern oder wundervoll durchgeformte Miniatur-Kirschbäume kurz vor der Blüte, die entzückend sein muss.

Auf den Bänken neben der Gärtnerei schmusen Liebespaare im Angesicht von Tokyos Wolkenkratzern, und Kleinkinder jauchzen auf dem nahen Spielplatz. Gegenüber ein Gewächshaus mit etwas monoton wirkenden Grünpflanzen, die der Blattform und dem Preisschild nach zu schließen nur Orchideen sein können: Das teuerste Gewächs dieser Art kostet eine halbe Million Yen. Für 500 Yen kriegt man in der Suppenküche auf dem Kaufhausdach eine Schale Ramen. Bei der Konkurrenz kann man auch Würstchen am Holzspieß erstehen oder Currygerichte. Senioren, die sich in der Wintersonne wärmen, schlürfen hier ihre Nudeln, und nebenan vergnügen sich einige Jugendliche. Das einzige, was die Idylle etwas beeinträchtigt, ist der dreckige Kunstrasen unter den Gartenstühlen. Vom Verkehr ist nichts zu hören.

Das eigentliche Neujahrsgeschäft läuft acht Stockwerke tiefer, wo sich teuer gekleidete Japanerinnen mit leckeren Häppchen für den Jahreswechsel eindecken. In diesen Tagen ist das Warenangebot noch üppiger als sonst. Es spricht grundsätzlich viel dafür, bei der Besichtigung eines Landes die Regale seiner Supermärkte bevorzugt zu behandeln; in Japan kann das aufregender sein als jedes Museum. Dem einen oder anderen Angebot steht der westliche Besucher indessen ratlos gegenüber: Welchen Sinn macht eine Geschenkmelone, die 10.000 Yen kostet? Das sind rund 100 Dollar. Wer schenkt sich so etwas – und warum? Auch erschwinglichere Speisen haben oft etwas von kleinen Kostbarkeiten, die man essen kann. Die Japaner bringen ihren Nahrungsmitteln höchste Wertschätzung entgegen.

Ein beliebtes Klischee: Japaner kopieren westliche Produkte, um sie anschließend zur Perfektion zu bringen. In wenigstens einer Sparte ist ihnen das mit Sicherheit gelungen: Nirgends gibt’s mehr Sorten Kuchen, Gebäck und anderes Naschwerk als in Nippon. Ob englischer Toast, französische Brioches oder amerikanische Brownies – alles findet seine Liebhaber. Etwas plump wirken englische Teecakes oder deutschstämmige Baumkuchen, die sogar in jedem Convenience-Store verkauft werden, neben all der französischen Patisserie: schier unendliche Variationen der Themen Biskuit, Sahne und Trüffelmasse. Womöglich sind die Petits fours, die vor allem in den Lebensmittelabteilungen großer Kaufhäuser angeboten werden, noch zierlicher gebaut als in ihrem Herkunftsland – auch Japaner pflegen die hohe Kunst der Zuckerbäckerei. Süße Preziosen, in Vitrinen aufwändig arrangiert. Dazu zählen auch die einheimischen Mochi, die aus Klebereis hergestellt werden und zum japanischen Neujahrsfest gehören wie Verwandtenbesuch und Hatsumode.

Horoskope im BaumIm weitläufigen Meji-Schrein in Tokyo geht dann der traditionelle Besuch der heiligen Stätten äußerst gesittet vor sich. Die in endlosen Schlangen anrückenden Neujahrspilger werden schon im Vorfeld per Videobildschirm über die Marschroute und die Infrastruktur belehrt, über dem Schreintor ist eine Kamera angebracht, und hübsche Polizistinnen regeln von der Höhe eines Fahrzeugs herab den Personenverkehr. Nur beim allgemeinen Ansturm auf die Amulette wird’s vorübergehend etwas unübersichtlich. Und die Horoskope, die ihnen nicht gefallen, knoten die Leute statt an die vorgesehenen Gestelle an alle möglichen Zweige und Zäune. Ein Wunder, dass sie nicht die Walkie-Talkie-Antenne des Wachmannes mit ihren Papierstreifen garnieren.

Die Hüter des Gesetzes haben es nicht leicht an diesem Tag. Ein Polizist steht im Geldregen wie Goldmarie: Der junge Uniformierte trägt ein Visier aus Plexiglas, um sein Gesicht vor den Münzen zu schützen, die um ihn herum niederprasseln. Der Vorplatz vor dem Meji-Schrein hat sich in einen gigantischen Opferstock verwandelt. Egal, ob Schrein oder Tempel, Shintoismus oder Buddhismus – Religion ist ein einträgliches Geschäft, besonders an Neujahr.

Damit alle spenden können, wird man zügig durchgeschleust, an den Verpflegungsständen kann man noch Yakisoba essen oder einen anderen nahrhaften Snack – im Stehen, mit Stäbchen – und dann geht's zurück zur Station Harajuku, wo an diesem Tag ein Extra-Bahnsteig eingerichtet wurde. Überall in den Zügen sieht man Leute, die ihr Neujahrs-Amulett in Pfeilform vor sich her tragen wie eine Trophäe. Viele Frauen bewegen sich nur mit Trippelschrittchen vorwärts; das liegt am Festtagskimono, den sie winterlich mit einem Pelzkragen geschmückt haben. Zur Aufmachung gehören spezielle Handtäschchen, die im Stil zu den kostbaren Seidenkimonos passen. Und dann ziehen die Schönen ihr rosa Hello-Kitty-Handy heraus und telefonieren.

Am nächsten Vormittag ist ein Besuch beim Kaiser angesagt. Wieder Menschenströme, die kanalisiert und in die richtigen Bahnen gelenkt werden müssen. Vor den Toren des Kaiserpalastes verteilen Helfer an die Besucher Papierflaggen mit der roten Sonne. Dann heißt es erst einmal: warten. Kurz vor elf wird die Menge unruhig, die Spannung steigt. Endlich verkündigt eine weibliche Lautsprecherstimme das Erscheinen des Tenno und, so vermute ich, die Modalitäten des Jubelns. Die kaiserliche Familie erscheint auf einem Balkon, hinter Panzerglas, aber deutlich sichtbar. Das Publikum bricht programmgemäß in Begeisterung aus, Fähnchen werden wild geschwenkt. Auf einmal wird der Jubel für einen Moment unterbrochen, der Tenno wünschte seinem Volk ein glückliches neues Jahr, und die Fernsehleute im Hintergrund zeichnen alles auf.

Die Kaiserin trägt ein grünliches Kleid, und der Kaiser hat schlechte Zähne, aber das sieht man von weitem nicht, erst in den Abendnachrichten im Fernsehen. Der Tenno grüßt nach allen Seiten, seine Kaiserin lächelt huldvoll, die Fotoapparate klicken. Dann noch einmal Hoch-Rufe, Fahnenwedeln, und die kaiserlichen Hoheiten verschwinden wieder in ihrem Palast. Die Wachen salutieren immer noch, und hoch oben kreisen die Hubschrauber.

Japanese GirlDie Leute stehen kurz versonnen ob des denkwürdigen Augenblicks, dann macht sich die Menge wieder auf den Rückweg durch den Garten. Der führt an den kaiserlichen Hecken entlang, die aus blühenden Kamelien bestehen, roten und weißen. Keine welke Blüte ist zu sehen. Manche Besucher wollen unbedingt mit dem Palast im Rücken fotografiert werden: So wohnen Kaisers. Die Rucksäcke und Taschen, die vor dem Einlass abgegeben werden mussten, sind nun wundersamerweise auf die andere Seite des Vorplatzes geraten und können in einem Zelt unter Vorlage der Garderobenmarke abgeholt werden. Alles klappt wie am Schnürchen.

Die nächsten Kandidaten für die Stippvisite beim Kaiser sind schon im Anzug; insgesamt sieben Mal an diesem Tag lässt sich der Tenno blicken. Wer den Termin verpasst, muss bis zum 23. Dezember warten – Kaisers Geburtstag. Nur an diesen beiden Tagen sind die kaiserlichen Gärten zugänglich; sonst bleiben sie, bis auf den östlichen Teil, geschlossen.

Der Besuch bei einem Sumo-Ringer verläuft dagegen mehr spontan. Musashigawa Beya? Der erste Taxifahrer in der Schlange vor dem Bahnhof Nippori hat keine Ahnung, wo das ist. Sein Kollege kann uns weiterhelfen – bitte einsteigen, die Türen öffnen sich bei einem japanischen Taxi wie von Geisterhand. Ein paar Querstraßen weiter im gleichen Tokyoter Stadtteil stoppt der Wagen vor einem Gebäude in traditioneller Bauweise. Vor dem Haus blühen zwei Kamelien, eine weiße und eine rote. Hier müsste es sein, sagt der Taxifahrer. Sicherheitshalber lässt er sich das von einem jungen Mädchen bestätigen, das gerade ins Haus will. Ob die beiden Ausländer wohl zuschauen dürfen? Sie dürfen. Man solle nur nicht reden, sagt der bebrillte Mensch, der gerade aus dem Büro kommt.

Im Vorraum entledigt man sich seiner Schuhe, öffnet vorsichtig die Schiebetür. Drinnen sitzen ungefähr zwanzig Zuschauer, die gebannt das Spektakel im Ring verfolgen. Wir schnappen uns einen Zabuton, das obligatorische viereckige Sitzkissen, und suchen uns einen Platz auf den Tatamimatten. Neben mir sitzt eine Frau mittleren Alters mit einer Fendi-Tasche, die sich ganz auf das sportliche Geschehen konzentriert. Ein junger Ringer, dem eine Ohrmuschel fehlt, wirft seinen schwergewichtigen Gegner mit einem Schrei in den Sand. Die anderen Kraftprotze springen herbei, wie um den Sieger zu beschwichtigen. Nur der Koloss in der Ecke schaut scheinbar gelangweilt zu, macht gelegentlich ein paar Dehnungsübungen. Neben ihm wirken die anderen Ringer wie Schwächlinge.

MusashimaruWas für ein Mann: 191 Zentimeter groß, 230 Kilo schwer. Sein Turniername: Musashimaru. Sein Beruf: Sumo-Ringer. Zum ersten Mal sah ich Musashimaru beim September-Turnier 1997 im Ryogoku-Kokugikan-Stadion in Tokyo. Ich war schwer beeindruckt von diesem massigen Riesen, der keinesfalls aggressiv wirkte. Außerdem fand ich es bemerkenswert, dass es Hawaiianer in der japanischen Nationalsportart so weit bringen können – damals war auch Musashimarus Landsmann Akebono noch aktiv. Musashimaru wurde 1971 als Fiamalu Penitani auf Samoa geboren und zog mit 10 Jahren nach Hawaii. Mit 18 Jahren wurde der junge Ringer dort entdeckt und kam nach Japan. Seither gehört er zum Musashigawa Beya – Beya heißt einfach Stall, so wie man in der Formel Eins von einem Rennstall spricht. 1999 wurde Musashimaru in den Rang eines Yokuzuna erhoben, so lautet der Titel eines Großmeisters im Sumo. Seit rund 300 Jahren wird diese Auszeichung verliehen, und Musashimaru ist Yokuzuna Nummer 67.

Wahrscheinlich ist es eine Ehre, mit einem Yokozuna trainieren zu dürfen. Der Ringer, den sich Musashimaru zur Brust nimmt, hat jedenfalls nicht den Hauch einer Chance. Ungefähr 70 Griffe umfasst das Repertoire der Sumo-Techniken, die im wesentlichen das Ziel haben, den Gegner aus dem inneren Kreis zu befördern oder zu Boden zu bringen. Musashimaru, so lese ich nach, bevorzugt Tsuki-Oshi. Das heißt, er schiebt den Gegner einfach weg.

Musashimaru hat sich inzwischen aus dem Wettkampf zurückgezogen. Manchmal schaue ich noch ein Sumo-Basho im Fernsehen an, und ich erkenne zumindestens einen der Ringrichter wieder. Die farbenprächtigen Kimonos der Richter entsprechen angeblich denen, die Samurai vor rund 600 Jahren getragen haben. Man muss sich das einmal vorstellen.

2005-01-07 by Cornelia Schaible
Text: © Cornelia Schaible
Fotos: © Cornelia Schaible

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