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Die fünfte Jahreszeit

Sichtweise einer Nichteingeweihten

von Anne Siebertz

Während in den Chefetagen zum Jahresbeginn an Bilanzen gefeilt, an Statistiken gedreht, analysiert und interpretiert wird, manifestiert sich in Köln, der Stadt am Rhein, eine ganz andere Art hektischer Betriebsamkeit. Es ist Karneval. Und der unterliegt eigenen Regeln.

Ein grauer Wintertag mitten im Januar. Es ist Vormittag. Die Tür eines Seniorenzentrums öffnet sich und heraus stürmt eine Schar Männer, gekleidet in weiß-roten Uniformen mit knielangen Stiefeln. Der zufällige Betrachter mag sich bei ihrem Anblick an napoleonische Zeiten erinnert fühlen. Die meisten tragen ein umgekehrtes Schiffchen als Kopfbedeckung, eine Art Narrenkappe. Einer von ihnen ist in ein besonders prächtiges wamsartiges Gewand gehüllt und führt auf dem Kopf eine Kappe mit dem, so möchte man meinen, vollständigen Federkleid eines Pfauen spazieren. Ein anderer, oder nein, ist es eine Sie? - trägt langes blondes Haar zu Zöpfen geflochten. Gleichwohl – von der Figur her sind gewisse Zweifel geboten – Männlein oder Weiblein? Ein vierter setzt sich ans Steuer eines über und über bunt hergerichteten Kleintransporters, lässt die Schar der Uniformierten hineinspringen und braust davon.

Wer angesichts dieser überraschenden Begegnung glaubt zu träumen oder sich mit Besorgnis fragt, wieso er derartige militärische Uniformen nicht dem Rang nach zuordnen kann, der ist mit Sicherheit eines nicht: ein Kölner. Denn der Kölner unterscheidet besonders in der fünften Jahreszeit, die er abgeleitet aus dem französischen „saison“ Session nennt, zwischen Menschen seiner Art, nämlich dem ‚Kölner an und für sich’ und dem ‚Imi’. Wobei letztere Gruppe alle diejenigen umfasst, die zwar schon lange Zeit in der Domstadt leben, jedoch in punkto Sprache, Gestik und Verhalten einen Einheimischen nicht als ‚echte Kölsche’ überzeugen können.

Der Sitzungskarneval

Nun gilt in eben dieser Session vom Elften im Elften um 11.11 Uhr des Vorjahres bis zu jenem traurigen neunten Tag im Februar 2005, den der Kalender als ‚Aschermittwoch’ ausweist, nur eines in dieser Stadt: Es ist Karneval!
Genauer gesagt Sitzungskarneval, denn der geht erst am Ende der Session in den traditionellen Straßenkarneval über. Und damit gelten Regeln, deren Timing in diesem Jahr durch die äußerst kurze Session auf eine harte Probe gestellt wird. Bis dahin muss das ganze Programm absolviert sein: allein der offizielle Karnevalskalender der Stadt Köln weist 510 Veranstaltungen aus, darunter 174 Sitzungen mit Damen, 54 reine Damensitzungen, 33 Herrensitzungen, 33 Kostümbälle, 142 sonstige Veranstaltungen, 30 Umzüge und zwölf Fischessen.
Nicht mitgezählt sind kleinere Veranstaltungen in den Veedeln (so nennt man in Köln die Stadtteile) wie Kindersitzung, Kinderball, Ziegenbartsitzung oder alternative Veranstaltungen wie Stunksitzung oder Röschensitzung. Namen wie Prunksitzung, Domsitzung, Reiterball, karnevalistischer Damenfrühschoppen, Traditionssitzung, Fremdensitzung, Funken-Kostüm-Sitzung - die meisten von ihnen bereits Ende November ausverkauft – versprechen rauschende Feste, großartige Abende mit Büttenreden und Tanzvorführungen.
Wer das volle Programm absolvieren will, kann auf adventlich-weihnachtliche Besinnlichkeit keine Rücksicht nehmen: Herren- oder Damensitzung am ersten Advent, Stunksitzungseröffnung am zweiten Advent. Vor allem braucht er aber eines: ein gesundes finanzielles Polster, denn billig ist der Brauchtumsspaß nicht. Zwischen 20 und 38 Euro Eintritt muss der Besucher pro Sitzung berappen, Getränkeverzehr nicht mitgerechnet. Hinzu kommt bei den Kostümbällen das richtige Outfit. Will man es nicht für teures Geld erwerben, so stehen zahlreiche Kostümverleiher in der Stadt zur Verfügung. Vom Funkenmariechen über neckische Kätzchen, Grande Dame bis hin zum karnevalistischen Abendkleid halten sie so ziemlich alles für die Dame bereit. Für den karnevalistischen Herrn ist die Ausstattung für eine Sitzungsveranstaltung sehr viel einfacher: Hier genügt schon die einmalige Anschaffung eines Abendanzugs mit Frack und eines Narrenschiffchens.

Festkomitee Kölner Karneval

Den Überblick über das närrische Karnevals- und Veranstaltungstreiben hält das straff organisierte ‚Festkomitee Kölner Karneval’ – und das übrigens schon seit dem Jahr 1823. Neben der Verwaltung von einem Drittel der insgesamt rund 160 Kölner Karnevalsgesellschaften und der Organisation zahlreicher Veranstaltungen zeichnet das Komitee verantwortlich für das wohl wichtigste Ereignis innerhalb der Session: die Proklamation des Kölner Dreigestirns am 7. Januar 2005 im Kölner Gürzenich. Erst damit bekommen die Publikumsauftritte des designierten Trifoliums mit Walter Passmann (Prinz Walter II.), Uli Döres (Bauer) und Claus Frohn (Jungfrau Claudia) ihren offiziellen Charakter.

Das Motto als Spiegel der Zeit

Höhepunkt der karnevalistischen Aktivitäten ist seit 1823 der Rosenmontagszug. Ein willkommener Anlass, fast einer Million Zuschauern das aktuelle Zeitgeschehen aus Politik, Sport, Wirtschaft sowie Gesellschaft und Stadtleben auf humoristische Weise näher zu bringen. Jedoch auch eine einzigartige Gelegenheit, Kritik gegenüber den Stadtvätern zu üben und Missstände in der Stadt anzuprangern. Das alljährlich neu festgelegte Motto bildet seit den Anfängen der Umzugsparaden den Anstoß für die kreative Gestaltung der Festwagen und der Kostüme der Fußgruppen.
Im frühen 19. Jahrhundert orientierte man sich überwiegend an zukunftsweisenden Entwicklungen. Nach der ‚Thronbesteigung des Helden Carneval’ – dem wilhelminisch-kaisertreuen Vorgänger des heutigen Prinzen - im Jahr 1823, nahm man 1826 bereits die ‚Fahrt nach dem Monde’, 1854 die ‚hanswurstliche Industrieausstellung’ und 1858 den ‚train de plaisir’ in den Blick. 1859 standen mit dem Motto ‚Napoleon und seine Franzosen’ politische Motive im Vordergrund. In der krisengeschüttelten Zeit zwischen 1914 und 1926 fand kein Rosenmontagszug statt, doch 1927 verliehen die Karnevalisten ihren Hoffnungen wieder mit dem Motto „Aus der neuen Zeit“ Ausdruck.

Auch der zweite Weltkrieg hinterließ selbstredend seine Spuren, so dass erst wieder ab 1949 ein Rosenmontagszug stattfinden konnte. Das Motto - von nun an kölsch - ‚Mer sin widder do un dun wat mer künne’ (Wir sind wieder da und tun, was wir können) sollte Aktiven und Zuschauern gleichermaßen Kraft und Zuversicht vermitteln. Während Leitmotive wie „Zustände wie im alten Rom’ (1974) oder „Sinfonie in Doll’ (1993) sich eher auf das bisweilen groteske Verhalten der Stadtväter bezogen, schlug sich die gesamtwirtschaftliche Konjunkturkrise 2003 in dem Motto nieder: ‚Laach doch mal, et weed widder wäde’ (Lach doch einfach, es wird schon wieder werden).
Den Blick in die Zukunft richtet das diesjährige Motto ‚Kölle un die Pänz us aller Welt fiere nit nur Fasteleer’ (Köln und die Kinder aus aller Welt feiern nicht nur Karneval). Der mehrdeutige Leitspruch für den mittlerweile auf fast sieben Kilometer angewachsenen Zug beinhaltet gleichzeitig Anspielungen auf den mit enormem Aufwand vorbereiteten Weltjugendtag im August, auf die Globalisierung, auf die Stadt als Multi-Kulti-Konglomerat, auf Pisa sowie auf die Bemühungen der Stadt, im internationalen Vergleich zu bestehen. Ob letztere Kritik oder Lob ernten, zeigt sich dann an den humoristisch überzeichneten Figuren und Motiven der Festwagen.

Der Straßenkarneval

Über die Stadtgrenzen hinaus weitaus bekannter als der Sitzungskarneval ist der Kölner Straßenkarneval. Offiziell eingeläutet wird er an ‚Wieverfastelovend’ (Weiberfastnacht) um 11.11 Uhr. Das ist der Donnerstag der Karnevalswoche, an dem Tausende von Jecken in die Kölner Altstadt strömen. Symbolisch übernehmen dann die Karnevalisten nach der Übergabe der Stadtschlüssel die Macht in der Stadt. Dass an diesem Tag ursprünglich allein die Frauen, also die ‚Wiever’ so richtig zum Zuge kamen, ist längst vergessen.
Übrig geblieben ist lediglich die Tradition, Männern die Krawatte abzuschneiden und die Trennung von dem guten Stück mit einem ‚Bützchen’ (Küsschen) zu versüßen. Ab dann nimmt das närrische Treiben unaufhaltsam seinen Lauf.
Jedes Jahr bevölkert eine Unzahl Einheimischer und Touristen Plätze, Kneipen, Festzelte, Schützenhallen und dergleichen in bunten Kostümen. Die Grenzen gesellschaftlichen Umgangs sind an den tollen Tagen bis Mitternacht am Karnevalsdienstag aufgehoben: das bedeutet sechs Tage lang Feiern, Trinken, Spaß haben, Frohsinn und Schunkeln. Da niemand eine so lange Zeit an der Theke unbeschadet überstehen würde, sorgen zahlreiche Umzüge für einen Ortswechsel mit viel frischer Luft. In Köln mit über 150 Stadtteilen gibt es von Donnerstag bis Dienstag mindestens ebenso viele kleinere und größere ‚Veedelszöch’ (Stadtteilumzüge) in den Vororten.

Kurz vor dem Abschluss des Karnevals am Aschermittwoch mit dem traditionellen Fischessen in Wirtshäusern blickt der Veilchendienstag noch einmal zurück auf das Erlebte. Gegen Mitternacht kommen Tausende von Jecken im Kölner Kneipenviertel zusammen, um Strohpuppen, die so genannten ‚Nubbel’ zu verbrennen. Da diese die Schuld an allen Ärgernissen der Session, angefangen von der Steuererhöhung über Bildungsreformen, Arbeitslosigkeit und persönlichen sowie gesellschaftlichen Krisen tragen, ist es für den Jecken nur recht und billig, dass sie auf einem lodernden Scheiterhaufen ihr armseliges Dasein beenden müssen.

Doch richtig vorbei ist das Thema Karneval in Köln eigentlich nie, denn bereits am Aschermittwoch beginnt die Vorbereitung der nächsten Session...

Karneval als Wirtschaftsfaktor

Dass ein solcher ganzjähriger Aufwand einen enormen Wirtschaftsfaktor darstellt, liegt auf der Hand. Die Unternehmensberatung McKinsey kam in einer Studie zu dem Schluss, dass der Kölner Karneval allein rund 3.000 Arbeitsplätze sichert und der heimischen Wirtschaft knapp 300 Millionen Euro in die Kassen spült.
Ein paar Zahlen verdeutlichen das ökonomische Potenzial, das allein mit dem Rosenmontagszug verknüpft ist: in 3 Stunden marschieren 9000 TeilnehmerInnen auf 6,5 Kilometern an über einer Million Zuschauern vorbei. Dabei wird gleich kistenweise selbst finanziertes Wurfmaterial an die Besucher verteilt: 140 Tonnen Süßigkeiten, 700.000 Tafeln Schokolade, 220.000 Schachteln Pralinen, 300.000 Blumensträuße, Tausende Stoffpuppen, Schlüsselanhänger, Früchte und Schokoriegel wechseln den Besitzer. Für den Zug sind 74 Fest- und Prunkwagen herzurichten, und es sind 67 Traktoren, 50 Bagagewagen und 350 Pferde im Einsatz. Gebaut wird die bunte Pracht aus 4.200 Meter Dachlatten, 5.000 Meter Bindedraht, 6.500 Quadratmeter Maschendraht, 2.000 Quadratmeter Hartfaserplatten, 75 Kilo Nägeln und Krampen, 500 Quadratmeter Spanplatten, 10 Quadratmeter Schaumstoff, und, und, und. Die Gesamtkosten für das großartige Event belaufen sich auf rund 2,3 Millionen Euro.

Ein Haus voll karnevalistischer Zeugnisse

Seit dem vergangenen Jahr kann man die Fest- und Prunkwagen nicht nur bei den stimmungsvollen Umzügen bewundern, sondern auch in der Wagenbauhalle des Karnevalsmuseums. Multimedial angelegt, bietet die neu eröffnete Stätte rheinischer Karnevalskultur interessante Einblicke in die wichtigsten Ereignisse des Kölner Lebens. Über 16.000 Kostüme werden dort nach der Session gelagert. In 33 Vitrinen und in einer umfangreichen Fotodokumentation zeigt das Museum die Geschichte des Karnevals mit Kostümen, Accessoires, Dokumenten und Orden. Ein Besuch lohnt sich – auch für Nicht-Karnevalisten.
Anschrift: Museum im Haus des Kölner Karnevals, Maarweg 136, 50852 Köln, Tel. 0221/57 40 00
Infos: www.koelnerkarneval.de

Weiterlesen, zweiter Teil: Flucht aus der Krise

2005-01-05 copyright by Anne Siebertz
Text: ©Anne Siebertz

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