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Den Totalschaden fürs Image vermeiden

Rémi Kauffer lehrt an der Schule für Wirtschaftskrieg den Umgang mit der Desinformation

von Cornelia Schaible

Werkzeugkrieg von Peter Hölscher „Manche zögerten nicht, uns als Spionageschule zu bezeichnen“, sagt Christian Harbulot, Mitbegründer der Ecole de Guerre Economique in Paris, über die Anfänge der Einrichtung im Jahr 1997. Inzwischen haben die Unternehmen offenbar eingesehen, dass sie sich im Wirtschaftskriegs befinden: In zahlreichen europäischen Firmen sind Absolventen der Schule vertreten. Im einjährigen Aufbaustudium haben sie sich Strategien angeeignet, wie sie dem in Folge der Globalisierung zunehmend aggressiven Wettbewerb begegnen können. Das betrifft vor allem den Umgang mit Gerüchten.

Eine Schule des Wirtschaftskrieges – das klingt für viele einigermaßen befremdlich, vielleicht sogar beängstigend. Nicht nur in der deutschen Übersetzung wird Sinn und Zweck der Einrichtung leicht missverstanden. „Oft herrscht hier Verwirrung“, bestätigt Rémi Kauffer, Dozent an der Ecole de Guerre Economique in Paris, und beeilt sich zu versichern: „Das ist keine Schule, in der man die Technik der miesen Angriffe lernt.“ Stattdessen gehe es darum, wie Attacken abgewehrt werden können. Die wichtigste Voraussetzung dafür: „Das Bewusstsein entwickeln, dass man angegriffen wird.“

Denn in der Welt der Wirtschaft herrscht Krieg. Diese Auffassung steht im Mittelpunkt der Lehre an der Pariser Schule, die im Jahr 1997 von General Jean Pichot-Duclos, Christian Harbulot und Alain Joseph an der Managementschule ESLSCA gegründet wurde. Die Ecole de Guerre Economique (EGE) ist die einzige Einrichtung dieser Art in Europa – eine Wirtschaftsschule also, die sich auf den Krieg der Konzerne im globalisierten Handel konzentriert. Und vor allem um deren wichtigste Waffe: die Information. Oder, genauer gesagt, um die gezielte Desinformation.

Der Wettbewerb hat sich verschärft. „Wir leben in einer Welt mit starker Konkurrenz“, stellt Rémi Kauffer lapidar fest. Die klassische Industriespionage hat im Kampf um Marktanteile weitgehend ausgedient. Heute führen die Unternehmen Informationskriege übers Internet. Als Antwort darauf bietet die Pariser Schule eine „Ausbildung für Informationsmanagement in einem feindlichen Umfeld“ an, so die Selbstvorstellung der EGE auf ihrer deutschen Internetseite. „Dieser innovative Unterricht ist das europäische Gegenstück zur School of Information Warfare der Universität Georgetown in Washington, die großes Ansehen genießt.“

Soll das heißen, dass die Amerikaner für den Wirtschaftskrieg viel besser gewappnet sind als die Europäer? Davon ist Rémi Kauffer fest überzeugt. Die USA haben eben aus dem Kalten Krieg gelernt, sagt er. „Man kann feststellen, dass seit Ende des Kalten Krieges die ideogischen Konflikte mehr und mehr zu ökonomischen Konflikten wurden.“ Der Wirtschaftskrieg als Folge der Globalisierung ist ein Kampf um Marktanteile, Ressourcen oder auch ein bestimmtes Images. Dass sich die Desinformation, historisch verknüpft mit den Machenschaften totalitärer Regime, ebenso gut als ökonomische Waffe einsetzen lässt, das hätten als erste die Amerikaner erkannt.
In seinem Buch „L’arme de la désinformation (Die Waffe der Desinformation)“ hat der Historiker und Journalist Rémi Kauffer diesen Zusammenhang ausführlich dargestellt. Heute wird diese Waffe eingesetzt, um Marktchancen zu verbessern: „Die Unternehmen können andere mit falscher Information angreifen.“ Diese Kriege auf der Ebene der Information folgen „einer Art Guerilla-Taktik“, erklärt er, und der sei nur schwer beizukommen.

Das liege insbesondere daran, dass Schmutzkampagnen und Gerüchte heute vor allem über die elektronischen Medien verbreitet werden. Mitte der 90er-Jahre sei der französische Konzern Total zum Ziel einer solchen Kampagne geworden, sagt Kauffer. Der Ölgigant wollte eine Pipeline in Birma bauen. Nun herrscht in Birma eine Militärdiktatur. Und für das Pipeline-Projekt war Total auf die Zusammenarbeit mit den birmesischen Behörden angewiesen. So war es weiter nicht verwunderlich, dass sich Total bald mit dem Vorwurf konfrontiert sah, in Birma die Menschenrechte zu verletzen. Im Zusammenhang mit dem Pipeline-Bau seien bei der Konstruktion einer Eisenbahnlinie Zwangsarbeiter eingesetzt worden, hieß es.

Es ließ sich zwar nie beweisen, dass Total damit etwas zu tun hatte. Aber über mehrere Jahre sei der Konzern deswegen angegriffen worden – vor allem von Menschenrechtsgruppen, aber wahrscheinlich auch von der amerikanischen Konkurrenz, glaubt Kauffer. Die Anschuldigungen seien vor allem übers Internet verbreitet worden. Kauffer: „Wenn die Information 36 Mal wiederholt wird, weiß am Ende keiner mehr, woher sie kommt.“ Und sicher war nicht alles falsch, was Total vorgeworfen wurde – für solche Gerüchte sei „eine Mischung aus falschen und wahren Einzelheiten“ geradezu typisch. „Wenn man mit einer Dikatatur zusammenarbeitet, unterstützt man diese zwangsläufig.“ Und dann werde sehr schnell vieles vermischt. Der Image-Schaden für Total war jedenfalls beträchtlich, sagt Kauffer.

Für die Unternehmen heißt es also: wachsam sein. Und nicht denken, wenn irgendwelche Gerüchte auftauchen, man sei gegen alle Anfechtungen immun. Hier zählt die Früherkennung. „Aufmerksamkeit und die Arbeit mit dem Internet“, nennt Kauffer als wichtigste Voraussetzung, auf einen Angriff angemessen zu reagieren. Dazu müssen sich die Verantwortlichen aber erst einmal bewusst werden, dass etwas im Busch ist. Dieses rechtzeitig zu erkennen, genau das üben die Studenten im einjährigen Aufbaustudium an der Ecole de Guerre Economique im 7. Pariser Arrondissement. Entsprechend der an der EGE gern zitierten Devise Napoleons: „Geschlagen zu werden ist verzeihlich. Sich überraschen zu lassen aber unentschuldbar.“

Die Vorwürfe könnten zum Beispiel lauten: Das Unternehmen hält sich nicht an Umweltvorschriften. Die Aktionäre sind unzufrieden. Oder der Firmenleiter leidet an einer Krankheit. Gehen die Gerüchte alle in eine bestimmte Richtung, gilt das als Alarmsignal. „Wenn es viele Quellen dafür gibt, ist das schon verdächtig“, sagt Kauffer. Dann aber erst einmal: Ruhe bewahren. Wenn es etwa Gerüchte darüber gibt, dass ein Unternehmen ein Gewässer verunreinigt, müsse erst einmal klar gestellt werden: Ist es wahr oder nicht? Denn davon hängen die künftigen Strategien ab.

Die EGE-Studenten lernen aber auch: „Wenn euer Unternehmen einer Attacke ausgesetzt ist – auf keinen Fall mit der gleichen Methode reagieren!“ Wichtig sei die Gegenargumentation, mit größtmöglicher Offenheit. Die Gegenattacke muss sich ganz präziser Argumente bedienen, um ihr Ziel nicht zu verfehlen. Die Vorwürfe werden quasi abgearbeitet: „Das ist wahr, das und das nicht.“ Die Medien dann großzügig mit Material dazu ausstatten, auch das gehört zur Strategie. Offensiv vorgehen, aber nur mit legalen Mitteln. „Und vor allem nicht lügen“, schärft Kauffer seinen Studenten ein. In diesem Zusammenhang zitiert der Desinformations-Experte gelegentlich den Filmregisseur Sacha Guitry. Dieser schrieb einmal: „Lügen Sie niemals, denn das beansprucht das Gedächtnis viel zu sehr.“ Früher oder später verwickelt man sich unweigerlich in Widersprüche.

Klingt eigentlich einleuchtend: Wenn tatsächlich etwas schief läuft, gibt das Unternehmen die Fehler zu und verspricht gleichzeitig, Abhilfe zu schaffen. „In gewissen Fällen ist ja etwas Wahres daran“, sagt Kauffer, „sie übertreiben nur. Und man macht einen Berg aus einem Kieselstein.“ Also: am besten zugeben, dass es ein Steinchen des Anstoßes gibt – aber „die Sache wieder in die richtige Dimension bringen“. So werden Gerüchte erfolgreich aus der Welt geschafft.
Nur – die Wirklichkeit sieht meistens anders aus. Läuft tatsächlich etwas schief, wird erst einmal hektisch dementiert. Und fast immer kommt die Wahrheit dann stückchenweise ans Licht. Nicht selten hat dies Folgen, die nicht wieder gut zu machen sind. Aus „ein bisschen schuldig“, so Kauffer, machen die Gegner schnell ein „sehr schuldig“. Denn „der Krieg der Desinformation wird heute über alle Medien geführt“. Darauf sei die Unternehmensleitung häufig nicht gefasst – „die Öffentlichkeitsarbeit ist nicht auf Krisenzeiten eingerichtet“. Und dann reichen oft ein paar Gerüchte oder falsche Unternehmensmeldungen, um Aktienkurse zum Absturz zu bringen und den Ruf einer Firma nachhaltig zu schädigen.

An der Schule des Wirtschaftskrieges lernen die künftigen Manager/innen in 500 Unterrichtsstunden, wie sie solch aggressiven Formen des Wettbewerbs begegnen können. Für Hochschulabsolventen kostet der Aufbaustudiengang 8900 Euro, für bereits Berufstätige – mit fünf Jahren Erfahrung in ihrem Metier – knapp 11000 Euro. Drei Plätze sind für deutsche Bewerber reserviert; gute französische Sprachkenntnisse sind allerdings unerlässlich.
Für Kauffer hat die Bekämpfung der Desinformation auch eine gesellschaftliche Dimension, die über den Schaden für die betroffenen Unternehmen weit hinausgeht. Wenn sich Pharmaunternehmen etwa darin überbieten, gegenseitig ihre Produkte schlecht zu reden, ist damit nichts gewonnen: Am Ende ist die ganze Pharmaindustrie in Verruf geraten. Wenn die Öffentlichkeit übers Internet mit Informationen bombardiert wird, die sich widersprechen, wissen die Leute letztlich nicht mehr, wem sie noch glauben können – sie verlieren das Vertrauen in alle. „Das kann verheerende Konsequenzen für die Demokratie haben“, sagt Kauffer. „Wir sagen den Studenten auch, dass es notwendig ist, diesen Prozess zu kontrollieren.“
Ob das gelingen kann? „Ich bin Optimist“, sagt Rémi Kauffer. Er glaube, dass die Menschen zur Einsicht fähig sind. Das habe schon das Ende des Kalten Krieges gezeigt.

2004-12-27 by Cornelia Schaible , Detroit

Text: ©Cornelia Schaible

Foto "Werkzeugkrieg": ©Peter Hölscher

Weitere Informationen: École de guerre économique (EGE)

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