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Studiengebühren Pro und Contra III

Contra: Die Kinder aus Facharbeiterfamilien fallen durch den Rost


Interview mit Dr. Eva-Maria Stange, ehemalige Vorsitzende der Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft
Die Fragen stellte Angelika Petrich-Hornetz

Am 26.01.2005 entschied das Bundesverfassungsgericht über die 6. Novelle des Hochschulrahmengesetzes. Das bis dahin geltende bundesweite Verbot von Studiengebühren ist nichtig. Einige Bundesländer planen Studiengebühren einzuführen, andere nicht. Wir baten Gegner und Befürworter von Studiengebühren um eine Stellungnahme und Einschätzung.
Unsere erste Gesprächspartnerin ist Dr. Eva-Maria Stange, die Vorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), in der Lehrer, Erzieher, Hochschullehrer u.a. aus allen Bildungsbereichen organisiert sind.

Wirtschaftswetter : Frau Dr. Stange, Sie sind promovierte Physikdidaktikerin. Wo haben Sie studiert, und wie erging es Ihnen als Studentin mit oder ohne Studiengebühren?
Dr. Eva-Maria Stange: Ich habe von 1975 bis 1979 in Dresden an der Pädagogischen Hochschule studiert. Ich musste keine Gebühren bezahlen, habe aber ein Stipendium erhalten, was für die meisten Studenten der Fall war.

Wirtschaftswetter : In seinem Urteil verneinte das Bundesverfassungsgericht die Gefahr von ungleichen Lebensverhältnissen durch die Einführung von Studiengebühren in einzelnen Bundesländern, zumindest nicht zum jetzigen Zeitpunkt. Wird sich das ändern?
Dr. Eva-Maria Stange: Die Lebensverhältnisse sind heute schon sehr unterschiedlich, wenn ich an die Mieten in München oder Greifswald denke. Diese Situation wird sich verschärfen, wenn einzelne Bundesländer oder Hochschulen zusätzlich Gebühren für das Studium erheben. Schon heute müssen 70 Prozent der Studierenden für ihren Lebensunterhalt jobben. Dieser Anteil und die Zeit dafür werden sich regional unterschiedlich erhöhen.

Wirtschaftswetter : Die gebührenerhebenden Bundesländer wollen Stipendien und Hilfen für Studenten einführen, die sich die Gebühren nicht leisten können. Wie weit sind diese Pläne?
Dr. Eva-Maria Stange: Nach meiner Kenntnis hat noch kein Bundesland konkrete Pläne zur sozialen Abfederung der Gebühren entwickelt. Baden-Württemberg und Bayern haben jetzt absurderweise die Bundesregierung aufgefordert, das Bafög aufzustocken. Die Länder wollen kassieren und der Bund soll bezahlen - das ist absolut widersinnig.

Wirtschaftswetter : Politik und Wirtschaft sprechen permanent von Hilfen für Einkommensschwache. Wie sieht es in den mittelständischen Familien aus, können sie sich die Studiengebühren ihrer Kinder leisten?
Dr. Eva-Maria Stange: Hier sehe ich das größte Problem bei der Einführung von Gebühren, was auch Untersuchungen in Amerika oder Australien zeigen. Die wirklich sozial Schwachen werden ev. durch Stipendien abgefangen, aber die Kinder aus Facharbeiterfamilien fallen durch den Rost: Die Eltern verdienen noch zu viel für staatliche Unterstützung, aber zu wenig, um den Kindern ein Studium finanzieren zu können. Sie werden am ehesten die Abwägung Studium oder Berufsausbildung zugunsten der letzteren entscheiden. Man darf ja nicht vergessen, dass während des Studiums auch Einkommen über mehrere Jahre verloren geht. Trotzdem müssen der Lebensunterhalt, die Wohnung, die Studienmaterialien und jetzt auch noch die Gebühr bezahlt werden. Das ist durch einen Nebenjob ohne Unterstützung durch die Eltern nicht zu schaffen. Die eigentlichen Verlierer bei der Gebührenfrage sind die Mittelschichtskinder.

Wirtschaftswetter : Welche langfristigen, gesellschaftspolitischen Folgen erwarten Sie?
Dr. Eva-Maria Stange: Wir werden mit großer Sicherheit ähnlich wie in Österreich einen Einbruch bei den Studienanfängern erleben, ev. sogar Studienabbrüche. Das ist gesellschaftlich fatal, da wir in Deutschland ohnehin mit weniger als 20 Prozent zu wenig Hochschulabsolventen haben, wenn man die vergleichbaren Industriestaaten betrachtet. Doch damit nicht genug. Durch die ungünstige demographische Entwicklung und den erhöhten Bedarf der Arbeitswelt an qualifizierten Menschen müssten eigentlich noch deutlich mehr junge Menschen den Weg in die Hochschulen finden. Heute sind es gerade einmal 38 Prozent. Im Durchschnitt der OECD: 51 Prozent.
Die soziale Schieflage in der Gesellschaft wird sich weiter verschärfen. Es gibt kein anderes Industrieland - das hat PISA deutlich nachgewiesen - in dem der Bildungserfolg derart vom Geldbeutel der Eltern abhängt wie in Deutschland. Das beginnt in den Kitas, geht über die Schulen bis in die Hochschulen und in die Weiterbildung. Es werden ja nicht nur Gebühren für das Studium erhoben, sondern auch die Kita-Gebühren steigen, die Lernmittelfreiheit wird ausgehöhlt, für berufliche Bildung muss teilweise bezahlt werden usw. Statt alle Potenziale der Gesellschaft maximal zu fördern, werden die sozial Schwachen, Migranten und zunehmend auch die Mittelschichtskinder abgehängt.

Wirtschaftswetter :Man hörte in allen Bildungsdiskussionen bisher immer so viel von den erfolgreichen Modellen in Finnland. Haben Sie Informationen für unsere Leser, welches erfolgreiche Modell denn nun die Finnen in ihren Hochschulen praktizieren?
Dr. Eva-Maria Stange: Die Finnen haben ein Bildungssystem, das dem Motto folgt: Keinen zurücklassen, jeden mitnehmen. Das ist ein soziales Grundmodell, das die Bildung der Kinder zu einem wertvollen Schatz erklärt. Daraus resultiert, dass die individuelle Förderung unabhängig von der sozialen Herkunft sehr früh beginnt und Bildungsbarrieren niedrig gehalten werden. So bekommen 70 Prozent der jungen Menschen die Chance ein Hochschulstudium aufzunehmen. Hochschüler über 20 erhalten mindestens 106 Euro monatlich, wenn sie bei ihren Eltern leben, anderenfalls 259 Euro. Dazu übernimmt der Staat 80 Prozent der Wohnkosten. Zusätzlich können sie ein Darlehen von bis zu 220 Euro monatlich aufnehmen. Die Förderdauer beträgt insgesamt maximal 70 Monate. Verbleibende Ansprüche können für weitere Ausbildung eingesetzt werden. Das System kennt wie in allen skandinavischen Ländern keine Hochschulgebühren.

Wirtschaftswetter: Frau Dr. Stange, vielen Dank für dieses E-Gespräch.

2005-01-28 von Angelika Petrich-Hornetz
Text: ©Angelika Petrich-Hornetz und Gesprächspartnerin Dr. Eva-Maria Stange
Schlussredaktion: Ellen Heidböhmer

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