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Studiengebühren Pro und Contra V

Contra: Studiengebühren wären ein Integrationshindernis


Interview mit Özcan Mutlu, bildungspolitischer Sprecher von Bündnis 90/Die Grünen und Mitglied des Innenausschusses für Integration und Migrationspolitik im Berliner Landtag.
von Angelika Petrich-Hornetz

Am 26.01.2005 entschied das Bundesverfassungsgericht über die 6. Novelle des Hochschulrahmengesetzes. Das bis dahin geltende bundesweite Verbot von Studiengebühren ist nichtig. Einige Bundesländer planen Studiengebühren einzuführen, andere nicht. Wir baten Gegner und Befürworter von Studiengebühren um eine Stellungnahme und Einschätzung.
Unser dritter Gesprächspartner ist Özcan Mutlu, bildungspolitischer Sprecher von Bündnis 90/Die Grünen im Berliner Landtag.

Wirtschaftswetter : Herr Mutlu, Sie haben in Berlin studiert. Wie wären Sie als Student zurechtgekommen, wenn es damals schon Studiengebühren gegeben hätte?
Özcan Mutlu: Als Kind einer klassischen Arbeiterfamilie, wäre es für mich sicherlich viel schwieriger gewesen. Ob sich meine Eltern den Luxus eines Studiums für mich und meine vier Geschwister geleistet hätten, wage ich zu bezweifeln!

Wirtschaftswetter : Welche Auswirkungen wird die Einführung von Studiengebühren in einzelnen Bundesländern auf die Integrations- und Migrationspolitik in Deutschland haben?
Özcan Mutlu: Alle reden von Integration, Studiengebühren wären ein Integrationshindernis, weil sich viele Migrantenfamilien auf Grund ihrer sozio-ökonomischen Lage ein Studium ihrer Kinder nicht leisten könnten.

Wirtschaftswetter : In der Diskussion um die Modelle für Studiengebühren geht man ausschließlich von gegenwärtigen und zukünftigen Studenten aus. Halten Sie ein Modell für denkbar, das auch ehemalige Studenten und jetzt Berufstätige einbezieht, die in den Genuss eines kostenlosen Studiums kamen?
Özcan Mutlu: Ich könnte mir derartige Modelle durchaus vorstellen, allerdings müssten man sie sich im Detail anschauen. Der Leitgedanke muss sein: Bewahrung der Chancengleichheit.

Wirtschaftswetter: Wenn es um sozialverträgliche Lösungen geht, ist die Rede häufig von "Einkommensschwachen" oder gar "bildungsfernen Schichten", wenn es sich in Wahrheit um kinderreiche Familien handelt. Ärgert Sie das?
Özcan Mutlu: Ich verstehe die Frage nicht! Wir müssen uns über kinderreiche Familien freuen und sie gezielter fördern, damit sie nicht zu den "Einkommensschwachen" oder den so genannten "bildungsfernen Schichten" gehören. Sie sind gesamtgesellschaftlich von großer Bedeutung.

Wirtschaftswetter: Die PISA-Tests mahnen immer wieder an, dass in Deutschland vor allemder familiäre Hintergrund über die Bildungschancen der Kinder entscheidet.Wenn diese Kinder es in der Schule schaffen, stehen sie demnächst vor den verschlossenen Türen der Universitäten?
Özcan Mutlu: Genau aus diesem Grund sind Studiengebühren für das erste Studium das falsche Mittel, um die bildungspolitische Katastrophe, die auf unser Land zurollt, aufzuhalten. Wer Studiengebühren einführt, hält junge Menschen aus weniger begüterten Familien vom Studieren ab. Der Zugang zu Bildung ist eine entscheidende Zukunftsfrage - für jede und jeden Einzelnen und für unsere Gesellschaft insgesamt. Wir brauchen eine deutlich höhere Studienanfänger-Quote, diese liegt mit 36 Prozent weit unter dem OECD-Durchschnitt von 51 Prozent. Die notwendige Steigerung der Quote wird nur gelingen, wenn wir junge Menschen fördern - anstatt sie mit Studiengebühren von einem Studium abzuschrecken.

Wirtschaftswetter: Sinkende Geburtenzahlen - leerer werdende Kindergärten - sinkende Schüler - und Studentenzahlen: Wie zeitgemäß sind Studiengebühren in ein paar Jahren?
Özcan Mutlu: Vor diesem Hintergrund bleiben wir dabei: Auch in Zeiten knapper Kassen muss das Erststudium bis zum Master oder Diplom gebührenfrei bleiben.

Wirtschaftswetter: Herr Mutlu, vielen Dank für dieses E-Gespräch.

2005-02-17 von Angelika Petrich-Hornetz
Text: ©Angelika Petrich-Hornetz und Gesprächspartner Özcan Mutlu
Schlussredaktion, Korrektorat: Ellen Heidböhmer

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