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Girlsday

von Angelika Petrich-Hornetz

Warum einmal im Jahr der Girlsday wirklich stattfindet

Einmal im Jahr sollen vor allem die technischen und naturwissentschaftlichen Berufe den Mädels näher gebracht werden. Es gibt immer noch viel zu wenige Frauen, die sich an den Universitäten und Fachhochschulen für die Fächer Informatik, Elektrotechnik oder Maschinebau einschreiben und viel zu wenige Wirtschaftsingieurinnen, Forscherinnen. Auch das Handwerk hat einen deutlichen Frauenmangel. Sie finden kaum eine Klempnerin, selten eine Elektrikerin und Zimmerfrauen können Sie in Deutschland noch mit der Lupe suchen. Doch es sind nicht in erster Linie die armen Mädchen und die armen Frauen, denen geholfen werden muss. Es ist zwar durchaus richtig, ihnen Berufe schmackhafter zu machen, die ihnen jahrhunderlang vorenthalten wurden. In Wirklichkeit sind es jedoch die gewerblichen, technischen und naturwissenschaftlichen Branchen, denen geholfen werden muss, weil sie verlieren, wenn sie zu wenige Frauen beschäftigen.

In einem Baumarkt suche ich Material für zum Renovieren - das Übliche: Wandfarbe, Lacke und noch ein paar Kleinigkeiten, auf dem Weg durch die lange Halle fallen noch weitere nützliche Dinge in den Einkaufswagen und werden Teppichböden und Türklinken eingehend inspiziert - man könnte ja wieder kommen. Auf der Fahndung nach kleineren Mengen Spachtel und Gips komme ich dann doch nicht weiter und frage einen Verkäufer, der sagt: Da hinten irgendwo. Aha.

Dahinten irgendwo werde ich fündig. Doch, wo gibts nun Lacke und ein Pinsel? Und eine Rolle muss auch noch her, sowie etwas zum Abkleben. Ein zweiter Verkäufer sagt: Da hinten irgendwo. Inzwischen bin ich schon eine halbe Stunde in dem Laden unterwegs. Anderes Ende der Halle. Da hinten irgendwo ist das Sortiment groß, doch ich habe seltenes Glück. Das Unternehmen bildet aus, und zwar ein Mädchen. Ich trage ihr vor, was ich brauche. Sie hört sich die ganze (!) Liste an, nickt, lächelt und sagt bestimmt. "Na, dann kommse mal mit". Ich hab Mühe, mitzuhalten, so schnell, wie sie um die Regale saust. Innerhalb von fünfzehn Minuten habe ich alles zusammen, was ich brauche, wirklich alles. Das passiert mir nicht zum ersten Mal mit weiblichen Auszubildenden in sonst eher frauenfernen Branchen. Ein Hoch auf die Jugend!

Noch ein Beispiel? Vor ein paar Jahren: In einem PC-Fachgeschäft. Es fehlte ein Kabel, ein ganz bestimmtes Kabel, und zwar das magische, dass mich wieder ans Netz bringen soll. Das alte hatte seinen Geist aufgegeben. Der Laden ist voll mit männlichen Kunden und männlichen Verkäufern. Man interessiert sich nicht für mich, bis auf neugierige Blicke, als ich den Laden betrete - um sich dann wieder wesentlich wichtigeren Dingen und Kunden zuzuwenden. Ab und zu guckt man noch mal auf diesen exotischen Kunden, weil Frau und Technik, bei vielen Männern bedeutet das nicht erst seit Larry Summers: passt nicht zusammen Na gut, ich weiß ja, was ich brauche und offenbar ist dies ein Selbsbedienungsgeschäft, sofern Bedarf an Kleinteilen besteht. Nach ein paar Minuten der erfolglosen Selbstsuche, spricht mich plötzlich jemand sehr nett von der Seite an. Eine Auszubildende! Welch ein Glück! Sie fragt, ob ich das alte Kabel dabei habe. Selbstverständlich! Sie schaut es sich genau an, greift ein Kästchen aus zweihunderfünfzig anderen Kästchen und hält mir das gesuchte Stück unter die Nase. Ich hoffe, sie bekommt ein sehr gutes Zeugnis - ein paar Stunden später, zu Hause angekommen, lief mein Anschluss wieder wie am Schnürchen (damals, als man noch das Modem benutzte)

Der Girls-Day ist ein Tag, der nicht nur Mädchen für Technik, sondern die Technik für Mädchen interessieren sollte. Das zahlt sich für die Wirtschaft in in Euro und Cent aus. Es gibt zwar hier und da unterschiedliche Präferenzen, doch so groß, wie stets bemüht, sind die Unterschiede zwischen Mädchen und Jungs gar nicht. Wenn, dann sind sie höchstens interessant - für den Anbieter. Frauen kaufen z.B. immer mehr online. Sie shoppen virtuell. Seit ein paar Jahren ist es immerhin ausschließlich die Online-Sparte, die im Einzelhandel noch zulegen konnte und der Branche Zuwächse beschert.

Auch Heimwerken wird immer mehr zur weiblichen Passion. Wer kann oder will ständig einen handwerklich geschickten Kerl suchen, wenns auch in Eigenregie geht? Das freut sie, und das freut aber auch immer mehr ihn, wenn er sich nicht fortlaufend um jeden Nagel in der Wand höchstpersönlich kümmern muss. Genau da, fürs gemischte Publikum, ist in eingeschlechtlich erstarrten Branchen das jeweils andere Geschlecht einfach goldwert, weil es die Stimmung auflockert und andere Zielgruppen anspricht. Mädchen und Frauen in Männerberufen bedienen sachlich, freundlich, ja fast liebenswürdig und gleichzeitig unaufdringlich. (Wer kennt sie nicht, die unangeforderten sowie ellenlangen Vorträge von "Experten"? Als technisch oder handwerklich interessierte Frau versucht man schon aus Zeitmangel geschickt vor ihnen auszubüxen.)

Stellen Sie weibliche Auszubildende ein und schieben Sie die Studentinnen in die naturwissenschafftlichen Studiengänge, auch wenn mancher Student, wie kürzlich in einer Tageszeitung, öffentlich verkündete, dass er es gut findet, in seinem Studiengang nur unter Männern zu sein, da gäbe man sich angeblich kameradschaftlicher. Seine Auffassung von Kameradschaft dürfte, vorsichtig gesagt, von vorgestern sein. Doch gerade solche Muffel - beileibe, die gibts natürlich auch beim anderen Geschlecht - vergraulen die Kolleginnen, die (weibliche UND männliche) Kundschaft und die jungen Mädchen - und das sind die neuen potentiellen Kolleginnen und Kundinnen. Vielleicht haben wir Glück, wenn die Demografie erst einmal kräftig Alarm läutet, besinnt man sich darauf, dass Frauen schon sehr früh, nämlich in den Neunziger Jahren 80 Prozent aller Kaufentscheidungen im privaten Bereich verantworteten, Tendenz steigend - auch beim technischen Equipment.

Das ist der eigentliche Sinne des Girls-Day: Den Girls fehlt nicht die Technik. Der Technik fehlen die Girls. Diese Branchen müssen frauenfreundlicher werden. Deren männliche Kundschaft ist längst nicht mehr unter sich, auch wenn sich o.g. Studenten nach den "guten, alten Zeiten" zurücksehnen mag. Und schon jetzt - auch mit wenigen Girls - könnte er eines Tages eine Chefin haben. Was macht er dann? Kameradschaftlich am Stuhl sägen oder sich daran gewöhnen, dass Kameraden, Mitstudenten, Arbeitskollegen unter Umständen auch weiblich sein könnten?

Vielleicht muss der Girls-Day auch solchen Jungs ein Angebot machen? Manche wissen immer noch nicht, dass Frauen in erster Linie nichts anderes als Menschen und damit weibliche Elektroingenieure nichts anderes als Elektroingenieure sind.

Solange das eine Gesellschaft nicht intus hat, wird sich so manches Girl eine "kameradschaftlichere", nämlich eine frauenfreundlichere Umgebung suchen und wird Friseur - die Branche, die immerhin die zufriedensten Mitarbeiter vorzuweisen hat, wie eine Studie kürzlich ergab - oder sie geht in die Gesundheitsbranche, mit über 70 Prozent ein vorwiegend weibliches Umfeld. Die Menge machts, sie bestimmt die Atmosphäre in einer Branche und auf dem Markt. Umgekehrt funktioniert das Prinzip übrigens genauso. Es gibt männliche Kindergärtner, die es langsam satt haben, ständig erläutern zu müssen, warum sie sich - als Mann - einen solchen aufopferngsvollen Beruf ausgesucht haben. Das fragen sich diese Männer wohl langsam auch, allerdings nicht, weil ihnen der Beruf keine Freude bereitete, sondern weils sie es leid sind, als Exot in einer Frauendomäne angestarrt zu werden.

Weitere Informationen: Girls Day

2005-04-28 by Angelika Petrich-Hornetz
Text: ©Angelika Petrich-Hornetz
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