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Zwanzig Fragen zum Frühstück

Wahlfreiheit wird groß geschrieben in den USA – zumindest im Restaurant

von Cornelia Schaible

Fischgericht 1 In Deutschland gibt es immer noch Restaurants, die ihren Gästen mit einem Aufpreis drohen, wenn diese mutwillig das Menü ändern. Undenkbar in den USA – hier hat man allenfalls die Qual der Beilagenwahl. Und es stellt sich die Frage, ob der hungrige Gast dem langwierigen Frage- und Antwortspiel mit einer amerikanischen Bedienung gewachsen ist, ohne nebenher die Tischdekoration anzuknabbern. Kleiner Tipp: Vor dem Restaurantbesuch einen Bissen essen. Wer sich fürs unvermeidliche Interview zu schwach fühlt, sollte am besten gleich zu Hause bleiben und den Kühlschrank plündern.

Oder zumindest keinen Fisch bestellen. Lieber ein Steak, da stellt sich nur die Frage nach dem Garzustand. Bei einem Fischgericht holt die Bedienung, die sich mit Vornamen vorgestellt hat und erwartungsvoll den Block zückt, erst einmal ganz tief Luft. „Gebraten, paniert und fritiert, gegrillt oder gewürzt nach Cajun Art?“ Kurzes Nachdenken – gegrillt. Sie notiert und fährt fort: „Reis oder Kartoffeln?“ Hm. Kartoffeln. Die Bedienung, sie heißt Betsy, lächelt aufmunternd. „Gebackene Kartoffel in der Folie, Bratkartoffeln, Fritten oder Kartoffelbrei?“ Nun, Fritten sind ungesund, Kartoffelbrei zum Grillfisch mutet seltsam an – also eine gebackene Kartoffel, bitte. Betsy: „Mit Butter und Sauerrahm?“ Warum nicht beides. Und – ach herrje, beim Essen ist auch noch ein Salat dabei. „Möchten Sie Haus-Dressing, Ranch, Blue Cheese oder Himbeer?“

Fischgericht 2Der Gast seufzt und nennt irgendwas, damit endlich Schluss ist mit der elenden Fragerei. Und für einen kurzen Moment wünscht er sich, dass der Küchenchef die Beilagen bestimmt – gegessen wird, was auf den Tisch kommt. Wie in vielen deutschen Lokalen, wo man unter dem Motto „Gepflegte Gastlichkeit“ auf Speisekarten nicht selten Sätze finden kann wie: „Bei einer Umbestellung auf Bratkartoffeln berechnen wir einen Aufschlag von 1 Euro.“ Oder die kategorische Drohung: „Beilagenänderung 0,60 Euro.“ Mitunter wird der Gast ausführlicher abserviert. „Beilagenwechsel sind ein großer Aufwand für uns und kosten deshalb auch 1 Euro“, steht auf der Karte einer „Schlossschenke“ aus dem Bayerischen. Ein großer Aufwand – weil der Koch dann in eine andere Tüte greifen muss? Oder weil die Computer-Kasse streikt, wenn man statt Kroketten eine Portion Pommes frites bestellt. Allenfalls ein Spätzle-Aufschlag im Schwabenland erscheint plausibel: Sind die Teigwaren hausgemacht und handgeschabt, ist die Zubereitung tatsächlich aufwändiger als bei anderem Drumherum.

In Amerika ist eine solche Gängelei aus der Küche undenkbar. Die Auswahl im Restaurant verwirrt oft nicht nur Touristen – auch nach einigen Jahren in den USA kann man gelegentlich noch ins Staunen geraten darüber, wie viele Zubereitungsarten für Eier es gibt. So stehen etwa im renommierten Frühstücksrestaurant „Lou Mitchell’s“ in Chicago allein 14 Sorten Omelett auf der Karte. Und was man alles dazu essen kann: Toast, Bratkartoffeln, Würstchen, Speck, Grilltomate und so fort. Auch anderswo gilt: „Man will einfach nur frühstücken – und muss dann zwanzig Fragen beantworten“, wundert sich Christian Kaiser, ein Fotograf aus Mainz, der drei Monate lang die Stadtlandschaft von Detroit mit der Kamera erkundete. Aber er gibt zu, irgendwann Gefallen an diesem Restaurant-Ritual gefunden zu haben.

Fischgericht 3Man kann daraus sogar eine Art Frühsport machen, wie sich bei einem Brunch mit einer Frauengruppe in einem Diner herausstellt: „Bitte lassen Sie die Bratkartoffeln weg, ich bin auf Atkins-Diät“, sagt die eine. Die andere hätte gerne Eier Benedikt, „aber die Sauce bitte daneben, nicht darüber, das ertrage ich nicht.“ Falls jemand dachte, die berühmte Szene aus „Harry und Sally“ – nein, nicht die mit dem vorgetäuschten Orgasmus, die mit der Apfelkuchenbestellung – sei frei erfunden, dem sei hier versichert: Das ist amerikanischer Alltag. Die blonde Sally, verkörpert von Meg Ryan, hält die Speisekarte höchstens für eine Diskussionsgrundlage. Sie hat ihre eigenen Serviervorschläge, wie folgender Dialog zeigt.

Sally: „Ich hätte gern den Chefsalat, aber Essig und Öl servieren Sie extra. Und den Apple Pie à la mode.“ Die Kellnerin notiert brav: „Chef und Apple à la mode.“ Sally weiter: „Aber den Kuchen bitte heiß, wenn’s geht, und ich will das Eis nicht oben drauf, ich will es extra. Und ich hätte gern Erdbeer- statt Vanilleeis, wenn’s geht. Wenn nicht, kein Eis, nur Schlagsahne, aber frische. Wenn sie aus der Dose kommt, gar nichts.“ Jetzt müsste die Bedienung eigentlich anfangen zu schreien, denkt sich der europäische Zuschauer. Weit gefehlt. Die Kellnerin im Film fragt bloß verdutzt: „Nicht mal Kuchen?“ Sally: „Doch, in dem Fall nur den Kuchen, aber nicht heiß.“

Verwirrte RestaurantbesucherinDie Amerikaner sind aber nicht bloß im Restaurant schleckig. Sie zeigen sich allgemein als sehr selbstbewusste Konsumenten – das gilt nicht zuletzt für den Autokauf. „Das ist wie bei Burger King“, stöhnte einmal Bill Russo, der Produktionschef bei Ford USA. „Have it your way“, heißt das Kundenkonzept beim Bulettenbrater, „Ganz, wie Sie wollen“. Diesen Anspruch hätten inzwischen auch die Autokäufer, die sich sogar ihren Pickup-Truck mit individueller Ausstattung wünschen. Zur Zeit des Firmengründers war das noch anders: Henry Ford witzelte einmal, seine Kunden könnten sich das Model T in jeder gewünschten Farbe bestellen, so lange das Schwarz sei.

Fords Konkurrenten sahen das anders, und so wurde das Straßenbilder bald farbiger. „Freiheit heißt, wählen zu können“, lautet ein wichtiger Satz in Amerika. Das politische Wahlrecht, von dem rund die Hälfte der US-Bürger keinen Gebrauch macht, kann damit kaum gemeint sein. Die Wahlfreiheit beim Konsumieren schon eher, denn Konsument ist jede/r. Sonst würde die Sandwichkette „Subway“ nicht drei Sorten Käse im Angebot halten, die bei jeder Bestellung abgefragt werden. Dass die alle gleich fade schmecken, scheint niemanden zu stören – alles Käse, aber Hauptsache, die Kunden haben die Wahl. Und sie sind so frei: Die meisten nehmen „American“. Klingt einfach patriotischer als „Swiss“ oder „Provolone“.

2005-03-26 by Cornelia Schaible
Text: © Cornelia Schaible
Illus: © Angelika Petrich-Hornetz

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