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40 Jahre deutsch-israelische Beziehungen

Was fehlt?

von Muni Poppendiek-Kritz

RegierungsgebäudeVor 40 Jahren nahmen Deutschland und Israel diplomatische Beziehungen auf. Nach langen Verhandlungen reichten sich David Ben Gurion und Konrad Adenauer die Hände. Es war der Beginn eines schwierigen Verhältnisses zwischen dem Volk, das den Holocaust zu verantworten hat und den Opfern, die vor dem Hintergrund dieser grauenhaften Verbrechen ihren eigenen Staat erlangten, einen Ort jüdischen Existenzrechtes. In den 40 Jahren haben sich in verschiedenen Bereichen enge und stabile partnerschaftliche Beziehungen entwickelt, über deren Erfolgsgeschichten man anlässlich der Festakte und Feierlichkeiten zum 40. Jahrestag gerne berichtet.

Erfolgreiche Kooperationen

Zwischen den beiden Regierungen besteht eine enge Zusammenarbeit - die Dichte und die Vielzahl politischer Besuche sind ein Zeichen dafür. Mehr als 100 Städte- und Kreispartnerschaften mit ihrem gegenseitigen Austausch zeugen ebenfalls von der engen Verbundenheit. Der deutsch-israelische Jugendaustausch gehört zu den intensivsten deutschen Jugendbegegnungsprogrammen. Die Kooperation deutscher und israelischer Wissenschaftler ist älter als die diplomatischen Beziehungen, der Grundstein wurde 1959 mit dem Besuch des damaligen Präsidenten der Max-Planck-Gesellschaft Otto Hahn im Weizmann Institut gelegt. Heute können die Wissenschaftler auf umfang- und erfolgreiche Kooperationsbeziehungen zurückblicken. Deutschland und Israel sind wichtige Handelspartner: Israelische Waren und israelisches Know-how sind in Deutschland gefragt und umgekehrt. Einen guten Überblick über die aktuellen Handelsbeziehungen zwischen den beiden Ländern gibt der Bundesgeschäftsführer der Deutsch-Israelischen Wirtschaftsvereinigung e.V., Grisha Alroi-Arloser, in folgendem Artikel: Das Parlament - Handelsbeziehungen zwischen Israel und Deutschland .

Der Erfolg der wirtschaftlichen Kooperationen wird am 22. September 2005 in Berlin gewürdigt. Die Deutsch-Israelische Wirtschaftsvereinigung e.V., die Israelisch-Deutsche Industrie- und Handelskammer und der Deutsche Industrie- und Handelskammertag sowie die Israelische Botschaft in Berlin und das Israel Trade Center veranstalten an diesem Tag den Wirtschaftstag Israel. Bundeswirtschaftsminister Clement und Israels Industrie- und Handelsminister Olmert haben gemeinsam die Schirmherrschaft für das Event übernommen und werden natürlich auch teilnehmen. Führende Vertreter aus Politik und Wirtschaft werden über die Erfolge sprechen, man wird über die Chancen und Herausforderungen der israelischen Wirtschaft und der deutsch-israelischen Wirtschaftsbeziehungen diskutieren. Darüber hinaus werden sich zahlreiche Unternehmen präsentieren, und eine Fotoausstellung soll das Bild abrunden.

Wegbereiter

Den beiden großen Staatsmännern David Ben Gurion und Konrad Adenauer gelang es, den Grundstein für eine Annäherung zwischen Deutschland und Israel zu legen. Zu dieser Dichte und Qualität der Beziehungen, wie sie heute bestehen, haben viele Menschen beigetragen; Israelis und Deutsche mit diametral entgegengesetzter Geschichte.
In Israel mussten Menschen tiefe Emotionen von Schmerz, Angst und Zweifel überwinden, um wieder auf Deutsche zugehen zu können. Allein 60 000 deutsche Juden flohen zwischen 1933 und 1939 vor dem Hass und der unvorstellbaren Grausamkeit, die sie in Deutschland erfahren hatten, nach Palästina. Als Nachgeborene empfinde ich ihnen gegenüber tiefe Dankbarkeit und Achtung für diese große psychische Anstrengung, die es für sie bedeutet haben muss, wieder mit Deutschen in einen Kontakt zu treten.
Menschen aus dem Nachkriegsdeutschland mussten sich der Vergangenheit stellen und angesichts des unendlichen Leids, das Deutsche über die deutschen und europäischen Juden gebracht hatten, versuchen, wieder eine Verständigung aufzubauen. Folgt man ihren Erzählungen, ist immer wieder die Rede von der Beklommenheit und dem Unbehagen, das sie begleitete. Respekt vor ihrer Leistung, sich auf den schwierigen Weg begeben und eine Verständigung über den Abgrund der Geschichte wieder möglich gemacht zu haben.

Frühling in Israel

Es ist selbstverständlicher geworden

Die entstandenen Partnerschaften und Beziehungen sind von großer Bedeutung, und sie funktionieren mit viel Takt und Fingerspitzengefühl. Es sind "besondere Beziehungen", die der besonderen Achtsamkeit bedürfen, sie sind ambivalent, schwierig, heikel und vielschichtig - eben nicht „normal“ und dennoch: Der Umgang miteinander ist selbstverständlicher geworden, zumindest auf den offiziellen Ebenen. Im Jubiläumsjahr wird an die Vergangenheit erinnert und werden die Erfolge gefeiert.
Und auch der private Umgang mit Israel scheint auf den ersten Blick selbstverständlicher geworden zu sein: Israelische Schriftsteller stehen in den Bücherregalen, wir genießen unbeschwert, wenn ein israelischer Starmusiker uns einen vergnüglichen Abend bereitet, und mit Falafeln stärken wir uns in der Mittagspause.

Wohin mit dem Unbehagen?

Das sollte uns aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass sich das Interesse und das Klima gegenüber Israel gewandelt haben : Die Städtepartnerschaften stagnieren, Schulpartnerschaften gehen deutlich zurück, der Jugendaustausch hat sich reduziert. Sind das nur die Auswirkungen der Intifada? Bemerkenswert ist, dass Israel in Deutschland als eines der unsympathischsten Länder gilt und, dass nicht wenige Deutsche in Israel die größte Bedrohung für den Weltfrieden sehen.

Auf einer Konzerttournee unterschrieb ein Orchestermitglied im angetrunkenen Zustand seine Hotelrechnung mit „Adolf Hitler“ - und unterschrieb damit gleichzeitig seine Kündigung. Er sei sich selbst ein Rätsel, war sein hilfloser Kommentar. Offenbar meldete sich in seiner auch für ihn selbst so unverständlichen Handlung etwas bisher Abgewehrtes, etwas, das lange im seelischen Untergrund verborgen war.
Während des Besuches einer deutschen Schulklasse in Israel erzählte eine alte Dame den Schülern von ihrer Kindheit, damals in Deutschland, in jener Kleinstadt, dem Geschäft ihrer Eltern. Aufgeregt und weinend rannte eine Schülerin hinaus. Sie hatte in den Erzählungen der alten Dame das Geschäft ihrer Eltern wieder erkannt. Die Klasse hatte gut vorbereitet ihre Reise nach Israel angetreten, eine Vorbereitung, in der die möglichen Schatten der Familien- oder Firmengeschichten ausgelassen worden waren.

Zugegeben, das sind keine alltäglichen Geschichten, und sie sind nicht repräsentativ für deutsche „Nachgeborene“ als Israelbesucher . Dennoch, in den deutsch-israelischen und den deutsch-jüdischen Beziehungen spielen Emotionen eine wichtige Rolle. Viele NS-Nachgeborene belastet die Angst vor möglichen Fehlleistungen, vor Unerwartetem, vor der Entdeckung, es könnten in ihnen noch Worte sein, „die vom Vater sind“. Eine Angst, die sich in diffusen Gefühlen von Unbehagen und Beklommenheit äußert.

Diese Gefühle hatten unsere Wegbereiter und Brückenbauer der Verständigung auch. Was hat sich verändert? Wir, die NS-Nachgeborenen brauchten Israel für die
Wiederherstellung unserer Reputation, um der Welt und uns selbst zu zeigen, dass es keine Kontinuität zwischen „Hitler- Deutschland“ und der BRD gab. Mit dem Ende des „Kalten Krieges“ sind wir eine angesehene wirtschaftliche und politische Macht im vereinten Europa geworden. Jetzt könnte uns endlich behaglich sein, aber das Unbehagen gegenüber Juden und gegenüber Israel, dem „Staat der Juden“, ist vielfach geblieben, nur die Notwendigkeit, sich dem Unbehagen zu stellen, entfällt scheinbar.

Haifa

Wohin also mit dem Unbehagen?

Stellt Israel wirklich eine Bedrohung für den Weltfrieden dar oder vielmehr eine Bedrohung für den eigenen inneren Frieden?
Der Verdacht liegt nahe, dass hier eine Verschiebung stattfindet: Das Unbehagen, das gegenüber Juden empfunden wird, passt wohl nicht mehr zum neuen Lebensgefühl im wieder angesehenen Deutschland. Es bedroht die neue Identität, also wird es zum Unbehagen erklärt, das von Israel ausgehe und angeblich den Weltfrieden bedrohe. Das noch Unberührte oder Ungelöste im eigenen Inneren löst Unbehagen aus, nicht der Weltfrieden, sondern der Frieden mit sich selbst ist dadurch bedroht.

Es geht also zukünftig in den deutsch-israelischen und deutsch-jüdischen Beziehungen auch darum, das Unbehagen wieder als das Eigene zu erkennen, es sich wieder anzueignen und sich zu fragen: Gibt es Themen aus der NS-Zeit und dem Holocaust, die angegangen werden sollten? Themen, die in den 60 Jahren seit Kriegsende noch nicht oder nicht genügend diskutiert und reflektiert wurden, vielleicht weil wir es so eilig hatten, aus dem Schatten unserer Vergangenheit herauszukommen. Was ist unberührt, unsichtbar und noch immer ungelöst liegen geblieben – in uns selbst, in der Familien- oder Firmengeschichte, der Kommunal- oder Regionalgeschichte? Sich derartiger liegengebliebener Themen anzunehmen, wäre ein zukunftsgerichtetes Handeln.

2005-06-21 by Muni Poppendiek-Kritz
Text: © Muni Poppendiek-Kritz
Fotos: © Muni Poppendiek-Kritz
Schlussredaktion: Ellen Heidböhmer

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