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Das kleine Einmaleins des Klassentreffens

Wiedersehen macht Freunde: Die Internet-Suche nach einstigen Mitschülern liegt im Trend

von Cornelia Schaible

Was wohl aus der lustigen Blonden aus der Parallelklasse geworden ist? Und aus dem bebrillten Streber, der immer in der ersten Bankreihe saß? Fragen dieser Art stellen sich offenbar viele – Online-Dienste, die den Kontakt zu ehemaligen Schulkameraden vermitteln sollen, werden hunderttausendfach in Anspruch genommen. Klassentreffen haben Hochkonjunktur.

„Bei einem Klassentreffen kommen ehemalige Schüler einer Schulklasse zusammen, um ihre Kontakte untereinander aufzufrischen und in den alten Erinnerungen zu schwelgen.“ So steht es jedenfalls in der Internet-Enzyklopädie Wikipedia. Klingt gut, stimmt aber nur zum Teil: Um rührselige Geschichten aus der Vergangenheit geht’s beim Treffen nur ganz am Rande. Ist doch alles viel zu lange her. Wer sich zu einem Klassentreffen anmeldet, will in Wirklichkeit wissen, wie weit es die anderen gebracht haben. Es ist eine Standortbestimmung: Was haben die hingekriegt – und wo bin ich?

Sonst würde man wohl kaum Hunderte von Kilometern zurücklegen, nur um Leute zu treffen, die einem zehn oder zwanzig Jahre lang herzlich egal waren. Ganz abgesehen von der Mühe, die es kostet, einstigen Klassenkameraden wieder auf die Spur zu kommen, nachdem man sich ewig nicht um sie gekümmert hat. „Bittet meldet euch schnell und zahlreich bei mir, damit wir auf unserer Klassenfete komplett sind“, las man kürzlich in einer Kleinanzeige der „Berliner Morgenpost“. Kaum anzunehmen, dass die Annonce alle Ehemaligen erreichte. Mehr Erfolg verspricht die Suche übers Internet – nein, nicht per Suchmaschine, das gibt bei Allerweltsnamen zu viele Treffer. Und jene Mitschüler/innen, die nach der Heirat den Namen des Ehepartners angenommen haben, bleiben dann sowieso verschollen. Die Internetdienste, denen sich der jüngste Klassentreffen-Boom verdankt, stützen sich bei der Suche auf ein anderes, unveränderliches Merkmal: die alte Schule.

„Jeder von uns hat im Laufe seiner Kindheit und Jugend eine oder mehrere Schulen besucht“, heißt es bei bei einem der Klassenkameraden-Such-Dienste. „Über den gemeinsam besuchten Jahrgang auf einer der rund 40.000 Schulen im In- und Ausland lassen sich die Gesuchten eindeutig identifizieren.“ Angeblich haben sich bereits über 1,6 Millionen Ehemalige bei dieser„Freunde-Suchmaschine“ eingetragen; Und in einem Konkurrenz-Suchportal, das nach dem selben Prinzip funktioniert, sind ähnlich viele Nutzer gemeldet. Der Eintrag ist jeweils kostenlos, für den Austausch von Informationen wird allerdings ein Mitgliedsbeitrag erhoben.

Klar: Es tragen sich immer nur die ein, die auch gefunden werden wollen. Die immer schon gute Kumpel waren. Und dann klopfenden Herzens zum Klassentreffen in einem netten Landgasthof gehen. Oder gar in der alten Schule, was noch aufregender ist. Wie wohl der Schwarm von damals heute aussieht? Und was ist aus dem Sitznachbarn geworden? Aber Vorsicht: Egal, wie dick die Freundschaft damals war – allzu plumpe Vertraulichkeit geht leicht daneben. „Mensch, Hans-Peter, du hast dich gar nicht verändert!“ ist ein Satz, der beim Gegenüber unter Umständen Verwirrung hervorruft – das Gedächtnis hat bekanntlich Löcher, und da rutscht so ein alter Klassenkamerad wie nix durch. Kann vorkommen, denkt man sich dann. Andere Möglichkeit: Der andere ist gar nicht Hans-Peter.

Die rundliche Blondine da hinten, das muss aber Linda sein. Huhu! Wahrscheinlich hat sie mittlerweile fünf Enkel. Und bald lächelt jeder nur noch peinlich berührt und denkt sich: Meine Güte, sind die alle alt geworden! Ob Lachfalten oder Kummerspeck, die Zeit ging an keinem spurlos vorüber. Dass der eine oder die andere den Entschluss fasste, der Natur ins Handwerk pfuschen zu lassen, trägt zum Überraschungseffekt bei. In den USA werben Schönheits-Chirurgen gezielt für die Rundumerneuerung vorm Klassentreffen – zumindest die Stirn vorher mit Botox zu plätten, scheint gang und gäbe.

Wie auch immer, jetzt ist die Stunde der Wahrheit gekommen. Die Konfrontation mit den Jahrgängern kann schmerzlich sein, vor allem für die Herren. „Der Schlüssel für ein erfolgreiches, gar triumphierendes Treffen ist das Haar“, schreibt der CBS-Kolumnist Lloyd Garver. Keine Frage: Wer als Mann noch volles Haupthaar besitzt, ist der Hit, sogar wenn er gerade Arbeitslosengeld bezieht. Und die Kahlköpfigen? Die müssen sich mit ihrem Schicksal wohl oder übel abfinden. Garver rät jedenfalls entschieden davon ab, so ein Ding aufzusetzen, „das aussieht wie Roadkill“. Jemand, der eine Glatze hat, trage diese mit Stolz.

Man sollte noch hinzufügen, dass sich außerdem das Tragen von Namenskärtchen auf jeden Fall empfiehlt. Doch selbst wenn man Jugendfreunde auf den ersten Blick erkennt, ist bei der Anrede Vorsicht geboten. „Ja schau her – die Geeeeli“ lässt die Angesprochene womöglich zusammenzucken: Sie ist eine erfolgreiche Managerin, die auch von ihren besten Freunden stets „Angelika“ genannt wird. Dasselbe gilt für Matze, Babs und Rolli – als erwachsene Menschen mögen sie ihren Namen am liebsten so, wie er im Personalausweis steht. Bloß Elisabeth nennt sich heutzutage Lisa. Sie ist aber auch Inhaberin einer schnuckligen Boutique in der Fußgängerzone einer Universitätsstadt.

Was zur alles entscheidenden Frage führt: Läuft der Laden?

Nach so langer Zeit gerät das Wiedersehen mit den Schulkameraden leicht zum Schaulaufen. Fotos werden herumgereicht: „Mein Haus, mein Auto, mein Boot.“ Dabei zeigt sich mit schöner Regelmäßigkeit, dass der schulische Notendurchschnitt nur selten ein Gradmesser für späteren Erfolg ist. Die einstige Mathe-Niete hat an der Börse ordentlich Geld gemacht, ihr Schäfchen trotz Zusammenbruchs der New Economy ins Trockene gebracht und plant nun, sich demnächst auf eine griechische Insel abzusetzen. Aus dem schüchternen Landei von einst ist eine attraktive Reiseleiterin geworden. Der Klassenclown studierte Sozialpädagogik und hat sogar eine Stelle gefunden. Und der Deutschprimus? Der hält sich irgendwie als freier Journalist und Schriftsteller über Wasser.

Überhaupt spürt man bei den meisten, dass ihr Weg nicht nur mit Erfolg gepflastert war. Das ist tröstlich. In wirtschaftlich schwierigen Zeiten sowieso. Fast alle mussten sich eingestehen, dass sie sich eigentlich mehr vorgenommen hatten im Leben, dass aber höchstwahrscheinlich vieles davon nicht mehr eintreten wird. Mittelmäßigkeit siegt. Die Erkenntnis, eine ganz gewöhnliche Existenz zu führen, kann einen hart treffen. Aber anderen geht’s genauso. Das Klassentreffen: eine Gelegenheit zum Aufarbeiten. Oder zum Abrechnen. Das ist Erzählstoff für Schriftsteller. Dann heißt die Gaststätte „Waidmannsruh“, wie im Roman „Damen und Herren“ von Dorothea Dieckmann, und draußen fällt Schnee. So etwas kann nur böse enden. Deshalb sind auch Fernsehfilme, die „Klassentreffen“ heißen, für gewöhnlich Thriller.

Die Wirklichkeit ist banaler – und viel beschaulicher. Wenn sich Menschen unter einem Motto wie „Ernte 83“ treffen, haben sie vielleicht einfach Sehnsucht nach der einstigen jugendlichen Unbekümmertheit im vertrauten Kreis. Vielleicht ergeben sich sogar neue Gemeinsamkeiten. Wiedersehen macht Freunde: Offenbar frischen nicht wenige Ehemalige die alten Kontakte wieder auf. Die Internetplattformen, die das fördern, erleben jedenfalls neuerdings einen ungeahnten Boom. Wie auf einer Seite nachzulesen ist, wurden mehr als ein Fünftel der Eintragungen in den vergangenen drei Monaten gemacht.

War die Sucherei schließlich erfolgreich, ist das allemal ein Grund zum Feiern. Wie einst. In einem Weblog heißt es über ein Klassentreffen: „ … ohjemine. Hab noch immer Kopfweh. War saulustig!“

2005-06-30 by Cornelia Schaible
Text: ©Cornelia Schaible
Banner: ©Angelika Petrich-Hornetz

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