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Blumen weisen den Weg

Das Leitsystem von Godiva von Freienthal, entwickelt für das Seniorenzentrum Regine Hildebrandt

von Angelika Petrich-Hornetz

Sonnenblumen-Wand Wenn vom Alter die Rede ist, dann taucht auch irgendwann einmal das Thema Orientierung und Desorientierung auf, letzteres ein typisches Symptom für verschiedene altersbedingte Erkrankungen, zum Beispiel, wenn die Augen schwächer werden, aber auch die Gehirnleistung. Wie können wir uns aber orientieren, wenn die Sehkraft und das Gedächtnis nachlassen? Godiva von Freienthal, hat eine Antwort auf diese Frage gefunden. Sie entwarf ein Konzept und setzte es dann gemeinsam mit den Bewohnern eines Seniorenzentrums um – ein Leistsystem, das nicht nur schön aussieht, sondern für seine Anwender einen hohen Nutzwert aufweist.

Die Menschen in Pflegeheimen

In Seniorenzentren und Seniorenpflegehäusern leben im Allgemeinen alte und hochbetagte Menschen, die mehr oder weniger auf die Unterstützung in Alltäglichkeiten angewiesen sind. Üblicherweise wird diesen Menschen nicht mehr viel Können und schon gar keine große Produktivität zugetraut, mit der Folge, dass der allgemeine Fokus fast ausschließlich auf ihre Defizite ausgerichtet ist.

Leitsysteme

Leitsysteme sollen Mitarbeiter, Besucher, Patienten, Einwohner und andere durch Kliniken, Behördengebäude und auch durch Senioreneinrichtungen führen. Die meisten Leitsysteme arbeiten mit kleinen bis mittelgroßen Hinweisschildern - häufig mit einer schwarzen Schrift auf weißem Grund und/oder kleinen Symbolen. Wie gut diese Leitsysteme funktionieren, erfährt der Besucher ohne Ortskenntnis immer dann, wenn er sich vergegenwärtigt, wie oft er trotz einem vorhandenen Leitsystem nach dem Weg fragen muss oder sich tatsächlich verläuft.

Ein neues Leitsystem im Seniorenzentrum Regine Hildebrandt in Bernau (Brandenburg)

Vor diesem Hintergrund hat die Künstlerin und Kunsttherapeutin Godiva von Freienthal ein neues System entworfen, das den Anforderungen seiner Anwender gerecht wird. Im Altbau des Zentrums sollten die Flure und die Aufenthaltsbereiche sowieso neue Anstriche bekommen und neu gestaltet werden. Von Freienthal schlug der Verwaltung vor, die Teilnehmerinnen der Malgruppen, die sie dort betreut sowie weitere Bewohner von Anfang an in die Gestaltung mit einzubeziehen und gleichzeitig ein Leitsystem zu integrieren, dessen Besonderheit darin besteht, Zahlen und Buchstaben durch Farben und Symbole zu ersetzen.

MargeritenDas Konzept, das Godiva von Freienthal entwickelte, musste diversen Anforderungen genügen. Die wichtigste davon war, dass ein neues Leitsystem vor allem lesbar für die Menschen im Haus ist, und damit ebenfalls für die Bewohner mit einer Demenz. Die Teilnehmer der Malgruppe sollten selbst die Motive und Farben vorschlagen und sie erarbeiten, wobei diese möglichst realistisch aussehen sollten. Bei der Umsetzung sollten sich außerdem viele Bewohner freiwillig beteiligen können, selbst wenn es sich nur um eine einmalige Teilnahme handelte. Die Ausführung, also die Anbringung der einzelnen Elemente an die Wände, sollte ebenfalls so weit wie möglich von den Beteiligten in Eigenleistung vollbracht werden, und auch hier allen Bewohnern des Seniorenzentrums die Möglichkeit gegeben werden, sich an der Aktion zu beteiligen, sofern sie möchten. Die einzelnen Arbeitsschritte mussten also so geplant und koordiniert werden, dass eine Teilnahme unabhängig von der Art und dem Grad des Handikaps möglich war. Eine der Arbeitsgrundlagen sollen die Vorschläge und die Kritik der Bewohner sein. Und es sollte das Prinzip gelten: Gearbeitet wird im Team.

Später zeigte sich, wie gut das Konzept in der Praxis umgesetzt werden konnte, als eine blinde Frau über mehrere Wochen aktiv beteiligt war. Ein Mann mit Chorea Huntington, einer seltenen neurologischen Erkrankung im fortgeschrittenen Stadium, konnte ebenfalls eine Weile in das Projekt integriert werden.

Aus den Anforderungen ergaben sich die konkreten Vorgaben für Material und Vorgehensweise: Die Formate mussten für alle Teilnehmer zu bewältigen sein, die Farben außerdem ungiftig, leicht zu verarbeiten und trotzdem wasserfest sowie lichtecht sein. Die meiste Zeit wird im Sitzen gearbeitet, Interessierte sind jederzeit herzlich willkommen und im Team aufzunehmen.

Die Bewohner und die Verwaltung waren nicht nur einverstanden, sondern begeistert. Die Geschäftsleiterin hatte sich bereits selbst einige Gedanken gemacht, zum Beispiel, dass es sinnvoll wäre die Wohnbereiche nach verschiedenen Blumen zu benennen. Die Berliner Politikerin Regine Hildebrandt liebte Feldblumen. Um der Namensgeberin des Seniorenzentrums die Ehre zu erweisen, entschied sich das Leitsystem-Team für Feldblumen, die von den Beteiligten ausgesucht werden sollten. Für die Bewohner des Seniorenzentrums gab es zudem endlich eine sinnvolle Aufgabe, eine, von der alle profitieren würden. Die Blumen würden gegenüber dem Fahrstuhl angebracht werden, so dass sie sofort zu sehen sind, wenn sich die Fahrstuhltür öffnete.

Von Freienthal auf der Leiter

Die Umsetzung

Die Vorschläge für die Auswahl der Feldblumen mit der entsprechenden Zuordnung der Farben wurden in der Malgruppe erarbeitet. Diese Vorschläge trug Godiva von Freienthal dann in die Besprechung der Gruppe, die für die Gestaltung der Flure und Aufenthaltsräume zuständig war. Man entschied sich für Sonnenblumen – Gelb, Klatschmohn – Rot, Kornblume – Blau und Margerite – Weiß.

Die Malertruppe strich auf Empfehlung der Kunsttherapeutin die Flure in einem verlaufenden Gelbton und die Frau für die Dekorationen brachte neue, farblich passende Gardinen an, so dass der Eindruck des Sonnenscheins unabhängig von der Wetterlage entstand. Warme Farben seien sehr wichtig für das Wohlbefinden und regten die Kommunikation an, sagt von Freienthal. „Wenn die Sonne leuchtet, ist auch der Himmel blau, das kennt jeder, und dann stören auch kleine Wölkchen nicht mehr. Alles wird freundlicher und leichter“.

Gearbeitet wurde in einer Collagetechnik. An zwei Nachmittagen pro Woche arbeitete die Gruppe mit einem Kern an festen Teilnehmerinnen. Andere Teilnehmer kamen dazu - für einen oder mehrere Nachmittage. Von Beginn an besprachen alle Beteiligten gemeinsam die Umsetzung des gesamten Unternehmens und jeder einzelnen Collage.

Es geht los

Das gesamte Team der Malgruppe besichtigte zunächst den Raum, der als erster neu gestaltet werden sollte. Mit sieben Personen ging es los, inklusive Rollstühlen und Gehhilfen - sogenannten Rollatoren, die sehr praktisch sind, da in ihnen das notwendige Schreib- und Messwerkzeug transportiert werden kann -, durch das ganz Haus, um die erste Wand zu vermessen.

Bereits auf dem Weg in den neu zu gestaltenden Wohnbereich erregte die Gruppe einiges Aufsehen, und es brauchte eine ganze Weile, bis alle Fragen, was da denn für ein „Umzug“ stattfinde, beantwortet waren. Unterwegs schlossen sich einige Damen spontan an, um zu sehen, was ihre Mitbewohnerinnen denn jetzt machen würden. Auch im Wohnbereich wurde der Umzug mit einem freudigem Hallo begrüßt und musste sich den vielen Fragen stellen. Es gab verwunderte Blicke, Freude über den zahlreichen Besuch, auch Unsicherheit. Nach einem gemeinsamen Stühle- und Tischerücken, war der Raum plötzlich voll, und eine Dame sang sogar ein Lied für alle. Die tat sie nachher öfter, wenn in diesem Wohnbereich gearbeitet wurde.

SonnenblumeEine Stunde dauert das Vermessen und Skizzieren der Wand, und dann ging es zurück ins Atelier, in den Neubau. Dort besprach die Gruppe mit Frau von Freienthal das weitere Vorgehen für die kommende Malstunde. Alte Erinnerungen wurden hervorgeholt, alte Schulbücher und Kalenderblätter nach der richtigen Form und Farbe der Blütenblätter und Blätter durchsucht. Farben wurden angemischt, für die richtigen Farbtöne. Wie wird eigentlich Grün gemischt? Welche Farbtöne sind realistisch, welche passen zusammen?

Nebenwirkungen

Beim Verarbeiten von Farben entstehen Geräusche, erläutert von Freienthal. Manche Farben sind eher deckend als andere. Andere sind mehr von lasierender Qualität, je nachdem scheint der helle Untergrund mehr oder weniger durch sie hindurch. Die Textur des Papiers oder der Leinwand, die Elastizität der Pinselhaare und –borsten, der Geruch und die Konsistenz der Farben regen beim Malen mehrere Sinne gleichzeitig an, wecken Assoziationen und rufen Erinnerungen wach.

Die Freude an der Aufgabe, das Wichtigsein, gemeinsam etwas auf die Beine zu stellen, das Ziel, zusammen etwas Großes schaffen zu wollen, förderte altes und brachliegendes Wissen zu Tage und manche Geschichte hervor, zu der die Gruppe herzlich lachen konnte, aber auch andere, über die sie weinen musste. Die beteiligen Frauen, es waren vor allem Frauen, gaben ihr Bestes und wuchsen über sich selbst hinaus.
Mit der Zeit entwickelte sich eine Gruppenidentität. Die Beteiligten begannen sich für einander zu interessieren und in Beziehung zu treten. Heute holen sich die Teilnehmerinnen, denen es möglich ist, gegenseitig ab und laden andere zum Mitmachen ein.

Der defizitär ausgerichtete Blick bei den Teilnehmerinnen und beim Personal wurde auf das gelenkt, was an Potenzial in den Einzelnen steckt und gemeinsam vollbracht werden will. Schmerzen, Traurigkeit und das Warten auf die nächste Mahlzeit wurden abgelöst durch Aktivität, Freude am Gestalten, Dazulernen und Dazugehören. Zusammengefasst: Eine sinnvolle Freizeitbeschäftigung für die Eine, wichtige Arbeit für die Andere, Ablenkung von den Schmerzen für eine Weitere und ein schönes Gruppenerlebnis sowie ein Nutzen sowie Steigerung der Lebensqualität für alle.

Fragen wie zum Beispiel: „Was mache ich wie?“, wollten beantwortet werden, forderten organisatorische Kreativität und machten auch ungewöhnlichen Ideen Platz. Wie wird zum Beispiel eine Blüte mit einem Durchmesser von 160 Zentimetern so transportiert, das weder die Ecken verknicken, gleichzeitig möglichst viele Personen in den Fahrstuhl passen und auch noch das Material zum Anbringen der Kollage bei einem Gang mitgenommen werden kann?

Leuchtend blaue KornblumeDie erste Möglichkeit, die allgemeine Belustigung hervorrief, war ein Hausesel mit Wagen. Der wäre sowieso gut für den Transport der ganzen Malsachen gewesen. Die schließlich gemeinsam gefundene Lösung: Eine Frau schob statt ihres Rollators den Rollstuhl einer zweiten Frau, eine dritte Frau den Rollstuhl einer vierten Frau. Die Frau für die Dekoration des Hauses schob eine weitere Frau mit Rollstuhl und Godiva von Freienthal schleppte die Blüte auf dem Kopf und schob den Wagen mit den Materialien. Und die sechste Frau kam mit ihrer Gehhilfe und den Malschürzen hinterher. So einfach kann es sein.

Die Küche stellte auf Anfrage Kaffee und Kuchen für die Gruppe bereit, und nachdem die Sonnenblumen installiert waren, wurde die Gruppe mit Lob und Anerkennung geradezu überschüttet – ein großer Erfolg für alle, der das Selbstbewusstsein stärkte und zu neuen Taten motivierte – und Balsam für die Seele. Niemand hatte diesen Frauen so eine Leistung und so etwas Schönes zugetraut.
Das gemeinsame Arbeiten an diesem Projekt bedeutete u.a. auch eine Auszeit von Krankheit und Verstimmung. Wer sich wichtig, gesehen, verstanden und angenommen fühlt, benötigt weniger pflegerische Aufmerksamkeit und kann das eigene Los besser tragen.

Es funktioniert

Vor ein paar Wochen bestand das noch unfertige Leitsystem seine ersten Praxis-Tests. Godiva von Freienthal wurde an verschiedenen Tagen von zwei Bewohnerinnen des Seniorenzentrums gefragt, ob sie die Damen zu ihren Zimmer geleiten könne. Beide wussten nicht, auf welcher Etage sie wohnten. Mit jeder Frau verabredete die Kunsttherapeutin, dass sie gemeinsam in den Fahrstuhl steigen, und wenn sich die Tür öffnet, sollten sie sagen, wann sie auf der richtigen Etage waren.

Mit Dame Nummer Eins fuhr Frau von Freienthal in den ersten Stock, der Fahrstuhl öffnete sich. „Ja“, sagte die Bewohnerin, „hier ist es richtig, ja, bei dieser hier, da bin ich richtig!“ Sie zeigte auf die Sonnenblumen. Eine Woche später fuhren von Freienthal und Dame Nummer Zwei auf die gleiche Art und Weise mit dem Fahrstuhl. Die Tür öffnete sich zu den Sonnenblumen, keine Reaktion, auch nicht in der zweiten Etage. Als sich die Tür im dritten Stock öffnete, fasste die Dame die Kunsttherapeutin fest am Arm: „Hier, zu den Kornblumen, da muss ich hin!“ Sie stieg aus und winkte.

Warum es funktioniert

Godiva von Freienthal vor KornblumenDie Collagen sind so groß, dass sie die gesamte Wand einnehmen und somit sehr gut sichtbar sind. Sie wirken nicht nur durch ihr Größe, sondern auch durch ihre Farben. Sollte die Farbe auch selbst nicht benannt werden können, so werden sie doch (wieder)erkannt, da jede ihre spezifische Wirkung hat und das Licht unterschiedlich reflektiert. Da in einer Blüte zudem der Duktus mehrerer Personen vorhanden ist, wirkt sie besonders lebendig und eindrucksvoll, denn alle haben schließlich soviel Kreativität und Engagement beigesteuert, wie sie nur konnten, erklärt von Freienthal den Erfolg.

Weiter sagt sie: „Blumen sind greifbar. Die meisten von uns haben schon einmal einen Feldblumenstrauß gepflückt. Blumen duften, sie leuchten in intensiven Farben. Denken Sie an den intensiven Duft erblühter Pfingstrosen oder an das leuchtende Grüngelb blühender Rapsfelder, an das Rot großer Mohnblumenflächen in Kornfeldern – man erinnert sich mit mehreren Sinnen gleichzeitig.“ Zahlen und Buchstaben hingegen seien ausschließlich kognitive Gebilde.

Das Ziel des Projekts ist die weitere Gestaltung des Seniorenzentrums und die Fortführung der Arbeiten an dem Leistsystem, damit die Feldblumen eines Tages die Menschen durch das gesamte Haus leiten werden. Wer sich für ein Leitsystem für ein anderes Haus interessiert, oder wer Pate oder Patin werden möchte, zum Beispiel für einzelne Blumen, eine Vase, einzelne Blätter oder auch eine ganze Etage im Regine-Hildebrandt-Haus, ist gern gesehen, denn wie bei vielen Projekten im sozialen Bereich sind die finanziellen Mittel sehr begrenzt.

Zur Person

Godiva von Freienthal ist Diplom Kunsttherapeutin und freischaffende Künstlerin mit eigenem Atelier. Die Basis ihrer Arbeit bildet die Wertschätzung jedes Menschen, die Arbeitsgrundlage ist eine validative: Wertschätzen, was ist. Bei diesem Projekt gaben alle Beteiligten ihr Bestes. Die Aufgabe der Kunsttherapeutin von Freienthal bestand darin, die Bewohnerrinnen und Bewohner im Nutzen ihrer Potenziale und Fähigkeiten zu unterstützen und sie dazu aufzufordern, diese zu erweitern, wobei die Fähigkeiten, möglichen Fähigkeiten und die Emotionen der Beteiligten gleichermaßen ernst genommen werden.
Kontakt:

Godiva von Freienthal

2005-07-06 by Angelika Petrich-Hornetz
Text: © Angelika Petrich-Hornetz
Leitmotive + Fotos: ©Godiva von Freienthal

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