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Notizen aus den USA

25. Folge

Der perfekte Staubsauger gegen vorschnelle Entscheidungen

von Ines Kistenbruegger

Fernseher in Wohnzimmer, stilisiert Ich gebe es ja zu, ich sehe zu viel fern. Jedenfalls während der langen Wintermonate. Nun ist mittlerweile der Sommer in Michigan eingekehrt, und ich gebe mir redlich Mühe, den Fernseher nur in Notfällen einzuschalten. Und das im wahrsten Sinne des Wortes. Michigan liegt nämlich in einem Tornado gefährdetem Gebiet. Da lohnt es sich definitiv den Fernseher einzuschalten, wenn es draußen windig oder gewitterig wird, damit man weiß, ob man nun tatsächlich die nächsten Stunden im Keller verbringen sollte. Zur Sicherheit natürlich. Glücklicherweise ist dieser Fall noch nie eingetreten. Eine wirkliche Tornado-Warnung hat es noch nicht gegeben. Das Gebiet, in dem meine kleine Familie wohnt, ist auf der Wetterkarte immer noch leicht gelb eingezeichnet und das erfordert noch nicht, regelmäßig in den Keller umzuziehen.

Manchmal habe ich mir vorgelogen, den Fernseher nur einzuschalten, um ein paar Nachrichten zu sehen. Seit dem ich allerdings bei einem Nachrichtensender (!) fünf Minuten lang über den neusten Burger einer bekannten Fast-Food-Kette aufgeklärt wurde, „Ja, er ist fettig und bestimmt nicht gesund, sieht aber unwahrscheinlich lecker und essbar aus“, hatte ich aufgehört mir vorzumachen, dass ich den Fernseher einschalte, um eine Sendung mit Informationswert serviert zu bekommen. Somit glotzte ich eben einfach nur das, was gerade irgendwie spannend aussah oder auch nur das, was nicht wiederholt wurde. Hat man so viel TV gesehen, wie ich in den letzten Monaten, dann kennt man dank dieser zahlreichen Wiederholungen nahezu alles, was aktuell läuft. Es ist fast unmöglich, eine Sendung nicht doppelt gesehen zu haben. Das macht es jetzt besonders einfach, den Fernseher NICHT einzuschalten. Denn während der Sommermonate läuft nun auch garantiert im Abendprogramm nichts Unwiederholtes mehr, wo zuvor wenigstens neue Serien zu bestaunen waren.

Was mir besonders auffielt, ist die Werbung. In Amerika wird seltener für Joghurt, Bonbons und deren angeblich gesundheitlich positive Effekte geworben, dafür wesentlich mehr für Medikamente, Anwälte und Arzt- und Krankenhauspraxen. Die Kaubonbon-Werbungen sind auf beiden Kontinenten gleich - gleich nervtötend. Meine Lieblingswerbung hingegen dreht sich um einen Staubsauger. Es sollte an dieser Stelle nicht unerwähnt bleiben, dass ich mit Staubsaugern hier in den USA auf dem Kriegsfuß stehe. Ich besitze bereits zwei. Einen teuren für 200 Dollar, der immer umfällt – natürlich immer auf den Aus-Knopf - wenn ich um die Kurve damit fahre und dessen Saugschlauch beim Richtungswechsel immer so abknickt, dass er nun wirklich nicht mehr saugt, und einen billigeren, der sogar ohne Staubsaugerbeutel funktioniert. „Beutellos“, hatte ich beim Kauf gedacht: „Wie praktisch.“ Allerdings war ich nur so lange begeistert von beutellos, bis ich bemerkte, dass man tatsächlich den Auffangbehälter fast nach jedem Saugen leeren musste. Und selbst trotz regelmäßiger Reinigung haben sich die Filter so zugesetzt, dass sich nun fast gar nichts mehr mit diesem Staubsauger vom Boden entfernen lässt. Da kam diese Werbung also gerade zur rechten Zeit.

Diese Werbung geht ungefähr folgendermaßen. Ein Herr "Namedesprodukts", ein Mann von ca. 50 Jahren (englischer Herkunft), blickt in die Kamera und versichert den Zuschauern, dass er, als er einmal einen Staubsauger benutzen wollte, bemerkte, dass dieser ein hinderliches Problem hätte: Er würde nicht funktionieren. Alle Stausauger täten nicht funktionieren, weil sich die Filter zu leicht zusetzten. Man müsste dann gegen den Staubsauger treten oder ihn Schütteln, um die Filter freizumachen, damit das Gerät wieder saugfähig wäre. Trotzdem seien die meisten Vacuum Cleaners nach kurzer Zeit nicht mehr gut genug in Schuss, um ihren Dienst im Haushalt leisten zu können. Also habe er beschlossen, einen Staubsauger zu erfinden, der funktioniert. Nach seinen eigenen Angaben, sei ihm genau dies nach tausenden von Prototypen gelungen. Der „Namedesprodukts“ sei nun also auf dem Markt und für den Kunden kaufbar.

In einem zweiten und dritten Teil der Werbung, spricht er über Funktionsprinzip. m Inneren würde eine Zentrifugalkraft erzeugt die tausendfach höher ist als die Gravität an sich. Somit würden Staub und Dreck direkt aus der Luft entfernt. Die Filter könnten sich auf diese Weise gar nicht erst zusetzen. Weiter erzählt Herr "Namedesprodukts" davon, dass die Entwicklung des revolutionären Gerätes fünfzehn Jahre gedauert habe. Bei den Fortsetzungen zu dieser Werbung musste ich dann irgendwie doch schmunzeln, ich kann mir sehr gut vorstellen, wie der Anstoß zur Erfindung kam. Frau "Namedesprodukts" sagte eines Tages zu ihrem Mann: „Liebling, kannst Du bitte im Wohnzimmer staubsaugen, wir bekommen morgen Gäste.“ Dieser holte dann tatsächlich den Staubsauger. Nur um weniger Minuten später zu behaupten, dass mit diesem Ding, keine vernünftige Arbeit möglich wäre. Erst bräuchte es ein vernünftiges Arbeitsgerät. Wahrscheinlich ist er ein Ingenieur und machte sich direkt ans Basteln. Frau "NamedesProdukts" musste also das Wohnzimmer selbst saugen und konnte dies auch die nächsten fünfzehn Jahre alleine tun. Vielleicht ab- und zu mit diversen neuen Prototypen, die ihr Mann gerade entwickelt hatte ...

Ich kenne das von meinem Mann, auch der ist Ingenieur und ein Perfektionist, wenn er etwas nicht richtig machen kann, dann macht er es lieber gar nicht. So wird unsere Garage nicht nur neu gestrichen, sondern auch die Holzverkleidung neu gemacht sowie neue Türen und Fenster eingesetzt. So haben wir – als unsere alte Decke rissig und brüchig wurde - nicht nur eine neu verputzte Decke im Gästezimmer bekommen, sondern auch gleich Einbauschränke, Fußleisten und Deckenleisten. Unser Baby bekam nicht nur ein kleines, niedliches Zimmer, sondern zweifarbig gestrichene Wände, kindgerecht selbst gebaute oder ausgewählt,Regale und Möbel, und neue, selbst gemalte Bilder an die Wände. Somit kriegen wir keinen neuen Badezimmerschrank, solange wir nicht die Zeit finden gleich die Dusche neu zu verfliesen, die Decke neu zu verputzen, und neu zu streichen. Auch in unsere Küche wird nicht investiert, ohne neuen Boden, neue Einbauschränke, neue Steinarbeitsplatte und neue Wandverkleidungen mit einzukalkulieren. Ein zweites angebautes Badezimmer ist auch irgendwo auf unserer To-Do-List unter Priorität 22 abgelegt. Natürlich möchte mein Mann möglichst alles selber machen. Zeit finden wir dafür irgendwie nur stückchenweise.

Für Frau "Namedesprodukts" hat sich vermutlich die Geduld und Unterstützung ihres Mannes bei seiner Suche nach dem perfekten Staubsauger gelohnt. Immerhin verkauft sich ein Namedesprodukts zwischen 300 und 700 Dollar je nach Modell und Zubehör. Es ist sorgar der meistverkaufte Staubsauger in den USA. Vielleicht brauchen wir einfach alle mehr Geduld und Vertrauen, damit auch etwas richtig gemacht werden kann? In unserer sich schnell bewegenden Gesellschaft, wo der Profit von heute mehr zählt, als ein Arbeitsplatz von morgen, ein gesparter Cent dieses Jahr deutlich mehr wiegt als das Wohlergehen der Firma in zehn Jahren, da wirkt ein bisschen weniger Eile bei Entscheidungen unbedingt erholsam. Und ein bisschen Freude bei der Arbeit über ein funktionsfähiges Produkt oder Endergebnis, soll tatsächlich die Arbeitsmoral und Motivation anheben und somit eine Firma leistungsstärker und gewinnbringender machen, als nur nach dem Finanzprinzip Increase Shareholder’s Value zu arbeiten. Ich bin jedenfalls ein bisschen stolz auf meinen Angetrauten, dass alles das, was er zu Hause macht, tatsächlich auch gut ist und hält.

Ob wir uns diesen Staubsauger kaufen? Wahrscheinlich nicht, man kann ja schließlich nicht alles glauben, was in der Werbung erzählt wird. Der perfekte Staubsauger gegen vorschnelle Entscheidungen.

 

Detroit, 2005-07-01 copyright by Ines Kistenbrügger
Text: © Ines Kistenbrügger
Fotos: © Cornelia Schaible

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