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Notizen aus den USA

28. Folge

Der aufhaltsame Fortschritt spaltet ein Land

von Ines Kistenbruegger

Neulich beobachtete ich ein paar Bauarbeiter, die mit einem komischen Gerät, das ich vorher noch nie gesehen hatte, die Markierungen von der Straße wegradierten. Ich wunderte mich noch, denn genau diese Fahrbahnmarkierungen waren gerade erst ein paar Monate alt. Ob sich jemand „vermalt“ hatte? Des Rätsels Lösung ließ nicht lange auf sich warten.

Am Nachmittag wurden die neuen Markierungen aufgebracht. Mein Mann und ich jubelten laut: Ferndale bekam seinen ersten offiziellen Fahrradweg! Das ist so schön fortschrittlich, das wir Amerikaner eigentlich vor Glück weinen sollten. Eine Sensation sollte ein Fahrradweg nun eigentlich nicht sein. Aber in der Stadt Detroit, in der Autos als das Fortbewegungsmittel Nr. 1, 2 und 3 gelten und irgendwann einmal jemand darüber geredet hat, als Nr. 4 eine Bahnlinie für den Berufspersonenverkehr in Richtung Innenstadt Detroit zu legen, sieht es nun anders aus. Busse fahren zwar, doch gibt es nur wenig Bushäuschen oder überhaupt Stehplatz an Haltestellen. So ungefähr einen Kilometer von hier befindet sich eine sehr gut getarnte Bushaltestelle. Die Menschen, die mit diesem Bus zu fahren wünschen, dürfen auf dem Grünstreifen stehen und warten. Irgendwann letzte Woche habe ich tatsächlich das Halteschild entdeckt - unauffällig an einer Straßenlaterne angebracht. Es ist wenig verwunderlich, dass die Dickleibigkeit gerade in dieser Gegend besonders verbreitet ist. Autofahren ist alles- bis nun auf in Ferndale. Hier darf man nun offiziell Fahrrad fahren. Und das, obwohl Ferndale bereits schon Bürgersteige besitzt, kommt nun auch noch der Fahrradweg dazu. Ist das nicht zu viel des Guten? Der Fahrradweg selbst ist nur etwa einen Kilometer lang, aber immerhin, ein Zeichen wurde gesetzt.

Ich hoffe sehr, die Frau und ihr Sohn, die ich vorhin auf ihrem Weg zum Spielplatz beobachtet hatte, fühlen sich angesprochen. Die Frau war so ungefähr Mitte Dreißig und so dick, dass sie sich nur noch wie eine Achtzigjährige am Krückstock fortbewegen konnte. Ihr Sohn mit einem ähnlichen Körperbau führte einen übergewichtigen Labrador an der Leine. So schlich das Trio zum Spielplatz. Zuerst ließ sich die Frau auf eine Bank fallen. Gerade dachte ich noch, dass der Sohn wahrscheinlich nun alleine spielen würde, da plumpste er auch schon neben seine Mutter auf die Bank. Er holte etwas aus der mitgebrachten Tasche, das ich zunächst für einen Ball hielt. Aha, dachte ich, da wollen die beiden nun auf der Bank sitzen und dem Hund beim Balljagen hinterher gucken. Weit gefehlt. Der Ball entpuppte sich als Snacktüte. Nur wenige Sekunden später sah ich alle drei – ja auch den Hund – gemütlich sitzen und snacken.

In der gleichen Woche, in der Ferndale seinen Fahrradweg, erhielt ich meine Green Card. Trotz aller Warnungen über jahrelange Bearbeitungszeiten musste ich nur knapp sechs Monate warten. Meine polnische Freundin, konnte nicht neidlos ihre Gratulationswünsche aussprechen, da sie selbst drei Jahre hatte warten müssen. Dieser Sommer verspricht gut zu werden. Jedenfalls für mich. Was macht es schon, dass es nun fast permanent zu heiß und feucht ist und unser Garten nun seine Transformation in einen Dschungel vollendet hat?

Meine Amerikanisierung schreitet also voran. Ich wohne nur fast zwei Jahre hier und jammere nur noch gelegentlich über „die Amerikaner“. Manchmal beschwere ich mich über die Regierung. Aber wer tut das nicht? Schade ist lediglich, dass ich mit dieser Green Card nicht automatisch wahlberechtigt bin. Mit einem dritten Bush im wählbaren Alter ist die Wahrscheinlichkeit, noch eine Amtsperiode mit einem gleichnamigen Präsidenten zu haben, noch nicht da, wo sie hingehört. Auf Null. Auch viele Frauen befinden sich nicht erst seit der Nominierung vom konservativen John G. Roberts zum Supreme Court Judge in Alarmbereitschaft. Befürchtungen, dass nun Abtreibungs-, Frauen- und andere Minderheitenrechte reduziert werden, werden laut im National Public Radio geäußert und Frauen aufgefordert, die Senatoren anzuflehen, dem entgegenzustimmen. Andere sprechen im Gegenzug bei dieser Nominierung von Fortschritt.

Mal wieder spaltet sich das Land. Digital Divide bezeichnet die Spaltung zwischen Computer-Internet-Benutzern und Nichtnutzern. Nun müssen wir den Begriff Progress Divide einführen. Diejenigen, die das Fortleben von konservativen Werten als Fortschritt deuten gegen diejenigen, die Fortschritt darin sehen, wenn ein Land sich einer ändernden Gesellschaft anpasst. Für den Fortschritt ist hier jeder. Nur welcher Fortschritt gemeint ist, bleibt offen.

Ferndale scheint für seine Bewohner und für die Gesellschaft Zeichen setzen zu wollen. Letztes Jahr wurde sich hier noch in einer Massenhochzeit symbolisch für die Anerkennung gleichgeschlechtlicher Ehen ausgesprochen. Unser Bürgermeister ist schwul. Sind wir nun progress positive oder progress negative? Folgen wir dem Trend nach alten Werten, oder bleiben wir bei fortschrittlichen Veränderungen?
Ferndale sucht die alten Werte auf andere Weise wieder und setzt dabei nicht nur aufs Fahrradfahren. So wird ein historischer Stadtkern geplant, der den jetzigen neumodischen ersetzen soll. Anhand alter Photos rückkonstruiert. Baubeginn ist nächstes Jahr. Auch mein lieber Fahrradweg zeigt sich im eigentlichen Sinne alt. Jahrelang wurden Bürgersteige und Fahrradwege ausgerottet zur Steigerung der Bequemlichkeit. Nun werden diese so langsam der Bevölkerung wieder zugeführt, um die Lebensqualität und -dauer der Bewohner zu erhöhen. Weil es eben doch ungesund ist, sich nicht zu bewegen.

Meine Oma könnte wahrscheinlich nur lachen. In Deutschland fährt sie noch immer meine Eltern mit dem Fahrrad besuchen. Neulich sagte sie: „Wenn ich einmal alt bin, dann muss ich wohl anfangen mit dem Auto zu fahren.“ Sie ist jetzt 77 Jahre. Vielleicht sollte ich sie mal nach der Definition von Fortschritt fragen?

 

Detroit, 2005-08-29 Ines Kistenbrügger
Text: © Ines Kistenbrügger
Fotos Banner: © Cornelia Schaible
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