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Der Vater des Bremer Fallturms

von Birgid Hanke

„Ich finde Türme gut. Fast alle Menschen finden Türme gut.“

So einfach klingt die Antwort von Hans-Josef Rath auf die Frage, wie er auf die Idee des Bremer Fallturms gekommen sei.
Die tatsächliche Entstehungsgeschichte dieses Bauwerks ist jedoch komplexer.
“Ich hatte einfach die richtige Idee zum richtigen Zeitpunkt und das unglaubliche Glück, hier vor Ort in Bremen auf Politiker zu treffen, die für meine Vision empfänglich und keine Bedenkenträger waren. Sie haben eben mitgezogen.“
Der Professor für Technische Mechanik und Strömungslehre sitzt im ersten Stock seines Büros im „ZARM“, dem Bremer Zentrum für angewandte Raumfahrttechnologie und Mikrogravitation, an seinem Schreibtisch. Er wippt in auf dem Stuhl und lächelt verschmitzt. Nichts erinnert in dem mit Kirschbaumpaneelen vertäfelten Raum daran, dass wir uns hier im Büro eines international bekannten Wissenschaftlers befinden. Keine deckenhohen Regale mit dicken Wälzern, nirgendwo ein Stapel sich türmender Fachzeitschriften. Auf dem Schreibtisch herrscht nicht einmal Übersichtlichkeit, sondern fast asketische Leere.
“Die Decke habe ich selbst abgehängt und das Beleuchtungssystem auch selbst installiert“, erzählt Rath stolz. „Ich muss immer was mit den Händen zu tun haben.“
Eine solide Handwerksausbildung stand auch am Beginn seiner Berufslaufbahn. Nach dem Abschluss der Volksschule begann Hans Josef Rath 1961 als Vierzehnjähriger seine dreieinhalbjährige Lehre als Stahlformenbauer in einer westfälischen Armaturenfabrik, und er wollte mehr.

Auch der Abschluss als graduierter Ingenieur der Fachrichtung Maschinenbau-und Konstruktionstechnik konnte ihn auf Dauer nicht befriedigen. Das merkte er aber erst, als er bereits in Ulm bei der AEG Telefunken in der Abteilung Luftfahrgeräte in Lohn und Brot stand. Ein wohlgesonnener Chef und Namensvetter registrierte sehr schnell die Unterforderung, ja Langeweile, des jungen Mitarbeiters. „Da hat er mich in die Bibliothek geschickt, damit ich mich weiterbilde,“ erzählt Rath noch heute voller Dankbarkeit.

Sieben Monate später immatrikulierte er sich mit 23 Jahren an der Universität Hannover in der Fachrichtung Maschinenbau. Nach vier Jahren beendete er mit dem Dipl.-Ing. diesen Studiengang. Immer noch keine dreißig Jahre, ging es für den jungen Wissenschaftler kontinuierlich weiter: Assistentenstelle, Promotion, Hauptassistent. Schließlich und endlich die Berufung zum Professor für Technische Mechanik und Strömungsslehre des Fachbereichs Produktionstechnik der Bremer Universität.Im Jahre 1981 kam Rath nach Bremen und wurde sofort Sprecher des Fachbereichs Produktionstechnik.

Fünf Jahre später kam Hans Josef Rath eine zündende Idee. Er hatte festgestellt, dass die amerikanische Shuttle viel zu selten startete, um im Weltraum häufige Experimente zu ermöglichen. Der Bedarf nach Versuchen unter Bedingungen der Schwerelosigkeit lag weltweit jedoch erheblich höher. Er begann nachzudenken, zu zeichnen und wusste eines Tages, was er wollte.
„Da habe ich mir dann eben meine Zeichnungen geschnappt und bin in das Büro des zuständigen Baudezernenten für die Bremer Universität marschiert“, erzählt Rath vergnügt.

„Helmut, habe ich gesagt, ich will einen Turm bauen.“ „Was für einen Turm ?“ habe sein Gegenüber gefragt. „Einen siebzig Meter hohen Stahlturm, um künstliche Schwerelosigkeit zu erzeugen.“ „Was ist Schwerelosigkeit ?“ „Stell dich auf deinen Schreibtisch und spring runter“, forderte Rath auf diese Frage hin den Baudezernenten auf. „Was du im Fallen für Bruchteile spürst, das ist Schwerelosigkeit.“
Der Beamte erklomm seinen Schreibtisch und sprang.
“Hans, du hast mich überzeugt“, sagte er, nachdem die Erde ihn wieder hatte. „Aber wenn wir für Bremen einen Turm bauen, dann keinen aus Stahl, sondern einen richtigen aus Beton und natürlich viel höher.“
Doppelt so hoch ist der Fallturm schließlich geworden, ragt in seiner schlanken Eleganz in die beträchtliche Höhe von 146 Metern empor und ist zum unverzichtbaren Wahrzeichen des Bremer Campus geworden.
Ganz so anekdotisch ist die Entstehungsgeschichte des Turmes nicht. Aber eine Bedarfsanalyse war so überzeugend, das die 25 Millionen Mark Investitionskosten überraschend zügig bereit gestellt waren. In Horst Rosengart fand Hans Josef Rath den Architekten, der seine Idee kongenial umsetzte.„Wir waren uns immer einig“, schwärmt der Wissenschaftler. „und sind heute privat befreundet.“

Konsequent trug Rosengart mit der Devise „die architektonische Arbeit muss dienend sein“ dem hohen Grad der Funktionalität des geplanten Bauwerks Rechnung. Einen solchen Turm gab es weltweit nicht. Experimente in künstlicher Schwerelosigkeit waren lediglich in einem 800 m tiefen Schacht der NASA in Cleveland/Ohio möglich. Im Zuge der Vorbereitungen auf die amerikanische Mondlandung hatte Wernher von Braun in der Mitte der sechziger Jahre diesen Bau voran getrieben.
“Viel zu teuer“, meint Rath dazu. „Ein Turm ist einfach billiger. Denken Sie doch nur einmal an die immensen Kosten, so eine Röhre in der Tiefe auszuschachten. Das ist wie beim Hausbau, der Kellerausbau ist immer das Teuerste.“ Ein weiteres überzeugendes Argument für den Bau des Bremer Fallturms.
Kaum zu glauben, dass seine Errichtung gerade mal einen Monat Zeit benötigte. Ermöglicht hat es das Prinzip der Gleitschalbauweise. „Man konnte förmlich zugucken, wie der Turm wuchs, denn Stahlbeton bindet ja unglaublich schnell ab, so dass man am nächsten Tag schon den nächsten Ring aufsetzen konnte.“ Torsten Lutz, im April 1989 noch Student, heute Diplomingenieur, der die wissenschaftlichen Experimente der ZARM-Betriebsgesellschaft, mit seinem technischen Knowhow betreut, bekommt immer noch leuchtende Augen.

Zuvor war Architekt Rosengart jedoch tief in die Historie seines Metiers eingedrungen. Schließlich ließ er sich von dem siebten Weltwunder, dem Leuchtturm von Alexandria, inspirieren. Dieser „kontrollierten Geometrie“ aus Quadern, Oktogonen und Kegel stellte der Antike stellte ein Pendant des Raumfahrtzeitalters gegenüber, indem er den pyramidenförmigen Sockel der Stahlhalle mit dem Zylinder des Turmes durchstieß.
“Quadrat und Kreis, geometrische Grundformen“, sagt Hans Jürgen Rath. „Man könnte auch sagen Ying und Yang, das Prinzip männlich und weiblich.“
Ein Prinzip, das auch immer wieder als Motiv in seinen Bildern auftaucht. Dem rührigen Professor, der sich selbst als Wissenschaftsmanager bezeichnet, der mehr als drei Monate im Jahr weltweit unterwegs ist, war es dann auch vor zwei Jahren gelungen, den „ 54 th International Astronautical Congress“ vom im Herbst 2003 nach Bremen zu holen. Fünf Jahre Überzeugungsarbeit, Beharrlichkeit in seiner Eigenschaft als damalige Vizeprädident der IAF (International Astronautical Federation) und immer wieder die Präsentation der Stadt Bremen in ihrer Eigenschaft als ideale Kongressstadt waren dazu erforderlich. „Dieser Kongress war mein Baby“, sagt Rath fast zärtlich in der Erinnerung an die in Rio de Janeiro im Jahre 2000 endlich erfolgten Zusage. Ein anstrengendes Baby - hatten die aufwendigen Vorbereitungen dieser Tagung den jahrelangen Nichtraucher doch wieder zum passionierten Raucher gemacht.

Dass es nicht noch mehr Zigaretten werden, dafür sorgt sein Freizeitausgleich. Schon seit Jahrzehnten gehört Hans Josef Rath ganz große Liebe dem Malen. Schon als Lehrling habe er bereits angefangen zu zeichnen und zu malen. Die Passion ging so weit, dass er kurzfristig sogar vor der Frage stand, sich zwischen Kunst oder Wissenschaft zu entscheiden. „Aber es musste eben Geld verdient werden.“

Gelebter Pragmatismus konnte die Liebe zur Kunst nicht verdrängen. Davon und von einer beeindruckenden Produktivität zeugen die unzähligen Bilder, die Wände von Raths Heim in ländlicher Idylle schmücken. Verschiedene Schaffensperioden sind deutlich auf den in den unterschiedlichsten Maltechniken und Formaten Arbeiten erkennbar. Asiatische Motive, verschlossene Buddhagesichter, filigrane Baumzeichnungen, die Urmutter oder immer wieder das der Tiger, ein Motiv, das man als Tätowierung an der Mumie einer Schamanin im chinesischen Altaigebirge entdeckte. Abstrakt und gegenständlich. Vor dem Haus gefundene Steine werden mit bunter Ölkreide gemalt. Als Exponate in der selbst gebauten Vitrine im großzügigen Wohnzimmer ausgestellt, ist ihnen ihr Ursprung als gemeiner Feldstein nicht mehr anzusehen.
Abstrakt und gegenständlich. Bleistift und Acryll und auffallend oft ganz einfacher Filzstift, mit dem Rath eine ganz eigene Punkttechnik entwickelte. „Nach zwei Stunden muss ich dann aber aufhören, denn dann flimmern mir die Augen. Spiralnebel erinnern an das Arbeitsfeld der Raumfahrttechnik. „Aber ich male keine Raumfahrtstationen oder so einen Käse.“

Gemalt in einem kleinen Atelier wird vor dem Frühstück mit der ersten Tasse Kaffee oder nach der Arbeit. „Immer wenn er verschwunden ist, brauche ich nur hier zu gucken, denn dann sitzt er hundertprozentig hier“, erzählt seine Frau, die gerade den Katalog seiner neuesten Ausstellung zusammenstellt. Vor zwei Jahren wurden die Wände in der häuslichen Galerie leer. „New worlds und cosmic dreams“, „eine Reise durch die Universen der Phantasie“ lautete der Titel einer Ausstellung, die anlässlich des Weltraumkongresses mit 87 Exponaten dessen Bremer Initiators Hans Josef Rath eröffnet worden war:
“Ich entwickele mich immer weiter, ich bleibe nicht stehen.“

Zwei große Premieren zur gleichen Zeit und zwei Hürden, waren im Jahr 2003 damit genommen. Die nächste folgte 2004: Als der Fallturm 14 Jahre alt wurde, fiel der Startschuss - beziehungsweise drückte Bundesforschungsministerin Edelgard Bulmahn den Startknopf - für eine Katapult-Anlage, mit der sich die bis zu 500 Kilogramm schweren Experimentierkapseln mit 175 Stundekilometern Richtung Turmspitze schießen lassen. Mit diesem Verfahren lässt sich die Zeit der Schwerelosigkeit für wissenschaftliche Experimente von 4,74 auf über 9 Sekunden erhöhen. Auch der Bremer Fallturm bleibt damit in einem gewissen Sinne nicht stehen. Und das ist ganz im im Sinne seines Erfinders.

Informationen zum Bremer Fallturm

Ausstattung:
Der 146 Meter hohe Fallturm für Experimente unter Schwerelosigkeit wurde 1990 eingeweiht; er ist europaweit einzigartig. Bis zu drei Mal am Tag rauscht die zylindrische Versuchskapsel aus 116 m Höhe durch das Vakuum des inneren Zylinders. Hundert Minuten dauert es, um die 1725 Kubikmeter Luft aus der Arbeitsröhre zu evakuieren. Die normale (siehe oben, Katapultanlage) „Flugdauer“ beträgt exakt 4,74 sec. In der Zeit werden die wissenschaftsrelevanten Messungen vorgenommen.
Arbeitsbereich:
Untersuchung wissenschaftlicher Problemstellungen unter Schwerelosigkeit: z.B. Oberflächenspannungskräfte oder Kapillarkräfte, Wärmeübertragung bei verschiedenen Prozessen, spezielle Strömungsvorgänge und Strukturbildungen beim Schmelzen. Außerdem Raumfahrttechnik: Bau und Betrieb von Satelliten mit den Schwerpunkten Lageerfassung und Lageregelung, Informationssysteme, Simulation der Umströmung.

Im Web: ZARM, Center of Applied Space Technology and Microgravity

2005-11-03 by Birgid Hanke
Text: © Birgid Hanke
Fotos: © ZARM

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