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Technikvisionen zum Staunen und Gruseln

Willkommen in der Hightech-Zukunft

von Annegret Handel-Kempf

Werbefläche Jüngste Meldungen aus der Hightech-Branche lassen uns staunen und schaudern: Wie sieht die Technik dominierte Alltagswelt der Zukunft aus, die teils schon zum Greifen nah ist? Und vor allem: Wie sehen wir aus, voll gepackt mit technischen Finessen, die - noch - anscheinend höchstens vor Bikini und Badehose Halt machen?

Der Ingolstädter Bekleidungshersteller Rosner beispielsweise hat zusammen mit Infineon Technologies eine Multimedia-Lifestyle-Herrenjacke entwickelt, bei der Elektronik unmittelbar mit der Kleidung verwoben ist. Sechshundert dieser Jacken gibt es bereits auf dem Markt. Wundern Sie sich also nicht, wenn Ihnen ein Herr in modischer Jacke begegnet, der wild auf seinem Ärmel herumdrückt und gleich darauf zu telefonieren beginnt. Er hat nicht etwa einen für uns unsichtbaren Hasen namens „Harvey“ zum Freund, sondern die Funktion Mobil Telefonieren per Bluetooth in sein Baumwoll-Jackett, das sich „mp3blue“ nennt, eingebaut.

Ein alltagsbewusster Mensch fahndet vermutlich als erstes nach einer Pflegeanleitung in dem hippen Teil. Immerhin müssen Waschzuber oder -maschine mit so kniffeligen Kleidungskomponenten wie elektrisch leitfähigen Stoffbahnen, die man beim Tragen angeblich nicht spürt, zurechtkommen. Diese verbinden das für Reinigungsprogramme noch schwierigere Elektronikmodul im linken Ärmel und Kopfhörer, die im Kragen angeschlossen sind, sowie ein Mikrofon, das sich ebenfalls im „mp3blue“ versteckt. Der linke Ärmel sollte am besten keinem Bügeleisen ausgesetzt werden, auch wenn Baumwolle normalerweise einiges aushält: Denn das Modul im Ärmel beherbergt einen MP3-Player mit 128 Megabyte Speicher, ein Bluetooth-Gateway, das ein Mobiltelefon ansteuert, sowie einen Akku, der die Elektronik acht Stunden lang versorgt. Bei einem Anruf wird das „mp3blue“ zum drahtlosen Headset und die Musik des MP3-Players automatisch unterbrochen.

Das sind bei weitem nicht alle Funktionen solcher so genannter Smart Clothes, die Mikrochip- und Computersysteme integriert haben, um in absehbarer Zukunft die Menschen mit ihrer Umwelt zu vernetzen: Ein paar Meter weiter begegnet Ihnen eine Touristenschar, die sich von ihrer Kleidung durch die Stadt führen lässt. Eine berufstätige Mutter eilt vorbei, die mit Hilfe ihres Kostüms ihre Hausgeräte fernsteuert.

Sie gehen weiter und begegnen einer Dame, die eine silberne Kreditkarte aus ihrem Handtäschchen zieht. Gleich danach klopft Sie Ihnen auf die Schulter und zeigt Ihnen auf der vermeintlichen Kreditkarte Ihr Konterfei, vor wenigen Sekunden aufgenommen. Derartige Miniaturkameras sind für jedermann verfügbar, seit Sony die Cybershot T7 auf den Markt gebracht hat, die auch fast so flach wie eine der vielen anderen Karten in Ihrem Portemonnaie ist. Mit ihrem Gewicht, das dem einer Tafel Schokolade gleicht, trägt die Fünf-Megapixel-Kamera, die sogar Videos dreht, auch beim Halten kaum auf.

Sie revanchieren sich, und lassen die Dame in Ihren Lieblingsaufnahmen blättern: Ein bisschen Zeit braucht es natürlich schon, die 1 500 Bilder, die Sie im Fotoalbum-Bereich Ihrer Kodak EasyShare-One Digitalen Zoomkamera mit sich tragen, anzuschauen. Aber Sie trösten die Zufallsbekanntschaft: Würden Sie richtig loslegen, schlössen Sie Ihre Kamera an ein W-LAN Funknetz an, und führten auf dem 7,6 Zentimeter Diagonal-Durchmesser großen Touchscreen auch noch Bilder aus Ihren persönlichen digitalen Fotoalben aus der Kodakgallery vor.

Ein Jugendlicher kommt vorbei, starrt auf sein Handy-Display und murmelt memorierend Goethes Faust vor sich hin, nachdem er sich den neuesten Comic papierlos reingezogen hat: Das ist in etwa die Vorstellung von Per Dalheimer, Geschäftsführer der Libri.de Internet GmbH, von der Bibliothek in der Jackentasche. Libri.de hat, mit Blick auf die schnell wachsende Verbreitung von Multimedia-Handys, eintausend deutsche und 20 000 englische Titel als eBooks verfügbar gemacht. Die elektronischen Bücher werden auf allem angezeigt, was Chips im Bauch hat und vernetzt ist, sprich, PCs, Laptops, PDAs und Handys, beziehungsweise Smartphones. Über DSL-Internet soll die elektronisch stimulierte neue Lust am Lesen schnell herunter zu laden sein.

Sie wandern durch die Straßen und begegnen Menschen, die Werbeaufschriften, etwa für Anti-Schnarchsysteme, auf ihre Stirn aufgemalt haben: Immer mehr US-Amerikaner und Kanadier bieten ihre Haut als zeitlich begrenzte oder permanente Werbefläche an. Weitere bevorzugte Stellen am Körper sind Arme, Hände und die Bäuche schwangerer Frauen. Professionell werden in Kanada bereits dauerhafte Tätowierungen mit Werbebotschaften vermittelt.

Abends besuchen Sie ein interkontinentales Klavierkonzert. Ein einsamer, anatomisch nicht auffällig gebauter Pianist greift in die Tasten. Vom Flügel erklingt ein Musikstück, das von vier Händen live gespielt wird. Die Lösung: Zwischen den beiden hierfür benötigten Künstlern, von denen nur einer zu sehen ist, liegt zwar beispielsweise der Atlantik, doch ihre Klaviere sind jeweils an das Internet angeschlossen. Die von der kanadischen Acadia Universität entwickelte Software „MusicPath“ ermöglicht eine millisekundenschnelle Übertragung der Tastenanschläge, die zeitgleich den exakt selben Ton auf den Musikinstrumenten etwa in Kanada und in Ihrem heimischen Konzertsaal erklingen lassen.

Sie gehen durch die Sicherheitskontrolle am Flughafen, und ein kleiner Chip verrät, was an Ihrem Fingerabdruck und an Ihrem Gesicht ganz individuell zu Ihnen gehört. „Golden-Reader-Tool“ (GRT) ist eine weltweit einsetzbare, standardisierte Lösung, mit der sich elektronisch lesbare Informationen zu den so genannten biometrischen Merkmalen auf kleinen kontaktlosen Speicherchips in Reisepässen speichern lassen. Ihrem Prototypen-Präsentator, dem Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) zufolge, ist das GRT das derzeit einzige Tool, in dem die Anforderungen der Internationalen Zivil-Luftfahrtorganisation ICAO umgesetzt sind.

Im Wartebereich tippt ein Geschäftsmann konzentriert eine Email direkt auf das Kaffeetischchen, auf dem wie von Geisterhand eine 24 mal elf Zentimeter große Tastatur aus Laserlicht erschienen ist. Ein Gerät, das wie ein gut gestyltes Mobiltelefon aussieht, ist bei eingeschaltetem Laserlicht hierfür verantwortlich. Keine Science Fiction, sondern bereits Realität, ist das Wirken dieses Celluon Laserkey CL-800 BT, das via Projektion eine vollwertige Tastatur in Ergänzung zu PDAs, Smartphones oder auch Design-Notebooks ersetzt. Die Bewegungen der Finger beim Laser-Tippen auf der lichten Tastatur des Celluon Laser Keyboards, das plawa-feinwerktechnik vertreibt, werden von einem Infrarot-Sensor erkannt. Ein Laser-Touchpad ersetzt die Maus.

Angekommen an Ihrem Zweitwohnsitz ziehen Sie Ihr Handy, als Sie bei der Fahrkartenkontrolle im Bus um Ihr Ticket gebeten werden: Die Nahfunk-Technik Radio Frequency Identification (RFID) hat Ihr Mobiltelefon in nicht allzu ferner Zukunft zur virtuellen Monatskarte gemacht. Datenschützern ist der Einbau von Scannern für elektronische Funketiketten in Handys allerdings nicht geheuer.

Neben Ihnen sitzt ein Passagier, der nicht einmal den Kopf hebt, als Sie ihn grüßen: In seiner Hand hält er ein Taschenkalender großes Gerät, auf dessen Display er gespannt einen Krimi verfolgt. Als nach der Hälfte der Ausstrahlungszeit bereits zu offensichtlich ist, wer der Täter ist, schaltet er sein Multimediagerät, das über Digital Video Broadcast Handheld-Übertragungsstandard (DVB-H) für digitales Fernsehen verfügt, auf Telefonfunktion um und beschwert sich beim Sender. Ein eingebauter Rekorder speichert inzwischen, was er vom Fortgang des Films versäumen könnte. Später schickt der Movie-Freund eine SMS über den Rückkanal, um einen Sitzplatz im Kino zu buchen, während er sich Trailer zum aktuellen Kinoprogramm ansieht. Natürlich fehlt auch diesem Super-Handy eine Digitalkamera nicht. Zudem ist es mit Lautsprechern für Stereosound ausgestattet - Zukunftsmusik für Ende 2006.

Auch Hilfreiches gibt es in der Technik-Zukunft zu sehen: „Ich denke, also bin ich“, und – in der neuzeitlichen Version - „bewege den Cursor eines Taschen-Computers nur mit der Kraft meiner Gedanken.“ Hierfür werden ein paar Elektroden am Kopf befestigt und die Kabel mit dem Pocket-PC verbunden. Beispielsweise ein Rollstuhl oder eine Prothese sollen dadurch gesteuert werden, dass ein Mensch intensiv an die Bewegung nach rechts oder links denkt, und der Computer den Cursor präzise in die gewünschte Richtung lenkt. Der PC hat dabei die spezifischen Änderungen der Gehirnströme durch diese Gedanken erkannt. Statt mit großen, schwerfälligen Messgeräten und Computern, ist ein solches Brain-Computer-Interface (BCI), dank des Systems von g.tec Guger Technologies OEG aus Graz, nun mit dem bislang kleinsten BCI-Gerät möglich, das weltweit das erste auf Taschen-Computer-Basis ist.

Apropos Rechner, was es da neuerdings zu entdecken gibt, ist zwischen Fantasialand und dem Trend zur Einfachheit angesiedelt: Computer sehen nicht mehr wie PCs aus, sondern erinnern manchmal eher an umgefallene Mülltonnen, buntes Lifestyle-Nippes oder Stereoanlagen und stehen sogar als digitale Unterhaltungsmaschinen im Wohnzimmer. Das Schöne: Sie werden immer billiger und bieten – beim Kauf des passenden Geräts – ganz exakt die Leistung und den Nutzen, den der jeweilige Anwender benötigt, anstelle eines erdrückenden Berges manchmal merkwürdig klingender Merkmale. Wer ein Schreibgerät will, bekommt ein Schreibgerät; wer Filme bearbeiten will, kann sich darauf konzentrieren.

Auch Eingeständnisse gibt es zu hören, die vielleicht in wirklich einfacherer Anwendbarkeit für den Laien-Nutzer münden könnten. Beispielsweise gibt Achim Berg, Vorstand Marketing T-Com, zu bedenken, dass die Drahtlostechnik WLAN für Nicht-Experten keineswegs kinderleicht zu installieren ist.

Wo gibt es noch Rückzugsmöglichkeiten von all der hoch gelobten Technik, die uns ins Haus steht? Etwa in einem Heim, das nach Art des Telekom-Hauses eingerichtet ist? Wohl kaum, auch wenn einem ein kleiner Personal Digital Assistant (PDA) dabei hilft, alle Geräte und Anwendungen intuitiv zu bedienen. Apparaturen wie das elektronische Message Board, das Family Whiteboard, auf dem im Eingangsbereich des Hauses Nachrichten in Form von Texten, Videos, SMS oder MMS hinterlassen oder abgerufen werden sollen. Zweck des Whiteboards ist es, die Pinnwand mit kleinen Notizzetteln zu Einkäufen, Erledigungen oder Nachrichten an andere Familienmitglieder zu ersetzen.
Elektroden am KopfWohin dann aber mit den liebevoll und stolz übergebenen Zeichnungen des Nachwuchses, die schließlich stets aktuell ausgestellt werden müssen? Werden sie mit Tesa aufs nächstgelegene Touchpad gepappt? Oder eingescannt und wie der Rest des Hauses elektronisch verwaltet? Immerhin lassen sich aus der zentralen Mediendatenbank Texte, Musik, Bilder und Videos in jeden gewünschten Raum des Hauses übertragen.

Schlechte Laune ist sowieso von gestern, wenn sich ein spezielles Mood-Programm darum kümmert, dass uns ein ausgewähltes Licht- und Musik-Ambiente durch verschiedene Zimmer folgt. Eine total virtuelle Welt übernimmt unsere Lebensgestaltung, fast bis in unsere nächtlichen Träume von den nächsten Technik-Visionen hinein: Von einem WLAN-Hotspot können das Licht ein- und ausgeschaltet, sowie die Jalousien hochgezogen oder heruntergelassen werden. Knippste der Hotspot eines Tages allerdings die Sonne an und aus, wüssten wir, dass wir die Realität endgültig verlassen haben und in eine Kunstwelt aus Technik-Träumen eingezogen sind.

2005-09-21 by Annegret Handel-Kempf
Text: ©Annegret Handel-Kempff
Illustrationen: ©aph

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