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Notizen aus den USA

30. Folge

Die Zeitreisende

von Ines Kistenbrügger

Es ist mal wieder Klausurenzeit. Ich lese in meinen text books und versuche so viel Wissen wie möglich in kürzester Zeit in meinen Kopf hineinzupressen. Mit einem Baby ist dies natürlich nicht einfacher geworden. Besonders nachdem meine Tochter ihren Schlafrhythmus änderte, und nun tagsüber nur noch ein Minimum schläft. Somit habe ich in die Haushaltskasse gegriffen und mir einen Babysitter gegönnt. Letzten Montag war es dann so weit. Marsha, der Babysitter stand um 12:00 Uhr mittags vor der Tür. Ich packte meine Sachen zusammen, das Buch, meinen Taschenrechner, Papier zum Schreiben, um im nächstgelegenen Café ein paar Stunden ungestört lernen zu können.

Doch meine Idee war alles andere als einzigartig und ungewöhnlich. An jedem Tisch saßen ein bis zwei Studenten in ihre Bücher vertieft und waren eifrig dabei zu lernen. Nachdem ich mir einen Cafe Latte bestellt hatte – und einen obligatorischen Schokoladenmuffin, über den mir der Mann hinter der Theke versicherte, er schmecke sehr viel besser leicht aufgewärmt, was ich aber dankend ablehnte – machte ich mich auf die Suche nach einem geeignetem Lerntisch. Hinten in der Ecke. Etwas dunkel, aber für meine Zwecke ausreichend.

Im Radio wurde gerade ein INXS Song gegeben. Seit dem INXS sich nun öffentlich in einer Reality Show einen neuen Leadsänger gesucht hatte, scheint diese Band einen neuen Boom zu erleben. Jedenfalls spielte gerade „Mystify“ und diese Art der Berieselung war genau das, was ich brauchte, um mich in das doch eher trockene Thema der Investmentstrategien zu begeben. Langweilige Definitionen zu lernen war noch nie meine Stärke. Was ist der Unterschied zwischen Money Market und Capital Market? Was sind Commercial Papers, Repurchase Agreements, Futures und Options?
Während ich also noch überlege, ob ich die Kapitel mit den Definitionen einfach lesen (20 Seiten bodenlose Langeweile) oder nur die wichtigsten Begriffe auf mein Cheat Sheet – das selbstgeschriebene Blatt, das ein netter Professor seinen Studenten während eines Tests zugesteht, um einen Black-Out entgegenzuwirken – setzen sollte. Ich entschied mich for the easy way out und schrieb mit kleinstmöglicher Schrift, die ich selbst kaum lesen konnte, die Definitionen auf das sogenannte Cheat Sheet. Hoffentlich hatte ich nicht zu viel Platz verschwendet und noch genügend Platz für all die Formeln und Graphen, die auch noch drauf sollten.

Der Radiosender hatte offensichtlich ein Oldieprogramm laufen. Es spielte nur Songs aus den End-Achtziger und Anfang-Neunziger-Jahren. David Bowie, Depeche Mode, Nirvana, Stone Temple Pilots. Oldies but Goldies hörte ich da einen bekannten norddeutschen Radiosender in meinem Kopf sagen und musste grinsen. Da dachte ich dann das erste Mal daran, dass ich meiner eigenen Gegenwart entflohen bin. Kein Kind, kein Mann, kein Job. Einfach nur ich - getarnt zwischen einem Haufen Studentinnen als Studentin. Ja, wäre da nicht auf jedem Tisch ein Laptop gewesen, oder würde nicht laufend ein Handy klingeln, dann hätte ich mich auch zehn Jahre zuvor in einem Café in Deutschland befinden können, meine persönliche Zeitreise in der Vergangenheit. Ich traf dieselben Entscheidungen und hatte auch noch denselben Lernstil: möglichst viel Hintergrundmusik, viele Notizzettel, und einen Kaffee. Okay, vor Zehn Jahren hätte ich wahrscheinlich noch einen Milchkaffee bestellt, denn einen Latte kannte ich noch nicht. Same difference. Vor zehn Jahren wäre wahrscheinlich auch die Halloween-Dekoration in Deutschland etwas spärlicher ausgefallen. Hier konnte man sich im Herbst vor Kürbissen, Hexen, Spinnen, Monstern und schwarzen Katzen kaum noch retten. Doch auch Deutschland scheint da mittlerweile aufgeholt zu haben.

Zehn Jahre sind noch gar nicht so weit weg und trotzdem hat VH1, der Fernsehsender, bereits eine „I love the 90s“-Serie herausgebracht, nach „I love the 70s“, and „I love the 80s“, merkwürdig anzugucken. Selbst die Kommentatoren, die sich in den vorangegangenen Sendungen immer wieder gerne über Wonder Woman, Saved by the Bell, Doogie Houser, absurde Getränkemoden, und Spielzeuge wie tanzende Cola-Dosen und Blumen wortreich ausließen, wissen nicht so recht was sie sagen sollen. „Erinnerst Du Dich daran, als Buffy ein großer Hit, oder Britney Spears überall zu hören war.“ „Wie? Hat sich daran etwa etwas geändert?“ Ebenso hätte diese Sendung heißen können. „Guckst du hier: So alt seid Ihr schon geworden.“ I love the 90s hinterlässt jedenfalls einen kleinen, feinen und bitteren Nachgeschmack.

take seatDa es gerade gut zum Thema passt: Für alle in Deutschland Wohnenden, die einen Einblick in die Fernsehzukunft für Deutschland haben wollen. Der Schauspieler von Doogie Houser ist gerade wieder in einer neu angelaufenen Serie zu sehen (How I met your mother) zusammen mit Alyson Hannigan von Buffy. Ebenso taucht David Boreanaz (Angel) in einer neuen Serie auf (Bones), diesmal klärt er als „Detective“ Mordfälle auf. Diese Serien zu verpassen ist allerdings auch kein großer Verlust. Ärgerlicher wäre es dann schon nicht in den Genuss einer sich schon in der zweiten Saison befindlichen Arztserie namens „House“ zu gelangen. Denn diese hat tatsächlich Witz und Charakter.

Zwei Lattes, einen Muffin, ein dreiviertel volles Cheat Sheet (nie schaffe ich es, eins voll zu kriegen und frage mich immer, wieso ich nur so klein geschrieben habe, dass ich nun eine Lupe zum Lesen brauchte) später, machte ich mich dann gut erholt, gut gelaunt und mit ein paar altbekannten Liedern im Kopf auf den Weg zurück nach Hause. Von nun an werde ich öfter einmal dem Alltag entfliehen und Spaß beim Lernen suchen.


Detroit, 2005-12-09 copyright by Ines Kistenbrügger
Text: ©Ines Kistenbrügger
Fotos: ©Cornelia Schaible und Ines Kistenbrügger

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