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Der süße Geschmack der Freiheit

Wie aus dem US-Piloten Gail Halvorsen während der Berliner Luftbrücke Onkel Wackelflügel wurde

von Cornelia Schaible

Als Junge habe er immer vom Fliegen geträumt, sagt Gail Halvorsen, der auf einer Farm im Bundesstaat Utah aufwuchs. Er wurde tatsächlich Pilot, dann kam der Krieg, und er schloss sich der US-Luftwaffe an. In der Nachkriegszeit wurde Halvorsen bei der Berliner Luftbrücke eingesetzt – und ging als „Schokoladenflieger“ in die Geschichtsbücher ein.

Gail HalvorsenDer Mann, der als „Candy Bomber“ berühmt wurde, hat eine Schwäche für deftige Hausmannskost. Beim Anblick des Kasseler Rippchens mit Kraut, das die Kellnerin seiner Tischnachbarin serviert, bekommt Gail Halvorsen sichtlich Appetit. „Oh, die haben mein Lieblingsessen“, freut sich Halvorsen, der einst als junger US-Pilot an der Berliner Luftbrücke beteiligt war. Wenn er in Deutschland sei, bestelle er das immer. Beim Deutschlehrer-Stammtisch im „Dakota Inn Rathskeller“, einem traditionsreichen Restaurant in Detroit, verzichtet er allerdings auf sein Leibgericht. Rippchen zum Abendessen – das sei ihm einfach zu viel. Und er trinkt auch kein Bier wie die meisten anderen in der Runde, sondern hat ein Saftglas vor sich stehen: „Ich bin Mormone“, erklärt Halvorsen.

Wahrscheinlich liegt es an der mäßigen Lebensweise, dass der 85-Jährige heute noch so rank und schlank ist wie auf den alten Schwarzweiß-Fotos, die den „Schokoladenflieger“ in der Uniform des US Army Air Corps zeigen. Auch das das breite Lachen von damals hat er sich bis heute bewahrt. Es braucht schon eine ordentliche Portion Humor, um überhaupt auf die Idee zu kommen, aus Taschentüchern und Bindfäden Fallschirmchen zu fabrizieren und daran Schokoladetafeln aufzuhängen. Und diese süße Fracht dann über dem zerbombten Berlin abzuwerfen, zur großen Freude der Kinder. Ohne die Vorgesetzten darüber in Kenntnis zu setzen.

Was ihn dazu bewegte, über die Versorgung der Bevölkerung mit dem Lebensnotwendigsten hinaus noch Süßigkeiten vom Himmel fallen zu lassen, hat Halvorsen wahrscheinlich schon tausend Mal erzählt. Er erzählt es beim Stammtisch der Detroiter Deutschlehrer in der „Dakota Inn“, und einen Tag später beim Frühlingstreffen der Vereinigung amerikanischer Deutschlehrer in Michigan erzählt er es wieder. Es ist das Ereignis, das sein Leben verändert hat: die Begegnung mit Berliner Kindern.

Zu Beginn der russischen Blockade im Sommer 1948 flog Halvorsen dreimal täglich von der Rhein-Main-Airbase in Frankfurt nach Berlin Tempelhof, was inklusive Abladen um die 17 Stunden in Anspruch nahm. Da blieb wenig Freizeit. Trotzdem beschloss Halvorsen, für einmal seinen Schlaf zu opfern, um die Versorgungsflüge für die Nachwelt mit der Filmkamera festzuhalten. Eines schönen Tages im Juli 1948 verwirklichte Halvorsen seinen Plan und landete als Passagier in Tempelhof. Als er sich zum Filmen der einschwebenden Maschinen an den Flughafenzaun stellte, bemerkte er eine Gruppe von Kindern außerhalb des Zaunes. Ungefähr 30 Jungen und Mädchen, die sonst die Flugzeuge zählten – jetzt beobachteten sie ihn, den amerikanischen Piloten.

Es stellte sich heraus, dass die Ältesten unter ihnen recht gut Englisch konnten; sie lernten es in der Schule. Die Kinder fragten ihm Löcher in den Bauch und wollten wissen, wie viele Säcke Mehl in ein Flugzeug passten, wie viele Tonnen Fracht insgesamt transportiert wurden und ob die Piloten wirklich frische Milch für die Kleinsten einflogen. Aber sie sagten ihm auch, dass es noch etwas Wichtigeres gebe, als genug zu essen zu haben: die Freiheit. „Damals erhielt ich eine Lektion über Prioriäten“, schreibt Gail Halvorsen in seiner Biografie „Kaugummi und Schokolade.“ Er staunte über die Reife dieser Kinder. „Sie waren mehr an der Freiheit interessiert als am Mehl.“

Was Halvorsen noch wunderte: Sie bettelten nicht um Süßigkeiten. Und so schenkte er ihnen die zwei Streifen Kaugummi, die er zufällig in der Hosentasche trug. „Wenn sie die Hände ausgestreckt hätten, dann hätten sie nichts bekommen“, erklärt er den Deutschlehrern in der „Dakota Inn“. Er habe die Kaugummistreifen dann in der Mitte durchgebrochen und an die vier kleinen Dolmetscher der Gruppe verteilt. Und trotzdem gab es keinen Streit. Weil er die enttäuschten Augen der leer Ausgegangenen nicht ertragen konnte, versprach er ihnen, beim nächsten Flug Süßigkeiten für alle mitzubringen und kurz vor der Landung abzuwerfen. Damit die Jungen und Mädchen sein Flugzeug erkennen konnten, werde er mit den Flügeln wackeln. Und so wurde aus Gail Halvorsen „Onkel Wackelflügel“, auf Englisch „Uncle Wiggly Wings“ – und eine Figur der Zeitgeschichte.

Dumm nur, dass Halvorsens Vorgesetzte von der Sache mit den Fallschirmchen aus der Zeitung erfuhren. Dass der General vor dem Kommandant wusste, dass Lieutenant Halvorsen Schokolade vom Himmel fallen ließ, machte es nicht besser. „Das gab Ärger“, sagt Halvorsen und lacht. Aber schließlich habe der General ihn unterstützt, sogar Sekretärinnen und ein Büro bereitgestellt – der „Candy Bomber“ bekam immer mehr Post von Berliner Kindern, die sich auch Schokolade wünschten. Aus Amerika kam tüchtig Nachschub, und bis zum Ende der Luftbrücke im Jahr 1949 hatten Halvorsen und seine Kollegen 23 Tonnen Süßigkeiten abgeworfen, was den Piloten und ihren Maschinen den Spitznamen „Rosinenbomber“ einbrachte. Das positive Bild, das die Deutschen von den US-Amerikanern in der Nachkriegszeit hatten, dürften sie ganz entschieden mit geprägt haben.

Einige der Kinder, die dem Schokoladepiloten Briefe geschrieben hatten, lernte Halvorsen bei späteren Besuchen in Berlin als Erwachsene kennen: darunter Mercedes Wild, deren Geschichte im Kinderbuch „Mercedes und Schokoladepilot“ von Margot Theis Raven festgehalten ist. Ein anderer Berliner Zeitzeuge, der den „Candy Bomber“ erst im Alter von 60 Jahren persönlich kennenlernte, hatte die himmlische Bescherung als ein kleines Wunder erlebt, wie es Halvorsen in einem Interview auf CNN beschreibt: '„Die Wolken hingen tief, und plötzlich kam aus einer Wolke ein Fallschirm", und landete direkt vor seinen Füßen, mit einer frischen Tafel Hershey-Schokolade aus Amerika. Er sagte, er sei so überrascht gewesen.' Halvorsen schenkte diesen Kindern mehr als Schokolade. Er gab ihnen Hoffnung.

Gail Halvorsen, der SchokoladenbomberHeute lebt Halvorsen, den seine Freunde Hal nennen, auf einer Farm in Utah – allerdings nur im Sommer, die Wintermonate verbringt er in Arizona. Der Colonel ist zwar seit 1974 im Ruhestand, aber das Fliegen hat er deswegen nicht aufgegeben; beim 50-jährigen Luftbrücken-Jubiläum war er Teil der Crew, die den Rosinenbomber „Spirit of Freedom“ über den Atlantik flog. Von Zeit zu Zeit tritt er sogar wieder als Schokoladenflieger in Aktion: 1994 warf er über Bosnien Süßigkeiten für Flüchtlinge ab; 1999 brachte er Flüchtlingskindern aus dem Kosovo Spielzeug und Schulsachen. Im vergangenen Jahr sorgte Halvorsen dafür, dass Kinder im vom Hurrikan Katrina verwüsteten Gulfport pünktlich zu Halloween Süßigkeiten erhielten – gestiftet von einem Schokoladefabrikanten in Chicago.

Den Winter 2002 konnte er allerdings nicht komplett im warmen Arizona verbringen. Bei der Eröffnung der Olympischen Spiele in seiner Heimatstadt Salt Lake City trug Halvorsen das Namensschild des wiedervereinten Deutschlands ins Stadion. Und das alles sei nur passiert, wundert er sich in seinem Buch, weil er 54 Jahre vorher zwei Stücke Kaugummi an Berliner Kinder verschenkt habe! „Wenn wir unser Leben genau so leben würden, wie wir es geplant haben“, sagt Halvorsen in der „Dakota Inn“ in Detroit, „dann würden wir sicher einige der spannendsten und lohnendsten Momente verpassen.“

2006-05-05 by Cornelia Schaible
Text + Fotos: © all rights reserved Cornelia Schaible, im Web:

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