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Das Socken-Phänomen

von Joy Fraser

Zwei Socken Wussten Sie schon, dass es ein Paralleluniversum für Socken gibt? Ein mystischer Ort, an den des Lebens müde gewordene Socken direkt aus der Waschmaschine hingebeamt werden?

Neulich verabschiedete ich mich tränenreich von einem Paar nagelneuer Socken, die ich dem hungrigen Schlund der Waschmaschine übergeben musste. Ich wusste noch nicht, welche von beiden die Reise antreten würde, war aber sicher, eine Reise würde stattfinden. Meine neuen Socken enttäuschten mich nicht. Ich fand nur den einsamen Partner wieder.

Wie kommt es, dass man eine bestimmte Anzahl gleicher Sockenpaare in die Maschine befördert, und am Ende lauter einzelne herauskommen? Nein, ich spreche nicht von denen, die der Hund geklaut und als Babys in sein Körbchen getragen hat. Oder in die herumstehenden Schuhe der Familienmitglieder verteilt. Manche Hunde nehmen das sehr ernst. Schuh und Socke sind eine Einheit im Hundegehirn, sie müssen vereint werden. Was immer der Mensch sich auch dabei denkt diese Dinge überhaupt zu benötigen. Der Hund hat verstanden und räumt auf.

Jeder Wäschekorb voller Socken stellt eine besonders traumatische Sklavenarbeit für Hausfrauen dar. Denn schließlich macht diese ganz klar die immensen geistigen Anforderungen "ihres" Jobs deutlich, während der Ehemann inzwischen die Welt durch komplizierte Computerprogramme verändert, oder einem verunfallten Kind den Kopf wieder annäht. Was bedeutet es da schon Socken zusammenlegen? Jedenfalls bekam noch niemand dafür eine Prämie oder ein Belobigungsschreiben.

Es ist eine Robotertätigkeit, die bei mehrköpfigen Familien einem nervenzerrenden Puzzle gleicht, das nie ein Ende nimmt. Auch Vergleiche mit einem Memory-Spiel kommen auf, wenn man die zweite bunte Ringelsocke schon irgendwo im Spiel gesichtet hat, sie nun aber plötzlich verschüttet ist. Das befriedigende Glücksgefühl, wenn man die beiden vereint, entschädigt für die gehirnfreie Arbeit. Der Mensch freut sich, wenn er etwas vollendet. Erfolgserlebnisse braucht jeder, und daher ist die Unmöglichkeit die Aufgabe erfolgreich zu beenden frustrierend und löst Depressionen aus.

Der werte Gatte, der den Haushalt mit männlicher Erhabenheit überblickt, wird herangezogen. Er meint, das Ganze könne nicht mystisch sein – typisch Frau so etwas zu behaupten – und macht sich sofort auf die Suche nach einer logischen Erklärung. Genau wie er uns erklärte, dass es effektiver ist alle Messer zusammen in einen der kleinen Spülmaschinenkörbe zu tun, und alle Gabeln extra. Was wären wir nur ohne der Männer knallharte Logik! Warum sind wir nicht längst selbst drauf gekommen? Wie viele Jahre haben wir vertrödelt, indem wir uneffektive Handgriffe im Haushalt anwenden? Nach dem System der Männer hätten wir nichts als Freizeit zum Romane lesen - den ganzen Tag. Abgesehen von der Zeit, die wir damit verbringen die zusammengeklebten Messer und Löffel - von ihm hineingestopft - aus der Spülmaschine mit der Hand nachzuspülen.

waschmaschinenfestoch selbst das Genie Mann kann nicht ins Sockenuniversum vordringen. Er nimmt die Waschmaschine auseinander – nichts! Allen Legenden zum Trotz, sie hat die Socken nicht gefressen. Er schaut hinter und neben die Maschine, denn im Eifer der uneffektiven Handgriffe kann es schon mal zu Fehlversuchen beim Sockenzielwerfen in die Trommel kommen. Triumphierend angelt er ein verstaubtes Exemplar aus dem Jahr 1980 aus einem Zwischenraum. „Hah!“ hallt es durch die Waschküche. Die Hausfrau schnappt nach Luft. „Was hat das mit den anderen vierzig Vermisstenopfern zu tun?“

Der Gatte gibt sich nicht so leicht geschlagen. Die Aliens entführen keine Socken und machen medizinische Experimente mit ihnen. Heroisch durchforstet er die Kinderzimmer in den dunklen gruseligen Ecken, in die nicht einmal ein Archäologe hineinzugreifen wagen würde. Nachdem er tatsächlich einen weiteren Glückstreffer gelandet hat, ist für ihn der Fall erledigt. Sherlock Holmes geht ins Wohnzimmer, die Fernbedienung misshandeln. Die Hausfrau steht wieder mit dem Problem allein da.

Dem unerklärlichen Phänomen ein Schnäppchen schlagend ging ich dazu über nur noch schwarze Socken zu kaufen. Zwar unterscheiden sie sich ein wenig durch individuelle Bündchen, doch auf diese Weise können nun einzelne Socken, deren Partner sich in Dunst aufgelöst haben, miteinander zwangsverheiratet werden, ohne dass einem Fußbetrachter auffällt, dass hier etwas nicht stimmt.

Aber was stimmt denn nun mit dem Universum nicht? Warum hat es einen unerschöpflichen Bedarf an Socken? Gibt es irgendwo einen Sockenplaneten? In einem Anfall von spontaner Fantasiebemühung, anstatt sofortiger praktischer Problemlösung, meinte mein Mann, ich solle doch die Matrix re-loaden, dann würden die Socken wieder auftauchen.

Dieser Vorschlag rangiert gleich nach der Forderung unnütz herumstehende Küchenutensilien in die Schränke zu verbannen, um stets freie Arbeitsplatten vorzeigen zu können, wie in einer Küche, in der niemand lebt. Wozu niedliche Teedosen zur Schau stellen? Die stauben doch nur ein. Und was sollen die Zierkürbisse, wenn sie niemand essen kann? Das alles ramscht nur die Küche zu. Männer lieben klare Linien, aufgeräumte Flächen, gähnende Leere, um ihren Intellekt zu entfalten. Also weg mit der Kaffeemaschine, der Keksdose, dem Toaster, dem Brotkörbchen, der völlig nutzlosen Terrakottafigur am Fenster, und was sonst noch so rumsteht und die Augen verwirrt.
Man kennt das ja. Er schleicht unschlüssig durch die Küche während sie Socken zusammenlegt.

„Haben wir noch einen Apfel für den schwer arbeitenden unterernährten Mann, dessen Frau nie kocht?“
„Ja, Schatz.“
„Wo?“
„Gleich neben dem Toaster, zwischen der Kaffeemaschine und dem großen Schneidebrett, da wo sie immer sind.“
„Ich seh’ keine Äpfel.“
„Das sind die grünen runden Dinger in der blauen Schale, Schatz, direkt vor deiner Nase.“
„Die Farbenvielfalt in dieser Küche überwältigt mich, wie kannst du in dem Chaos etwas finden?“

Zwei schwarze SockenDas leuchtet ein. Männern zumindest. Diesen Wesen, mit denen wir verheiratet sind, weil sie ihre sexy Momente haben, und die in einer Kiste voller Drillbohrer auf Anhieb das benötigte Mini-Teil erspähen. Diesen geheimnisvollen Fremden in unserem Leben, die zehn Minuten vor der Milchtüte im Kühlschrank meditieren dann ausrufen: „Verdammt, es ist keine Milch mehr da!“
Wie wäre es mit re-loaden der Matrix?
Ich erkämpfte mir das Recht die Kaffeemaschine benutzbar an der Oberfläche aufzubewahren, und als ich seine Keksdose in einem Schrank versteckte, erntete ich energischen Protest. Unsere Küche ist nun wieder voller Ramsch, und meinem Logiker gingen die Argumente zum Widersprechen aus.

Soweit zu den konstruktiven Ideen der Männer. Ich muss mich noch von der letzten konstruktiven Attacke erholen, als er meinte ich solle unsere elfhundert Plastikbehälter und Schüsseln nach Größen ordnen. Sicher muss ich nicht lang und breit erklären warum das eine, höflich ausgedrückt, bescheuerte Idee ist. Kurz gesagt: auf diese Weise stehen die Schüsseln die man täglich am meisten braucht, immer hinten. Männerlogik ist eben nicht unbedingt auch praktisch. Das Sortierproblem in Küchenschränken ist wieder ein anderes Thema, das hin und wieder zu Scheidungen führt, aber ich warte noch auf den Mann, der seinen überlegenen Geist dazu benutzt, endlich das Sockenphänomen aufzuklären.

2006-03-29 by Joy Fraser
Text: © Joy Fraser
Illus: © Angelika Petrich-Hornetz

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