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Notizen aus den USA

32. Folge

Graduation

von Ines Kistenbrügger

Graduation Nun habe ich es also geschafft. Ich darf mich Master of Business Administration nennen. Am 6. Mai war die offizielle Entlassungszeremonie, Commencement genannt, im Stadium der Wayne State University.
Sicherlich war diese anders als alle deutschen Abschlusszeremonien, die ich erlebt habe, doch hatte diese auch einen gewissen Reiz. Erstens erübrigte sich die Frage, „Was ziehe ich an?“, denn alle Absolventen tragen ein ähnliches Kostüm, dass sich nur in Farbakzenten und nach den drei Abschlussarten PhD, BA und MA unterscheidet.

Je fortgeschrittener der Abschluss, umso verspielter und absurder wird das Outfit. Ich als Master hatte eine Robe mit Ärmeln, die auch als Tasche funktionierten, dazu eine Kapuze (Master-Hood), in der zu früheren Zeiten die Absolventen ihre Bezahlung in Form von Hähnchen und Geld empfangen haben - so erklärte uns die Dame bei der Kostümvergabe - und natürlich meinen Gelehrtenhut mit einem Bommel in den Farben der Wirtschaftsschule.

Die Zeremonie selbst war ein bisschen dröge. Ein paar sehr kurze Reden, die eigentlich mehr Schultergeklopfe auf die eigenen Schultern der Fakultäten und Universität waren, leiteten den offiziellen Teil der Veranstaltung ein. Dann folgte eine nahezu endlose Liste an zumeist falsch vorgelesenen Namen. Aber zumindest konnten diese Namen im Begleitprogrammheft nachgelesen werden, wenn die Druckfehler ignoriert wurden. Nach zwei Stunden war der Spuk dann auch vorbei und wir konnten uns alle wieder nach Hause begeben.

Master of Business AdministrationWas bleibt übrig, wenn man sich nach zwei Jahren mit diesem neuen Abschluss auf die Straßen wagt? Der Arbeitsmarkt wird sich schon offenbaren und den einen oder die andere Absolventin von ihrem hohen Thron stürzen. MBAs gibt es in den USA wie Sand am Meer und gut bezahlte Jobs seltener als jemals zuvor. Kein Wunder, dass sich die meisten an ihren alten Jobs festhalten und ihr Studium in Teilzeit absolvieren. Der Kostennutzenfaktor ist eben doch nicht eindeutig positiv für den Neuabsolventen ausgerichtet. Und auch bei diesem Studiengang scheint eine gute Abschlussnote essentiel für eine Neu- oder Umorientierung zu sein.

Ich selbst habe bereits meine Fühler vorsichtig ausgestreckt, um meinen Marktwert auszutesten. Soweit so gut. Als Ingenieurin mit Auslands- und Berufserfahrung stehe ich zumindest besser da als viele meiner MitstudentInnen. Wir werden sehen, wohin mich mein neuer Abschluss führt und welche Möglichkeiten sich eröffnen.

Letztendlich ist die Wunschvorstellung, mit dem MBA gleich in eine Managementkarriere einzusteigen, zumindest hier in den USA mehr nur eine Illusion als vielmehr eine Möglichkeit. Dank zunehmender Absolventenzahlen und geringer Ausbildungsleistung hat auch hier die Bildungsinflation dafür gesorgt, dass ein MBA nicht viel mehr ist als ein weiterer Hochschulabschluss mit ein bisschen mehr Basiswissen - aber ohne konkrete Erfahrungen. Spätestens seit, Henry Mintzbergers „Managers, not MBAs“, hat somit auch dieser Abschluss seinen Freischein zur Karriere verloren und Personaler sehen zweimal hin, bevor sie das Mehrgeld für einen MBA ausgeben. Berufserfahrung ist eben doch wichtig, und nicht allein durch Bildung zu ersetzen.


Detroit, 2006-05-12 copyright by Ines Kistenbrügger
Text: ©Ines Kistenbrügger
Fotos: ©Ines Kistenbrügger

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