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Prösterchen mit Algenwein

Das Gold der Ostsee ist ein Wein, der kein Wein ist und ein Stein, der kein Stein ist

von Angelika Petrich-Hornetz

PrösterchenAlgen ein Gemüse? Ganz so einfach ist es nicht. Sie sind immerhin Photosynthese betreibende Pflanzenartige, die in unterschiedliche Gruppen ein- oder mehrzelliger Lebewesen eingeteilt sind. Manche leben als schnöde Bakterien, wie die giftige Blaualge, die Badegäste auch in diesem Sommer an der Ostseeküste temporär aus dem Wasser trieb. Von Zigtausend bekannten Algenarten eignen sich nur rund 150 zum Verzehr. In Asien werden sie seit Ewigkeiten geschätzt und auf vielfältige Art und Weise zubereitet. Dort erreicht der Verzehr auch ernstzunehmende Marktgrößen. In Deutschland bekannter sind Algen bislang zur Papier- und Dieselherstellung sowie als natürliches Reinigungsmittel für Fischfarmen, Aquarien und Tanks. Von Verbrauchern werden ihre wohltuenden Eigenschaften vor allem in der Kosmetik geschätzt, so auch in der Thalasso-Therapie, die von Haut- oder Rheumakranken, aber auch von nur Stressgeplagten und Schönheitsbewussten hoch geschätzt wird.

Algen haben noch viel Unentdecktes zu bieten und weltweit die Neugier der Forscher geweckt. Ob als CO2-Fresser oder Wirkstoff gegen die Schlafkrankheit - ihre zahlreichen Arten stecken voll spannender, äußerst nützlicher Geheimnisse, die es zu ergründen gilt. Doch dazu braucht es Investitionen in ihre Erforschung. Die Bereitschaft von möglichen Nutznießern wie der Pharmaindustrie oder Kraftwerksbetreibern sei noch zu gering, beklagen manche Wissenschaftler inzwischen angesichts des großen Potenzials von Algen und es sind nicht nur die Meeresbiologen.

Die Alge als Lebensmittel steckt in Deutschland noch ein bisschen in den Kinderschuhen, auf der Nordseeinsel Sylt entstand eines der ersten Labore zur Nutzung von bestimmten Algenarten als Lebensmittel, vom Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung (AWI) initiiert. Ihr quantitativer Nährwert ist gering, dafür sind der Reichtum an Mineralstoffen und Spurenelementen aber auch der enthaltene Zucker der neutral bis salzig-würzig schmeckenden Algen äußerst interessant, es sei denn man leidet unter Schilddrüsenüberfunktion. In dem Fall muss man vorsichtig sein, der Jodgehalt des Meeresgewächses ist naturgemäß hoch. Wer nicht sicher ist, der frage lieber seinen Arzt, zumal die Konzentrationen in den verschiedenen Algenprodukten entsprechend unterschiedlich ausfallen.

Ein wenig bekannter durch die vegetarische Küche wurde auch hierzulande das aus Algen gewonnene Agar-Agar (Lebensmittelzusatzstoff Nr. E460), das in Industrie und Küche als Geliermittel eingesetzt wird und eine gute wie geschmacksneutrale Alternative zu Gelantine darstellt Durch den Siegeszug der Sushi-Bars wurden auch hier die Algenblätter zum Einwickeln bekannt. Manch einer würzt auch seinen Salat mit Wakame, einer Braunalgenart, die inzwischen auch in der Bretagne angebaut wird, und zum japanischen Frühstück in die Misosuppe gehört.

Für Furore sorgte kürzlich die Suche nach einer passenden Bezeichnung für ein neues Produkt, unbotmäßig Algenwein genannt, denn als Wein dürfte man das Getränk eigentlich nicht bezeichnen, wurde der kleinen Herstellerfirma behördlich beschieden, obwohl es so schmeckt. Wein im eigentlichen Sinn darf nämlich nur aus Trauben gewonnen werden. Die engagierten Meerweinbauer hoffen auf einen Kompromiss, wird doch bei Kirschwein auch das Steinobst als Wortbestandteil in der Produktbezeichnung geführt, die den Verbraucher über den Inhalt aufklärt und ihm damit sehr wohl reinen Wein einschenkt, statt ihn zu verwirren.

Ein Zufall führte Meeresbiologen in Kiel auf die Spur des mineralstoffreichen Getränks, von dem bereits eine Flasche den Bedarf eines Erwachsenen an Vitaminen, Mineralstoffen, und Spurenelementen für mehrere Wochen decken soll und bereits eine halbe Flasche den Bedarf an Jod. Die Forscher öffneten einen Tank, in dem sie Algenextrakt eingelagert hatten und der Duft von Sherry schlug ihnen entgegen. Es folgten drei Jahre des Experimentierens, bis der Algenwein mit einem Alkoholgehalt von rund 16 Prozent und einer samtbraunen bis goldenen Färbung aus der Braunalge, Laminaria Saccharina, sein perfektes Herstellungsverfahren gefunden hatte.

Der Rohstoff wird vor der Küste Eckernfördes in der Ostsee gezüchtet, frisch aus dem Meer. Vor der kulinarischen Entdeckung verkauften die Algenfarmer aus dem Norden um Geschäftsführerin Dr. Inez Linke in ihrem kleinen Betrieb vor allem Meereskosmetik. Mit einem Schlag berühmt wurden sie nun jedoch durch den Zuckeralgenwein, der inzwischen zum typischen Produkt einer Region avanciert, deren Köche es hier und dort inzwischen sehr gern zur Verfeinerung von Soßen in ihre Töpfe lassen.

Bisher ist der Algenacker vor Eckernförde nur ungefähr so groß wie ein Fußballfeld. Die Helfer bei der Ernte im Mai und Juni brauchen zumindest eine Ausbildung als Taucher. Als großzügig eingeschenkter Tafelwein ist das in geringen Mengen so gesunde Getränk durch seinen hohen Jodgehalt noch nicht geeignet – für bestimmte Personengruppen mit Schilddrüsenerkrankungen sogar kontraindiziert. Für die anderen dürfte das tägliche Schnapsglas vorerst wohl reichen, pur oder ins Sößchen gerührt.

Und dann bleibt bei größerem Bedarf auf dem Markt an goldfarbenen Meereswein – und der wird sicher nicht lange auf sich warten lassen - auch noch die Option des Jodentzugs auf ein unbedenklicheres Maß, sofern man diesen nicht unbedingt ewig als Medizinalgetränk an die Lieben in Jodmangelgebiete verschicken oder in Pikkolo-Größen genießen will. Das alles zusammengenommen sind für den Gourmet interessante und für eine Welt, in der zu wenig, zu viel und zu ungesund gegessen und getrunken wird, sehr hoffnungsvolle Aussichten. Und die Ostsee hat ihre kleine Sensation, nämlich der Welt noch einmal ein Gold des Meeres präsentieren zu können – neben dem Bernstein. Oder müssen wir diesen als Edelstein nicht Anerkannten nun als steinähnliches Produkt aus fossilem Harz umbezeichnen? Bernstein und Algenwein bleiben damit wohl originäre See-Kostbarkeiten, die sich nicht unterordnen lassen. Ihre Käufer interessiert das sowieso nicht. Prösterchen.


2006-08-23 by Angelika Petrich-Hornetz
Text: © 2006 all rights reserved Angelika Petrich-Hornetz
Illustration: © 2006 all rights reserved Angelika Petrich-Hornetz

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