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Technik für Männer leicht gemacht

Waschen ohne Tabus

von Annegret Handel-Kempf

Mann Der neue Trend zur Einfachheit bei Waschmaschinen erspart Benutzern ohne „Expertenwissen“ lästiges Sortieren und unheilschwangeres Programmieren.

Weiße, baumwollene Sportsocken, schwarze Microfaser-Strümpfe, orange und rote Mischmaterial-T-Shirts, grüne und gelbe Wollpullover, vielfarbige Unterwäsche aus Kunstfasern, sowie ein seidener, blassblauer Praktikums-Bewerbungs-Schlips: In dicken Bündeln stopft der Student den Inhalt seiner großen Möbelhaus-Transporttasche unsortiert in die extragroße Trommel der Wohnheim-Waschmaschine. Mustert die Programmauswahl, erinnert sich an die Worte seiner Mutter, dass besonders dreckige Kleidungsstücke nur bei hohen Temperaturen sauber werden, und stellt siegessicher 95 Grad, Kochwäsche, ein.

Knapp zwei Stunden später öffnet er die Tür der Maschine, deren Nummer er sich glücklicherweise gemerkt hat: Denn der einheitsgraue Wäscheklumpen, der hinter dem Sichtfenster hervorspitzt, lässt sich nur schwer als seine Basis-Garderobe identifizieren.
Die Gesichtsfarbe des Studenten ähnelt der Tönung seiner Klamotten. Schließlich zuckt er die Achseln: Immerhin muss er sich beim Anziehen nicht mehr überlegen, was zueinander passt. Sofern ihm die zu klein gewordenen Teile überhaupt noch passen ...

Männer sind an der Reihe

Für ihn und ähnliche Fälle ist Rettung in Sicht: Die Tüftler zerbrechen sich nicht mehr ausschließlich den Kopf darüber, wie sie „Männertechnik“ für Frauen attraktiver gestalten können: Denn türkis- und zartviolettfarbene Rasierapparate für weibliche Beine sind mittlerweile in ausreichender Zahl auf dem Markt.
Nunmehr konzentrieren sich die Entwickler darauf, „Frauentechnik“ für Männer leicht zu machen. Das verraten Verkäufer allerdings nur hinter vorgehaltener Hand.

„Wichtiges Thema Bedienfreundlichkeit“

WaschmaschineBei BSH Bosch und Siemens Hausgeräte beispielsweise heißt es: „Selbstverständlich verfügen wir über Produkte mit besonders einfacher Bedienung, die auch zum Thema „Männer und Technik" passen. Zwar wurden diese nicht explizit unter diesem Aspekt entwickelt, aber es ist nicht von der Hand zu weisen, dass Bedienfreundlichkeit zu einem enorm wichtigen Thema wird.“
Als Beispiele nennt Jenny Pohl von BSH einen Automatic-Wascher, der den Nutzern die Feinsortierung der Kleidungsstücke abnehme und selbständig den optimalen Programmablauf auswähle. Außerdem einen Hemdenbügler, der den Aufwand für das Bügeln eines Hemdes von rund acht Minuten auf 90 Sekunden reduziere.

Links oder rechts gedreht

Bei derart selbständig agierenden Waschmaschinen muss man(n) nur eine Entscheidung zwischen links und rechts treffen: Beim Schalter-Klick nach links werden Koch-, Bunt- und Pflegeleichtwäsche in der gleichen Trommelfüllung gereinigt. Dreht der Wäscher nach rechts, werden Spitze, Seide und anderes Zartes versorgt.

Eine Beladungserkennung und optische Sensoren sollen den Nutzern der neuen Waschmaschinen-Generation das Bestimmen der passenden Waschintensität abnehmen. Jeans, Hemden, Handtücher – hinein damit: Die Maschine stellt die Zahl der Spülgänge auf den Verschmutzungsgrad ab und steuert die Schleuderdrehzahl dem Füllungs-Mix entsprechend.
„Fehleinstellungen werden ebenso vermieden, wie eine zu lange oder zu kurze Programmdauer“, heißt es in Beschreibungen, die nach einschlägigen Erfahrungen klingen.

Doch warum tun sich Männer überhaupt mit den Geräten der so genannten „frauentypischen Alltagssituationen“ oft so schwer, dass sie auch mit 40 Jahren ihre Wäsche vorsichtshalber noch von ihrer Mutter waschen lassen, falls sich kein anderes weibliches Wesen dazu bereit erklärt?

Knöpfe drücken mit Folgen

Die Mathematikdidaktikerin und Geschlechterforscherin Helga Jungwirth hat dazu in einem Aufsatz für die Bundeszentrale für Politische Bildung, eine auf den ersten Blick paradoxe Erklärung bereit: Videospiele und Computer „passen einfach besser zu den Buben, ... weil in ihrer Welt der Umgang mit technischen Geräten selbstverständlicher ist. Dazu gehört zum Beispiel auch, dass sie routinemäßig wissen, dass es nichts ausmacht, wenn man sich beim Drücken von Knöpfchen oder Tasten vertut, oder dass man mitunter den gesamten Ablauf wiederholen muss, bis man das gewünschte Resultat erhält“.

Diese Vorgehensweise funktioniert beim Verwandeln schmutziger in saubere Kleidung leider nicht. Ein falscher Knopfdruck kann hier fatale Folgen haben. Und bisher war das Angebot auch sehr versagensträchtig.

Entscheidungsnot bei Programmvielfalt

„Je hochwertiger die Waschmaschine, desto mehr Programme für alle Arten von Textilien, desto schwieriger aber auch die Entscheidung für die optimale Waschprozedur – so war es bisher“, erläutert man bei Siemens die Gründe für die neue Entwicklungsstrategie.

Wäschekorb

Einheitstemperatur für Gemeinschaftswaschgänge

Der Feinbehandlung folgt nun der Trend zur Einfachheit bei vielerlei Herstellern. Sind nur wenige schmutzige Textilien für einen Buntwaschgang vorhanden, die dennoch gleich gewaschen werden sollen, erlauben „Mix“-Programme oder ähnlich funktionierende Systeme ein Aufstocken der Ladung durch Koch-, Pflegeleicht- und Feinwäsche.
Allerdings muss man sich darüber im Klaren sein, dass die voreingestellte Waschtemperatur von in der Regel dreißig oder vierzig Grad Celsius nicht der Flecken Lösung für alle Materialien ist.

Sportprogramme für schnelle Reinigungsrunden

Eine nivellierte Schmalspurbehandlung funktioniert vielleicht, wenn man(n) beispielsweise nach dem Sport seine verschwitzte Kleidung dem „Jogging“-Programm der Jubilee-Maschinen von Gorenje oder einem ähnlich arbeitenden, aber anders benannten Prozedere eines weiteren Herstellers unterwirft.
Bei solchen Waschgängen für leicht verschmutzte Sportwäsche jeglicher Machart genügt die Überlegung, ob die vorgegebene Zwei- oder Drei-Kilogramm-Belastungsgrenze nicht überschritten wird.

Einfach einschalten, statt im Eimer einzuweichen

Wenn Mann von zu Hause noch Bilder aus alten Zeiten im Kopf hat, die ihn mahnen, Oberhemden vorab an Stulpen und Kragen mit Seife einzureiben, dann im Eimerchen einzuweichen, schließlich ganz zart und ohne grobe Trommelfüllungs-Kumpane zu waschen, und am Ende vor dem Schleudergang der Maschine zu entreißen, mag er sich lieber den Spezialprogrammen zuwenden, die manche Geräte neuerdings als Luxusausstattung liefern.

Ohne viel Denkarbeit und ohne eine technische Zuordnung nach Schleuderdrehzahl und Ähnlichem zu verlangen, steht da einfach drauf, was rein soll. Knopf gedrückt und basta, bis die Teile zum Trocknen aufgehängt werden dürfen.

Programme heißen wie die Kleidung

„Jeans“ kommen bei „Jeans“ in die Trommel, „Oberhemden“ bei „Oberhemden“ und „dunkle Wäsche“ bei „dunkle Wäsche“. Ganz einfach.
Oder? Was ist mit einem dunklen Oberhemd oder einer nachtblauen Jeans? Soll der schwarze Wollsocken wirklich zur grauen Seidenbluse, und „blutet“ ersterer nicht möglicherweise aus, falls die Temperatur des „dunkle Wäsche“-Programms zu hoch, beziehungsweise zu viel Wasser in der Trommel ist?

Kleidungsspezifische Programme sollen Spezialkenntnisse der Wäscher eigentlich ersetzen, diesen auch die Entscheidung darüber abnehmen, wie etwa Outdoorkleidung, Gardinen und Kopfkissen am Ende des Waschprogramms zu behandeln sind.

Wissen wandert in die Waschmaschine

Miele begründet die neue Entwicklungsstrategie folgendermaßen: „Wir beobachten, dass es zukünftig immer mehr Benutzer geben wird, die über kein so genanntes Expertenwissen beim Umgang mit Hausgeräten mehr verfügen. Das Expertenwissen wird dabei vom Benutzer in die Maschine verlagert.“
Man wolle für alle Benutzer einfache und quasi „selbstsprechende" Programme bieten. „Dass junge Männer - vielleicht gerade von zu Hause ausgezogen - hiervon beim Wäsche waschen besonders profitieren, ist sicherlich ein positiver Aspekt“, gesteht eine Sprecherin zu.

Waschmaschine Bedienungleiste

Das Aus für Koch- und Buntwäsche

Die Nutzerfreundlichkeit geht weiter. Bei den neuesten Automaten findet eine schon lange fällige Übersetzung nach Textilzusammensetzung statt: Koch-/Buntwäsche heißt nun „Baumwolle“, Feinwäsche hat die Bezeichnung „Synthetik“.
Der Kunde findet auf der Bedienblende von Waschmaschine und Trockner die Bezeichnung, die er im Pflegeetikett sieht. Fehleinstellungen und daraus resultierende Wäscheschäden sollen durch diese Neuerungen vermieden werden.

Um auf diese Formel pragmatischer Einfachheit zu kommen, mussten übrigens Verbraucher nach ihren Bedienvorlieben befragt werden.
Vielleicht wurde dieser Weg bislang aber auch deshalb nicht eingeschlagen, da kaum noch Wäsche aus reiner Baumwolle zu finden ist. Oder weil Wäschehersteller zur Farbenschonung auch bei Baumwoll-Bettgarnituren häufig 30-Grad-Feinwäsche-Einstellungen empfehlen.

Aber solange Mix- und Automatik-Programme für Misch- und Problemfälle vorhanden sind, wird man(n) sich auch hier nicht schwer tun. Besser werden die Ergebnisse allemal ausfallen, als bei oben beschriebenem Studenten, der versuchte, das Prinzip der Einfachheit mit konventioneller Technik und ebensolchen goldenen Regeln zu kombinieren.


2006-07-01 by Annegret Handel-Kempf
Text: © Annegret Handel-Kempf
Illustrationen: © Angelika Petrich-Hornetz

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