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Notizen aus den USA

33. Folge

Kinder, Karrieren und wir

von Ines Kistenbrügger

Jahrelang hat man mir und anderen Mädchen meiner Generation erzählt, dass wir alles werden können, was wir wollen. Und ich habe meinen Freundeskreis aus Gymnasiumszeiten angeschaut. Wir haben die Palette sehr gut genutzt. Wir sind Betriebswirtinnen, Juristinnen, Ingenieurinnen, Graphikerinnen und Lehrerinnen geworden, mit Diplom, Master- oder Doktortitel. Wir haben die Welt bereist und in Norwegen, Frankreich, England, Italien, Südafrika, und in den USA gewohnt, wir haben studiert und gearbeitet. Wir sprechen alle drei Sprachen und trotzdem, so scheint es, wird von uns nur eins erwartet: Kinder zu kriegen. Wir haben geheiratet, uns niedergelassen und uns nicht à la „Sex and the City“ in die frühen Dreißiger begeben, um immer noch den "Mister Right" zu suchen. Den haben wir bereits früher kennen gelernt, mit 15, 22, 25 oder 30. Wir sind die neuen Erfolgsfrauen. Aber haben wir Erfolg?

Es geht ein Gespenst um in der westlichen Welt, das uns alle in einen Zugzwang steckt. Die Kinderlosigkeit, nicht nur, aber insbesondere von Akademikerinnen. Geburtenraten sinken, die Alten werden älter. Unsere finanziellen Ressourcen leeren sich und das Bruttosozialprodukt droht zu sinken. Die fundamentalistischen Christen schreien nach Gesetzen gegen Abtreibung und Verhütung, der Papst fordert Besinnung auf die alten Werte, Gelehrte und Wissenschaftler verlangen von den Frauen zurückzustecken und doch bitte Kinder zu kriegen. Die Welt ist in einem Angstzustand. Wer bezahlt die Renten von Morgen, wer die Krankenversorgung? Politiker reden um den heißen Brei, versprechen finanzielle Unterstützung in Form von Elterngeld. Familien und Familienplanende bemängeln die öffentliche Kinderbetreuung, und den vielen Firmen und Unternehmern wird schon Angst und Bange bei der Einstellung einer Frau im gebärfähigem Alter, denn das kann nur eines bedeuten: Personalkosten bei Arbeitsausfall durch Schwangerschaft. Jeder jammert, aber alle schieben die Schuld auf andere.

Gerade hier in den USA habe ich in einem Leserbrief in unserer Stadtzeitung gelesen, dass eine Legalisierung von Schwulenhochzeiten, die Geburtenraten senkt. Leider nannte der Schreiber keine Statistik, die hätte ich zu gern gesehen. Phillip Longman, ein amerikanischer Wirtschaftsjournalist, schreibt, dass eine Rückkehr zur patriarchischen Gesellschaft essentiell ist, um Geburtenraten zu steigern. Mehr Fundamentalismus, mehr alte Wertvorstellung und ein Gottglaube wären notwendig, den jetzigen Trend abzuwenden. Hui, da sollte wir Frauen uns langsam Sorgen machen.

Aber ich höre nichts, keinen Aufschrei aus der Bevölkerung, keinen Aufschrei in meinem Freundeskreis. Im Gegenteil, meine amerikanischen Freundinnen träumen von den Erziehungsjahren zu Hause und neiden das deutsche System mit seinen Vorteilen wie Mutterschutz und Elterngeld. Ansätze, die es hier in den USA nicht gibt. Das amerikanische Ideal sieht vor, dass die Frau zu Hause bleibt und sich um Haushalt und Kinder kümmert. Ein Lebensstil wie er auch in Deutschland mehr und mehr propagiert wird. Allerdings - aufgrund der hohen Lebensunterhaltungskosten kehren viele Frauen früh nach der Geburt wieder ins Berufsleben zurück. Das amerikanische Gesetz ist bei Schwangerschaft auf Frauenseite. Schwangerschaftsdiskrimierung ist verboten, und die Anzahl der Klagen gegen namhafte Arbeitgeber, wie zum Beispiel Walmart sind in den letzten Jahren drastisch gestiegen. Eine Frau muss im Lebenslauf für eine Bewerbung ihre Kinder oder ihren Mann nicht angeben - Fragen danach sind illegal und gelten als Diskriminierung. Haben es Frauen dadurch im Berufsleben einfacher? Wahrscheinlich nur minimal. Doch amerikanische Frauen stehen ihrem Arbeitgeber näher, da sie trotz einer Schwangerschaft weniger abwesend sind. Dadurch werden sie dann doch leichter bei einer Beförderung berücksichtigt, so lassen jedenfalls die Statistiken verlauten.

Und da stehen wir Frauen nun mit unserer tollen Ausbildung, unseren Träumen und sollen uns einmal wieder entscheiden, und zwar für Kinder, gegen Karrieren. So fordert die Gesellschaft. Manchmal nur subtil, manchmal direkt. Als Dank wurde die Hausfrau in Familienmanagerin umbenannt. Demnächst dürfen wir vielleicht Visitenkarten mit diesem Titel verteilen. An unsere kinderlosen Geschlechtsgenossinnen. „Guck mal hier, ich manage eine kleine Abteilung von drei Kindern und einen Mann mit eigenem Budget. Und Du bist nur Angestellte.“

Bild Kinderkarren am StrandWo bleibt die Kreativität bei all den Wünschen nach Rückkehr zu veralteten Werten? Warum fällt es männlichen Mitgliedern unserer Gesellschaft so schwer ihre Rolle zu überdenken? Ach ja, die Biologie macht sie zu Kinderbetreuungslegasthenikern. Und Stillen können sie auch nicht. Gerade erst kürzlich las ich in der amerikanischen "Business Week" eine Kleinmeldung, wonach der amerikanische Verein von Kinderärzten empfiehlt doch zwei Jahre zu stillen. Warum nicht gleich drei, vier oder fünf? Bis heute frage ich mich, was diese Meldung in einer Wirtschaftszeitung zu suchen hat. Wäre ich eine von den Verschwörungstheoretikern würden jetzt sämtliche Alarmglocken klingeln. Wie auch sonst können Business Frauen erreicht werden, wenn nicht durch Meldungen in renommierten Wirtschaftszeitungen? Mal eben ein bisschen schlechtes Gewissen einsähen, oder wie?

Können wir nun alles werden, was wir wollen? Mit Sicherheit. Wir haben es bewiesen. Kein Ausbildungsziel ist zu hoch, kein Berufsfeld zu weit gesteckt. Wir können alles werden, bis wir Kinder bekommen sollen - dann nehmen wir unser gesammeltes Wissen und mutieren zur Familienmanagerin.


Detroit, 2006-07-01 copyright by Ines Kistenbrügger
Text: ©Ines Kistenbrügger
Fotos: ©Sabine Neureiter

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